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Full text of "Mein leben; Erinnerungen aus Österreichs grosser Welt. In Deutscher Übersetzung, mit einem Vorwort, vier Stammtafeln, Anmerkungen und Personenregister Versehen"

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LIBRARY 

THE UNIVERSITY 
OF CALIFORNIA 

SANTA BARBARA 



FROM THE LIBRARY 
OF F. VON BOSCHAN 



DENKWÜRDIGKEITEN AUS ALTÖSTERREICH XI 

(UNTER DER LEITUNG VON GUSTAV GUGITZ) 

GRÄFIN THÜRHEIM, MEIN LEBEN III 




Gräfin Lulu Thürheim (1822). 



Nach dem Selbstporträt der Verfasserin 
für die Ahnengalerie im Schlosse Weinberg 



-^g-~ t p SB g& g& gs — q & g &--~^ 
GRÄFIN LULU THÜRHEIM 

MEIN LEBEN 

ERINNERUNGEN 
AUS ÖSTERREICHS GROSSER WELT 



1819 1852 



NACH DEN VORHANDENEN 

TAGEBÜCHERN ÜBERSETZT UND 

REDIGIERT, MIT EINEM VOR- UND NACHWORT, 

DREI STAMMTAFELN, ANMERKUNGEN UND 

PERSONENREGISTER VERSEHEN, 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

RENfi VAN RHYN 

(PH. V. BLITTERSDORFF) 



DRITTER BAND 
MIT SECHSUNDDREISSIG BILDBEIGABEN 

I 9 I 4 
MÜNCHEN BEI GEORG MÜLLER 



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ALLE RECHTE (EINSCHLIESSLICH DEM DER ÜBERSETZUNG) VOR- 
BEHALTEN. — NACHDRUCK DER ORIGINALBILDER NUR MIT AUS- 
DRÜCKLICHER BEWILLIGUNG DES HERAUSGEBERS GESTATTET 



«... je n'oserais parier si naivemcnt de mes 
petits triomphes, mais de meme qu'un mili- 
taire marque dans son Journal chaque escar- 
mouche, celui d'une femme ne peut que signaler 
ces sortes de succes. Ne sont-ce pas pour tou? 
deux de glorieux evenements?> 
(Aus „Mem Leben", 1824, III. Bd. p. 168.) 



VORWORT DES HERAUSGEBERS 

Die fast ausnahmslos glänzenden Besprechungen^) 
über die beiden ersten Teile dieser Memoiren, Kri- 
tiken, die diese Lebenserinnerungen „kulturhistorische 
Dokumente", „eine Fundgrube für den Forscher", „eine 
ernste historische Quelle", „eine echt österreichische 

i) Einen interessanten Vergleich stellt Hans Weber-Lutkow in 
seiner schönen Rezension („Deutsch-Österreich", Wien 1913, 
Heft 48) an, Indem er die Gräfin Adele Boigne, geb. d'Osmond, die 
Verfasserin der auch In 4 Bänden 1908 in Paris (Plon-Nourrlt & 
Cle.) erschienenen Memoiren, der Gräfin Lulu Thürheim gegen- 
überstellt. Beide Verfasserinnen lebten zur gleichen Zelt (Gräfin 
Boigne 1780 — 1866, Gräfin Lulu 1788 — 1864), beide In einem Zeit- 
räume, der für Ihr Vaterland von höchster Bedeutung war. In Ihren 
Erinnerungen verweilen beide gerne bei Nebenumständen, die von 
anderen übersehen wurden, Ihnen aber doch viichtig genug er- 
schienen. Beide wollten nicht die Wirksamkeit der großen Männer 
Ihrer Zelt schildern, sondern die Eindrücke, die sie von ihnen 
empfangen hatten. Beiden ging die Wahrheit über alles und ihre 
P'edern waren scharf wie ihre Zungen, daher die Veröffentlichung 
aus Rücksicht auf viele noch lebende Personen erst ein halbes Jahr- 
hundert nach dem Tode der Verfasserinnen erfolgen konnte. „Die 
Gräfin Boigne war kinderlos, brachte Ihre Erinnerungen für ihren 
Lieblingsneffen zu Papier und nannte sie deshalb „Recks d'une 
tante"; kinderlos war auch Gräfin Lulu Thürheim, auch sie schrieb 
für ihre Neffen und Nichten und so könnte man auch die von ihr 
hinterlassenen Schriften „Erzählungen einer Tante" nennen." 
Weber-Lutkow fügt, nachdem er die Memoiren der Gräfin Boigne 
erwähnte, noch die Frage bei: „Ob wir Deutsche Ähnliches be- 
sitzen ? Noch vor wenigen Monaten wäre die Frage zu verneinen 
gewesen, nun aber sind die ersten zwei Bände der Gräfin Lulu 
erschienen und wir können sie mit vollem Rechte dem Werke der 
Gräfin Boigne an die Seite stellen." 

VII 



Memoirenliteratur", „einWerk von bleibendemWerte", 
„ein Gedenkbuch des gesamten österreichischen und 
europäischen Adels" usw. nennen, geben uns der Hoff- 
nung hin, daß auch die vorliegenden zwei Schlußbände 
einem gleichen Interesse begegnen werden. Wer die 
Verfasserin, diese scharf und meist richtig urteilende 
Beobachterin, diese mitten in einer interessanten, be- 
wegten Zeit stehende Dame, in den ersten Teilen ihrer 
Aufzeichnungen schätzen und lieben gelernt, der wird 
sich auch für ihre weiteren tragischen Schicksale und 
ihr trauriges, einsames Alter erwärmen können. Nicht 
nur als Fundgrube für Treppenwitze, spaßhafte Anek- 
doten und Charakteristiken von historischen Personen 
und Ereignissen, die ja auch in den vorliegenden 
Teilen in Menge vorkommen, sollen diese Erinnerungen 
betrachtet und gelesen werden, sondern als ein Buch, 
„das nicht bloß genossen, sondern auch überdacht 
werden sollte, da es mehr als ein Zerstreuungsmittel 
ist", und als ein Dokument, das die ungeschminkten, 
wahrheitsgetreuen und psychologisch begründeten 
Schicksale einer edlen, frommen und uneigennützigen 
Frau enthält. Es wird noch selten eine Biographie 
mit einer solch offenen Selbstentäußerung und Selbst- 
verurteilung geschrieben worden sein, wie diese. Die 
Gräfin Lulu war, wie der bekannte Redakteur und Kri- 
tiker Dr. Hugo Wittmann ganz richtig sagt, „eine Ideal- 
sucherin. Das ist ein leidvoller Beruf, und wer da findet, 
was er suchte, und den kostbaren Fund auch nur für 
kurze Zeit festzuhalten vermag, gehört zu dem winzigen, 
so leicht abzuzählenden Häuflein der Auserwählten." 
Ja, sie war eine Idealistin, sie schwärmte für einen Capo 
d'Istria, sie begeisterte sich für den griechischen Frei- 
heitskämpfer Ypsilanti, sie kämpfte sich selbst, den 

VIII 



Staub des ancien regime mit seinen Vorurteilen mög- 
lichst von sich abschüttelnd, langsam und mühsam zu 
einer freien, objektiv-idealen Lebensauffassung hin- 
durch, die ihren Höhepunkt erreichte, als sie dem armen 
bürgerlichen und in ihren Kreisen nicht für „voll" gel- 
tenden Sekretär Thirion die Hand zum ewigen Bunde 
reichte — und ihn nach „8 Monaten Seligkeit" verlor. 
Diese harte Prüfung beseitigte die letzten Reste ihrer 
standesgenössischen Vorurteile, sie rang sich jetzt auf 
einsamem Wege zum freien, echten, auf Gott allein bau- 
enden Menschen empor. 

Was nun die Redigierung dieser beiden letzten Bände 
anlangt, so lag dem Herausgeber nicht durchwegs ein 
von der Verfasserin überarbeitetes, druckfertiges Exem- 
plar ihrer Erinnerungen vor, wie es für die Jahre 1788 
bis 18 19 der Fall war. Ein großer Teil des redigierten 
Journals fehlt — er soll bald nach dem Tode der Gräfin 
Lulu verschwunden sein^) — der Herausgeber sah sich 
daher oft genötigt, auf das ausführliche Tagebuch und 
die Korrespondenz der Verfasserin zurückzugreifen und 
deren Überarbeitung und Zusammenfassung, wo es 
nötig erschien, selbst vorzunehmen, um so ein einheit- 
liches Ganze zu schaffen. An Wahrheitstreue und rich- 
tiger Auffassung dürften auch diese Tagebuchblätter 
der Gräfin ihrem Journal für ihren ersten Lebensab- 
schnitt in keiner Weise nachstehen und so ein feines, 
packendes und ausgeghchenes Bild ihres weiteren Lebens 
geben. 

i) Nach dem Tode der Verfasserin sollen verschiedene Teile des 
Journals von dem ihr nicht günstig gesinnten Neffen Graf Ludwig 
Thürheim vernichtet worden sein. Das gewiß sehr interessante 
„Blaubuch" über die Reise nach Frankreich und England, das 
Journal über die russische Reise und die bezüglichen Tagebücher 
fehlen ganz. 

IX 



Dieselbe Freiheit der Auffassung, welche die Ver- 
fasserin in dem ersten Teile ihrer Erinnerungen walten 
ließ, wurde auch jetzt gewahrt. Wenn von einer Seite 
der Vorwurf gemacht wurde, daß die Gräfin keinerlei 
Rücksichten kannte und daß in der Publikation die vol- 
len Namen der oft mit Schärfe charakterisierten Persön- 
lichkeiten beibehalten wurden, so wäre dem entgegen- 
zuhalten, daß der letzte Wille der Gräfin Thürheim es 
so wollte, daß sie insoferne eine genügende Rücksicht 
walten ließ, als sie die Herausgabe 50 Jahre nach ihrem 
Tode festsetzte und daß schließlich ein Memoirenwerk, 
das die Namen verschleiert oder nur mit Anfangsbuch- 
staben nennt, jedes echte Interesse und jeden bleiben- 
den Wert verliert und keinen Leserkreis findet. Die vor- 
kommenden Anekdoten werden ja, wie ein hervorragen- 
der Kritiker ganz richtig erkennt, „nicht aus Medi- 
sance oder niedriger Klatschsucht, sondern deshalb er- 
zählt, weil die täglichen Begebenheiten unter Men- 
schen, denen zum mindesten ihre Stellung Bedeutung 
verlieh, für die Nachwelt eben zu Anekdoten werden, 
in denen der Geist einer Epoche sich deutlicher offen- 
bart als in dickleibigen Geschichtswerken von Epigonen." 

Bemerkt wird, daß aus den Aufzeichnungen der Ver- 
fasserin die rein kunsthistorischen Beschreibungen z. B. 
der Altertümer in Italien, welche die Gräfin mit pein- 
lichster Sorgfalt führte, eliminiert wurden, einerseits weil 
sie den Umfang der Publikation bedeutend erweitert hät- 
ten, andererseits weil solche, mehr oder weniger gleich- 
lautend, in größeren Reisehandbüchern überall zu finden 
sind. Im übrigen hatte Graf in Thürheim auch hier, wie in 
der Malkunst einen Sir Lawrence, die besten Lehrmeister, 
denn ein Nibby, ein Visconti und Becchi gehörten zu 
den bekanntesten Archäologen der damaligen Zeit. 

X 



Der Herausgeber bemühte sich auch in diesen Bänden 
wieder, zu den vorkommenden Namen und Situationen 
einen möglichst ausführhchen Kommentar zu bringen 
und ist für jede Ergänzung desselben und der im An- 
hange des umfänglich etwas schwächeren IV. Bandes als 
Zugabe mitgeteilten großen Thürheimischen Ahnen- 
tafel sehr dankbar^). 

Die wenigen eigenhändigen Kommentare der Gräfin 
Thürheim zu den vorliegenden Bänden v^oirden wieder 
durch den Vermerk „Notiz der Verfasserin" gekenn- 
zeichnet. 

Wenn unser heimischer Dichter Peter Rosegger sein 
neuestes Werk „Mein Weltleben" mit den Worten ein- 
leitet: „Sehet, ein Mensch! Ein Mensch, wie im 
Grunde jeder von uns ist, nicht besser und nicht schlech- 
ter; nur daß nicht jeder Gelegenheit und Neigung hat, 
sich darzulegen. Ich habe sie, diese Neigung, ob sie ein 
Vorzug ist oder eine Schwäche, das weiß ich nicht. Mir 
ist immer gewesen, als sei ich ein Teilchen der großen 
Menschheit, ein ausgeliehenes Teilchen, das ich wieder 
zurückgeben muß. So gebe ich mich zurück", so kön- 
nen diese schönen Worte wohl auch bei Gräfin Lulu 
Thürheim trotz ihrer grundverschiedenen Anschau- 
ungen als Leitmotiv der Schilderving ihres „Welt- 
lebens" volle Geltung haben. 



Auch diesmal waren mehrere Freunde und begeisterte 
Verehrer der Verfasserin, die sie aus ihren Memoiren 
schätzen und lieben gelernt hatten, am Werke, dem 
Herausgeber mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. 
So danke ich vor allem Ihrer Exzellenz der k. russ. 

i) Adresse s. am Schlüsse dieses Vorwortes. 

XI 



Hofdame Marie W assiltchikoff auf Klein-Wartenstein, 
welche in sachgemäßer Weise den Kommentar zu den 
hier vorkommenden russischen Namen besorgte, ferner 
den Herren Dr. A. Figdor, Graf Camillo Razumovsky 
und Graf Ludwig Thürheim in Wien, die, wie zu den 
ersten 2 Bänden, ihre Sammlungen und die Original- 
albums der Verfasserin für Reproduktionszwecke in 
liebenswürdigster Weise zur Verfügung stellten. Für 
die gütige Überlassung zahlreichen Illustrationsmate- 
riales zu allen 4 Bänden sagen wir an dieser Stelle 
unseren schuldigen Dank der k. k. Familien-Fidei- 
kommißbibliothek, für mehrere wertvolle Auskünfte dem 
k. u. k. Kriegsarchiv, für die Erlaubnis zur Benützung 
der Bibliotheken Seiner Gnaden dem hochw. Herrn 
Abte der Zisterzienserabtei Wilhering Herrn Theobald 
Grasböck und den Direktionen der k.k. Studienbibliothek 
und des Museums Francisco-C arolinum in Linz, ebenso 
danken wir den Herren Rezensenten, die in zahlreichen 
Feuilletons in den Tagesblättern des In- und Auslandes 
die ersten Teile dieses Memoirenwerkes in überaus gün- 
stiger Weise hervorhoben, endlich dem Herausgeber der 
„Denkwürdigkeiten aus Altösterreich" Herrn Gustav 
Gugitz und dem Verlage für mehrere wertvolle Kom- 
mentare und Ratschläge, bzw. für die munifizente 
Ausstattung des Werkes. 

Ottensheim a. d. Donau, Ob.Oe., am 14. März 1914, 
dem 127. Geburtstage der Verfasserin. 

RENE VAN RHYN 

(PH. V. BLITTF.RSDORFF). 



XII 



5. REISEN 
XXV. DIE REISE NACH RUSSLAND i) 

(NACH BRIEFEN) 

T eschen, i8. 8. iSig: Gelobt sei Gott, daß diesen 
Morgen die Achse am Wagen der „Frauen" brach, 
sonst könnte ich Dir, mon bon Fin (Josefine), kaum 
mehr vor Krzeszowice schreiben. Hier sind wir bis mor- 
gen festgenagelt, blicken durch die Fenster, halten Maul- 
affen feil und sehen uns die Zimmer an, denn draußen 
regnet es und man weiß nicht, was beginnen. Du siehst 
also, daß ich zur Korrespondenz wohl alle Zeit habe, 
aber in so mürrischer Stimmung bin, daß sie auf meine 
Freunde nur eine einschläfernde Wirkung ausüben muß. 

Bisher ging alles gut, doch existiert keine Bauart von 
Menschenhand, die den mährischen Straßen gewachsen 
wäre; unsere zwei Wagen haben daran glauben müssen. 
Gestern schrieb ich an Meretout bei Ferdinand Chotek^) 
einen Brief. Wir waren dort gut untergebracht und 
freuten uns aufrichtig, ihn zu sehen, mit ihm und 
d'Jsfre^), der gleichzeitig mit uns in Olmütz eingetrof- 
fen war, zu plaudern und so für eine Weile zu vergessen, 

i) Fürstbischof von Olmütz, s. I. 279. 

2) Das eigentliche Journal über diese russische Reise, welches 
hochinteressante, unbekannte Nachrichten über die Ermordung 
Kaiser Pauls enthalten haben soll, existiert leider nicht mehr. — 
Obiges wurde aus Briefen der Verfasserin und Ihrer Schwester 
Josephine an sie zusammengestellt. 

3) s. Bd. II. 316. 

I M. L, III I 



daß wir uns eigentlich „auf der Landstraße" befanden. 
Vollständig erholt und den Segen unseres Freundes, des 
Bischofes, auf den Weg mitnehmend, verließen wir 01- 
mütz. Wir könnten ihn nötig haben in einem Lande, 
wo man nur den vorfindet, den man mitbringt. Auf der 
Fahrt wechselten wir die Pferde mit Ferdinand Wald- 
stein^). Wir empfanden gegenseitig zugleich Freude und 
Kummer, uns zu sehen. Er geht nach Karlsbad, dann 
nach Wien, wo wir ihn wieder antreffen werden. 

Von meiner Laune will ich lieber nicht sprechen, ich 
reise wie ein Koffer, ich schlafe nicht und bin daher 
auch unter Tags nie recht wach; ich vermag nicht zu 
lesen oder zu träumen, ich möchte schon weiter sein 
und doch bin ich keineswegs pressiert, ans Ziel zu kom- 
men. An die Vergangenheit will ich nicht denken, und in 
der Zukunft sehe ich keinen Ruhepunkt für meine Ein- 
bildung, kurzum — ich bin ein ganz einfältiger Reisender. 

Adieu, ma bonne petite chatte, umarme Meretout, 
Seiina, Gabriele, gehe ins Paradiesgärtl und grüße mir 
dort alle Welt. Du wirst dort niemanden treffen kön- 
nen, den ich nicht, wenigstens von Teschen aus, meinen 
Freund nennen würde. 

Krzeszowice, 26. 8. i8ig: Welche Freude empfand 
ich, hier einen Brief von Josefine zu erhalten. Goess hat 
eine Urlaubsverlängerung erbeten und Josefine ist nach 
Schwertberg abgereist, da sich die Ankunft Isabellens in 
Wien infolge der Krankheit ihres Söhnchens verzögert. 
Letzterer mag ich nicht schreiben, um sie weder durch 
meine Hoffnung, noch durch meine Anteilnahme zu be- 
trüben. 

Besonders hier ist mir Isabella in lebhaftester Er- 
innerung. Hier haben wir ja so angenehme Zeiten mit- 
i) s. Bd. II. 60 u. 325. 



einander verbracht, ich sehe sie überall neben mir und 
höre sie von allen Seiten loben. Die beiden Mniszeks^) 
haben sich nicht verändert, Johann Stadnicki-), Ko- 
narski^) und mehrere andere liefen gleich herbei, als 
wir ankamen. Konarski ist verheiratet und man sagt, er 
sei glücklich. Johann ist immer noch dasselbe Kind, daß 
noch seine „süßen Träume" singt, aber etwas dick ge- 
worden ist. Z)roÄo;oz<yj-^z*) hat eine dreijährige Reisehinter 
sich, die ihm und namentlich seinem Französisch sehr 
genützt hat. Therese Stadnicka sah ich nicht, sie soll 
eine brave Frau, ein wenig in der langweiligen Bedeu- 
tung des Wortes genommen, geworden sein. 

Samstag reisen wir weiter. Für ermüdete Pilger und 
einsame Reisende ist die Ruhe eine große Wohltat; ge- 
sellt sich dazu noch die Unterhaltung, so ist die Freude 
vollständig. Rasumoffsky befindet sich wohlauf, er wird 
in einer Weise fetiert, die ihm zusagt. Morgen will er 
mit Johann Stadnicki auf die Jagd, ein Vergnügen, das 
er über alles schätzt. 

Seit Mislenice lachte uns der Wettergott, und ich be- 
nötige die Sonne für meinen äußeren und inneren Men- 
schen. In Mislenice bewohnte ich merkwürdigerweise 
dasselbe Zimmer, worin ich früher sechs Wochen schon 
gehaust hatte. Der arme Kreishauptmann Baum^) hatte 
es mir vor sechs Jahren selbst angewiesen. Die Erinne- 

i) s. Bd. IL 73. 

2) s. Bd. IL 66. 

3) s. Bd. I. 379. 

4) Severin Graf Drohojowski (1791 — 1854), gewesener polnischer 
Offizier und Adjutant des französischen Generals Latour 18 13, 
heiratete ca. 1827 Henriette Gräfin Baworowska (1804 — 186.). 

5) Josef Baum v. Appelshofen, Gubernialsekretär in Galizien (gest. 
1813), wohl Bruder des Anton Freiherrn (s. 1777) B. v. A., geb. 
1763, gest. 1829 als Hofrat und Krakauer Kreishauptmann; s. auch 
Bd.'lL35,37. 

3 



rungen haben von jeher einen großen Einfluß auf mich, 
die Vergangenheit erscheint mir schöner, je weiter sie 
sich entfernt. Ich durchschritt also diesen Ort mit ganz 
eigentümlichen Empfindungen: alles war unverändert, 
nur die Personen hatten alle gewechselt. Den armen 
Baum sah ich fortwährend vor mir; vor sechs Jahren 
noch war sein Geist so tätig, sein Herz so warmfühlend 
gewesen. Nun komme ich zurück und trete an sein 
Grab. Ich bat Gott für ihn; das Gebet ist auf dieser 
traurigen Welt das einzige Mittel, um seine Dankbar- 
keit abzustatten. Ohne dieses würden wir niemals 
quitt. 

Kiew, 5. September: Oh, quand reverrai-je les 
oignons d'Egypte ? Ich begeistere mich für Galizien, seit- 
dem ich die anderen Provinzen Polens durchschreite; 
Maria Theresia war da keineswegs dumm, man findet 
auf einer Wegstunde des Teiles, den sie auswählte, mehr 
Einwohner, als auf fünf in Wolhynien oder der Ukraine. 
Im übrigen soll die russische Regierung seit der Teilung 
keine glückliche Hand gehabt haben, denn seither 
nimmt die Bevölkerung immer mehr ab. Und welches 
Elend, großer Gott! Tausende von Bettlern in den 
Städten, Millionen Diebe auf dem Land, Hier hat man 
sogar den Vorzug, beide vereint zu sehen, die Verbre- 
cher promenieren gefesselt in den sogenannten Straßen, 
um die Annehmlichkeit zu erhöhen. — Kiew: Zwei 
Berge und ein Tal, bedeckt mit Häusern, die regel- und 
planlos dort zerstreut sind. Man kann keine 400 Schritte 
machen, ohne sich nicht auf freiem Felde zu wähnen. 

Von einem Kirchturme oder einem Hügel aus löst 
diese Unordnung allerdings einen pittoresken Eindruck 
aus: die Behausungen sind mit Ausnahme einiger Ge- 
bäude, die sich hier und dort durch ihr Äußeres vor- 



teilhaft auszeichnen, insgesamt aus Holz, die vielen 
Kirchen glänzen mit ihren goldenen Kuppeln, der breite 
Fluß scheint uferlos und verliert sich in eine unabseh- 
bare Ebene. So sieht Kiew aus; denke Dir dazu noch 
eine Sonne, die infolge einer Art Staubatmosphäre im- 
mer etwas umschleiert ist. Man darf ja nicht vergessen, 
daß man hier auf einem Sandboden wohnt. Alles dies 
ist mehr großartig, als schön, mehr traurig, als inter- 
essant. 

Seit Brody ist man sozusagen jeder Möglichkeit be- 
raubt, einen Fuß höher wie den anderen setzen zu kön- 
nen, — nichts, als eine Ebene, so flach wie ein Brett 
oder unabsehbare Wälder, mit einem Wort, ein entsetz- 
liches Land. Übrigens sehe ich immer nur das Land, das 
ich verlasse, denn ich kann im Vorhinein nur jene Ge- 
genden erblicken, die ich zwischen der Wagenlaterne 
und dem Mantel des Jägers auf dem Bocke entdecken 
kann. Manchmal nimmt mir ein zufälliges Senken 
seines Ärmels ganze Provinzen weg. Hier kann man 
wirklich die Wahrnehmung machen, daß die Erde rund 
ist, so unendlich weit reicht die Fernsicht. 

Tfsilanti^) trafen wir hier nicht an, er ist bei seiner 
Brigade. So machte denn Herr Liebmann mit einem 
kleinen Franzosen oder einem Deutschen aus Livland 
den Cicerone. Beide Gehilfen taugten nichts. 

Ihr werdet schon vor Neugierde brennen, mich end- 
lich den Namen der „Katakomben^' aussprechen zu 
hören. Nun — es gibt tatsächlich auf der Welt nichts 
Traurigeres, ich hatte wirklich Lust, zu weinen. Diese 
armseligen Priester in ihren offenen Särgen, die jahrhun- 
dertelang zeitlebens in entsetzlichen, düsteren Höhlen 
wohnten und von denen eine große Anzahl selbst ein- 
i) s. Bd. II. 228. 

5 



gemauert lebte und nur durch eine kleine Öffnung das 
bißchen Luft, Brot und Wasser erhielt, das zum 
Weiterschleppen ihres kläglichen Daseins notwendig 
war. Sie sollen sich freiwillig dieser seltsamen Kasteiung 
unterworfen haben, doch dünkt es mir, als ob jene 
Mauer, die ihnen die Möglichkeit nahm, ihre Ansicht 
zu ändern, gewiß viel öfter von der Grausamkeit als 
ihrem Fanatismus errichtet wurde. Diese Katakomben 
bilden eine Welt für sich; hinter ihren Ursprung bin 
ich zwar noch nicht gekommen, aber ich werde es wohl 
noch erfahren. Die Mönche, unter deren Obhut die 
Katakomben stehen, kennen nur die Namen dieser so- 
genannten eingesargten Ordensbrüder. Im übrigen sol- 
len alle hiesigen Geistlichen unglaublich ungebildet 
sein, einzig und allein damit beschäftigt, das Volk durch 
Beschreibungen der Hölle zu erschrecken. Man sieht 
auch nur solche Malereien auf den Klosterwänden, und 
so sind die Tröstungen beschaffen, die sie sich in der 
anderen Welt vor Augen führen, wo doch diese Unglück- 
lichen eine Belohnung für alle Leiden erhoffen, die sie 
hier erduldeten. Aber lassen wir das, dieses Thema ist 
nur betrübend! 

Es ging uns seit Brody nicht so schlecht, als man uns 
prophezeite, denn „quand on ne s'enferme pas dans les 
salieres'"!), fliegt man von einer Poststation zur andern, 
und was das Nachtlager anlangt, so ersetzt die Gast- 
freundschaft der Haus- oder Schloßbesitzer den Mangel 
an Herbergen. Fast überall sah man Personen in Uni- 
form, die uns mit herabgenommenem Hute sofort in 
Beschlag nahmen, wenn wir ankamen und uns in das 

i) Diese Stelle ist nicht recht verständlich; saliere bedeutet Salzfaß, 
also wohl soviel: Wenn man sich nirgends in kleinen Stationen 
(saliercs) aufhält. 



beste Logement des Ortes führten. Sie sprachen ge- 
wöhnlich nur russisch und wie die Engel in den himm- 
lischen Freuden, „sie kommen einem entgegen mit 
Stock und mit Degen", was nicht unangenehm ist. 

Wir haben einen Umweg gemacht, um Max Jablo- 
nozüski^) zu besuchen, da wir hofften, dort Therese ^^3- 
lonoiüski^) zu finden, doch war sie nicht anwesend. Man 
empfing uns aber sehr gut. Ihr Gut ist eine weite, 
entsetzliche Ebene, in dieser findest Du einen ziemlich 
garstigen Garten, in diesem wieder ein ziemlich hüb- 
sches Haus, darin einen verschwenderischen Luxus 
und den vortrefflichsten Geschmack und endlich die 
hübscheste Hausfrau der Welt, von allen Schätzen des 
verzauberten Palastes der entzückendste. 

Von Krzeszowice möchte ich noch einiges nachtra- 
gen. Als ich von meinen guten und liebenswürdigen Ga- 
liziern Abschied nahm, hatte ich das Gefühl, meine 
letzten Landsleute zu verlieren. Am Tage vor unserer 
Abreise fand noch eine Seeschlacht statt, es gab nichts 
Tolleres auf dieser Welt. Man stelle sich auf dem schö- 
nen Teiche von Krzeszowice zwei große Barken vor, die 
von Leuten bemannt waren, welche als Waffen Spritzen 
und Pumpen aller Größen trugen und ein höllisches 
„Wasserfeuer" aufeinander losließen. Man warf sich ins 
Wasser, man suchte zu entern, man tauchte unter und 
kämpfte erbittert Mann gegen Mann im Wasser, man 
schwamm unter den Barken hin und her. Es war ein 
Höllenlärm. Bei der Geschicklichkeit der Polen ist es 
nicht zu verwundern, daß die Dandys wahre Helden- 
taten vollbrachten und selbst die Bauern Erstaunliches 
leisteten. Johann Stadnicki schien der Meergott zu sein, 
er war der Nelson, der gegen Drohojozvski kommandierte, 

l) S. Bd. I. 222. 

7 



der, da schwächer, unterlag. Der arme Teufel fiel näm- 
lich in das Boot und der schwere Johann über ihn. Daher 
konnte er infolge einer Quetschung am Abend beim 
Balle, wo wir bis zum Morgen allerlei Ulk trieben, nicht 
tanzen. In der Frühe verließen wir uns dann unter 
gegenseitigem Bedauern. 

An Josephine! Baturin, 13. September: Ich denke oft 
an Dich, mon Fin, noch öfters, da ich Dich jetzt in 
Wien weiß, wo Du ziemlich traurige Tage verbringen 
mußt. In Schwertberg warst Du ja besser daran als wir, 
wir erfreuen uns jetzt wohl an der nämlichen schönen 
Jahreszeit, aber in welch' anderem Lande! 

Unser Leben hier ist wahrhaft unschuldig und fried- 
lich, wir langweilen uns nicht, denn die Beschäftigung, 
die Promenaden, die Süßigkeit des Schlafes und die 
reichhchen Mahlzeiten lassen den Müßiggang nicht auf- 
kommen. Das animalische Leben ist demnach vortreff- 
lich, was ein gutes Hilfsmittel für die tägliche Zufrieden- 
heit bedeutet, die Materie verlangt ihr Recht, wenn 
die Einbildungskraft ausruht. 

Mein Zimmer in Baturin hat Südseite, ich habe warm 
und gute Beleuchtung, zwei große Vorteile. Um halb 
drei Uhr dinieren wir, manchmal gehen Konstantine 
und ich vormittags spazieren, nach dem Diner begleiten 
wir Rasumoffsky auf die Jagd. Man paßt lange auf 
einige Schnepfen oder Hasen, von denen wir bisher nur 
1 — 2 Exemplare sahen. Gestern war ich gar der Un- 
glückspeter auf der Jagd. Seit einer Stunde verfolgten 
wir einen armen Lampe, endlich schien er sich Rasu- 
moffsky zu nähern, als ich vor lauter Freude einen Schrei 
ausstiess. Natürlich rettete sich der Hase und läuft viel- 
leicht heute noch. Glücklicherweise lachte man darüber, 
wie wir überhaupt alle vortrefflicher Stimmung sind. 

8 




42 3 



^ .£ 



Und doch hätte Rasumoffsky alle Ursache, es nicht 
zu sein, denn der Wortbruch Kotschubeys'^) bedeutet 
für ihn einen unangenehmen Strich durch die Rech- 
nung. Wie kann er, die Binde vor den Augen, den Netzen 
entschlüpfen, die man ihm legt, und wer soll ihn auf- 
klären ? Um keinen Schnitzer zu begehen, muß er alles 
unentschieden lassen, er kann höchstens vorbereiten 
und sich dann in Petersburg über alles Klarheit ver- 
schaffen. 

Es ist sehr schwer, die Person 2) zu enträtseln, die hier 
regiert, sicherlich entfernt sie alles, was ihr schaden 
könnte. Das Gesicht dieses Mannes gefällt mir nicht, es 
ist das eines Tyrannen und Sklaven zugleich, ein Zug, 
der übrigens allen hiesigen Verwaltern aufgeprägt ist. 
Jedenfalls habe ich nie ein langweiligeres Subjekt an- 
getroffen als ihn, er hat mir noch niemals klar geant- 
wortet. Ich glaube, er sieht in jeder Frage eine Neben- 
absicht. Den halben Abend schwätzt er mit Rasu- 
moffsky russisch, währenddem Konstantine liest; geht 
er endlich, so spielt sie mit ihrem Gatten Schach, ich 
aber sticke ganz bescheiden Taschentücher, denn das 
Zeichnen mit dem Bleistift strengt meine Augen zu viel 
an. Du weißt, daß die Handarbeit im Exil oder bei Aus- 
wanderungen immer meine Rettung war. Schreibarbei- 

i) Fürst Viktor Paulowitsch Kotscbubey (1768 — 1834), Urenkel des 
Opfers Mazeppas. 1784 in schwedischem Dienste, gehörte er 1787 
zur Begleitung der Kaiserin Katharina II. während ihrer Reise 
in die Krim, 1799 wurde er russischer Graf. 1801 von Alexander I. 
zum Senator ernannt, 1802 — 1807 Minister des Innern, wurde er 
18 19 nochmals zum gleichen Ministerposten berufen. 1827 Präsi- 
dent des Staatsrates, 183 1 Fürst, 1834 Kanzler für die auswärtigen 
Angelegenheiten. Er war mit der richtigen Nichte des Fürsten 
Rasumoffsky, Marie Wassiliewna Wassütchikoff, deren Mutter Anna 
Zyrillowna Rasumoffsky war, vermählt, (s. auch Bd. IL 190.) 
2) Gemeint ist der Verwalter Liebmann von Baturin. 



ten beschäftigen mich dann bis lo Uhr. Um ii Uhr 
bin ich zu Bett. 

Konstantine lernt ein wenig Russisch, ich fange hier 
und dort ein Wort auf und habe keine andere Ambition, 
als so viel zu wissen, wie die Fürstin Clary^) vom Deut- 
schen; vom Zeitwort will ich nichts wissen. 

Übermorgen haben wir eine große Schmauserei, mehr 
als 30 Edelleute und Beamte der Umgegend werden 
sich bei uns satt essen, ich werde mich sehr aufdonnern 
müssen, denn diese Leute verachten die Einfachheit. 

Eine meiner Zerstreuungen ist es, die Fabriken zu 
besichtigen, von denen eine hübsche Anzahl Rasumoff- 
sky gehört, so Tuch-, Kerzen- und Branntweinfabri- 
ken, ferner ein Gestüt. Die Pferde sind schön und Ouin- 
tin^) bewirkt Wunder. Seit beiläufig 8 Tagen hat er 
schon nahezu alle diese unbezähmbaren Tiere zivili- 
siert, diese einzigen stolzen und freien Geschöpfe des 
Landes. 

Von Tfsilanti keine Silbe, ich habe ihm von Kiew 
aus geschrieben. Hier wäre er uns sehr nützlich, denn 
wir brauchen bei unseren Promenaden immer einen 
Dolmetsch. Anfangs glaubten wir nichts finden zu 
können, denn trotz ihrem Getue nähren sich die 
hiesigen ländlichen Prokonsuln auf eine recht unzivili- 
sierte Weise. Dennoch entdeckten wir einige Überreste 
antiker Größe, die wir uns zu eigen machten, so z. B. 
die hübsche Aussicht in einen verlassenen Hof oder 
einen holländischen Käse von 20 Jahren oder einen alten 
Bedienten, der noch dem Marschall Rasumoffsky ge- 
dient hatte, und den wir zu unserem Trucheman er- 
heben werden usw. 

i) s. Bd. II. 143. 

2) Stallmeister Rasumoffskys. 

10 



A propos, hier sind noch Ruinen einer Festung, die 
Mazeppa^), der Kosakenhäupthng, der sich im Kriege 
gegen Karl XII. so auszeichnete, gehörte. Man hat 
sichere Nachricht, daß er hier seinen Schatz versteckte, 
als er nach seinem Verrate floh. Einer seiner Diener ver- 
riet es auf dem Totenbette, aber man weiß leider nicht 
die Stelle. 

Baturin, 2i. September: Gestern kamen wir steifge- 
froren von einer zweitägigen Fahrt zurück. Ach, wie 
hübsch ist so eine pittoreske Reise durch die Ukraine, 
wenn man traurig werden will. Man bedürfte des höchst 
romantischen Geistes eines Gilfords^), um nur eine 
Spur von Phantasie inmitten dieses Ozeans von Step- 
pengras zu bewahren, worin man fast eine Bussole zur 
Orientierung brauchte. 

Der einzige Vorteil eines derartigen Ausfluges ist der, 
daß man mit der Beschreibung bald fertig ist, Getreide, 
Gras, Sand, einige Moräste, fast keine Bäume und nir- 
gends ein Stein. Stelle auf diese Oberfläche in Zwischen- 
räumen von je 3 — 4 Meilen einen Haufen Hütten, deren 
Dächer kaum über die Weidenhecken hervorsehen, die 
jede Behausung für sich und das Dorf als Ganzes zum 
Schutze gegen die Wölfe umgeben, bevölkere diese 
Wohnungen mit langbärtigen Männern in Sklavenklei- 
dern, die sofort Faccia a terra machen, sobald Du er- 

1) Iwan Mazeppa, geb. 1644, ?^st. zu Bender 1709, anfangs Page 
am polnischen Hofe, wegen eines Vergehens von einem polnischen 
Edelmann nackt auf ein Pferd gebunden, gelangte so in die Ukraine, 
wurde hier Kosakenhetmann und durch Peter d. Gr. 1698 Fürst 
der Ukraine. Im nordischen Kriege schloß er sich Karl XII. an 
und verleitete diesen zu dem unglücklichen Feldzug. Nach der 
Schlacht bei Pultawa (1709) flüchteten Karl und Mazeppa nach 
Bender. 

2) Lord Gilford war der 2. Titel der Earl of Clanvilliam; es handelt 
sich hier um Lord Richard IL, s. Bd. IL 215. 

II 



scheinst, mische unter alles dieses eine ordentliche An- 
zahl Schweine, Kühe und Enten, so hast Du ein ge- 
naues Bild dessen, was man auf einer Reise von 120 
Werst sehen kann; wir wenigstens haben nicht mehr er- 
blickt. Zur Erhöhung der Annehmlichkeit erhob sich 
eine landesübliche Brise, ein scharfer Nordwind, ich saß 
auf dem Vordersitz der Kalesche, und Gott allein weiß 
es, welch' melancholischen Gedanken ich mich hingab ! 

In einigen Tagen beginnen wir eine neue derartige 
Exkursion, um Ropsk zu besichtigen, das Gut, das man 
verkaufen will. Ich freue mich darauf mit gemischten 
Gefühlen. Um das Maß voll zu machen, werden uns 
in einer Stadt auf der Strecke ein Fürst Repnin'^) mit 
Frau und ein Fürst Kurakin^) mit Familie stehenden 
Fußes erwarten. Da ziehe ich noch den Kampf gegen 
den Nordwind vor, man kann sich wenigstens dagegen 
vorsehen, gegen den Ansturm Zudringlicher gibt es 
leider keine Verteidigung. Und noch einen Ball, ent- 
setzlich! 

Da ich gerade vom Ball spreche, — vorgestern bei 
unserer Reise durch die Ukraine, sahen wir vor der Türe 

1) Fürst Nikolaus Gregoriewitsch Repnin-Wolkonsky (1778 — 1845), 
Sohn des Fürsten Gregor Semenowitsch Wolkonsky, des Neben- 
buhlers Suworoffs und der Prinzessin Alexandrine Nikolaewna 
Repnin. Er war Generaladjutant und Vizekönig von Sachsen. Als 
der Feldmarschall Fürst N. V. Repnin starb, erhielt er als ältester 
Sohn der letzten Prinzessin dieses alten, fürstlichen Hauses das 
Recht, Titel und Namen eines Fürsten Repnin zu führen. Er war 
mit Gräfin Barbara Alexjiewna, Tochter des Grafen Alexander 
Zyrillowitsch Rasumoffsky vermählt. 

2) Fürst Alexis Borissowitsch Kurakin (1759 — 1829) und seine 
Frau Natalie Iwanowna, geb. Golowin (1766 — 1831) oder ihr Sohn 
Boris Alexewitsch Kurakin (1784 — 1850) und seine Frau Elisabeth 
Boressowna, geb. Prinzessin Galitzin (1790 — 1871). Sie bewohnten 
ihr Gut Kurakino im Gouvernement Orel und Stepanowskoe im 
Gouvernement Twer. 

12 



unseres Hauses die Bauern tanzen, das war hübsch. Die 
Männer tanzen gewandt und mit einer gewissen Art 
Anmut, die Weiber sind mit Schleiern und Blumen ge- 
schmückt und, obzwar häßlich, haben sie ein dezentes 
und sanftes Aussehen, das verschönt. Ich liebe immer 
die ländlichen Feste, und hier, wo das Volk gut, fügsam 
und glücklich ist, hat seine Fröhlichkeit etwas Rühren- 
des an sich. Trotz ihrer Knechtschaft und melancho- 
lischen Heimat neigen die Bauern zur Heiterkeit, sie 
singen den ganzen Tag, besonders des Abends, ihr Ge- 
sang ist zwar traurig, aber sie singen wenigstens. An- 
deren Tages bereiteten sie uns mit einer langen Ro- 
manze einen Ohrenschmaus, es war, als ob ein Dutzend 
persischer Derwische auf einmal zu heulen anfing. 

Baturin, 2g. September: Ich weiß nicht, was ich von 
hier erzählen soll, selbst ein ganzes in Baturin verlebtes 
Jahr gäbe noch keinen Stoff für einen Bericht. Die Zeit 
vergeht aber immerhin, wie wenn sie ausgefüllt wäre, 
ich langweile mich keinen Augenblick. Auch Konstan- 
tine erträgt die Einsamkeit ohne Murren und Ungeduld, 
im Gegenteil, sie ist ihr zuträglich und sie war seit lan- 
gem nicht so gut aufgelegt, wie hier. Der Seelenfriede 
liegt für sie nur in der Ruhe. Mein Charakter ist in 
dieser Beziehung von dem ihrigen verschieden: wenn 
die Außenwelt keine Zerstreuung bietet, arbeitet meine 
Einbildungskraft um so reger und wird gar zu lebhaft, 
sie bemächtigt sich sozusagen meiner Gedanken. Diese 
Usurpierung kann ich nicht gutheißen. 

Ich habe eine Reihe Zeichnungen nach meiner Art 
gemacht, darunter auch meinen Kampf gegen die Flie- 
gen in meinem Zimmer. Ich bin darin von Feinden um- 
geben; Flöhe, Mäuse, Fliegen, Raupen usw. haben sich 
verbunden, um mir den Aufenthalt zu verleiden, aber 

13 



wir werden ja sehen, ob ich das Schlachtfeld nicht be- 
haupten werde. Übrigens begreife ich es, daß mein 
Eindringen sie in Aufruhr versetzte, da bisher, wie ich 
glaube, niemand daran dachte, sie zu derangieren. In 
diesem Lande existiert ein Gesellschaftsvertrag zwi- 
schen Mensch und Tier, wie in dem irdischen Paradies: 
jeder hat darin gleiche Rechte. 

Was übrigens die Tiere anlangt, so erscheinen die 
Wölfe im Winter vor unseren Fenstern, man tötete so- 
gar einige im Garten. In Ropsk waren wir immer noch 
nicht. 

6. Oktober: Wir besuchten neulich die Messe in Krole- 
wetz}), einer kleinen, garstigen Stadt, wohin die ganze 
Provinz, wie zu einem Wunder zusammenströmt. 
Wenn sich nicht jemand für den Winter ausrüsten will, 
gibt es dort nichts Bemerkenswertes. Ich fand dort 
herrliche Pelze, aber leider verlangte man so ungeheuer- 
liche Preise, daß sie meine Mittel weit überstiegen. Ich 
weiß nicht, was ich in Petersburg anfangen werde, einst- 
weilen behelfe ich mich mit der Haut ehrlicher Kanin- 
chen. Ich hatte schon einen hübschen Pelz erworben, 
der nicht loo fl. kostete, mein Entzücken verschwand 
aber, als man mir sagte, er sei für den Winter viel zu 
leicht. Konstantine hat ihn übernommen, um ihn Mitte 
Novembers Isabella durch Quintin schicken zu lassen. 

Unser Aufenthalt in Krolewetz wurde durch ein 
Diner bei dem Gouverneur der Provinz Fürst Repnin, 
das sehr langweilig und steif war, durch eine ähnliche 
Soiree und durch eine Migräne Konstantines, weshalb 
ich eine doppelte Portion Langeweile übernehmen 
mußte, ausgefüllt. Details seien mir erspart. Morgen 
haben wir Repnin den ganzen Tag bei uns, und Freitag 
i) Stadt im Gouvernement Tschernigoff. 



geht es für 5 Tage nach Ropsk, da man auf der Fahrt 
übernachten muß. Auf dieser Reise gäbe es, wie man 
uns meldet, nur eine Merkwürdigkeit, eine Unmenge 
Bären, ja in Ropsk selbst eine veritable Bärenschule, 
wo man ihnen das Tanzen beibringt. 

Moskau^ 9. November: Ah le beau chien de voyage! 
Endlich sind wir nach I3tägiger Fahrt hier angekom- 
men. Zuerst kam Regen, der die Wege in Kotmeere ver- 
wandelte, dann der Frost, der die Schmutzwogen er- 
starren machte, darauf Tauwetter, Glatteis und endlich 
Schnee und der Winter im wahrsten Sinne des Wortes. 
Unser armer Wagen, hoch wie ein Haus, hat alle diese 
Gefahren überstanden, ohne zu zerbrechen oder umzu- 
stürzen, was wir nur Gott verdanken. Wir sind heil und 
gesund hier angekommen. 

Es ist erstaunlich, daß diese brave Maschine allen 
Hindernissen getrotzt hat, die sich täglich und immer 
wieder ihr entgegenstellten ! Bald versanken wir bis zur 
Achse in den aufgeweichten Abhang eines Berges, die 
Pferde weigerten sich, uns herauszuziehen, wir mußten 
in der Finsternis aussteigen und während 1^2 Stunden 
dem Regen standhalten, bis Menschenkräfte den Wagen 
wieder flott gemacht hatten, bald waren es Erschütte- 
rungen, wie wenn alle Federn brechen sollten. Dann be- 
gannen die Rutschpartien, namentlich beim Bergab- 
fahren, es war entsetzlich. Um nicht den Hals zu bre- 
chen, mußte man aussteigen und das bei Nordwind, 
bei einer Kälte von 17 Grad und dem Treiben eines 
feinen, eisigen Schnees. Bei jeder Poststation oder doch 
sehr oft Anstände wegen der Pferde, dann wieder war 
ein Wagen unseres Trains gebrochen oder steckenge- 
blieben, man mußte stundenlang warten, währenddem 
man Schreien, Fluchen, Toben hörte und jeder seiner 

15 



legislativen und exekutiven Machtbefugnis freien Lauf 
ließ. Und die armen, von jedermann geschlagenen 
Pferde gehorchten trotzdem den vereinigten Autori- 
täten mit Engelsgeduld. 

Für uns war es noch besonders ärgerlich, daß wir, 
nachdem wir den Tag auf der Landstraße zugebracht 
hatten, unser vorgestecktes Ziel nicht mehr erreichen 
konnten und schließlich in irgendeiner Hütte über- 
nachten mußten, die ähnlich aussah, wie unser Zimmer 
auf dem Donauboote seligen Angedenkens. Das Schlimm- 
ste war, daß wir mit dem Diner sehr schlecht fuhren, 
wir mußten uns mit etwas Aufgewärmtem begnügen; 
oft waren auch die Betten nicht zur Stelle oder es fehlte 
etwas anderes. Auch unser Feind, das Wasser, ver- 
säumte es nicht, uns nach seiner Art einige Streiche zu 
spielen: ein Fluß fror vor unseren Augen halb zu, so 
daß wir ihn in einem Boote, das so rasch als möglich 
zwischen den Eisschollen dahinglitt, übersetzen mußten. 

Nun endlich ist alle Verdrießlichkeit zu Ende und 
mein Reisebericht ebenfalls, der die Leser beinahe 
ebenso ermüdet haben wird, wie uns die Wirklichkeit. 

Von Moskau kann ich noch nicht viel erzählen, da 
ich es beim Durchfahren kaum gesehen habe. Es er- 
schien mir ungeheuer, bizarr und stellenweise schön, von 
den Trümmern oder wenigstens den Spuren des großen 
Brandes merkt man kaum etwas. Man ließ alles wegschaf- 
fen, was an das Ereignis erinnern könnte und was noch 
nicht neuerbaut ist, scheint eher zerstört als verbrannt 
worden zu sein. Wir wollen hier 5 — 6 Tage bleiben. 

Unsere eben überstandene Reise war eine Ergänzung 
zu unseren früheren Auswanderungen, dieselben Ver- 
legenheiten und Hindernisse, ich war ganz erstaunt, dabei 
nicht an die Franzosen und den Krieg gedacht zu haben. 

16 



übrigens habe ich daran gedacht, aber anders als früher; 
Haß und Furcht, die sie mir einst einflößten, hatten dem 
Erbarmen Platz gemacht. Ich stellte mir diese Unglück- 
lichen in den Schrecknissen des russischen Feldzuges 
vor, ich sah Soldaten aus dem Süden, Provengalen und 
Italiener dem Klima erliegen, das der Feind des Men- 
schengeschlechtes zu sein schien, und dann die armen 
Deutschen, unter denen wir einige Freunde zählten! 
Ach, welch schreckliche Episode der Weltgeschichte, 
dieser Rückzug von Moskau, entsetzhch zu lesen für 
unsere kleinen Neffen, entsetzlich für die Generation, 
die ihn miterlebte! 

Man sagt uns, daß wir nach Petersburg nur sechs Tage 
brauchen werden, doch behauptete man dasselbe, als 
wir Baturin verließen, um Moskau zu erreichen. Wenig- 
stens werden wir ausgezeichnete Straßen und gute 
Nachtlager vorfinden. Das ganze Land, welches wir 
durchquerten, war abscheulich, ausgenommen die Um- 
gebung von Moskau. Aber nichts kam uns so traurig, 
so häßlich, so rückständig vor, wie die Ukraine. In Groß- 
rußland fanden wir doch wenigstens einige schöne 
Städte, vor allem Tula, das wie unsere europäischen 
Städte gebaut ist. 

Der guten Josephine geht der Schatz Mazeppas in 
Baturin nicht aus dem Kopfe. Wenn es nach ihr ginge, 
ließe sie dort alles auf den Kopf stellen, da sie seinen 
Fund für wichtiger hält, wie den Haupttreffer der 
Palffylose. Ihre Schilderung vom 5. Oktober über einen 
Hofball zu Ehren des Erbgroßherzogs von Toskana^) 
will ich wörtlich wiedergeben, da sie recht amüsant ist: 

^) Leopold II. Erzherzog v. Österreich (1797 — 1870), seit 1824 
Großherzog von Toskana-^ seine i. Gemahlin (18 17) war Marie 
Prinzessin v. Sachsen (1799 — 1832). 



2 M. L. 111 



17 



„Ach, wie langweilig ist so ein Hof ball ! Man gab ihn 
zu Ehren des Prinzen und der Prinzessin von Toskana, 
die seit einigen Wochen hier weilen. Da aber in Wien 
noch wenig Leute der Gesellschaft und die Tänzer auf 
Jagden sind, so glich der Ball so ziemlich dem evange- 
lischen Mahl, nur die Lahmen und Einäugigen waren 
zugegen. Von 25 — 30 Tänzern kaum sechs Bekannte, 
sie kamen alle direkt aus der Kinderstube heraus. Von 
den Damen war es Nany {Weveld^)), mit der ich sehr 
liiert war und die ich nicht verließ. Ich trat mit Go'eß^) 
allein ein, Du hättest das nicht für eine Million getan ! 
Doch war dies noch das wenigst Traurigste. Die Kai- 
serin kam punkt 7 Uhr, alle Damen waren noch nicht 
versammelt, ein unglückseliger Zufall fand mich knapp 
an der Türe, durch die der Hof eintrat. Da nun der 
Cercle sofort begann, so war ich eine der ersten, die an- 
gesprochen wurde, und eine der letzten, die den Platz 
verlassen durften, während meine später gekommenen 
Bekannten einfach im Tanzsaale geblieben waren. Der 
Cercle dauerte 1^2 Stunden. Du kannst Dir ausdenken, 
ob das unterhaltend war! Der Rest des Abends war es 
auch nicht mehr. Nur mit dem „Feldherr"^) amüsierte 

i) 8. Bd. I. 348. Die dortige Anmerkung ist unrichtig und beruht 
auf einer Personenverwechslung. Die Notiz ist folgendermaßen 
zu rektifizieren: Georg Freiherr von Weveld, geb. ca. 1740, gest. 
Wien (I. Singerstraße 933) am 19. Juni 1802. Seit ca. 1780 war er 
mit Maria Anna, geb. Gräfin Dönhoff vermählt, die in der gleichen 
Wohnung zu Wien am 3. Okt. 18 12 starb. Kinder: i. Karoline, 
geb. 26. April 1782; 2. Ludwig, geb. 25. Febr. 1784, K. k. Rittm. 
bei Erzherzog Johann-Dragoner; 3. Maria Anna (Nany), geb. 
16. April 1786, gest. Graz 12. JuU 1843, seit 181 7 Hofdame der 
Kaiserin Karolina Aiigusta und Sternkreuz-O. D., starb ledig; 
4. Franz, geb. 17. Sept. 1787, Kadett bei Deutschmeister-Infanterie, 
scheint jung gestorben zu sein. 

2) 8. Bd. I. 187 u. 224. 

3) Ludwig Graf Wallmoden, s. Bd. II. 256 u. 307. 



ich mich eine Weile. Er spricht immer von Dir, ein 
Thema, das uns alle gleicherweise interessiert. Die 
Kaiserin erkundigte sich nach Rasumoffsky und Kon- 
stantine und fügte einige schmeichelhafte Phrasen hinzu. 

Die Erbprinzessin von Toskana ist für eine Erzherzogin 
ziemlich liebenswürdig und sie wäre auch leidlich 
hübsch, wenn sie nicht so schief gewachsen wäre. Sie 
tanzte eine Mazurka recht graziös, diesen seit König 
August in Sachsen üblichen Hoftanz (Du weißt, sie ist 
eine Prinzessin von Sachsen). Ihr Gemahl hat eine lächer- 
liche Figur, doch ist er höflich und gesprächig, so daß 
man darauf vergißt, daß er ähnelt „ä ces Polichineis de 
loques, qui se plantent tous nus". Die Herzogin von 
Württemberg^), ebenso wie ihre Tochter, erschienen 
auch auf dem Balle, man beklagt sich sehr über ihren 
Hochmut. Die Tochter gefällt auch nicht, da sie stolz 
und spöttisch ist, ihre Projekte auf Louis {Liechten- 
stein)^) schlugen völlig fehl, wie es scheint. Die Liech- 
tensteins fürchten ihre Prätentionen, und Louis soll ge- 
sagt haben, er wolle keine Frau, die ihn durch ihre 
Hand besonders zu ehren glaube. Seiina erzählte mir, 
er reise nach Frankreich und England . . ." 

Kein Brief Josephines, der mir nicht irgendeinen 
Todesfall anzeigte, der jüngste des armen, kleinen 
Prinzen von Hohenzollern^) ist wohl der frappanteste. 
Mein Gott, sind wir gebrechlich! Er starb im Alter von 
26 Jahren, plötzlich am Schlagflusse, man sagt, weil er 
sich zu viel schnürte und fast nichts aß, aus Furcht, dick 
zu werden. 



i) Henriette Hzgin. v. Württemberg-Nassau, geb. 1780. 

2) s. Bd. I. 236. 

3) Friedrich Albert Prinz v. Hohenzollern-Hechingen, geb. 18. März 
'793) gest. 18 19. 



19 



In Moskau hat man sich entschlossen, zu sagen, daß 
die Franzosen es angezündet haben; diejenigen aber, 
die es gesehen haben, wollen damit nicht großtun und 
gestehen ein, daß das Feuer von den Landesbehörden 
gelegt wurde. Wäre ich Russin, würde ich es jedenfalls 
vorziehen, mich dieses ehrenvollen Beweises nationaler 
Tatkraft zu rühmen, als mich der anderen Version zu 
bedienen, die nur ein Unglück und keine Spur von He- 
roismus verrät. 

Moskau, 22. November: Wir sind noch hier, und ich 
wäre in Verlegenheit, anzugeben, warum unser Aufent- 
halt so verlängert wurde. Seit acht Tagen haben wir 
nichts mehr hier zu tun, wir haben alles besichtigt und 
verbringen unsere Vormittage, ohne zu wissen, was be- 
ginnen, und die Abende, ohne zu wissen, welches Ge- 
sprächsthema wir anschneiden sollen. In Moskau bindet 
uns nichts mehr, während wir in Petersburg die wich- 
tigsten Angelegenheiten zu ordnen hätten. Rasumoffsky 
verschiebt die Abreise immer wieder von Tag zu Tag. 
Er sieht sich in einem gutdurchwärmten Zimmer, um- 
geben von Möbeln, die er aus dem ganzen Hause zu- 
sammensuchte, umwedelt von Schmeichlern, die die 
Rolle der Taucherente spielen, um seine Manieren zu 
erkunden und ihm schön zu tun. Er sieht durch die 
Fenster auf den treibenden Schnee, auf den Frost, be- 
denkt die Mühen der Reise und findet täglich wieder 
einen Grund, um die Abreise zu verzögern. Samstag 
z. B. fühlte er einen leichten Frost, ein Übel, das das 
Pulver Cafellinis sofort geheilt hätte. Er ließ aber einen 
Magnetiseur kommen, der ihm einen Orangeblüten- 
tee verordnete und ihn magnetisierte. Das Mittel 
half nichts, und er griff wieder zu seinem bewährten 
Pulver. Ein Tag Bettruhe hatte ihn vollkommen her- 

20 



gestellt, doch verschob er die Reise auf unbestimmte 
Zeit. 

Wir haben auch keine neuen Bekanntschaften gemacht, 
außer die der Frau Boulgakoff^), Markoffs^), den alle Welt 
in Wien kennt, undHervn Hyppolits^), eines jungen Man- 
nes in unserem Hause, eines Bastardes des seligen Grafen 
Leon. Diese Leute sind unsere einzige Zerstreuung. 

Frau Boulgakoff ist eine ausgezeichnete, gute Frau, so 
einfach und lustig, daß wir nicht lange brauchten, um 
gute Freunde zu werden: die Offenheit in Person und 
gar nicht russisch. Boulgakoff selbst bedient sich seiner 
Liebenswürdigkeit nur im geringen Maße, er hat das 
Nationalkostüm angenommen, das Mißtrauen schnürt 
hier den Geist ebenso ein, wie die Gürtel der Leute 
ihre Taille, sie fühlen sich immer geniert. Dennoch ist 
Boulgakoff die Blüte unserer Gesellschaft; er ist gut- 
mütig, empfindsam und besitzt einen so geraden Cha- 
rakter, daß er selbst dann noch liebenswürdig wäre, wenn 
er weniger Geist hätte. Jedermann schätzt ihn, und 
man sagt es sogar laut, was mich am meisten erstaunt. 
Hyfpolit wiederum ist eine Mischung aus M. Defant, M. 
Lux^) und den beiden Mayhirts^), er besitzt den Stoizis- 
mus des ersteren, die Empfindlichkeit unseres Familien- 
freundes und das Mißtrauen, verbunden mit der Nach- 

i) Maria Konstantinowna Bulgakoff (1796 — 1879), Tochter des 
rumänischen Notabein Konstantin Varlane, Gattin des Konstantin 
Jakoblewitsch Bulgakoff (1782 — 1833), der 1816 Postdirektor in 
Moskau war. Beide Gatten wurden sehr geschätzt und geliebt. 

2) Markoff, entweder der ehemalige russische Gesandte in Frank- 
reich oder der Generalmajor M., der sich im Kriege gegen Napoleon 
auszeichnete. 

3) Hyppolit Podtschatski, illegitimer Sohn des Grafen Leon Zyril- 
lowitsch Rasumoffsky (1757 — 1818), der 1879 kinderlos starb. 

4) Thürheimischer Hofmeister. 

5) s. Bd. II. 13. 

21 



sichtigkeit meiner beiden Vettern. Doch ist er viel besser 
erzogen und vielseitiger gebildet, auch geistreicher als 
sie, aber so zugeknöpft, so schwer in Stimmung zu 
bringen, und wenn es einem gelingt, so ausgelassen, daß 
er für unsere Gesellschaft kaum zählen kann. 

Unsere einzige Unterhaltung sind die vielen Briefe 
aus Wien, ich will hier einige amüsante Anekdoten wie- 
dergeben, die ich auf diese Weise erfuhr: Josephine sah 
bei Caramans^) Karoline Bombelles^), die sehr leidend 
ist. Als Heilmittel wurde ihr das Rauchen angeraten. 
Nun raucht sie jeden Morgen 2 lange Pfeifen ä la turc. 

Lady Stuart^), die vorigen Monat eine Fausse couche 
zu überstehen hatte, skandalisiert alle Welt durch ihre 
orientalischen Kostüme. Da sie noch leidend ist, emp- 
fängt sie auf einer Chaiselongue, auf der sie sich „wälzt", 
statt anständig zu liegen und zudem kaum bekleidet ist. 
Neulich lag sie zu Bette, da sie sich leidender fühlte, 
Fürst Metternich, der davon nichts wußte, stieg zu ihrer 
Wohnung hinauf und wurde von Lord Stuart empfan- 
gen, der ihm mitteilte, daß seine Frau das Bett hüte. 
Der Fürst wollte sich natürlich entfernen, der andere 
hielt ihn aber zurück, es entwickelte sich ein großes 
Wortgefecht, überströmend von Höflichkeit und Zart- 
gefühl, dessen Resultat es war, daß Metternich das Heilig- 
tum der „Göttin" betreten mußte. Er fand sie im Him- 
melbette, ohne Nachtkorsett und in einem so stark aus- 
geschnittenen Hemde, daß man von seinem Dasein 
eigentlich nichts bemerkte. Da soll man uns noch die Be- 
scheidenheit und Prüderie der Engländerinnen rühmen ! 

1) s. Bd. II. 208; sie starb 18 19. 

2) s. Bd. II. 121. 

3) Emilie Anna, Tochter Johns 2. Earl of Buckingbatnshire heiratete 
1794 den späteren englischen Botschafter in Wien Robert Stewart^ 
2. Marquess of Londondcrry, Viscount Castlereagh (1769 — 1822). 

22 



Ihre Zimmer sind mit Nippes in einer solchen Fülle 
überladen, daß sie eher der „Boutique de Rosee" glei- 
chen, als einem Damenkabinett. Lady Stuart wird im- 
mer von einem jungen Türken bedient, der sie nicht ver- 
läßt und im Salon, wenn sie empfängt, zu Füßen ihres 
Sofas sitzt. Wenn man sie auf ihrem Diwan sieht, die 
Arme nackt und mit Bracelets bedeckt, einen Schleier 
auf dem Kopfe, der in leichter Draperie herabfällt und 
nur das verbirgt, was man ohne weiteres zeigen darf, 
wenn man weiter diesen Sklaven zu ihren Füßen und 
ihren Gatten in ihre Betrachtung versunken sieht, so 
möchte man sie eher für eine Prinzessin aus looi Nacht, als 
für eine züchtige und bescheidene Engländerin halten." 
Petersburg, i. Dezember: Gestern um zwei Uhr nach- 
mittags betraten wir Petersburg, das ersehnte Ziel un- 
serer langen ermüdenden Fahrten. Die ganze Familie 
d. h. ein kleiner Teil der ganzen Familie erwartete uns. 
Wir hatten kaum Zeit, unsere Haare zu ordnen, als man 
uns schon zum Diner beim Fürsten Kotschubey abholte. 
Ermattet von einer sechstägigen Reise bei 25 Grad Kälte, 
betäubt von dieser Menge neuer Bekanntschaften, bin 
ich nicht imstande, mir über diesen Tag Rechenschaft 
zu geben. Selbst heute erinnere ich mich noch nicht 
daran, ich höre nur das Brouhaha von Zärtlichkeits- und 
Freundschaftsbezeugungen, die sich kreuzten und wie- 
derholten und die wohl alle aufrichtig gemeint waren. 
Am rührendsten waren sie sicherlich bei Mme. Zagriaj- 
sky^) und zwischen Rasumoffsky und seiner anderen 

i) Nathallc Zyrillowna Zagriajsky (1747 — 1837)5 älteste Tochter 
des Hetmans Grafen K. G. Rasumoffsky und der Gräfin Katharina 
Iwanowna, geb. Naryschkin. Trotz ihres bizarren Wesens wurde 
sie sehr geliebt. Da sie kinderlos war, nahm sie die Tochter ihrer 
Schwester Anna Zyrillowna W assiltchikoff Marie zu sich und ver- 
heiratete diese 1792 mit V. P. Kotschubey. 



Schwester. Ich fand mit innerer Freude in den Zügen 
dieser beiden Damen jene Offenheit und Empfindsam- 
keit, die den Charakter unseres guten Rasumoffsky aus- 
machen. Die wechselseitige Gemütsbewegung rief 
Freude und Kummer zu gleicher Zeit hervor, denn nach 
einer 1 6jährigen Trennung müssen dabei wohl viele 
peinliche Gefühle zum Ausdruck gekommen sein. Auch 
der Bruder scheint ein guter Mensch ohne Falschheit 
und ohne Umstände zu sein, aber alle sehen so alt aus, 
daß unser Rasumoffsky um 20 Jahre jünger erscheint. 
Die Veränderung, die er bemerken mußte, konnte auf 
ihn nicht anders denn bedrückend wirken. Er hört hier 
Dinge, an die er nicht gewöhnt ist und die selbst mir 
wehe tun. Seine Schwester Zagriajsky sagte ihm z. B. 
beim Diner, daß sie ein bestimmtes Regime beobachte 
und fügte bei : „A notre äge, il faut vivre d'industrie." 
Das ist nicht der einzige Verdruß, den er über sich er- 
gehen lassen muß, die Rosen, die wir hier pflücken wol- 
len, werden nicht ohne Dornen sein. 

Man überhäuft uns mit Phrasen der Freundschaft 
und Höflichkeit, ich suche sie, so gut es geht, zu 
erwidern; mit der Zeit wird es wohl besser gehen, 
die äußerliche Kälte, die uns Deutsche auszeichnet, 
gibt unseren Bezeugungen einen steifen Anstrich, wir 
werden aber kleinweise wärmer werden. Ich bin noch 
so außer mir, daß ich nicht weiß, was ich sage 
und tue. 

Petersburg, 4. Dezember: Diejenigen, die mir vorher- 
sagten, daß ich hier nicht glücklich sein werde, kannten 
mich, und ich bin ihnen dankbar für ihre richtige Be- 
urteilung. Die anders dachten, wußten nicht, daß ich 
mich nicht unterhalten kann, wenn das Herz beklom- 
men ist, daß es sich zusammenkrampft, wenn mir alles, 

24 



was mich umgibt, Ekel verursacht oder, was noch schlim- 
mer ist, Verachtung, Mitleid und Unwille. 

Die Freunde Rasumoffskys, so Nesselrode '^), Capo 
cflstria^) und vaille que vaille Kotschubey hoffen, daß 
alles gut werde und man muß dies auch hoffen, denn 
gegen die Unmöghchkeit gibt es kein Mittel. Der elende 
Kudriaffsky^) hat alle zu seinen Gunsten umgestimmt, 
selbst Capo d'Istria ist von ihm bezaubert, ich weiß 
nicht, bis zu welchem Punkte er ihm traut. So läßt sich 
ein hervorragender Mann von dem unverschämtesten 
Schurken, der nicht einmal seine eigenen Kinder zu 
täuschen vermöchte, wenn man nur in seinen Zügen 
zu lesen verstände, verblenden. Doch versteht dieser 
hinterlistige Mensch die Kunst, die Eigenliebe am 
Gängelbande zu führen, und dies ist sein Hauptvorteil. 
Er versteht es, sich der feinsten Fäden der Eitelkeit zu 
bemächtigen und macht daraus ein undurchdringliches 
Netz, mit dem er seine Betrogenen und Opfer einfängt. 
Er gehört zu jenen Undankbaren, die jede Nachsicht 
nur umso unverschämter macht. Warum soll ich mit 
einem Manne Erbarmen haben, der niemals Reue 
zeigte ? Der Edelmut Rasumoffskys schützte seine Kin- 
der vor dem Unglück, weshalb soll ich nicht die Schänd- 
lichkeit dieses Galgenstricks enthüllen, der darauf er- 

i) Graf Karl Wassiljewitsch Nesselrode (1780 — 1862), 181 1 Staats- 
sekretär, 18 12 — 14 in der diplomatischen Feldkanzlei, nahm am 
Wiener Kongreß als Attache des Kaisers Alexander teil und wurde 
nach dem Rücktritt des Grafen Rumianzoff zum Leiter der aus- 
wärtigen Angelegenheiten ernannt. Zuerst neben dem Grafen 
Capo d'Istria, hatte er seit 1821 die alleinige Leitung der aus- 
wärtigen Angelegenheiten unter sich. 1828 Vizekanzler, wurde er 
1845 Kanzler. Er war mit Marie (1786 — 1849), Tochter des Finanz- 
ministers Grafen Dimitri Gurieff vermählt. 

2) s. Bd. IL 91. 

3) s. Bd. IL 163. 

25 



picht ist, die Reputation seines Wohltäters anzugreifen, 
nachdem er dessen Geld verzehrte. An mir wird es ge- 
wiß nicht fehlen, ihm die Maske herabzureißen, selbst 
Konstantine und Rasumoffsky zeigen sich ihm gegen- 
über, weniger freundlich und gerechter, aber wer weiß, 
ob es so bleibt! 

7. Dezember: Während dieser drei Tage keinen 
Augenblick der Ruhe, morgens und abends Besuche und 
Vorstellungen bei 17 und 18 Grad Kälte. Täglich di- 
nieren wir bei Kotschubey, wo man bis i Uhr nachts 
bleibt, dann kommen dazu häusliche Beschäftigungen, 
Toilettemachen, Aus- und Einpacken, c'est un mer ä 
boire ! Oft bin ich so entmutigt, daß ich am liebsten heu- 
len möchte. Und dazu diese verwünschte Kälte, die mir 
die Nerven durcheinander bringt, die ich selbst in Au- 
genblicken fühle, wo ich sie nicht körperlich empfinde. 
Den ganzen Tag habe ich Schlaf, die Kälte übt auf 
mich dieselbe Wirkung aus, wie die Hitze auf andere 
Leute. Konstantine leidet, seitdem wir in Petersburg 
sind, an ihrem alten Rheumatismus, doch schont sie sich 
keineswegs und geht den ganzen Tag aus. Viel schuld 
an unserem Frostgefühl ist auch, daß man in Petersburg 
die gutverwahrten, warmen Zimmer, die wir in der 
Provinz überall vorfanden, nicht kennt. In unserem hie- 
sigen Haus spürt man überall den Luftzug, und mein 
Zimmer raucht, wenn man es heizen will. Fensterläden 
gibt es nicht, und vor der Türe glaubt man im Freien 
zu sein. Ich weiß nicht, woher diese imbequeme Mode 
herrührt, vielleicht soll sie eine Nachahmung sein ! Dazu 
ist unser Appartement so lärmend, daß man von sieben 
Uhr früh an kein Auge mehr schließen kann, und man 
schleppt dann die Langeweile den ganzen Tag bis ein 
oder zwei Uhr nach Mitternacht mit sich herum. Auch 

26 



die Ausgaben machen mir Kummer, neulich stahl man 
mir sogar auf Nimmerwiedersehen 120 Rubel. Fluch 
dem Lande, wo man nur Unangenehmes erfährt! Ich 
habe jeden Glauben an die Möglichkeit einer richtigen 
Unterhaltung verloren, und alle Welt ist meiner Mei- 
nung, außer Tschernitscheff und Natalie Zagriajsky. Alle 
anderen sagen, daß man sich zu Tode langweile. Keiner 
versteht sich auf Konversation, man ist steif, ohne vor- 
nehm zu sein, man macht Phrasen, ohne die Manieren 
der großen Gesellschaft zu besitzen. 

Vor einigen Tagen besuchte uns der Kaiser, nachdem 
wir uns bei Hof vorgestellt hatten. Es war mir sehr lieb, 
daß wir im Salon nicht allein waren, als er kam; so glitt 
die Konversation wie auf Federn dahin, wir waren sogar 
heiter. Alexander ist immer noch der liebenswürdigste 
aller Russen. Doch wie verblaßt und verschwindet hier 
sein Glorienschein, womit ihn das Ausland verklärt, wie 
wenig ist der Held Europas in seinem Lande beliebt, 
welch antiliberale Maßnahmen, welche tyrannische und 
des Vaters eher als des Sohnes würdige Maßnahmen 
werden hier erlassen! Ein allmächtiger Mann^), dessen 
Einfluß fast der eines Günstlings ist, der Schrecken der 
Menschheit, ist schuld an diesen grausamen und despo- 
tischen Auswüchsen, die das Herz bluten machen und 
über die man einem so ergebenen, so vertrauenssehgen 
Volke, das noch 1812 seine Tatkraft, seinen Patriotismus 
und seine Kaisertreue bewiesen hat, gegenüber nur lo- 

i) Graf Alexis Andriewitsch Araktschieff (1769 — 1834), seit iSio 
selbständiger Präsident des Militärdepartements im kaiserlichen 
Rate, entfaltete eine umfassende Geschickllclikeit , sorgte für eine 
strenge Zucht und Ordnung, doch waren damit die Verdienste 
dieses Mannes erschöpft, der in den letzten Regierungsjahren 
Kaiser Alexander I. eine wohl bedeutende, aber auch beklagens- 
werte Rolle spielte. 

27 



bend sprechen darf. Aber um Himmels willen keine In- 
diskretion ! 

Petersburg, 20. Dezember: Konstantine hatte die ganze 
Zeit mit ihrem Leiden zu tun, erst ein Blasenpflaster, 
das man ihr auf den Arm legte, hat Linderung ge- 
bracht, so daß wir wieder einiges mitmachen können. 
Auch die Kälte hat etwas nachgelassen. Ich bin froh, 
wenn die endlosen Vorstellungen überstanden sind, weil 
man dann doch Petersburg besser wird genießen können. 

Bei den „Avant-soirees", d. h. den zwischen sieben 
und zehn Uhr, sehen wir täglich bei uns entweder 
Leon^) oder Woronzoff^), Ribeaupierre^), Wasiltchi- 

i) Leon Podschatzki, der natürliche Sohn Leons Rasumoffsky. 

2) Graf Simeon Romanowitsch Woronzoff (1744 — 1832), 1782 
Gesandter in Venedig, 1784 — 1800 in London. Alexander L er- 
nannte ihn, nachdem er seines Postens enthoben worden war, 
wieder dorthin. 1806 quittierte W, und ließ sich ganz in Eng- 
land nieder. Er war mit Katharina Alexjewna Seniadine (gest. 
1784) vermählt. 

3) Alexander Iwanowitsch Graf (seit 1856) Ribeaupierre, geb. am 
10. April 1783 als Sohn des russischen Brigadegenerals Joh. Stefan 
von R. (gefallen bei der Belagerung von Ismail 1789), aus einem 
elsässischen Geschlechte entstammend, das sich nach Aufhebung 
des Ediktes von Nantes aus Frankreich nach dem Waadtlande begab. 
Alexander war bereits mit vier Jahren durch besondere Begünsti- 
gung der Kaiserin Katharina IL russischer Gardeoffizier. Kaiser 
Paul machte ihn zu seinem Adjutanten und Kammerherrn. R. 
trat dann zum Finanzwesen über und wurde 1822 Generalzahl- 
meister der Armee. Von 1824 — 1831 war er Gesandter in Kon- 
stantinopel und entwickelte auf diesem schwierigen Posten die 
ganze Fülle seines großen diplomatischen Talentes. 1828 und 1830 
weilte er mit seiner FamiHe in Florenz, bzw. Rom, 1831 — 39 war 
er nach dem Tode des Grafen Alopäus Gesandter in Berlin. 1839 
wurde er Mitglied des Reichsrates, Senator und Minister des kaiser- 
lichen Hauses. Er genoß die unveränderÜche Huld der Kaiserin 
Alexandra Feodorowna, Gattin Kaisers Nikolaus L, bei der er fast 
jeden Abend als Vorleser verbrachte. Alexander IL erhob ihn 1856 
in den Grafenstand. Er war mit Katharina Michallowna Potemkin 
(1788 — 1872) vermählt und starb 1865. 

28 




Ypsilanty Rasumoflsky 



Capo tl'Istria (?) Cod 

Unser Salon 
Nach einer 



Zu Bd. III, S. 28/29. 




L4on Potocki Lulu Eibeaupierre 

sburg (1820). 
der Verfasserin Im russischen Album im Besitze des_Grafen_C. Razumovsky, Wien. 



koff^), manchmal auch Cafo d^Istrta, der mir immer wie 
ein Sonnenstrahl vorkommt, der das Nebelwetter ver- 
scheucht. Tfsilanti ist noch nicht hier. Nächsten Frei- 
tag findet ein großes Fest bei Hof statt; man geht in 
farbigen Schleppkleidern und tanzt, die Schleppe in 
der Hand. Es ist das erstemal, daß wir bei Hof er- 
scheinen, es ist das erste Mal, daß ich den Kaiser als 
solchen sehen werde. Bisher kannte ich ihn nur von 
Wien aus und von einem Besuche, den er uns hier in 
unserem Hause machte. Ich bin neugierig, ob ich ihn 
in der Glorie seines Ranges erkennen werde. Noch habe 
ich hier niemanden getroffen, der ihm an Liebens- 
würdigkeit gleichkommt. 

Petersburg, 28. Dezember: 33 Grad erfrischen uns 
heute. Das Leben, das wir führen, ist weder heiter, noch 
traurig, ich verbringe mehrere Stunden des Tages in 
meiner Klausur, träume und puppe mich innerlich ein, 
um mich zu erwärmen. Leon, M^oronzojf, Ribeaupierre, 
Lebzeltern^) und Uzvaroff^) suchen uns öfters auf, 
manchmal auch Capo d'Istria. Die übrige Zeit sind wir 
außer Haus oder mit der Familie Rasumoffsky. 

1) Alexis Wassiljewitsch Wassiltchikoff (1776 — 1854), Sohn des 
Kammerherrn Basil Semenowitsch W. (gest. 1808) und Anna 
Kirlllowna, geb. Gräfin Rasumoffsky. Er schlug die diplomatische 
Karriere ein, wurde der Gesandtschaft in Wien unter seinem Onkel 
Grafen Andreas Rasumoffsky zugeteilt und später wirkl. Geh. Rat 
und Senator. Er war mit Alexandra Iwanowna Archaroff (1795 
bis 1855) vermählt. 

2) Siehe später. 

3) Graf Sergius Semenowitsch f/züaro^ (1786 — 1855); seine Heirat 
mit der Gräfin Katharina Alexiewna Rasumoffsky wurde für ihn 
der Grund zu seinem Glück in jeder Hinsicht. 1810 wurde U. 
Kurator des Schularrondissement Petersburg, 18 18 Präsident der 
Akademie der Wissenschaften, 1834 Unterrichtsminister und blieb, 
trotzdem er seit 1849 infolge eines Schlaganfalles seine Funktionen 
nicht mehr versehen konnte, immer noch Präsident der Akademie. 

29 



Rasumoffsky ist immer voller Güte gegen mich, ich 
steige, glaube ich, ein wenig in seiner Achtung. Das ein- 
zige, wessen er sich Konstantine gegenüber beklagt, ist, 
daß ich gar nicht „demonstrativ" sei. Aber ach! Wie 
soll ich es werden mit 31 Jahren ? Liebe ist deshalb we- 
niger heiß, hatte jemand schon das Recht, sich über 
mein Herz zu beklagen ? Jedenfalls beweist mir der Vor- 
wurf Rasumoffkys, daß er für mich Freundschaft hegt, 
und wenigstens weiß ich jetzt, wie ich mich gegen ihn 
verhalten muß, um ihn zufrieden zu stellen. Es trägt 
aber zu meinem Unbehagen bei, daß ich mit mir selbst 
unzufrieden bin. 

Der Kaiser ist bisher gegen Rasumoffsky außerordent- 
lich gnädig; es gibt niemanden, der liebenswürdiger und 
graziöser sein könnte. Wir hoffen alle, daß er meinen 
Schwager aus allen Verlegenheiten befreien wird. 

3. Januar: Die Bälle sind zu Ende, hoffentlich werden 
sie im Karneval häufiger sein, da sie so ziemlich die ein- 
zige amüsante Gelegenheit sind, sich zu treffen. Unser 
Bekanntenkreis erweitert sich langsam. Leon wäre eine 
vortreffliche Akquisition für die Wiener Gesellschaft, 
sein Verstand, seine Phantasie und Lebhaftigkeit gefal- 
len, aber er ist ein M. Schikaneur, er sucht immer seinen 
Nächsten in Miskredit zu bringen. Es gelang mir nur 
en passant, fast wie im Fluge, zu erfahren, wie liebens- 
würdig er sein kann (lorsqu'il n'a pas encore laisse percer 
l'oreille). Als er eines Tages gut aufgelegt war, rezitierte 
er uns Kinder seiner Dichterlaune. Ich weiß die Ama- 
teurpoeten nicht zu schätzen, aber seit langem las und 
hörte ich nichts so Hübsches, so Rührendes, so voll 
Phantasie und aufrichtiger Empfindung. — Seit acht 
Tagen schmollt er uns übrigens wegen dieses leidigen 
Prozesses. 



30 



Ribeaupierre ist trotz seines Prälatenkinns und des 
Embonpoints eines Bankiers ein Juwel. Es gibt nicht 
leicht jemanden, der so gut, so warmfühlend und so 
geistreich wäre, wie er. Seine Frau, die eine Fausse 
couche befürchtet, hütet das Zimmer, möge es ihr 
wohl bekommen! Die Abwesenheit der einen Ehe- 
hälfte hebt immer den Wert der anderen. 

II. Januar: Ich bin nicht gerade melancholisch, aber 
was die Engländer in „low spirits" nennen. Um glück- 
lich zu sein, bedarf man vier Dinge : Freiheit, Beschäf- 
tigung, Unterhaltung und Freunde. Hier entbehre ich 
alles : die Leute, die ich treffe, sind mir ziemlich gleich- 
gültig, wie ich auch ihnen, Unterhaltung gibt es wenig, 
Freiheit gar keine und die Beschäftigung ist nicht die- 
jenige, die ich liebe. Ich kann, da es immer dunkel ist, 
nicht malen, ich bin in meinem Zimmer entsetzlich 
untergebracht, in drei Ecken friert man und nur in der 
vierten beim Ofen kann ich sitzen, meine Beine in einem 
Fußsack, dessen Schnur ich in der Hand halte. So ver- 
bringe ich die Stunden in meinem Heim und bilde mir 
aus Erinnerungen eine ideale Welt. 

Gestern war ein Ball bei Gräfin Golovin^), der Freun- 
din Rosalies. Zuerst mußte man zwei Stunden warten, 
während deren die dicke Mme. Sessi^), die mir neulich 

i) Gräfin Barbara Nikolaewna Golovin (1766 — 1821), geb. Prin- 
zessin Galitztn, Freundin der Kaiserin Elisabeth, der Gattin 
Alexander I., hinterließ sehr interessante Memoiren. 
2) Es handelt sich hier um eine der als Sängerinnen berühmten 
fünf Schwestern Sessi. Entweder ist Marianne Sessi gemeint, die 
1776 in Rom geboren eine der ersten Bravoursängerinnen Italiens 
und Deutschlands und ab 1793 durch mehrere Jahre an der Opera 
seria in Wien engagiert war und dort 1795 den reichen Kaufmann 
Natorp heiratete oder um Anna Maria Sessi, geboren auch zu Rom 
1793, die bereits in ihrem zwölften Jahre in Wien öffentlich auf- 
treten konnte und 18 13 den Kaufmann Neitmann dortselbst heira- 

31 



als Prinzessin von Palmira so gefiel, einige Gargouilladen 
mit ihrer Stentorstimme zum besten gab. Um elf Uhr 
betrat man endlich den Theatersaal, wo einige gutge- 
wählte Stücke ganz passabel aufgeführt wurden. Dann 
kam der Tanz, darauf ein endloses Souper und darauf 
wieder ein Tanz. Um 5 Uhr gingen wir nach Hause. 
Ich unterhielt mich so gut, als es in einer mir fremden 
Gesellschaft möglich war. Leon war meine Rettung, ich 
ziehe es aber vor, mehr denn einen Anbeter zu haben. 

Diesen Abend wäre ein sehr netter Ball in der Stadt, der 
uns aber infolge einer derkleinen patriarchalischen Eigen- 
tümlichkeiten der Frau Zagriajsky entgeht, da sie uns en 
famille von einer Freundin zur anderen schleppen will. 

24. Januar 1820: Ypsilanti ist endlich angekommen 
und fand hier Briefe vor, die ihn nach Hause riefen. 
Doch haben wir ihn überredet, zu bleiben und hofft 
er auch so seine Angelegenheit beenden zu können. — 
Er ist der nämliche geblieben und ähnelt täglich mehr 
jenem lieben Ypsilanti von Franzensbrunn, der so ge- 
rade, so offen und so treu war. Er ist eben einer jener 
Freunde, auf die man immer und überall zählen kann. 
Ohne in Konstantine oder in mich verliebt zu sein, liebt 
er uns mit einer Innigkeit, Hingebung und Aufrichtig- 
keit, womit feurige Seelen ihre Freundschaftsbeweise 
ausschmücken oder, wie er sagt, „sie mit Blumen be- 
kränzen". Es ist unerklärlich, warum ich, nachdem ich 
ihn monatelang mit wahrer Ungeduld erwartet hatte, 
bei unserem Wiedersehen so kalt blieb, daß ich kaum 

tete. Letztere verlor 1820 als Opernsängerin in Leipzig ihre Stimme, 
zog sich ins Privatleben zurück und starb am 3. Juni 1864 zu Wien, 
Marianne aber machte um 1820 große Kunstreisen durch Europa 
und trat 1836 zum letzten Male als Pygmalion in Hamburg auf. 
Wahrscheinlich ist also oben Marianne S. gemeint, (s. Schilling, 
Univ.-Lexikon, 1838, 6. Bd., S. 344 f.) 

32 




^iiäil I uiuä0mtmi>itäific ; 



c 05 



.^ ^\ 



eine innere Freude empfand. Ich verstand niemals das 
menschliche Herz und das meinige noch am allerwenig- 
sten. Es scheint mein Schicksal zu sein, immer das von 
mir zu stoßen, was mir wohltun könnte. 

II. Februar: Ein Ball reiht sich an den anderen. Neu- 
lich fand ein Maskenball bei der Kais er in- Mutter'^) 
statt, von dem ich mich dispensieren konnte; nie ist mir 
ein Opfer leichter geworden. Konstantine erschien in 
einer scharlachroten Sammetrobe als Gräfin von Gleichen 
und kam durch ihren Erfolg auf ihre Kosten; sie war 
wirklich schön. Die Damen des Landes hatten alles 
daran gesetzt, um durch ihren Reichtum ihre Reize 
wirksamer zu machen, Gold und Edelsteine glänzten 
in Ermangelung eines Besseren. Dennoch sollen einige 
der Damen sehr anziehend gewesen sein, so Frau ^ati- 
tscheff (Bezobrazoff)^) und die Großfürstin. 

Der Dominoball beim Fürsten Theodor Galitzin^) 
hatte als Maskenball keinen Erfolg, denn die Intrige 

i) Die Kaiserin-Mutter war Maria Feodorowna (1759 — 1828), geb. 
Prinzessin v. Württertiberg, Gattin Kaiser Paul I. (1754 — 1801) 
und Mutter der Kaiser Alexander I. und Nikolaus I. Sie bekam 
außer der Million Rubel, die jede Großfürstin erhielt, von ihrem 
Gemahle beträchtliche Güter, das Anischoffsche Palais, das zwei 
MiUionen Rubel kostete, und andere Einkünfte, deren sie schließ- 
lich 1I/2 MiUionen besaß. 

2) Frau Julie Alexandrowna Tatitscheff (gest. 184.), eine Polin, 
Schwester des Generals Franz Konopka, Gattin des Oberstkäm- 
merers und Staatsrates Dimitri Paulowitsch Tatitscheff (gest. 1845), 
der (1827 — 42) Gesandter in Wien war, eine hervorragende Schön- 
heit. Sie war in i. Ehe mit dem Generalmajor Nikolaus Alexe- 
witsch Bezobrazoff vermählt gewesen, von dem sie sich scheiden ließ. 

3) Fürst Theodor Nikolaewitsch Galitzyn (175 1 — 1827), russischer 
Kammerherr; er v/urde zweimal bei wenig bedeutenden diploma- 
tischen Missionen verwendet, 1787 ging er nach Stockholm und 
1790 nach Wien. Er war mit Prinzessin Prascovie Nicolaewna 
Repnin vermählt, die aber nach Jahresfrist starb, in 2. Ehe mit 
Prinzessin Barbara Iwanowna, verw. Wolkonsky, geb. Chepoff. 

3M. L. in 33 



wird in diesem Lande nur im Ernste verwendet, man 
fand sich also nichts zu sagen; da jedoch der Hausherr 
die Heiterkeit in Person ist, unterhielt man sich, um 
ihm zu gefallen. 

Bei Golovin spielte ich in der Komödie, mein Erfolg 
freute mich und ich amüsierte mich bei dem darauf fol- 
genden Tanze königlich. Dieses Haus Golovin, wo man 
mich verhätschelt, gefällt mir ganz besonders, die Leute 
sind dort alle gut, liebenswürdig und einfach — mit Aus- 
nahme der Mutter — der gute Ton und die Herzlich- 
keit, die dort herrschen, versöhnen mich mit der Ge- 
spreiztheit und den Ausfällen der Casa Kotschubey. Da 
die Großfürstin sich diese Komödie ansehen will, muß 
sie wiederholt werden, mir wäre es lieber gewesen, wenn 
man ein anderes Stück aufgeführt hätte; da aber die Fa- 
stenzeit vor der Türe steht, fehlt uns die Zeit. 

Am liebsten sind mir unsere kleinen „avant-soirees", 
wo Capo-d^Istria erscheint und durch seinen Esprit in 
meiner Seele Gedanken erweckt, die mich durch ihre 
Richtigkeit und Schärfe entzücken. Sein Genie gleicht 
einer Fackel, es erleuchtet alles, was ihm naht. Oft be- 
handelt er Materien, die mir weit über meinen Horizont 
gelegen erschienen, nun aber verstehe ich sie, er über- 
trägt seine Wissenschaft auf uns gleich einem Magier. 

j8. Februar: Der Tod des Königs von England^) hat 
alle Hofbälle in Acht und Bann getan und es hätten zwi- 
schen heute und nächsten Montag noch vier stattfinden 
sollen. Ich freilich tat einen Luftsprung, denn die Hof- 
feste langweilen mich gräßlich und so bekommen wir an 
ihrer Stelle einen hübschen Ball bei den Kotschubeys und 
ein Dejeuner mit Rutschpartie über einen Berg bei einer 

i) Georg III. König von Großbritannien, geb. 4. 6. 1738, König 
seit 1760, gest. 29. i. 1820 zu Windsor. 

34 



eben verheirateten jungen Frau. Ich freue mich schon 
auf diese GHssade, ich spüre jetzt schon das Kribbeln in 
meinen Eingeweiden, wenn ich an diese Wellenbewe- 
gung ohne Seekrankheit denke. 

Welches Glück, während 8 Tagen vom Hofe befreit 
zu sein ! Man macht sich keine Vorstellung, wie er alles 
hindert, so z. B. die Privatbälle, da alle Augenblicke der 
Tag und die Woche geändert oder für ein Fest 2 oder 3 
Tage belegt werden. Dadurch macht er ein festes Pro- 
gramm unmöglich. Und außerdem sind diese Hoffeste 
nur für Auserwählte bestimmt, die übrigen müssen sich 
diese Ehre und das Vergnügen einfach versagen. 

Ich, die solche Ehre, namentlich solange ich sie habe, 
nicht zu schätzen weiß und sie niemandem verdanke, 
habe keine besondere Freude an den Auszeichnungen, 
die uns zu teil werden. Es gibt am Hofe oder bei der 
Großfürstin keine einzige Geige, nach deren Strich wir 
nicht gebeten würden, zu tanzen. Man behauptet, daß 
diese Feste lustig und zwanglos seien, doch finde ich, 
daß, wenn die Großen der Erde mit mir gemütlich sein 
wollen, ich es keineswegs mit ihnen sein möchte. Ihre 
Art, zwanglos zu sein, ist absolut nicht die meine. Im 
übrigen scheint trotz der Sprache des Hofes, die man 
auch in der Privatgesellschaft adoptiert hat, die gute 
Laune aller Kreise die eines Pensionates zu sein, das sei- 
ner Oberin entlief. 

Unsere geschäftlichen Angelegenheiten gehen ziem- 
lich gut, unsere Freunde drücken den alten Finanzmini- 
ster bei Seite und wenn dieser zahm geworden ist, kommt 
alles in Fluß und Capo iV Istria wird dann sein Möglich- 
stes tun. Die Erbschaft nach Rasumoffskys Bruder Leon 
ist auch nicht so klein, wie wir vermuteten, auf meinen 
Schwager wird ein Teil fallen, der ihm sehr zustatten 

3* 35 



kommt. Außerdem behauptet Ribeaupierre nach einem 
flüchtigen Einblick in die Verwaltung von Baturin, daß 
dessen Ertrag bedeutend gesteigert werden und wir — 
gewiß nicht das kleinste Vergnügen — Ende April ab- 
reisen könnten. 

In diesen Tagen machte ich die Eroberung eines 
geistreichen, lebhaften und liebenswürdigen Russen, ei- 
nes Herrn Olsoufieff^), der in mich rasend verliebt ist. 
Er gefällt mir, namentlich aber die Eile, mit der er vor- 
geht, denn er muß nach Moskau und hat nicht viel Zeit 
zu verlieren. Er diente als Offizier mit Auszeichnung; 
da jedoch seine kranke Mutter ins Ausland reisen mußte 
und er sie nicht verlassen wollte, so bat er um einen Ur- 
laub, der ihm verweigert wurde. Darauf reichte er sein 
Entlassungsgesuch ein, da er lieber seine Karriere als 
seine Mutter aufgeben wollte. Der Kaiser fühlte sich 
durch diese Kindesliebe gerührt und gestattete ihm, zu 
quittieren, sobald aber seine Mutter hergestellt sei, wie- 
der einzutreten. Ich gab ihm in Karlsbad Rendez-vous, 
wohin wir uns nach unserer Abreise von Petersburg be- 
geben wollen. 

26. Februar: Ich möchte ein wenig von den „Bergen" 
sprechen; eine merkwürdige Unterhaltung, sich aus dem 
Fenster zu werfen. Und dieses Gefühl hat man unbe- 
dingt dabei, die Todesangst, die Sensation, nur behält 
man seine geraden Glieder. Als ich das erstemal diesem 
Vergnügen huldigte, setzte ich mich ganz keck auf die 
Knie eines dicken bärtigen Mannes und glitt ab. Es war 
mir, als ob mich der Teufel mit sich nähme. Meine 

i) Graf Basilius Dimitrowitsch Olsoufieff (1796 — 1858) Groß- 
marschall des Czarewitsch Alexander (späteren Kaisers Alexander 
II.), 1850 Oberhofmeister, 1856 Graf, verheiratet mit Marie Ale- 
xandra Spiridoff, Tochter des Admirals Spiridoff. 

36 



Phantasie hatte mich nicht betrogen, ja es war selbst är- 
ger, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das Angstgefühl 
überwältigte mich derart, daß ich nur mit großer Wil- 
lenskraft darin einwilligte, auch den zweiten Berg zu 
nehmen, auf den man vom ersten aus hinauffährt. Ich 
wurde tüchtig ausgelacht, mir war es aber, als ob mein 
Glücksstern mich vor einer großen Gefahr bewahrt ha- 
be. Erst drei Tage darnach, nachdem mich Ribeaupierre 
und ein junger Biiturlin^) begleitet hatten, gewann ich 
der Sache Geschmack ab und versuchte es nun gleich 
zwölfmal hintereinander. Diese Rutschpartien dauern 
solange, als der Frost anhält, und zwar für die bessere 
Gesellschaft, das Volk darf sich erst die drei letzten Kar- 
nevalstage an eigens für es errichteten „Bergen" er- 
freuen. 

Es gibt nichts Hübscheres, als die Newa während dieser 
drei Tage: Die „Berge" sind auf ihr aufgestellt, avißer- 
dem Weinschenken und Karussells; man sieht tausende 
von Personen zu Fuß, im Wagen oder Schlitten, Leute, 
die warme Getränke verkaufen, andere wieder, die am- 
bulante kleine Herde herumschleppen, auf denen sie 
Brötchen backen, die sie dampfend verkaufen, dann wie- 
der Possenreißer, die von hohen Baikonen aus mit lau- 
tem Geschrei die Passanten auffordern, in ihre Hütten 
zu kommen und dort Taschenspieler oder mechanische 
Figuren anzusehen. Bei den „Bergen" stehen jene, die 
die Treppen belagern oder Zuschauer, während auf der 
anderen Seite herabgeglitten wird. Schöne Damen in 
Schlitten, Offiziere mit Federhüten, behäbige Bauern 
mit ihren langen Barten, Repräsentanten aller Jahrhun- 
derte, Rassen und Klimate sieht man da und alles ist lu- 
stig, geht, rollt, rutscht oder trabt — auf dem Wasser, 
i) s. Bd. III. S. 165. 

37 



400 Meilen gemacht zu haben, um dies zu sehen, ist 
nicht zu viel und ich bedaure keinen Augenblick, so weit 
gereist zu sein. 

So verstrichen die drei letzten Karnevalstage, da kein 
Ball stattfinden durfte. Wir anderen nicht Griechisch- 
orientalen hatten am Fastnachtsdienstag noch eine Re- 
doute, welche die Russen, da ihre Fastenzeit schon be- 
gonnen hatte, maskiert besuchten. Es war nur um so 
heiterer, und ich habe mich noch nie so köstlich in Pe- 
tersburg amüsiert. Ich glaubte mich zu Hause und es 
war mir, als ob Wien hierher gekommen sei, um den letz- 
ten Karnevalstagin Petersburg zu verbringen. Leon und 
Eduard Lubomirski soupierten mit uns, wir hatten uns 
eine Menge zu erzählen und ich war wie toll. Als Titine, 
die immer Schlaf hat, um 2 Uhr aufbrach, blutete mir 
das Herz. Leon brummte mit mir, ich weiß nicht recht 
warum; er würde mich gelangtweilt haben, wenn ich 
nicht auf der anderen Seite meinen kleinen Russen ge- 
habt hätte. Bald darauf reiste dieser nach Moskau ab und 
ich blieb wie Calipso zurück, „che non potera consolarsi 
della partenza d'Ulysses". 

Was die sogenannten „Berge" anlangt, so bestehen 
sie aus einem Holzbau mit einem Türmchen. Auf der 
einen Seite führt eine Treppe zu letzterem, wo sich die 
Unternehmungslustigen versammeln; auf der anderen 
Seite ist eine abgeschrägte, mit einem Eisspiegel ver- 
sehene Fläche, auf der man in ganz niedrigen, kleinen 
Schlitten talab fährt. Die Dame sitzt rückwärts auf zwei 
Kissen, der Herr voraus und lenkt mit den Beinen. 

Von Wien höre ich, daß zu Beginn d. Mts. die Donau 
infolge Tauwetter austrat ; man besorgte sogar, daß die 
Jagd Rasumoffskys in Milleiten ruiniert sei, aber der 
Fluß hatte dadurch, daß er einen neuen Arm bildete, 

38 



TTTT 




dieses Gebiet verschont. Inmitten des Unglüclces ereig- 
nete sich eine köstliche Geschichte, die ich hier wieder- 
geben will. Ein armer Hase hatte sich in seiner Angst auf 
einen Baum geflüchtet, trotzdem dieser eigentlich für 
andere Tiergattungen bestimmt war. Zufällig kam ein 
Schiffer in einem Boote vorüber, erblickte den Hasen 
zwischen den Zweigen und begann den Baum zu erklet- 
tern. Meister Lampe, über die neue Gefahr noch mehr 
erschreckt, wartet sie nicht ab, sondern springt mit ei- 
nem Satz in das nicht angebundene Boot, das durch den 
Stoß sich in Bewegung setzt und zum Ufer hintreibt. 
Was mit dem unglücklichen Schiffer geschah, verschweigt 
die Geschichte. 

5. März: Man geht über Gräber! Ich vernehme ge- 
rade, daß vor einem Monat die junge, schöne Fefe Sik- 
kingen-Huniady'^) an einem Nervenfieber auf ihrem 
Schlosse starb, nachdem sie einem Sohne das Leben ge- 
geben. Die Details dieses traurigen Ereignisses lese ich in 
einem Moment, wo hier eine andere junge und glückliche 
Frau, ein Engel an Güte, ihrem Kinde und ihrem Gatten 
durch die Ungeschicklichkeit der Ärzte entrissen wird. 
Dieses interessante Opfer ist Gräfin Stanislaus Potocka- 
Sanguszko. Ihr Kind kam zu frühe, nachdem man es ihr 
gewaltsam nehmen mußte und sie litt seitdem an Fieber 
und Schwäche. Zu dieser Stunde lebt sie wohl nicht 
mehr, der arme Leon ist in Verzweiflung, er liebte sie 
rasend. 

Vor Jahren glänzte diese junge und anmutige Gräfin 
Potocka, damals Sanguszko, in den Salons der Gräfin Rze- 
wuska^), sie liebte den jungen Wladimir, während ihr 

i) Maria Euphemla Gräfin Huniady (gest. 28. Januar 1820), hei- 
ratete Wilhelm Graf Sickingen (1777 — 1855). 
2) s. Bd. I. 343, II, 303 und Stammbaum. 

39 



M. de Crusal zu Füßen lag; auch Isabella Rzezouska^) 
war damals ihre Freundin. Nun sind einige Winter seit 
dieser Zeit vergangen und alle drei sind nicht mehr. 

Die gute Josefine hat mir aus Wien einen reizenden, 
anschaulichen Bericht über den Wiener Winter geschickt 
und einige Komplimente über meinen Stil beigefügt, 
die mich sehr eitel machten, wenn ich auch vorzöge, daß 
sie an eine andere Adresse gerichtet worden wären. So 
sagt sie darin, der Abbe Tisserafif^), der Bruder unserer 
guten Mere-tout, behaupte,ich schriebe besser, wie Mme. 
de Sevigne und sie. Josefine, möchte am liebsten ihre 
Briefe in das Feuer werfen, so nichtssagend fände sie 
diese im Vergleich zu den meinigen. 

Aus dem Berichte will ich hier einiges mitteilen. Die 
Ermordung des Herzogs von Berry hat ganz Wien kon- 
sterniert und die Schrecken der französischen Revolu- 
tion wieder vor Augen geführt. Man erwartet, daß der 
Brand von neuem aufflammen werde. Selbst die Herzo- 
gin von Angouleme schrieb nach Wien, sie fürchte jeden 
Augenblick unter den Streichen der Revolutionäre zu 
fallen. Man sehe, schreibt Josefine, auch schon die Vor- 
läufer der Revolution, die Schwäche auf der einen, die 
Wut auf der anderen Seite, man spreche Canlaincourt^) 
nicht von jeder Mitschuld frei, niemand bleibe unver- 
dächtig und Schrecken bemächtige sich aller Gemüter. 
— Unser Freund, der französische Gesandte Caraman 
hatte Ende Februar großen Empfang, was die Kritik der 

i) s. Bd. II. 325. 

2) s. Bd. I. 23. 

3) Armand Augustin Louis de Caulaincourt, Herzog v. Vicenza 
(177- — 1S27), 1805 Divisionsgeneral, 1807 Gesandter in Peters- 
burg, 18 15 Minister. Man beschuldigte ihn ungerechterweise, die 
Verhaftung des Herzogs von Enghien veranlaßt zu haben. — Der 
Herzog v. Berry wurde am 18. 2. 1820 ermordet. 

40 



Wiener hervorrief. Er hätte besser daran getan, sein Haus 
zu schließen. Die Aufführung von Komödien ist einge- 
stellt, nur bei Ahndsy'^) unterhält man sich noch damit zu 
Ehren der Fürstin Bretzenheim^). Felix, Fritz Fürsten- 
berg, der älteste Taxis und als Hauskomtesse Luise Wil- 
czek^) sind unter anderen die Darsteller. Eines dieser Fe- 
ste sollte mit einem allegorischen Bilde eingeleitet wer- 
den, w^orin ein Amor die Büste der 48 jährigen Gräfin 
Almasy zu bekränzen hatte. Der Regisseur Schuster^), 
dem Almasy die Leitung übertragen, fand aber, daß 
hier ein Amor nicht am Platze sei, und bewog den Gra- 
fen, den Amor durch irgendeine andere Gottheit zu er- 
setzen. 

Die gute Josefine fügt hier die Bemerkung bei, daß, 
wenn Schuster die Geschichte unserer Kusine Mimi 
Gaisruck'^) gekannt hätte, er den Amor ruhig belassen 
haben würde. Diese Geschichte verdient der Ver- 
gessenheit entrissen zu werden. 

Vor ungefähr 30 Jahren weilte Mimi Gaisruck, damals 
jung und schön, mit ihren Eltern in Triest, Ein Mr. 
Woork verliebte sich dort sterblich in sie und Mimi blieb 
seinen Huldigungen gegenüber nicht unempfindlich. 

i) Alois Graf Almasy von Zsaddny und Török-Szent-Miklös (1788 
bis 1850), K. k. Km., Herr auf Sarkad, heiratete 1. ca. 1814 Elisabeth 
Gräfin Festetics (die oben genannte „48jährige Gräfin"), 2. 1823 
Luise Gräfin Wilczek (1800 — 1876). Sein Bruder Ludwig (1792 bis 
1836) war mit Leopoldine Fürstin Bretzenheim-Regecz (1796 bis 
1844) seit ca. 18 17 vermählt. 

2) Karoline Prinzessin Schwarzenberg (1806 — 1875), heiratete 27. 
6. 1831 den Fürsten Ferdinand Bretzenheim (1801 — 1855). 

3) Jedenfalls Ignaz Schuster, geb. Wien 20. 7. 1779, gest. daselbst 
6. Nov. 1835, berühmter Komiker am Leopoldstädter Theater seit 
1804, gemeinsam mit Raimund ein Liebling des Wiener Pubhkums, 
Schöpfer der Figur des „Staberl". (s. Katalog usw. der Intendanz, 
3. Abt. p. 611). 

4) s. Bd. IL S. 49. 

41 



Aber im besten Verlauf der Angelegenheit erhielt Woork 
plötzlich den Ruf als Konsul nach Tonkin und mußte 
die Meere durchqueren, um in China seine Tränen zu 
trocknen. Viele Jahre vergingen und die Verliebten hör- 
ten nichts voneinander. Da, vor zwei Monaten, erfährt 
unsere Kusine, daß ein M. Woork aus China angekom- 
men sei, Sie erkundigt sich, sie sieht seine Handschrift 
und erkennt die geliebten Züge. Eine Engländerin, die 
Mimi ins Vertrauen gezogen, und die M. Woork zum 
Diner eingeladen hatte, erzählt diesem, was sich ereignet 
hatte. Woork wechselt dieFarben und ist sehr aufgeregt. 
Als man sich nach dem Diner vom Tische erhebt, öffnet 
sich die Türe und Mimi erscheint. Man kann sich die 
beiderseitige Bewegung ausmalen. Seit diesem Tage se- 
hen sie sich oft und sprechen von den schönen Tagen 
ihrer Jugend. Aber warum heiraten sie sich nicht ? Dies 
ist eben die Pointe der rührenden Geschichte: Ach, trotz 
seiner Liebe für Mimi suchte sich der gute Woork durch 
eine Heirat zu trösten und erwartet von Stunde zu 
Stunde seine bessere Hälfte, die ihm im Laufe der Jahre 
1 1 Kinder geschenkt hatte. 

ij. März: Zuerst das große Ereignis — unsere hiesige 
Angelegenheit ist beendet, sie, die uns hierher führte 
und die uns solche Sorge machte. Es gibt nun keine pe- 
kuniären Ungelegenheiten mehr, sondern es bleibt ein 
anständiges Einkommen, das eine behagliche Existenz 
verbürgt, aber jede Verschwendung ausschließt. Wir 
gewinnen demnach mit einem Schlage Ruhe und Ver- 
nunft. Die Vorschläge, welche Rasumoffsky bei seiner 
Ankunft vorbrachte und die der alte Finanzminister 
verwarf, waren lange nicht so vorteilhaft, als die- 
jenigen, welche er jetzt gutheißen mußte, nachdem 
man sie so geschickt hin und her gewendet hatte, daß 

42 



er nur jene Seite sehen konnte, die man ihn sehen 
lassen wollte. 

Der Kaiser bewilligte augenblicklich den Vorschlag 
seines Finanzministers und so ist die Angelegenheit er- 
ledigt. Baturin dient zur Sicherstellung der Schuld Ra- 
sumoffskys an den russischen Staat, deren Rückzahlung 
auf 5 Jahre verschoben wird. Ropsk kann verkauft wer- 
den, wenn aus dem Erlös die Schuld meines Schwagers 
an die kaiserliche Bank bezahlt wird. 

Wir erwarten jetzt noch die richterliche Entscheidung 
im Prozeß Alexis Rasumoffskys'^) gegen seine Schwägerin 
Gräfin Leon Rasumoffsky-Wiajsemski'^) der auch dieser 
Tage erledigt sein soll. Dies ist eine große Enttäuschung 
für alle jene, die die Angelegenheit in die Länge zu zie- 
hen hofften. Wenn, was zu hoffen ist, die Rechte der 
Witwe gewahrt bleiben, so wird man dann zu einer Tei- 
lung des Restes unter den vier Brüdern schreiten kön- 
nen. Es wird demnach auch etwas auf meinen Schwager 
fallen. 

Ist dies erledigt, so bleibt noch die dritte Angelegen- 
heit während unseres hiesigen Aufenthaltes zu ordnen, 

i) Graf Alexis Zyrillowitsch Rasumoffsky (1748 — 1822), der älteste 
Sohn des Hetmans Rasumoffsky und der Katharina Iwanowna 
Narischkin, war russischer Unterrichtsminister und heiratete 1774 
Gräfin Barbara Petrowna Scheremetjezo (1750 — 1824, geschieden 
1784). Er focht nach dem Tode seines Bruders Leon dessen Testa- 
ment an (18 18), weil dieser seine Frau Maria Gregorewna geb. 
Wiajsetnski zur Universalerbin eingesetzt hatte und er sich da- 
durch verkürzt fühlte. 

2) Maria Gregorewna Gräfin Rasumoffsky^ geb. Prinzessin Wia- 
zemski (1772 — 1865) heiratete, noch ein halbes Kind, den Fürsten 
A. Galitzyn, den man „Cosa rara" nannte. Nach ihrer Scheidung 
heiratete sie 1809 den Grafen Leon Rasumoffsky (1757 — 1818). 
Sie wohnte als Witwe oft bei ihrem Schwager, dem Fürsten Ra- 
sumoffky, in Wien, vnr werden ihr auch noch in Italien begegnen 
(Seite 208). 

43 



es ist dies die Verwaltung der Güter, mit der sich. Ribeaii- 
pierre ein wenig befassen will. Man will zu diesem Ende 
Liebmann kommen lassen, mit dem Ribeaupierre konfe- 
rieren wird. 

Mein 32. Geburtstag stimmt mich trauriger, als es 
vernünftig ist. Mein Gott, wie schnell fliegt das Leben 
dahin! Gibt es denn kein Mittel, um es am Flügel zu er- 
haschen ? Je mehr es fortschreitet, desto eiliger ist sein 
Lauf, es ist ein Abgrund, in den wir rollen, und zwar 
umso rascher, je näher wir seinem Boden kommen. Wie 
lange erschienen mir die Jahre in meiner Kindheit; nun 
entwischen sie mir mit solcher Eilfertigkeit, daß es mir 
scheint, als hätte ich sie kaum gesehen ! Meine Seele setzt 
sich aus zwei Elementen, Luft und Feuer, zusammen, 
sie halten sich das Gleichgewicht. Will eines das andere 
in Brand setzen, statt es zu erwärmen, so verlöscht dieses 
augenblicklich das schwälende Feuer, abgesehen von ei- 
nem anderen kleinen Löschhütchen, der Vernunft, die 
oft, aber meist zu spät zu Hilfe kommt. 

20. März: Gestern war der Namenstag Josefines und 
Josefs. Wie schön war es voriges Jahr an diesem Tage, 
die Natur feierte ihre Wiedergeburt, die Sonne erwärmte 
sie bereits mit ihren sanften Strahlen und die grünen 
Blätterknospen begannen sich zu entfalten. Ich erinnere 
mich, wie die Pappeln auf der Landstraße beinahe schon 
grün waren und ich mich, wenn ich aus der Stadt in mei- 
nem Vormittagskleide zu Fuß zurückkehrte, gründlich 
umziehen mußte, da mir so heiß geworden war. Ach, 
hier habe ich nur meine geliebten Eisberge verloren, das 
einzige, was ich dem Tauwetter und der Feuchtigkeit 
zu verdanken habe, die man hierlands Frühling nennt. 
Ich habe weder die „Berge" genügend ausgekostet, noch 
das Schlittenfahren. Alles ist hier so schwerfällig und 

44 



man bedarf unerhörter Anstrengungen, damit etwas ge- 
lingt. So hat man mir z. B. den ganzen Winter von dem 
Reiz einer Schlittenpartie geschwärmt, wo an einen gros- 
sen Schlitten, der 15 — 20 Personen faßt, 20 kleine mit 
einem Seil befestigt werden, die beim Fahren glitschen, 
stolpern, bei jeder Reibung umstürzen und die Personen 
in den Schnee werfen. Diese müssen dann im schnell- 
sten Lauf den Schlitten erreichen und sich darauf schwin- 
gen, um einige 30 Schritte weiter wieder einen Purzel- 
baum zu machen. Dies muß sehr drollig sein und man 
kann es nur hier sehen. Nun — bei allem Reden, Anset- 
zen des Tages und Arrangieren der Partie wartete man 
richtig das Tauwetter ab, die Wege gleichen jetzt großen 
Wasserpfützen, adieu le plaisier! Nur die Hofbälle ge- 
lingen in Petersburg! 

75. April: Josefine schreibt mir, daß man wegen der 
kleinen Clementine Metternich^) sehr besorgt ist und sie 
wahrscheinlich die Auszehrung bekommen wird. Geht 
dieses Kind zugrunde, so sind die Ärzte daran schuld, 
besonders Staudenheimer^) ; um seine Entwicklung zu be- 
schleunigen, ließ man es viel tanzen und täglich durch 
mehrere Stunden spazieren gehen. Was aber unglaublich 
erscheint, man zwang es bei schlechtem Wetter in den 
feuchten und ungesunden Gängen der Avigustiner durch 
zwei Stunden herumzugehen. Das arme Geschöpf wurde 
vor Ermüdung ohnmächtig, siechte hin und bekam Fie- 
ber. Es half alles nichts, es mußte weiter promenieren, 

1) Klementine Metternich, Tochter des Kanzlers und seiner 
ersten Gemahlin Fürstin Eleon. Kaunitz, geb. 30. 8. 1804, gest. 
6. 5. 1820. 

2) ]?ikohRittev\. Staudenheim, gch.Ma.mz 1764, gest. Wien 17.5. 1830 
Leibarzt des Herzogs v. Reichstadt 1826 — 1830, beliebter Arzt der 
Aristokratie Wiens. Er rettete Kaiser Franz I., als dieser 1816 von 
seinem Leibarzt Freiherrn von Stifft falsch behandelt worden war. 

45 



bis ein Entzündungsfieber es auf das Krankenlager warf, 
von dem es kaum aufstehen wird. Man ließ das Kind 
dreimal zur Ader, die Ärzte halten eine Beratung nach 
der anderen ab, aber selbst Malfatti^) gibt nur wenig 
Hoffnung. Auch die Schwester Clementinens ist kaum 
besser, sie sieht, wie Josefine schreibt, einer Vierzigerin, 
einer zweiten Julie Starhemberg gleich, nur noch um einen 
Grad ärger. Die Familie Metternich beunruhigt sich 
übrigens nicht darüber, da sie noch ißt und schläft. 

26. Mai: Josefine ist wieder in Schwertberg; sie hat 
es aufgegeben, nach Karlsbad zu kommen, sondern sie 
wird Konstantine auf ihrer Erholungsreise nach Italien 
begleiten, während ich bei Rasumoffsky bleibe, damit er 
nicht allein ist. Vielleicht wird mich diese Isolierung so- 
zusagen ganz vernünftig machen und da man sich dazu 
eines Tages entschließen muß und dieser Tag bei mir 
leider schon nahegerückt ist, so fürchte ich, daß ich diese 
Gelegenheit ergreifen und aus Passion der Ernsthaftig- 
keit huldigen werde, die ja freiwillig oder gezwungen 
das passende Kostüm für Dreiviertel unseres Lebens ist. 

Vor einigen Tagen waren wir in Xarskoje Sselo, es gibt 
nichts Hübscheres, als diesen Ort; die Kunst vertritt hier 
fast die Natur. Die Gärten sind so reizend angelegt und 
gehalten, die Wässer so schön, die Bäume so kunstvoll 
beschnitten, daß man kaum die Eintönigkeit der nordi- 
schen Vegetation bemerkt. Die Leute der Stadt, die hier 

i) Malfatti, Edler von Monteregio, Johann, geb. zu Lucca 1776, 
war einer der ausgezeichnetsten Ärzte Wiens, auch medizinischer 
Schriftsteller. 1837 seiner vielen Verdienste wegen in den erb- 
ländischen Adelstand erhoben, feierte er im Oktober 1850 sein 
fünfzigjähriges Doktor Jubiläum und verlebte die letzten Jahre in 
seiner nach ihm benannten Villa bei Hietzing, wo ihn der Tod im 
September 1859 im 84. Jahre ereilte, (s. Wurzbach, XVI, S. 327.) 
Er behandelte auch den berühmten Fürsten de Ligne in seiner 
letzten Krankheit, (s. de La Garde, II. Bd., S. 8—19.) 

46 



>a(^; 




wohnen wollen, logieren größtenteils in reizenden Pa- 
villons, die zusammen ein chinesisches Dorf bilden. Wir 
nahmen auch einen solchen in Besitz, den uns der Kaiser 
in gnädigster Weise für unsere Ausflüge nach Zärskoje 
Selo zur Verfügung gestellt hatte. 

Leider sollten wir Augenzeugen einer Katastrophe 
sein, die unseren Aufenthalt in diesem Paradiese auf trau- 
rige Weise störte. Man kann sich vorstellen, was wir in- 
mitten der Bewunderung und des Zaubers empfinden 
mußten, wo Geschmack sich mit Pracht, Größe mit An- 
mut paaren, wo Vergangenheit und Gegenwart sich 
wechselweise ergänzen, ohne sich feindlich gegenüber- 
zutreten, als plötzlich die Glocken Sturm läuteten, die 
Tamboure Alarm schlugen, Todesangst und Verwirrung 
um sich griffen und die Flammen, von dicken Rauch- 
schwaden umgeben, von allen Seiten emporlohten, im 
Laufe einer Stunde einen Teil des schönen Palais ver- 
nichtend. Der Kaiser und die Kaiserin blieben, wie es 
jeder sein sollte, ihrer Rolle und ihrem Charakter getreu, 
ruhig, menschenfreundlich, wahrhaft ritterlich, ohne 
Gleichmut zu heucheln. Ich wäre übrigens erstaunt ge- 
wesen, sie anders zu sehen. Der Schaden ist groß, kann 
jedoch wieder gutgemacht werden, nur eine alte Kapel- 
le, ein Andenken an die Regierung der Kaiserin Elisa- 
beth, ist verloren. Es sollen wenig Menschen zu- 
grunde gegangen sein. Ich habe keinen schöneren 
und zugleich weniger aufregenden Brand gesehen, 
denn es ist besser, wie die Kaiserin selbst sagte, Paläste 
brennen zu sehen, als Hütten. Ist dieses Wort nicht 
ihrer würdig ? 

Konstantine hat, falls Josefine die Karlsbader Kur 
benötigte, meinen Bruder Josef und Leo eingeladen, 
sie nach Italien zu begleiten. Die können sich aber nicht 

47 



entschließen, ihre Krautköpfe, ihre Kinder und ihre kon- 
fusen Gutsangelegenheiten im Stiche zu lassen. 

Königgrätz, 12. Juli 1820: Hier trennen sich unsere 
Wege. Am i. Juni von Petersburg aufgebrochen, sind 
wir ohne besondere Fährlichkeiten bis Königgrätz ge- 
langt, wo Konstantine nach Schwertberg und von dort 
mit Josefine nach Italien reist, während ich als Vize- 
gattin Rasumoffskys nach Karlsbad gehe. Über meine 
Gefühle für mein neues Amt gibt der folgende Brief an 
meine Schwester einen heiteren Vorgeschmack: „Au 
weh, mein armer Corydon, pimperlim, pimpim! Hier 
übergebe ich sie^) Euch und ich gehe noch einige Zeit 
auf Vagabondage, ohne recht zu wissen, wie und warum. 
Glaube mir, liebe Josefine, daß mir gewisse Bedenken 
aufftteigen, wenn ich daran denke, was mich erwartet: 
jD'abord le cote ä cote et puis le bec ä bec et pres de 
trois mois de tete-ä-tete.' Gleicht dies nicht einer Heirat 
und noch dazu einer Konvenienzheirat, wie man sich 
mangels einer konvenableren Bezeichnung ausdrückt. 
Allerdings werde ich vielleicht einige angenehme Augen- 
blicke genießen, besonders bei Choteks, soweit ist alles 
gut, und ohne Zweifel werden dies meine Leckerbissen 
sein, aber, mon eher maTtre Loup, man verliert bei die- 
sem Handwerk, wie Du weißt, etwas Haare und mein 
Hals ist schon nicht schlecht zerzaust. Auch weiß ich 
nicht gewiß, ob ich genehm sein werde, an unserem Hofe 
ist das Barometer wankelmütig und wie soll man während 
drei Monate auf schönes Wetter rechnen! Jedenfalls 
werden dabei zwei Personen recht zufrieden sein, Kon- 
stantine und Du, das ist die Hauptsache und andererseits 
werden meine kleinen Dienste vielleicht doch für nütz- 
lich gehalten werden oder sie gehen in der Masse des 
i) Konstantine Rasumoffsky. 

48 



überflüssigen auf. Du glaubst, ich freue mich närrisch 
auf mein teures Vaterland; ja, ich wußte, daß ich zufrie- 
den war, wie Mme. du Deffant^) sagte, doch ich fühlte 
es nicht. Und dies immer wegen dieses tete-ä-tete, das 
mir zu Kopfe gestiegen ist. 

Du willst auch Details über unsere letzten Peters- 
burger Augenblicke, sie wurden ganz gegen meinen Wil- 
len in die Länge gezogen, ich brannte darauf, das Land 
zu verlassen, alles andere will ich Dir später mündlich 
erzählen. Ich will Dir hier nur sagen, daß nichts so sehr 
verspottet wurde, als meine kleine Entschädigung, an 
die sich meine arme Phantasie anklammerte, um nicht 
durch Kälte und Elend zugrunde zu gehen. Er (Ribeau- 
pierre) war aber der Held der ganzen Gesellschaft, nur 
nicht von mir ; ich hatte j a oft während acht Tagen keine 
Viertelstunde für mich und glaubte manchmal der Er- 
schöpfung um so mehr erliegen zu müssen, als ich Tan- 
talusqualen ausstand. Dazu noch dieses gute und re- 
spektable Löschhütchen, das man die Moral nennt und 
das die geringsten schönen Augenblicke stört oder ver- 
hindert, daß man sie ein wenig von der heiteren Seite 
aufnimmt. Übrigens konnte ich mit mir zufrieden sein, 
hüte Dich, daran zu zweifeln, nur meiner Eitelkeit ko- 
stete es eine Überwindung. . . ." 

Mein Bruder Josef ist in einer sehr unangenehmen 

Lage. Er hatte von Nddherny^) noch 20000 fl. wegen 

des Verkaufes von Chotovin zu fordern und stand mit 

diesem im Prozeß. Da sich letzterer hinzog, reiste Josef 

nach Prag, um dort ein gütliches Abkommen mit Nad- 

i) Marie Anne Marquise du Deffant (1697 — 1780), die wegen ihrer 
Liaisons mit berühmten Literaten, u. a. auch Horace Walpole be- 
kannte französische Salondame. (Siehe auch Bd. III, S. 105.) 
2) s. Bd. I. 87. — Johann Edler v. Nädherny wurde am 10. 3. 1772 
zu Bohutin geboren. 

4 M. L. in 49 



herny zu treffen, indem er sich mit loooo fl. zufrieden 
geben wollte. Der Advokat hatte ihm noch geschrieben, 
daß er sein Anrecht leicht für lOOOO fl. verkaufen könn- 
te ; bei seiner Ankunft in Prag erfuhr er aber, daß der Pro- 
zeß für ihn ungünstig ausgegangen sei. Alle Gläubiger 
Nädheryns wandten sich nun an den Kaiser, ob mit Er- 
folg, ist mir zweifelhaft. Mein armer Bruder scheint das 
Unglück seines Vaters geerbt zu haben; trotz allem ist 
er merkwürdig ruhig und sagt, es sei ihm lieber, durch 
pekuniäre Nachteile als durch häuslichen Kummer ge- 
prüft zu werden. Da der Kaiser im Juni nach Linz kam, 
so nahm Josef bei ihm Audienz und erlangte wenig- 
stens einen Zahlungsaufschub für seine Steuern. Jose- 
fine schrieb, man vermutete sogar, daß der Kaiser auch 
nach Zellhof kommen werde, das er von Fink gekauft 
hatte. 

Karlsbad^ 6. August: Konstantine und Josef ine sind 
am 23. Juli abgereist und werden jetzt schon in Livorno 
sein. Mein Amt als Vizegattin und meine Tete-a-tetes 
lassen sich besser an, als ich fürchtete. Wir machen eine 
gute Menage zusammen. Aber dieser Sommer erscheint 
mir doch lange, ich trachte, ihn vorwärts zu schieben 
und er gibt es mir redlich zurück. Die letzten ca. 20 Mo- 
nate bildeten einen merkwürdigen Abschnitt meines Le- 
bens, ich fürchte, daß ich in das reife Alter eingetreten 
bin und den Rubicon überschritten habe. Hier ist es sehr 
langweilig, gerade die amüsanten Leute fehlen. Wall- 
moden^) verbringt den Winter in Italien und kommt 
nicht nach Karlsbad. 

Christiane Lichnozvsky- Thun ^) ist seit zwei Tagen hier ; 
ihre Taille hat zugenommen, ihr Humor läßt nichts zu 



i) s. Bd. II. 256 u. 307. 

2) s. Bd. I. 86, II. 16 u. 190. 



5° 



wünschen übrig. Das Mißlingen der Heirat Seiinas mit 
Thurn scheint ihr sehr zugesetzt zu haben. Mit Seiina 
konnte ich noch nie allein sprechen, ich mag mich nicht 
in ihr Vertrauen drängen, suche ihr aber über den Weg 
zu laufen, damit sie mich zu finden weiß. Ich finde sie 
weniger hübsch und ernster, wie sonst. 

Jeden Tag sehen wir Bekannte abreisen, der Prinz Lo- 
banoff und Krasinski^) sind auch schon fort, ebenso die 
besten Tänzer. Was übrig bleibt, ist so minder, daß ich 
niemanden mit einer Walzertour beglücken mag. Unser 
Salon ist nur mehr eine Galerie von Karrikaturen ohne 
viel Abwechslung. 

Karlsbad, 13. August: Morgen reisen wir auf zwei bis 
drei Wochen nach Franzensbrunn. Rasumoffsky hatte 
einen leichten Fieberanfall, gefolgt von einer Migräne. 
Nach 24Stündiger Bettruhe war er wieder vollkommen 
hergestellt. Ich mußte natürlich zu Hause bleiben, da 
ich ihn nicht allein lassen wollte. Es war kein besonderes 
Opfer, denn Karlsbad ist jetzt leer. In Franzensbrunn 
soll es viel heiterer sein. Christine und Seiina werden 
noch einen Tag dort mit uns verbringen. Sie laufen wie 
vergiftete Ratten ruhelos in ganz Böhmen herum. 

Übrigens haben die schönen Augen Seiinas, die sich 
niemals Ruhe gönnen, im Sturm noch rasch die Erobe- 
rung eines Engländers und eines Polen gemacht. Es war 
sehr komisch. Der Engländer beklagt sich jetzt gegen 
jedermann über sein Geschick, er schiebt dem Teufel in 
Person die Schuld daran zu. Im Posthof war es, wo er bei 
einem abscheuhchen, von dem polnischen Herrn uns ge- 
gebenen Diner Feuer fing. „Es war sicherlich der Teu- 
fel," meinte er in seinem Kauderwelsch, „denn ich ge- 
gessen Höllenfleisch und alles recht gestunken und die 
i) s. Bd. II. 61. 

51 



Augen des Fräuleins mir gegeben Gift in das Herz, so 
daß ich wirklich vergiftet bin." 

Die fVindisch-Graetz sind hier, beide reizend; sie ist 
heiter und frisch, was ihr vortrefflich steht. Sie kommen 
vins nach Franzensbrunn nach. — Von Rußland hören 
wir seit unserer Abreise von Kowno kein Wort, nur Lieb- 
mann schickt seine Rapporte, die von Ribeau-pierre sig- 
niert sind, der einzige Beweis seines Daseins ! Vielleicht 
zählt man auf die Liebe, wenn die Freundschaft so we- 
nig beständig ist. Übrigens hat mir der kleine Olsoufieff 
aus Teplitz zu einem sehr respektsvollen Briefe eine Ro- 
manze beigelegt, von der er mir gesprochen und die mehr 
sagt, als seine Prosa. Nicht wahr, dies ist ein geistreicher 

Ausweg ! 

* * 

* 

Von hier bis zum Oktober 1822 fehlt jede Aufzeich- 
nung. Es läßt sich nur kombinieren, daß infolge des To- 
des der Gräfin Karoline Szechenyi-Meade^) (gest. 29. Au- 
gust 1820), einer Nichte Rasumoffskys, wie Josefine 
Thürheim in einem Briefe andeutet, die Kur in Fran- 
zensbrunn jäh abgebrochen wurde. Rasumoffsky reiste 
mit Lulu sofort nach Libejitz zu den Schwarzenberg, wo 
sie Christiane Lichnowsky und Seiina Meade trafen. Der 
Aufenthalt Konstantinens in Italien scheint bis zum 
Frühjahr verlängert worden zu sein. 1821 verbrachten 
alle den Sommer in Feldsberg bei den Liechtenstein 
dann in Schwertberg und Eferding. 

Die pekuniäre Situation Rasumoffskys war durch den 
Erlös aus dem Verkaufe einiger Nebengüter seines Bru- 
ders Leon (gest. ohne Nachkommen 1818), der un- 
ter die vier Brüder Alexis, Peter, Gregor und Andreas 

i) s. Bd. II. 94 u. III. 

52 



verteilt worden war, etwas gebessert worden, obwohl 
Rasumoffsky gehofft hatte, den Hauptteil dieser Erb- 
schaft, die jedoch Leons Gemahlin laut Testament zu- 
fiel, zu bekommen. 

1822 drang Gräfin Lulu darauf, daß ein Familienrat 
zusammentrete, um den Vermögenszustand ihres Schwa- 
gers zu prüfen und über die Sanierung der schwierigen 
pekuniären Verhältnisse schlüssig zu werden. Man sah 
bald, daß das Leben in Wien zu große Summen ver- 
schlinge, und kam darüber überein, daß Rasumoffsky mit 
seiner Frau und Schwägerin nach Italien reisen solle, um 
dadurch die Ausgaben zu vermindern. Das Palais auf der 
Landstraße wurde geschlossen und die zahlreiche Die- 
nerschaft entlassen^). 

i) s. bei Wassiltschikow „Les RazoumowskI" II. 3, S. 237, franz. 
Ausgabe von Brückner. 



53 



XXVI. DIE REISE NACH ITALIEN UND 
DER KONGRESS ZU VERONA 

Im Oktober 1822 brachen Rasumoffsky, Konstantine 
und ich von Schwertberg aus auf, um nach ItaHen zu 
fahren. Josef, Leo, Isabella und Josefine begleiteten uns 
bis Linz. Am 15. früh hieß es Abschied nehmen. Meine 
Schwestern und mein armer Bruder weinten herzzer- 
brechend. Josefine besonders hätte die Reise gut getan; 
die unbekannten Gegenden und Personen würden ihren 
Gedanken, die sich immer nur mit Verzicht und Ab- 
schließung beschäftigten, eine andere Richtung gege- 
ben haben. Aber Konstantine konnte es nicht über sich 
bringen, ihrem Gatten einen bezüglichen Vorschlag zu 
machen. Nicht eben wegen der größeren Kosten, als 
weil Josefine meinen Schwager bei dieser langen Fahrt 
im Wagen vielleicht genieren könnte. Die Männer stos- 
sen sich ja so leicht an den kleinen Widerwärtigkeiten, 
die der Alltag bringt ! Später bedauerte es Rasumoffsky, 
daß Josefine zu Hause geblieben war, doch leider war es 
zu spät. Arme Josefine, sie hat eben kein Glück! 

In Salzburg interessierte uns am meisten die Besit- 
zung des Fürsten Schzuarzenberg in Aigen, die dieser von 
seinem Bruder, dem Salzburger Domherrn^), geerbt 

1) Ernst Fürst Schwarzenberg, geb. 29. 5. 1773, gest. 14. 3. 1821, 
1792 — 94 Domherr in Salzburg, 18 18 — 1821 Bischof von Raab. 
Großer Naturfreund, namentlich für Salzburg, wo er von 1795 
bis 1807 oft weilte. 

54 



hatte. Ein ziemlich geräumiges Haus, einfach in der Ar- 
chitektur, doch bequem und herrHch gelegen, ein Park, 
bei dessen Anlage man die Natur respektierte und ihren 
Intentionen folgte, alles dies macht hier den Aufenthalt 
zur Wonne und muß ein reines Glück begründen. Der 
frühere Besitzer mußte es jedenfalls darin gefunden ha- 
ben, daß er den Besitz verschönte, die Reize der Natur 
bewunderte, ein ruhiges Dasein führte und der Wohl- 
tätigkeit lebte. Ein irdisches Paradies müßte es aber dem- 
jenigen werden, der ein geliebtes Wesen oder eine liebe- 
volle Familie sein eigen nennt, mit denen er die Annehm- 
lichkeiten dieses Aufenthaltes teilen könnte. Wir träum- 
ten in der Tat von dem Projekte, uns hier nach unserer 
Rückkehr aus Italien ganz niederzulassen. Rasumoffsky 
würde Josef Schwarzenberg bitten, ihm das Schloß zu 
vermieten, er würde meinen Bruder Josef und dessen 
Familie, sowie meine Schwestern kommen lassen und 
aus Aigen unser Generalquartier machen, von wo aus 
wir die herrliche Umgegend die Kreuz und die Quer 
durchstreifen wollten. Gibt es einen Plan, der sich leich- 
ter durchführen ließe ? Und doch sah ich damals schon 
die Hindernisse voraus, die sich ihm entgegenstellen 
würden. Es gibt, besonders in Österreich, nichts Un- 
möglicheres, als eine Sache durchzuführen, die ohne Prä- 
zedenzfall ist; zwischen dem Ding, das noch niemals ge- 
macht wurde und dem, das zum erstenmal durchgeführt 
werden soll, erhebt sich gleichsam eine magische, un- 
übersteigbare Barriere. 

In Innsbruck empfingen uns der Statthalter Karl Cho- 
tek"^) und seine Frau in der liebenswürdigsten Weise und 
zeigten uns die Merkwürdigkeiten der Stadt und ihrer 

i) s. Bd. I. 80 u. 279. — Chotek war von 1818 — 25 Statthalter von 
Tirol und Vorarlberg. 

55 



Umgebung. Die Burg des „Grafen von Tirol", Titel des 
Kaisers von Österreich, war weder alt, noch wies sie ei- 
nen besonderen Charakter auf. Die Erinnerung an An- 
dreas Hof er, der hier wohnte, und an das Zimmer, wo Yizi- 
iex Franz I . starb, nachdem ihn im Theater der Schlag 
gerührt, boten wohl das einzige historische Interesse. 
Maria Theresia ließ dieses Zimmer in eine Kapelle um- 
wandeln, worin täglich Gebete für denjenigen zum Him- 
mel steigen, der hier seinen letzten Seufzer verhauchte. 
Diese Idee ist rührend und konnte nur dem Herzen ei- 
ner Frau entspringen. Die Kaiserin legte auch seit dem 
Tode ihres innigstgeliebten Gatten die Trauerkleider 
nicht mehr ab. 

Chotek war in diesem Lande sehr beliebt, er erlangte 
vom Kaiser mehrere Konzessionen, die für Tirol von Vor- 
teil wurden. Es verdiente sie auch durch seine Anhäng- 
lichkeit an das Haus Österreich und die heroischen Be- 
weise seiner Treue anläßlich der letzten Invasion des 
Feindes. Und doch war die bayerische Herrschaft, unter 
die das Land nach dem Frieden von Preßburg kam, kei- 
neswegs drückend; der König hatte die Steuern ver- 
mindert, den Tirolern ihre Privilegien und Gebräuche 
gelassen und sie damit glücklicher gemacht, als sie es 
früher waren. Aber dieses treue Volk kannte kein anderes 
Glück, als seinem ursprünglichen Herrn wieder anzuge- 
hören. 

DieTiroler sind Hirten, Ackerbauer undjäger. Zu ihren 
patriarchalischen Tugenden gesellt sich auch Kriegs- 
tüchtigkeit. Alle sind Soldaten, doch weihen sie ihre 
Kraft nur der Verteidigung des Vaterlandes, den Frem- 
den, den Eindringling stoßen sie zurück und suchen ihren 
Ruhm nur in ihren Bergen. Das Land unterhält immer 
eine Anzahl Fußtruppen, die nicht ausgehoben werden, 

56 



sondern die die Gemeinden nach der Losreihe auf sechs 
Jahre beistellen. Außerdem haben die Kantone eine 
Volksmiliz und im Notfalle ergreift jedermann die Waf- 
fen. Selbst Frauen sah man gegen den Feind marschie- 
ren ; als eine kleine Stadt, während deren männliche Be- 
völkerung auf einem Streifzuge sich befand, von den 
Franzosen überrascht vi^urde, setzten sich die Frauen, 
die die Hüte, Mäntel und Waffen ihrer Männer ergrif- 
fen hatten, zur Wehre. Die Nacht begünstigte die Kriegs- 
list, der wenig zahlreiche Feind zog sich beim Anblick 
der starken Besatzung zurück. Seither haben die Frauen 
dieses Ortes das Privileg, auf Wache ziehen zu dürfen, 
wenn der Kaiser dort vorüberkommt. 

Der Adel ist vom Landsturm keineswegs befreit, doch 
kann jeder Adelige, wie auch jeder andere Landesbe- 
wohner einen Ersatzmann stellen. Davon Gebrauch zu 
machen, gilt aber als Schande und Unglück. Die Aristo- 
kratie genießt auch keine anderen feudalen Vorrechte, 
mit Ausnahme einiger unbedeutender Bestattungsprivi- 
legien. Ja es gibt in Tirol fast keinen Adel. Seine Mit- 
glieder sind beinahe ausnahmslos arm und unterscheiden 
sich von den anderen Bewohnern nur durch ihre Titel 
und durch die Tünche einer falschen Erziehung, die sie 
der natürlichen Anlage mehr entfremdet, ohne der Zi- 
vilisation näher zu bringen. 

Tirol ist die einzige Provinz Österreichs, wo der Bau- 
ernstand Abgeordnete in den Landtag entsendet. Die 
verschiedenen Bezirke schicken 13 und seit ihrem Rück- 
fall an das Haus Österreich stimmten diese Vertreter nie 
gegen die Anträge des Hofes, auch wenn diese die größ- 
ten Lasten aufbürdeten. Chotek versicherte uns unter 
Ehrenwort, daß diese edelmütige Abstimmung niemals 
durch Bestechung beeinflußt gewesen sei. 

57 



Während des Krieges von anno 1809 brauchte Öster- 
reich nur einige Emissaire in die Tiroler Berge zu ent- 
senden, um die ganze Bevölkerung dazu zu veranlassen, 
die Waffen zu ergreifen. Es war der Funke in ein Pulver- 
faß! Hof er war keineswegs ehrgeizig, sondern ein ein- 
facher, aber unerschrockener Mann, seine Stellung als 
Wirt brachte ihn an die Spitze der Bewegung. Die An- 
hänglichkeit an ihren angestammten Herrscher, der Haß 
gegen jede Fremdherrschaft bildeten die einzige Trieb- 
feder dieses braven Volkes. Oft, wenn sie von ihren Berg- 
spitzen aus den ganzen Vorrat ihrer unfehlbaren Kugeln 
hinabgesandt hatten, stürzten sie wie Besessene zu Tal 
und auf die feindliche Kavallerie, wilden Tieren gleich, 
mit ihren Nägeln und Zähnen die Reiter von den Pfer- 
den herabreißend und mit den Flintenkolben nieder- 
schmetternd. Verlassen aber und in äußerster Not ver- 
mochten ihr Mut und ihre Beharrlichkeit nur den Zeit- 
punkt der Knechtschaft für kurze Zeit hinauszuschie- 
ben. Es ist nur traurig, eine so schöne, so edle Geschichte 
durch ihr letztes Blatt befleckt zu sehen — Hofer wurde 
durch einen Tiroler verraten. 

Kaiser Alexander passierte gerade Innsbruck, um sich 
zum Kongreß von Verona zu begeben. Der unabhängige 
und zugleich verläßliche Charakter der Tiroler riß den 
Autokraten zu lebhaftem Erstaunen hin, er konnte es 
nicht verstehen, wie ein bewaffnetes und kriegsgewohn- 
tes Volk den Gesetzen gehorchen konnte. Sein an Para- 
den gewohntes Auge bewunderte die militärische Hal- 
tung und die präzisen Übungen der Milizkompagnien, 
die von allen Kantonen herbeigeströmt waren, um ihn, 
ebenso wie ihren Kaiser Franz zu empfangen. „Solda- 
ten" und „freie Männer", „frei und treu" waren für 
Alexander sich widersprechende und unverständliche 

58 



Begriffe. Er stellte an den Statthalter mehrere vertrau- 
liche Fragen, diese Anomahe betreffend; dessen Ant- 
wort vergrößerte noch sein Erstaunen. „Der Tiroler", 
sagte ihm Chotek, „bedient sich in Friedenszeiten seiner 
Waffen nur zum Zwecke der Jagd; kommt es zwischen 
zwei Jägern, was nicht selten ist, zu einem Streit, so le- 
gen sie augenblicklich ihre Waffen weg und tragen ihren 
Zwist mit den Fäusten aus. Zu diesem Zwecke tragen 
sie große, kegelförmig zugespitzte Ringe, deren sie sich 
bedienen, um dem Gegner die Augen aus ihren Höhlen 
zu stoßen. Diese schreckliche Verwundung hat übrigens 
nicht die Blindheit zur Folge, denn die Tiroler haben 
das Talent, ihre Augen wie einen Arm oder ein Bein 
wieder einzurichten." 

Kaiser Franz veranstaltete jüngst zu Ehren seines ho- 
hen Verbündeten ein Scheibenschießen und errang als 
guter Schütze einen Preis, Alexander ging trotz aller 
Mühe leer aus. Der Stutzen ist eben keine Hofwaffe und 
in Rußland auch nicht gebräuchlich. Über seinen Miß- 
erfolg ärgerlich, bat er Chotek, ihm eine Scheibe in sei- 
nen Garten aufstellen zu lassen, wo er sich nun den gan- 
zen Abend einübte. Anderen Tages näherte sich seine 
Kugel wirklich so weit dem Schwarzen, daß er einen be- 
scheidenen Preis davontrug. Aber die zuvorkommenden 
Gebirgler erkannten ihm auch die Fahne zu, die für den- 
jenigen Schützen bestimmt war, der den weitesten Weg 
zurückgelegt hatte. Unter diesem Titel verdiente natür- 
lich der Zar den Ehrenpreis. 

Die Leutseligkeit, die Kaiser Alexander in Innsbruck 
an den Tag legte, verbunden mit seiner hinreißenden 
Anmut, gewannen ihm die Herzen der Tiroler. Er ver- 
ließ die Stadt, begleitet von den Segenswünschen der 
guten Gebirgsbewohner und die Lehre mit sich neh- 

59 



mend, daß ein von seinem Herrscher geachtetes Volk 
auch ein solches sein könne, das wegen seiner Treue und 
Unterwürfigkeit Respekt verdiene. Gott möge ihn dar- 
aus Nutzen ziehen lassen ! „Wenn ich die Krone nieder- 
legen sollte/' sagte er zu Chotek, indem er auf eine rei- 
zend gelegene Hütte wies, „komme ich hierher, um hier 
zu wohnen; sichern Sie mir diese Hütte." Und in der 
Tat, die Hütte wurde für den Kaiser angekauft. 

Man nennt die Lombardei das Vestibül Italiens. Rei- 
senden, wie wir, die wir aus dem kalten und prosaischen 
Österreich kommen, erscheint es aber schon wie ein Pa- 
radies. Gleich einem braven Bauer, der ein Palais betritt, 
nimmt er das Vorzimmer für den Salon. Am i. Novem- 
ber betraten wir Verona und fanden hier ganz Europa 
versammelt. Ein neuer Kongreß war hier zusammenge- 
treten, die sogenannt besten Köpfe der verschiedenen 
Kabinette wollten über das Geschick der „gente mou- 
tonniere"^) schlüssig werden. Aber nur ein Wille regierte 
hier und dieser gehörte dem Fürsten Clemens Metternich 
an. Kaiser Alexa7ider stand unter seinem Banne; hatte 
dieser eitle und unbeständige Herrscher doch schon in 
der griechischen Angelegenheit seine eigenen Interessen 
und seine Ehre verpfändet! Man wird ja sehen, welches 
Opfer dieser allmächtige Minister in der spanischen Fra- 
ge, die viel weniger wichtig für Rußland ist, als die an- 
dere, fordern wird. 

Unter der Menge von Fremden, die Verona bevölker- 
ten, fanden wir viele Bekannte und Leute, die wir mehr 
oder weniger liebten, aber ein einziger fehlte uns. Noch 
mehr fehlte er dem j enigen, der von ihm nichts mehr wissen 
wollte und allen jenen, die gut dachten. Doch niemand 
nannte seinen Namen, denn er war ja ein Gefallener, 
i) = Hammclherde. 

60 



war Capo d'' Istria. Seine Feinde — der tätigste und ver- 
steckteste unter ihnen ist Metternich — hatten trium- 
phiert und nachdem sie ihn zu Tode gekränkt, zwangen 
sie ihn, seinen Platz zu räumen. Alexander würde es ja 
bald empfinden, ob er hesser unter einem fremden Mi- 
nister fährt. Armer Graf, könnte ich ihm wenigstens 
mein Interesse bekunden, das ich an seinem Schicksale 
nehme ! Sein Herz mußte unter der Undankbarkeit vieler 
Leute schwer gelitten haben, die ehemals von Unter- 
würfigkeit gegen ihn überflössen. 

„Es gibt hier wenig Personen, mit denen ich über ihn 
sprechen möchte. heonPotocki ? — PF oronzo ff, vielleicht ? 
— Graf de La Ferrofinays sicherlich ! Sein Herz schlägt zu 
warm, um beim Anblicke eines Mannes, den es achtete, 
nicht Mitleid zu empfinden. Ich sah ihn mit Freude und 
er uns desgleichen. Auch Caraman, Mr. Robert Gordon^) 
und Richard Clanwilliam sehen wir oft, sie alle bilden 
zusammen „un petit fond de societe", die übrigen kom 
men und gehen. 

Unter den leitenden Ministern, die man in Verona 
fortwährend sieht, nimmt einen ersten Platz die Frau 
von Lieven^) ein. Nach einem mit politischen Intrigen 
begonnenen und mit weniger ernsten beschlossenen Ta- 
ge sitzt die russische Gesandtin jeden Abend unter dem 
Baldachin ihres Paradebettes zwischen Metternich und 

i) Robert Gordon, späterer englischer Botschafter bei der hohen 
Pforte, siehe Seite 298 dieses Bandes. 

2) Fürstin Doris Christophorowna, geborene Gräfin Benkendorff 
(1785 — 1857), Gemahlin des Fürsten Christoph Andrewitsch 
Lieven, der 20 Jahre russischer Botschafter in London war. Seine 
diplomatische Tätigkeit wurde durch das glänzende Auftreten 
seiner Gemahlin, die mit Metternich eine Liaison hatte und infolge- 
dessen sich sehr für Politik interessierte, in den Schatten gestellt. 
Sie hatte in Paris einen politischen Salon. Guizot war ihr großer 
Freund, sie starb in seinen Armen zu Paris am 15. Januar 1857. 

61 



Wellington und entfaltet vor den Augen des Kongresses 
ihren Einfluß auf diese zwei allmächtigen Diplomaten, 
auf den Rest der politischen Kohorte mehr oder minder 
gütige Protektorsblicke werfend. Dieser Salon, worin 
einzudringen und sich auf dem Throne seiner Herrin 
breitzumachen selbst der ganze Verstand der Kabinette 
den Feind nicht verhindern konnte, dieser Salon würde 
dem kaustischen Philosphen, der dort seine Sammlung 
menschlicher Ungereimtheiten und moralischer Karri- 
katuren bereichern wollte, ein weites Beobachtungsfeld 
liefern. Hoffart und Zweideutigkeit triumphieren hier 
über alle anderen Laster, die eine, um sich immer mehr 
aufzublähen, die andere, um dem unter den Händen zu 
entschlüpfen, der sie erhaschen möchte. Die Atmosphäre 
eines solchen Salons droht auch ein ehrliches Gemüt zu 
ersticken und ohne leugnen zu wollen, daß ein guter 
Mensch hier auch seinesgleichen finden würde, möchte 
ich doch wetten, daß sich keiner von ihnen dort wohl 
fühlen könne. 

Habe ich es nach dieser Beschreibung noch nötig, zu 
sagen, wie wenig dieser russische Hochthron von Rasu- 
moffsky und uns besucht wird! Das Leben, das ich in 
Verona führe, gefällt mir ausgezeichnet. Ich fand hier 
endlich jene Lebensbedingungen,die meinem Geschmack 
am besten zusagen. Es ist keineswegs irgendeine Ent- 
deckung, die ich machte, ich verstand immer recht gut, 
was ich bedurfte; wenn ich es aber nicht fand, setzte ich 
mich darüber hinweg und dachte nicht mehr daran. 
Mein Charakter ist ein Gemisch von Ernst und Frivoli- 
tät, mein Geist ein Gemengsei von Überlegung und 
Übermut, meine Phantasie eine Vereinigung von Poesie 
und Prosa, diese muß aber elegant und zierlich sein. Denn 
selbst die Trivialitäten des Lebens sind unter dem Fir- 

6z 



Zu Bd. III, S. 62. ß3. 




Doris Chrlstophora Fürstin Lieven. 

(1785-1857.) 



Aus dem Prachtvverk „Les Portraits Russes" (176a- 1832) 
des Großfürsten Nikolaus Michaelowitsch. 



nisse der guten Gesellschaft noch erträglich. Kurzum, 
ich muß mich bilden, begeistern, unterhalten und ge- 
rade dieses finde ich hier in stetiger Abwechslung. 

Die Vormittage werden zum Besuche der Merkwür- 
digkeiten der Stadt und ihrer Umgebung verwendet; 
selten sind wir dabei allein, der Marquis de Caraman, 
M. de La Ferronnays, Mr. Gordon und Richard begleiten 
uns immer. Dann folgen einige Musestunden, die ich 
mit Schreiben oder Zeichnen verbringe. Nach 4 Uhr 
wird diniert und um acht Uhr versammeln sich stets 
einige Personen bei uns, wobei sich das Geplauder oft bis 
Mitternacht hinzieht. Unsere Gesellschaft ist nicht 
die große Welt, sondern einige geistreiche Menschen 
und kein einziger Langweiliger darunter. Außer unse- 
ren Habitues, von denen ich gerade sprach, nenne ich 
noch folgende eifrige Besucher: Mathieu Montmorency'^) 
Pozzo di Borgo^), Herr v. Steigentesch^), VaxxlEsterhazy''), 
Graf Anton Zichy^), Graf Gatterburg^), Gx&iLebzeltern'^) 

i) Mathieu Jean Felicite Herzog v. Montmorency, geb. 10. 7. 1760, 
gest. 24. 3. 1826, eifriger Royalist, 1815 französischer Pair und 
Marechal de camp, 1821 Minister des Auswärtigen, in welcher 
Eigenschaft er dem Kongreß zu Verona beiwohnte. Ursprünglich 
Voltairianer und der Revolution zugetan, wurde er später sehr 
konservativ und tiefreligiös. Zum Erzieher des Herzogs von Bor- 
deaux designiert, starb er sechs Monate vor Antritt dieses Amtes. 

2) s. Bd. n. 72. 

3) s. Bd. I. 268, n. 223. 

4) s. Bd. n. 94. 

5) Siehe später. 

6) s. Bd. n. 112. 

7) Ludvng Graf (seit 1823) Lebzeltern, geb. 20. 10. 1774 zu Lissa- 
bon, gest. 18. I. 1854 zu Neapel, 1791 — 1814 bei verschiedenen 
Gesandtschaften attachiert, 1814 — 16 Gesandter beim Vatikan, 
1816 — 26 in St. Petersburg, dann bis 1844 In Neapel, wo er nach 
seinem Rücktritte als Privatmann lebte. Er heiratete 1823 Zenaide 
Gräfin Laval (gest. Paris 4. 4. 1873), deren Schwester den Prinzen 
Sergius Trubetzkoi ehelichte, der In den Revolutionstagen vom 

63 



und Graf Bernstorf f^). Von Eingeborenen ist es nur 
der Podestä von Verona, Graf Persico^), den wir 
sehen und den wir in der Gesellschaft immer gerne an- 
treffen. Er ist unendlich gelehrt, geistreich und hat gute 
Manieren, mehr, als man sie sonst bei einem Veroneser 
findet. Dabei besitzt er einen Fond von Güte, der ihn 
interessant macht. Er ist im Begriffe, eine junge, schöne 
Dame zu heiraten, doch die Sorgen um den Kongreß, 
den er bewohnen, ernähren und unterhalten muß, las- 
sen ihm dazu keine Zeit. Der arme Mann vergeht vor 
Ungeduld und ist immer auf dem Sprunge : in der ersten 
freien Viertelstunde heiratet er. Seine Vaterlandsliebe 
und der Ruf Veronas, den die Lobsprüche der berühm- 
ten Fremden, für deren Wohl er sorgen muß, in neuem 
Glänze erstrahlen lassen, sind Balsam für sein vmndes 
Herz. 

Da Persico wissenschaftliche und tiefgründige For- 
schungen über die Geschichte Italiens, besonders aber 
über Verona angestellt hat, so ist er ein lebender 
Diktionär, den ich immer gerne bei der Hand habe. 
Ich will hier eine Heldentat widergeben, von der mir 
Persico erzählte und die sich im vorigen Jahrhunderte 
ereignete. Es war vor 50 oder 60 Jahren, als die ange- 
schwollene Etsch zwei Pfeiler des Ponte delle Nävi weg- 
riß. Ein in der Mitte stehender Turm konnte kaum mehr 
der Gewalt der Wogen standhalten und drohte jeden 
Augenblick einzustürzen. Man glaubte ihn verlassen, 

Dezember 1825 sich kompromittierte und dadurch, daß er sich 
in die österreichische Gesandtschaft flüchtete, auch seinen Schwa- 
ger bloßstellte, so daß dieser abberufen wurde, (s. „Les rapports 
diplomatiques de Lebzeltern" (1816 — 26), herausgegeben vom 
Großfürsten Nikolaus Michailowitsch, Petersburg 191 3). 

1) s. Bd. I. 365. 

2) Augustin Graf Persico, gest. 1843, Bürgermeister von Verona. 

64 



als plötzlich an dem obersten Fenster eine Frau mit 
ihren drei Kindern erschien. Ihr Angstgeschrei verhallte 
im Brüllen der Wogen, aber ihre Gesten schienen Ret- 
tung zu heischen, die niemand zu bringen wagte. Da 
tritt ein Mann aus dem Volke vor, er bindet mehrere 
Leitern aneinander, befestigt das eine Ende am Ufer 
und läßt diese gebrechliche Brücke gegen den Turm 
fallen. Dreimal geht er hinüber und jedesmal bringt er 
ein Kind mit sich. Als er nun die Mutter retten will, 
hatte diese Unglückliche den Verstand verloren und 
wollte ihm nicht folgen. Der zwischen beiden anhe- 
bende Kampf läßt die Herzen der Zuschauer vor Grauen 
erstarren, der Turm schwankt, doch endlich gelingt es 
dem Manne, das Weib zu erfassen, es in einen Sack zu 
stecken und so ans Ufer zu tragen. Als er sicheren Boden 
unter den Füßen hatte, stürzt der Turm in sich zusam- 
men. Die Regierung wollte den Unerschrockenen be- 
lohnen, doch er war schon in der Menge verschwunden. 
Als es endlich nach einigen Jahren gelang, seiner hab- 
haft zu werden, mußte er eine bedeutende Summe an- 
nehmen. Er verteilte sie jedoch augenblicklich unter 
die Armen der Stadt. Der Name dieses Mannes wird 
ewig unbekannt bleiben; übrigens was schadet es, wenn 
er überhaupt einen hatte, ein solches Wesen ist ja die 
Tugend selbst !"i). 

Am 9. November blieb M. de La Ferronnays^), nach- 

i) Der alte Ponte delle Nävi wurde 1757 von den Wogen der Etsch 
weggerissen. Das Ereignis bildete die Veranlassung zu Bürgers 
„Lied vom braven Manne". 

2) Pierre Louis Auguste Ferroii, Comte de La Ferronnays, geb. 
Dez. 1777, gest. als Gesandter in Rom 17. Jan. 1842, französischer 
Staatsmann und Legitimist, wanderte 1791 aus, kam 18 14 mit dem 
Herzog von Berry nach Frankreich zurück, wo er in der Hofgunst 
rasch emporstieg, denn 18 14 war er bereits Marechal de Camp, 
1815 Pair, 18 17 Botschafter in Dänemark, 1819 außerordentlicher 

5 M. L. IIi 65 



dem uns die Gesellschaft verlassen, noch bei uns sitzen 
und wir waren darüber sehr erfreut, denn niemand 
konnte, so wie er, Details über Cafo d' Istria geben. Er 
selbst suchte offenbar diesen Gesprächsstoff, sein offe- 
ner und loyaler Charakter drang darauf, ohne Reserve 
von einem Manne sprechen zu dürfen, den er schätzte 
und dessen Name hier verfehmt schien. 

Ich will hier die Situation des Grafen Capo d' Istria 
seit dem Kongreß von Laibach nach der lebenswarmen 
Erzählung seines Freundes möglichst getreu wieder- 
geben. 

Seit langem arbeitete das Wiener Kabinett oder viel- 
mehr dessen allmächtiger Minister im geheimen daran, 
Capo d^ Istria bei seinem Herrn in Mißkredit zu bringen. 
Trotz dem Talente Metternichs, sich die fremde Eigen- 
liebe nutzbar zu machen, war es ihm doch nicht ge- 
lungen, den Günstling Alexanders zu blenden oder für 
sich zu gewinnen. Beim Wiener Kongreß erlitt seine 
hinterlistige Intrige sogar eine arge Schlappe, er sah 
sich in den Augen seines Rivalen herabgesetzt, und dies 
war Anlaß genug, um diesen glühend zu hassen und auf 
sein Verderben zu sinnen. Die Gewogenheit Alexanders 
bildete aber vorderhand ein unübersteigliches Hinder- 
nis. Da kam der Aufstand der Griechen, der Augen- 
blick war entscheidend, und Metternich wußte die 
Situation zu erfassen. Die falsche Stellung, in der sich 
der griechische Minister seinem Souverän gegenüber, 
der des ersteren Mitbürger geradezu mit dem Bann- 
fluche belegte, befand, mußte Capo d'Istria gefährlich 

Gesandter in Petersburg und 1828 Minister des Auswärtigen unter 
Villelc. Auf sein Betreiben wurde den Griechen ein französisches 
Heer zu Hilfe gesandt. Nachdem er aus dem Ministerium ausge- 
schieden war, ging er als Botschafter nach Rom und zog sich nach 
der Julirevolution dorthin als Privatmann zurück. (S. Bd. HI. 269.) 

66 



werden. Es bedurfte nur einer kleinen Nachhilfe von 
außen, um ihn zu entthronen. Und diese kleine Nach- 
hilfe bestand darin, daß man Alexander ohne Schwierig- 
keit bewies, daß man in eigener Sache nicht entscheiden 
könne. „Und doch", sagte uns der Graf de La Ferronnays^ 
„hatte Capo d'Istria seinem Kaiser, als Ypsilantis Ein- 
fall in die Walachei in Laibach bekannt wurde, einen 
ebenso uneigennützigen wie klugen Rat gegeben, näm- 
lich Ypsilanti einfach zu desavouieren und augenblick- 
lich eine bedeutende Macht in die Fürstentümer zur 
Wiederherstellung der Ordnung zu entsenden." Wenn 
der erste Zorn des Kaisers verraucht und der Einfluß 
Metternichs gebrochen wäre, hoffte Capo d'Istria mit 
Sicherheit, für Ypsilanti die Gnade Alexanders wieder- 
zuerlangen. Der obige Plan war nicht schlecht, das Ein- 
rücken von russischen Truppen in die Walachei bedeu- 
tete gleichsam ein Damoklesschwert für das ottomani- 
sche Reich, und Alexander stellte sich zum Schieds- 
richter seiner Streitigkeiten mit einem Volke auf, dessen 
Religion ihm die Protektorsrolle aufnötigte. Er unter- 
stützte damit keineswegs die Revolution, sondern führte 
den Frieden durch wirksame Mittel, die der Stellung 
des russischen Reiches gegenüber der Pforte und der 
griechischen Kirche entsprachen, herbei. Und dennoch 
lehnte Alexander den Vorschlag Capo d'Istrias ab, wor- 
auf dieser seine Demission gab, die der Kaiser aber da- 
mals noch nicht annahm, weil er ihn noch nicht ent- 
behren zu können glaubte. Noch war nicht alle Hoff- 
nung verloren; das Benehmen der Türken schien sie 
von neuem zu beleben, ihr Übermut und ihre Frechheit 
mußten ja die Langmvit Alexanders brechen und seinen 
Stolz verletzen. Lange sah Capo d'Istria diesem Augen- 
blicke entgegen, aber er trat nicht ein, der fremde Ein- 

67 



fluß war schon zu mächtig geworden. Man hatte den 
Zaren bereits bei seiner schwachen Seite gepackt, seiner 
Großmut, seiner Eitelkeit, gleichsam wie ein Friedens- 
gott über dem Weltall zu schweben. Im Widerspruche 
zu seinen selbstherrlichen Pflichten, im Widerspruche 
zur Stimme seines Volkes und selbst zu der seines Ge- 
wissens, erklärte Alexander plötzlich, er wolle keinen 
Krieg gegen die Türken führen, und Tatitscheff^) reiste 
mit diesem Ultimatum zur Freude des Wiener Kabi- 
nettes ab. 

So weit waren die Dinge zur Zeit der Abreise des rus- 
sischen Kaisers nach Verona gediehen. Dort sollte über 
den Untergang der Griechen entschieden werden. Capo 
d'Istria glaubte es also seiner Ehre schuldig zu sein, 
wenn er Alexander dringend bat, ihn nicht in eine Ver- 
sammlung mitzuschleppen, deren Entschlüsse seiner 
Überzeugung direkt entgegengesetzt seien und sein Herz 
nur verletzen würden. Der Autokrat sah dies auch ein 
und bewilhgte es, ohne aber die angebotene Demission 
anzunehmen. 

Allerdings konnte Capo d'Istria nicht verkennen, daß 
er seine und seines Landes Rolle ausspielte, indem er 
seinen Herrn verließ und ihn so rettungslos den Ein- 
flüssen des Wiener Kabinettes auslieferte. Doch wußte 
er, daß er schon lange aufgehört hatte, der Schutzgeist 
seines Kaisers zu sein, und daß gerade seine Anwesen- 
heit in Verona den dortigen Haß schüren würde. Wie 

i) Dimltri Paulowitsch Tatitscheff (1767 — 1845) war unter Alexan- 
der I. russischer Gesandter in Neapel, 1812 in iMadrid, 1821 im 
Haag, welchen Posten er aber nicht antrat, 1822 russischer Bevoll- 
mächtigter beim Kongreß zu Verona, dann Botschafter zu Wien 
bis 1841. Er besaß alle russischen Orden, auch den St. Andreas- 
orden in Brillanten, ferner den österreichischen Stefansorden und 
das goldene Vließ. 

68 



peinlich diese Entscheidung auch für den Minister sein 
mußte, so empfand er doch eine Erleichterung in dem 
Bewußtsein, einer Situation entronnen zu sein, die ihm 
nun schon durch zwei Jahre eine Quelle fortgesetzten 
Kummers war. 

Obwohl die öffenthche Meinung ihm Recht gab, so 
zogen sich doch alle Höflinge und sogar die fremden 
Diplomaten von dem gefallenen Minister langsam zu- 
rück. Auch Lebzeltern handelte nicht anders, er hatte 
sogar mehr Gründe, um seinen Glauben an die Ver- 
leumdungen zu rechtfertigen, mit denen der entthronte 
Minister jetzt überschüttet wurde. C'etait le coup de 
pied de l'äne! Der englische Gesandte überschritt da- 
bei jedes Maß und die übrigen handelten, je nach ihrem 
Einfluß und Vermögen. Nur M. de La Ferronnays und 
M. de Bray^) beeiferten sich nach Kräften, den per- 
sönlichen Eigenschaften des Grafen gerecht zu werden. 

Der erstere erzählte uns ein sehr interessantes Ge- 
spräch, das er mit Kaiser Alexander am Tage geführt, 
da er von Petersburg Abschied nahm, um sich vor 
seiner Reise nach Verona nach Paris zu begeben. In der 
Abschiedsaudienz lag ihm viel daran, sich mit dem 
Kaiser, den man gegen ihn zu beeinflussen suchte, 
auszusprechen. Die Offenheit seines Charakters, die 
gerade im dienstlichen Verkehre mit dem Zar am besten 
zum Ausdrucke kam, verschaffte ihm diese Gelegenheit 
ohne Mühe. Nachdem er Alexander befriedigende Aus- 
künfte erteilt hatte, versicherte ihn dieser mit warmen 
Worten seines unveränderten Wohlwollens und sagte 
zum Schlüsse : „Ich ändere mich nie." De La Ferronnays, 

i) Graf Franz Gabriel de Bray, gest. 3. g. 1832, K. bay. Kämmerer, 
Geh. Rat uns Staatsrat, Sohn des Pierre Augustin Camille de B. 
(1723 — 1810) und der Anne Le Faou de la Tremissiniere. 

69 



der diesen Moment schon lange erwartete, beeilte sich, 
zu antworten: „Majestät, diese Worte machen mich 
glücklich und sind für mich um so mehr von hohem 
Werte, als sie mich über das Schicksal eines Freundes 
beruhigen, der unglücklicherweise heute von Eurer 
Majestät Abschied nehmen muß." Der Kaiser er- 
rötete, Tränen strömten aus seinen Augen und, in 
tiefer Bewegung die Hände des Grafen schüttelnd, 
versicherte er ihm, daß er über das Los seines Freundes 
ganz beruhigt sein könne. So trennten sie sich. Wie 
schade, daß das Herz eines Alexanders sich freiwillig 
von dem eines Capo d'Istrias schied! 

Die verschiedenen Kabinette Europas hätten die Ge- 
legenheit des griechischen Aufstandes mit mehr Ver- 
trauen ergreifen sollen, um in loyaler Weise und ein- 
mütig eine Frage zu entscheiden, die durch ihren Auf- 
schub noch keineswegs erledigt wurde. Der Sturz des 
ottomanischen Reiches ist einmal unvermeidlich, ebenso 
wie die Erschütterung, die sein Niedergang für Europa 
zur Folge haben muß, außer es würde eine billig den- 
kende, gemeinsame Allianz für die Gesamtinteressen 
eintreten. Wo fände sich aber ein so lauterer Charakter, 
der einer so hohen Aufgabe gewachsen wäre und dem 
man ohne Mißtrauen den Schutz des allgemeinen 
Wohles übertragen könnte, wenn nicht bei Alexander ? 
Der Himmel hat ihn der Welt in einer jener histo- 
rischen Krisen geschenkt, wo ein weniger rechtschaffen 
denkender Fürst alles hätte zugrunde richten können. 
Eine solche Wohltat spendet der Himmel nur einmal. 
Selbst der Kaiser könnte sich aber in bezug auf seine 
edelmütigen Neigungen ändern und was vermöchte 
die Verschlagenheit und engherzige Politik Österreichs 
gegen einen Koloß, wie es Rußland unter einem we- 

70 



niger gemäßigten Herrscher wäre, auszurichten! Dies 
war das Urteil M. de La Ferronnays über die heutige 
Lage, es erschien mir klar und gerecht. Die Zukunft 
wird darüber entscheiden und dann will ich diese 
Zeilen wieder lesen, um zu sehen, ob er richtig ge- 
raten hat. 

Nach einem Ausfluge nach Vicenza, wo uns der Ge- 
neral Graf Nugent^) die Honneurs machte und wo wir 
in seiner Villa „la Rotonda", die von Palladio erbaut 
früher im Besitze der Familie Cafra war, mit seiner 
Gattin, einer geborenen Herzogin von Riario, speisten, 
kehrten wir am 14. November nach Verona zurück. 
Ich hätte hier gerne die Bekanntschaft Chateaubriands^) 
gemacht, aber er war nur für Politiker zugänglich. Seine 
momentane Marotte war es, für einen Staatsmann zu 
gelten, nichts brachte ihn mehr auf, als wenn man seinem 
literarischen Genie Weihrauch streute. Als die Königin 
von Sardinien^) ihm von seinen Werken sprach, verlor er 
beinahe jede Haltung. Er gäbe sie, glaube ich, alle für 
ein Portefeuille mit Freuden her. Den Verfasser des 
,, Genie du Christianisme" zu sehen, wie er in krieche- 
rischer Weise Metternich den Hof macht, war ein exo- 

1) s. Bd. I. 290 und Bd. II. 156 (Stammtafel). 

2) Frangois Rene Vicomte de Chateaubriand^ geb. 14. 9. 1768 zu 
St. Malo, gest. 4. 7. 1848 zu Paris, der bekannte Schriftsteller und 
Staatsmann; beim Kongreß zu Verona war er französischer Bevoll- 
mächtigter und 1822 Minister des Auswärtigen. 1838 gab er sein 
Werk „Le congres de Verone" heraus, in dem er die bisherige 
Meinung zerstörte, als ob der Krieg Frankreichs gegen Spanien 
zur Herstellung der Monarchie von den in Verona vertretenen 
europäischen Mächten gewünscht worden wäre. Der Krieg war 
vielmehr Ch.s eigenstes, erst nach dem Kongresse durchgeführtes 
Werk und er wollte in Verona für Frankreich nur freie Hand be- 
kommen. 

3) Maria Christine Prinzessin von Neapel (geb. 1779), heiratete 
1807 Karl Felix König von Sardinien (1765 — 1831). 

71 



tischer Anblick. Allerdings würde man unter diesen 
durch eine Art von ängstlicher Neugierde und künst- 
lich unterdrückter Aufregung in eigentümlicher Weise 
veränderten Zügen vergeblich den Dichter und Enthu- 
siasten suchen. Ärgerlich darüber, daß er keine poli- 
tische Stellung bekleidete und daher alles nur aus zweiter 
Hand erfuhr, war Chateaubriand in Verona sehr schlech- 
ter Laune; wie er so zerstreut und doch lauernd, die 
Hand in der Weste, auf den Fußspitzen daherschlich, 
ähnelte er einem Manne, der an den Türen horchen 
wollte.. Im übrigen waren seine Züge schön, sein Blick 
tief, nur war der Ausdruck des Auges nicht der eines 
Genies, das einen großen Gedanken verarbeitete, son- 
dern der eines Mannes, den kleinliche Sorgen beküm- 
merten. 

Am i6. November schreibe ich: „Es ist schändlich, 
mit welcher Heuchelei man hier die Geschäfte unter 
dem Titel der Legitimität führt, während doch, wie 
zu allen Zeiten, das persönliche Interesse und der Neid 
das alleinige Motiv der Politik sind. Wenn man diese 
Diplomaten hört, muß man glauben, sie würden nie 
und nimmer auch nur ein Jota ihrer Prinzipien preis- 
geben, — da zeigt sich Prinz Oskar^), der Sohn Berna- 
dottes, vor den Toren Veronas. ,,Ce souvenird' une faute 
d' ortographe" ließ die Schamröte in die Gesichter der 
Kongreßmitglieder steigen. Man schickte den unbe- 
quemen Gast wieder fort, ohne ihm Zeit zu lassen, 
auch nur die Schuhe zu wechseln. 

Kaiser Alexander ist infolge seiner Leutseligkeit und 
Anmut hier viel beliebter, als Kaiser Franz. Dieser Um- 
stand verhindert ihn aber, eine Tournee durch Italien 
zu machen, so große Lust er auch dazu hätte. Metter- 
i) Oskar I. (1799 — 1859), seit 1844 König von Schweden, 

72 



nich erlaubt es ihm nämlich nicht, er fürchtet sich vor 
der Begeisterung, die der Zar im Lande hervorrufen 
könnte. Ich wüßte übrigens nicht, was es schaden 
könnte, wenn Alexander den Italienern ein wenig die 
Köpfe verdrehte, es ist doch wenig wahrscheinlich, daß 
sie aus ihm einen „König von Rom" machen werden. 
Wenn der Widerstand Metternichs gegen den Wunsch 
des Zaren, Italien zu bereisen, einem Gefühle des 
Neides und des Mißtrauens entsprang, so hätte der 
Fürst wenigstens diese elende Niedrigkeit seines Cha- 
rakters besser vor sich und dem Kaiser verbergen sollen. 

Alexander geht viel allein in der Umgebung Veronas 
spazieren, manchmal erstrecken sich sogar diese Aus- 
flüge so weit, daß er sich dabei verirrt. Neulich kam er 
vom Wege ab, die Nacht überraschte ihn und er war 
genötigt, in einem Hause um einen Führer zu bitten. 
Die Familie war die eines Advokaten und saß gerade 
beim Abendmahle. Man ersuchte den Fremden, einst- 
weilen daran teilzunehmen, bis einer der Söhne, der 
den Führer nach Verona machen sollte, gespeist hätte. 
Alexander, der noch nicht diniert hatte, ließ es sich 
nicht zweimal sagen, er aß gut und sprach noch besser. 
Als beim Abschied der Advokat um den Namen des 
liebenswürdigen Fremdlings bat, nannte ihn Alexander 
ohne Umschweife. Man kann sich leicht das Erstaunen 
der ganzen Familie ausmalen. Das sind nun Leute, die 
sich für den Zaren hängen ließen, wie wenn er sie mit 
Wohltaten überhäuft hätte!" 

Am 26. November fand noch das Arenafest statt. 
Das Wetter war herrlich, die Sonne beschien mehr 
denn 60 000 Menschen, deren Augen mühelos den Vor- 
gängen zu ihren Füßen folgen konnten. Was mußte 
erst eine derartige Versammlung im Altertume bedeutet 

73 



haben, wenn die pittoresken Kostüme, die weißen Dra- 
perien der Bürger, die funkelnden Waffen der Krieger 
unter einem azurnen Himmel eine Harmonie der Farben 
und in ihrer Massenwirkung einen erstaunlichen Kon- 
trast hervorbrachten ? Die Theatervorstellung, die uns 
geboten wurde, w^ar nicht der Mühe wert, Tänze, die 
man nicht ausnehmen konnte, Gesänge, die sich im 
ungeheuren Räume verloren, alles erschien zwergen- 
haft In diesem großen Rahmen. Die Alten rechneten, 
indem sie Wettrennen und Kämpfe in den Amphi- 
theatern aufführen ließen, ganz richtig damit, daß das 
menschliche Auge sich nur dann an dem Dargebotenen 
erfreuen könne, wenn dieses im Verhältnis zu seiner Um- 
gebung stehe. Man mußte also, um der Menschenmasse 
ein Interesse an den Spielen einzuflößen, die Seele durch 
die Handlung und durch wirkliche Leidenschaften 
fesseln. Die Alten mißbrauchten allerdings auch diese 
Triebfeder, wie sie ja alles übertrieben. Ihre immer mehr 
wachsende Verderbtheit versteinerte schließlich ihre 
Herzen, sie brauchten endlich Metzeleien, um sie zu 
rühren. 

Unsere Abreise hatte sich von Tag zu Tag verzögert, 
obgleich uns eigentlich nichts mehr hier zurückhielt. 
Die Merkwürdigkeiten Veronas waren erschöpft und seine 
Umgebung konnte in dieser Jahreszeit unsere Neugierde 
nicht erwecken. Außerdem wohnten wir entsetzlich, ich 
z. B. lag auf der Ottomane unseres Salons. „Nur unsere 
Intimen werden uns vermissen, denn wir bilden ja eigent- 
lich ihre ganze Ressource. Vor allem sind es der Marquis 
von CaraTnan^)und der Graf de IjüFerronnays, die uns zu- 
rückzuhalten suchen. Ersterer hatte mit immer größerer 
Hingebung begonnen, meiner Schwester zu huldigen, 
i) s. Bd. II. 208. 

74 



letzterer zeichnete mich ebenso in seiner leidenschaft- 
lichen Weise aus. Wir sehen sie morgens und abends 
und diese Intimität hindert mich, das Ganze als ein- 
fache Koketterie aufzufassen. Ich weiß nicht, wie es 
kommt, daß mein Verehrer mir nur mehr von seiner 
Liebe spricht. Ich verschanze mich hinter meine Spott- 
sucht, mehr Reserve würde der Sache einen ernsteren 
Anstrich geben. Aber das steht wirklich nicht dafür!" 

Vor einigen Tagen ließ mich de La Ferronnays einen 
Brief meiner Kusine Lady Marianne Acton^) lesen, mit 
der er früher eine sehr ernste Liaison hatte. Seit zehn 
bis zwölf Jahren, so lange dauerten ihre Beziehungen, 
führten sie miteinander eine leidenschaftliche Korre- 
spondenz. Es schien mir, daß Lady Acton ein ebenso 
zärtliches, aber viel beständigeres Herz besaß, wie 
mein jetziger Freund. M. de La Ferronnays hatte ihr 
nämlich angezeigt, daß er sie vielleicht in Neapel be- 
suchen werde. Die Glückseligkeit, die trunkene Freude, 
die diese Hoffnung in der Seele dieser liebenswürdigen 
Frau auslöste, sprachen aus jeder Zeile dieses Briefes. 
Es ist unentschuldbar, sich anderen Gedanken hinzu- 
geben, wenn man ein so anbetungswürdiges Weib seiner 
harren weiß! Aber so sind die Männer und M. de La 
Ferronnays war in jeder Hinsicht der Mann, wie er im 
Buche steht. Die Macht des Schicksals, des Unglückes 
und der Verhältnisse sollte an seinem energischen und 
starken Charakter abprallen, dem Hauche der Ver- 
führung gegenüber war er nur ein schwankes Rohr. 

Er sagte mir neulich eine Menge Dinge, an die ich 
nicht glaubte, über die ich mich aber nicht ärgern 
konnte und die ich beantworten mußte. Ich sagte 
ihm endlich : „Was wollen Sie eigentUch von mir ? Was 
i) s. Stammbaum der Acton in diesem Band, S. 117. 

75 



kann ich Ihnen denn sein ? Alle Ihre Herzkammern 
sind doch schon besetzt ? Sie haben eine Menge Freun- 
dinnen, die Sie in jeder nur möglichen Weise lieben." 
(Ich kenne wirklich keinen Mann, der mehr und angeneh- 
mere Beziehungen zum weiblichen Geschlechte hatte.) 
„Kann denn diese reizende Frau, deren ganze Seele Sie 
besitzen, in Ihrem Herzen auch nur die geringste Leere 
aufkommen lassen ? Was wollen Sie mit einer neuen 
Liebe anfangen ?" Doch meine Argumente vermochten 
ihn nicht zu überzeugen. „Meine Freundinnen", mein- 
te er, „verstehen mich nicht und noch weniger die 
Eigentümlichkeit meines Charakters, die Ungleich- 
heiten meiner Seele und jenen unersättlichen Durst 
nach Glück, den weder die Erfahrung, noch die Jahre 
beschwichtigen können. Marianne allein erriet mich, 
denn ihre Seele ist der Spiegel der meinigen, aber eben 
deshalb kann sie mir um so weniger Ruhe geben, die sie 
selbst nicht besitzt. Auch verursachte ihr leidenschaft- 
liches Ungestüm ihr immer eine Art Abscheu vor 
allem, was mein intimes Leben angeht." Dann ging 
er auf mich über und meinte, mit mir könne er viel 
besser über seine Kümmernisse, seine Träume und In- 
teressen reden, bei mir finde er allein den Frieden etc. 
Das Ende unserer langen Konversation war, daß er 
mich um die Erlaubnis bat, mir schreiben zu dürfen 
und ich es gestattete. Glücklicherweise verließen wir 
bald Verona, er fand Zeit, mich trotz aller Briefe 
zu vergessen. Ungeachtet aller Ruhe, die mein neuer 
Freund mir gegenüber vorschützte, sah ich in seinen 
Blicken etwas, was wenig nach ruhiger Freundschaft 
aussah. Ich zog es aber vor, über dies alles lieber par 
distance zu sprechen, ich war der Vergangenheit siche- 
rer, als der Zukunft. 



Am 25. November dinierten wir beim Fürsten 
Metternich, ich saß an seiner Seite, er sprach interessant 
über Rom und ohne seine gewöhnliche Weitschweifig- 
keit. Neben mir saß M. de La Ferronnays, der mit mir 
wegen meines Mißtrauens schmollte. Ich hoffe, daß die 
Rührung beim Abschiednehmen mir meinen Pardon 
verschafft hat. Im übrigen hatte er ja Recht, ich sah 
wirklich eine Menge Hindernisse, die sich einer ein- 
fachen Liaison d'amitie zwischen ihm und mir ent- 
gegenstellen würden. Nicht das Geringste ist die Leiden- 
schaftlichkeit meines Charakters, die mich wahrhaft er- 
schrecken machte. 

Bevor ich den Bericht über diesen Tag schließe, 
möchte ich noch einige Worte über die Fürstin Zenaide 
JFolkonski^) verlieren. Sie deklamierte uns abends bei 
ihrer Schwägerin, der Fürstin Peter Wolkonski, einige 
Szenen aus französischen Tragödien mit einer Innigkeit, 
Einfachheit und Erhabenheit, wie ich es noch nie ge- 
hört habe. Ganz entzückend rezitierte sie den Traum 
der Athalie. 

„Diese Fürstin Wolkonski bildet in der Gesellschaft 
gleichsam eine jener exotischen Pflanzen, die man in 
unsere Gärten versetzt hat und deren wunderliche 
Formen sofort unsere Aufmerksamkeit erregen. In- 
mitten des Gekünstelten und Konventionellen, das 
unsere erste Gesellschaft charakterisiert, herrscht in 

1) Zenaide Alexandrowna, geborene Belosselsky-Belozersky (1792 
bis 1862), heiratete 18 10 den Fürsten Nikita Grigoriewitsch IFol- 
konsky (1781 — 1844), russischen Oberstjägermeister. Sie hatte 
einen Sohn Alexander und etablierte sich mit ihm in Rom, wo sie 
eine Villa nächst der Piazza di S. Giovanni in Laterano kaufte und 
katholisch wurde. Sie starb dort am 24. i. 1862 und wurde in der 
Kirche S. S. Vincenzo ed Anastasio in der i. Kapelle zur rechten 
Hand begraben. Der Papst Heß sie selig sprechen. 

77 



ihr etwas Unabhängiges, Natürliches und Aufrichtiges, 
das seltsam anmutet. Sie folgt dem von ihr vorgezeich- 
neten Wege, ohne den ausgetretenen Pfad der Gesell- 
schaft zu wandeln. Sie soll sehr geistreich und unter- 
richtet sein, ich kann darüber nicht urteilen, denn sie 
paradiert mit diesen zwei Eigenschaften so wenig, daß 
wohl nur ihre Freunde allein sich ein Urteil anmaßen 
können. Mit ihren Talenten, die für sie mehr ein Aus- 
ruhen, denn eine Beschäftigung bedeuten, ist sie we- 
niger zurückhaltend, sie musiziert gerne, weil es ihr 
Vergnügen macht, sie spielt mit Vorliebe Theater und 
komponiert Opern, die sie bei sich aufführen läßt, sie 
umgibt sich mit Sängern und Possenreißern, weil sie 
sie zur Unterhaltung benötigt, sie sucht keineswegs die 
Gesellschaft auf, weil sie dort nur Langeweile und 
Zwang vorfände. Alle diese zahlreichen Beschäfti- 
gungen lassen ihr wenig freie Zeit. Einen großen Teil 
des Tages widmet sie der Erziehung ihres Sohnes, und 
um sich von seinen Fortschritten überzeugen zu kön- 
nen, ohne sich auf Fremde verlassen zu müssen, wollte 
sie sich alle Materien aneignen, in denen er unterrichtet 
werden sollte. Kann sie auch nicht den Knaben in allem 
selbst unterweisen, so nimmt sie wenigstens an allen 
seinen Lektionen teil. Ihr Gatte, der Fürst Nikita Wol- 
konskiy wird von ihr als Nebensache, als ein Nichts be- 
handelt. Und doch war er es, den sie früher anbetete, 
für den sie ihre Schönheit hingab und fast ihr Leben 
aufs Spiel setzte. In einem Anfalle von Eifersucht und 
moralischer und physischer Konvulsionen durchbiß sie 
sich die Lippe und entstellte sich so. Heftige Nerven- 
anfälle taten das übrige, sie ist nicht mehr schön und 
ihre Gesundheit erbärmlich, aber ihr bleiches Antlitz, 
das Toilettekünste nur selten berühren, ist nicht ohne 

78 



Zu Bd. III, S. 78 79. 




Die seliggesprochene Zenaide Alexandrine Fürstin Wolkonsky. 
(1792 — 1862.) 



Nach dem Gemälde von Isabey (1815), reproduziert in dem Prachtwerk 
„Les portraits Russes" des Großfürsten Nikolaus Michaelowitsch. 



den Reiz, den der Kontrast eines hinfälligen Körpers 
mit einer Feuerseele hervorruft. Es ist nur zu natür- 
lich, daß eine Frau mit einem derartigen Charakter 
mehr als einmal den Sturm der Leidenschaft über sich 
hinwegbrausen fühlte und sich ihm mit der Verwegen- 
heit eines Herzens hingab, das keine Hindernisse kannte. 
Die Reputation der Fürstin Wolkonski ist auch keines- 
wegs frei von schweren Anwürfen, abgesehen von denen, 
die ihre Sonderlichkeit hervorruft. Ich kenne aber nicht 
die Details ihres Lebensromanes." 

Am 26. November brachen wir von Verona auf und 
trafen am 28. in Bologna ein. Dort lernten wir eine der 
liebenswürdigsten Damen kennen, eine Gräfin Mares- 
calchiy geborene BrignoW^) aus Genua, von der Kon- 
stantine Auskünfte über die Tochter der Nany Goess, 
verheirateten Ghisüieri^), wünschte. Diese Tochter war 
nach dem Tode ihrer Mutter in ein Kloster gegeben 
worden, aus dem meine Schwester Goess sie gerne her- 
ausnehmen wollte, da ihr Vater, ein Schwachkopf, sie 
doch nie erziehen konnte. Die Frau Marescalchi inter- 
essierte sich auch für die arme Waise, da sie mit deren 
Mutter enge befreundet gewesen. Als man uns in 
unserer Herberge diese Frau anmeldete, erwartete ich 
eine dicke Italienerin in Begleitung ihrer Zofe eintreten 
zu sehen und war angenehm überrascht, als ich eine 
sehr elegante, junge Frau mit den besten Manieren, 
einer melodischen Stimme sowie angenehmen und inter- 
essanten Gesichtszügen vor mir sah. Eine liebenswür- 
dige Dame ist mindestens soviel wert, wie eine andere 

i) Graf Rudolf Apponyi erwähnt in seinem Journal 1826 — 50, . 
Paris, Plön, 1913, I. Bd. S. 326 eine Gräfin Marescalchi^ Schwester 
der Herzogin von Dalberg; beide seien aus dem großen Genueser 
Hause der Brignoli gewesen. Also wohl identisch mit Obiger. 

2^ s. Bd. T. S. 283. 

79 



Sehenswürdigkeit, namentlich in ItaHen, wo solche Er- 
scheinungen selten sind. Unser Gast sprach voll Rühr- 
ung von den Leiden seiner unglücklichen Freundin, 
und oft mußte er seine Tränen zurückhalten. Er ließ 
uns seinen Logenschlüssel und wir hörten abends einige 
Arien einer Sängerin, namens Pesaroni, deren Alt- 
stimme trotz ihrer 50 Jahre noch schön zu nennen war. 
Es folgte dann ein heiteres Ballett, heiter deshalb, weil 
es von Krüppeln getanzt wurde. Ein Werbeoffizier 
betritt nämlich unter Trommelwirbel ein Dorf, groß 
ist hier die Bestürzung, aber ein Spaßvogel weiß sofort 
einen Ausweg. Als der Offizier näher kommt, treten 
die Dorfbewohner aus ihren Häusern als Krüppel, Ein- 
äugige, Lahme, Bucklige und Hinkende in den lächer- 
lichsten Haltungen und alle von Kriegsbegeisterung 
und dem Wunsche, Soldaten zu werden, beseelt. Um 
ihrem Ungestüm zu entgehen, flüchtet sich der über- 
raschte Offizier und augenblicklich fängt das Spital zu 
tanzen an. Aber plötzlich erscheint jener wieder und 
es war nun zum kranklachen, wie die Tänzer sofort 
ihre Rollen als Krüppel aufnahmen. Im Augenblicke 
ihrer größten Verzweiflung trifft endlich eine Ordre 
ein, die die Rekrutierung einstellt, worauf die allge- 
meine Freude wieder anhebt. Ich lachte, wie schon 
lange nicht, namentlich aber über ein dummes Bauern- 
mädchen, das von der ganzen Handlung nichts verstand, 
unaufhörlich an einem Stück Käse herumknapperte 
und mit klassischer Dummheit herumschaute. Das Sujet 
des Ballettes wollte ich mir übrigens für Feldsberg ^) 
merken, wo es das Repeitoire gewiß bereichern würde. 
Die Fahrt von Sinigaglia nach Ancona machten wir 
bei schönstem Wetter auf einem Schiffe. Bei unserer 
1) Liechtensteinsches Schloß in Niederösterreich. 

80 



Ankunft empfingen uns der russische und österreichische 
Konsul von Ancona und zeigten uns die Sehenswürdig- 
keiten der Stadt. Der letztere ließ mich auch ein kleines 
griechisches Schiff im Hafen sehen, das mit aufgezo- 
gener griechischer Revolutionsfahne einfahren wollte, 
aber zum Einholen derselben gezwungen worden war, 
da sie die einer nicht anerkannten Macht sei. Nun war- 
tete man von Verona die Erlaubnis ab, der Equipage 
des Schiffes das Landen zu gestatten. Ich fragte den 
Konsul, was diese Griechen von Morea sagten und ob 
sie auf einen guten Ausgang hofften. „Sie können kaum 
mehr die Entscheidungen des Kongresses von Verona 
erwarten," antwortete er, „sie können es nicht glauben, 
daß das christliche Europa seine Brüder verlassen werde," 
— „Und denken sie nicht an die Möglichkeit, im Stiche 
gelassen zu werden?" — „O ja, und in diesem Falle 
sind sie entschlossen, als freie Helden mit den Waffen 
in der Hand zu sterben," Ich sah im Hafen noch ein 
anderes, segelfertiges Schiff, das mit griechischen Aus- 
wanderern von der Walachei und der Moldau angefüllt 
war. Diese Unglücklichen, die unter tausend Gefahren 
den Metzeleien in ihrer Heimat entkommen waren und 
durch die langwierige Reise ihre Kräfte und Mittel auf- 
gezehrt hatten, wurden jetzt aus Italien wie Land- 
streicher abgeschoben. Beim Anblick dieser traurigen 
Gruppen, die auf dem Verdecke ihres Schiffes saßen, 
mußte ich unwillkürlich an die Emigrierten der fran- 
zösischen Revolution denken, die man auch von Land 
zu Land schob, bis sie endlich in ihre Heimat zurück- 
kehrten, wo sie jetzt herrschen. 

Am 5. Dezember langten wir nach glücklicher Pas- 
sierung der Apenninen in Terni an, von wo wir gleich 
zur Besichtigung des berühmten Wasserfalles auf- 

6 M. L. III ^^ 



brachen. Unser kleiner Cicerone, geschwätzig und witzig, 
wie nur ein Italiener, unterhielt uns während des 
Weges über den neapolitanischen Krieg. „Sehen Sie," 
meinte er, indem er auf die Bergkette wies, „dort soll- 
ten 1821 lauter Befestigungen erbaut werden, und die 
Neapolitaner wollten sie herzhaft verteidigen. Sie hätten 
dadurch die Passierung der Abruzzen unmöglich und 
ihre Stellung uneinnehmbar gemacht, — ma . . . giunti 
gli austriachi scapati i Napolitani"^). 

„Einige Tage vor ihrem Rückzuge", fuhr er fort, 
„betrat des Abends ein neapolitanisches Dragoner- und 
ein Infanterieregiment unter Trommelwirbel Terni und 
verlangte Lebensmittel. Der Bürgermeister antwortete, 
er hätte keinen bezüglichen Befehl, aber man könne die 
Soldaten nicht hindern, selbst zu nehmen. Auf diese 
Weise beobachtete der h. Vater nämlich eine kluge 
Neutralität. Während dieser Verhandlungen bemerkte 
man auf der Straße von Ancona zwei Reiter, die kühn auf 
Terni losritten. Sofort herrschte allgemeine Bestürzung: 
das kann nur die Spitze der österreichischen Armee 
sein, denn es ist unmöglich, daß diese zwei Reiter 
allein herumreiten, die Haupttruppe folgt ihnen un- 
bedingt nach etc. Was tun ? Am vorsichtigsten ist es 
wohl, sich zurückzuziehen und wirklich — die beiden 
Regimenter kehrten eilends in ihre Berge zurück, die 
sie nicht mehr verließen. Die beiden Reiter aber, 
welche die große Retirade verursacht hatten, waren 
zwei päpstliche Gendarmen, die nun gleich dem Hasen 
von der Quelle sagen konnten: „Nous sommes des 
foudres de guerre — wir sind Kriegshelden." 

Auf dem Rücken meiner Eselin, mit Namen Signorita, 

i) „Aber . , . kaum waren die Österreicher da, waren die Neapoli- 
taner schon auf und davon." 

82 



die mit unfehlbarer Sicherheit auf den schlüpferigen 
Pfaden längst des Wasserfalles dahinging, hörte ich den 
munteren Reden meines Führers zu. Als wir längs des 
Baches, der unschuldig daran ist, daß er jetzt 80 Fuß 
herabstürzen muß ^), gingen, kamen wir durch ein Lor- 
beergebüsch und ich bemerkte bei einem Jasminstrauch 
einen weißen Marmortisch. „Hier", erklärte mein 
Führer, „nahm die Königin von England^), 3 Wochen 

i) Die berühmten Wasserfälle von Terni (Cascate delle Marmore), 
vom Velino gebildet, sind das Werk des römischen Konsuls M. 
Curtius Dentatus, der durch einen Bergdurchstich die sumpfartigen 
Überschwemmungen des VeUnus ableiten ließ. 
2) Es handelt sich um Karoline Amalie Elisabeth von Braunschweig- 
Wolfenbüttel^ geb. am 17. Mai 1768, seit 8. April 1795 mit dem 
späteren König Georg IV. vermählt, der sie von Anfang an grenzen- 
los vernachlässigte und roh behandelte. Er ließ sie einsperren, umgab 
sie mit Spionen, und beraubte sie auf eine falsche Anklage hin 
ihrer Tochter. Um solchen Mißhandlungen zu entgehen, begab 
sie sich auf Reisen und scheint sich in späteren Jahren nicht immer 
auf eine würdige Art getröstet zu haben; 1814 entdeckte Karoline 
in Mailand beim österr. General Domenico Pino einen „baum- 
langen starken" Reitknecht, namens Bergami, den sie als Kammer- 
diener übernahm und ihn zu ihrem Geliebten machte. Ein Jahr 
später brachte Bergami seine ganze Verwandtschaft ins Haus seiner 
Geliebten, die diesen 9 Personen allerlei hochtönende Titel verlieh, 
Bergami jedoch zu ihrem Oberstallmeister ernannte. 18 16 erhob sie 
ihn zu einem Baron della Froncini und erwirkte für ihn sogar das 
Malteserkreuz. Sie reiste dann mit ihm nach Jerusalem, wo sie den 
Orden der h. Katharina gründete und ihren Freund Bergami zum 
Ordensgroßmeister ernannte. Nachdem sie wegen ihrer Aufführung 
aus allen Staaten ausgewiesen worden war, kaufte sie sich 1817 ein 
Landgut bei Pesaro im Kirchenstaate und verbrachte dort mit 
Bergami 2 glückliche Jahre. Charakteristisch für ihr Auftreten ist 
u. a. ihr Besuch in Wien 1817, wo sie eine Audienz bei Kaiser Franz 
zu erlangen hoffte, die ihr aber abgeschlagen wurde. Sie erschien 
damals am 8. April in einem Theater zum Erstaunen der guten 
Wiener mit ihrem hochroten Gesichte und ihrem borstigen Haare, 
die Beine in blauseidenen Pantalons, die ein kurzes Röckchen nur 
zur Hälfte verdeckte. Der engl. Gesandte in Wien Lord Stewart 
ergriff, als er von ihrem Eintreffen hörte, mit seinem ganzen Ge- 
sandtschaftspersonal die Flucht, um sie nicht empfangen zu müssen. 

83 



hindurch, ihren Tee mit Bergami. ^' Welch' ein Schäfer 
und welche Schäferin ! Und doch wird man in hundert 
Jahren aus dieser häßlichen Affäre den schönsten Ro- 
man erdichten. Von diesem Lorbeerboskett, Salva fio- 
rita genannt, tritt man durch eine efeuumrankte 
kleine Türe in eine Orangenallee. Da man dort gerade 
pflückte, so fielen uns und den Eseln die Früchte auf 
die Nasen, wir kamen uns wie die Argonauten im Gar- 
ten der Hesperiden vor. Diese Allee führt zur Villa 
Graziani, die die Königin und ihr Liebhaber bewohn- 
ten. Welch' glückliche Hand hat das Laster! Wird man 
jemals ein tugendhaftes Liebespaar ein solches Asyl 
bewohnen sehen .? 

(3. Strobl V. Ravelsberg „Metternich und seine Zeit", II. Bd., S. 
69 — 74). Als ihr Gemahl als Georg IV. den englischen Thron bestieg, 
kam sie zurück, wurde aber von dem Gatten, der sie vergeblich 
fernzuhalten versucht hatte, des Ehebruches angeklagt. Es entspann 
sich nun ein sogenannter Crim.-Con. -Prozeß (vom 19. Aug. bis 
10. Nov. 1820), der zu den skandalösesten gehörte und sogar in drei 
dicken Bänden gedruckt wurde, aus dem die Königin aber siegreich 
hervorging, zur Befriedigung des Volkes. Sie starb aber bald 
danach (1821). 



84 



rHiiffififHtrtntifiti 



XXVII. ROM 

Seit dem 7. (Dezember) sind wir in Rom, und merk- 
würdigerweise sagt mir der Gedanke, in der ewigen 
Stadt zu sein, vorderhand gar nichts. Ich stand in der 
Frühe mit der größten Ruhe auf, fand, daß wir in einem 
elenden Hause, in einer miserablen Straße wohnten, daß 
alles, was ich vom Fenster aus sehen konnte, schmutzig 
und garstig sei. Da ich bis jetzt noch nichts Antikes 
erblicken konnte, sah ich wenigstens nicht ein, warum 
alles so schmutztriefend sein müsse. Schuld an dieser 
Enttäuschung trägt die Gräfin Jpponyi^), die uns in 
einem der traurigsten Quartiere Roms einlogierte. Ich 
änderte übrigens gar bald meine Voreingenommenheit. 
Meine Streifzüge in die antike Welt Roms übergehe 
ich hier, da ich wohl auch nichts anderes berichten 
kann, als andere Reisende. Ich verbuchte mir übrigens 
alles mit der größten Gewissenhaftigkeit." 

Den 13. verwendeten wir mit der Betrachtung mo- 
derner Bilder. Zuerst sahen wir im Atelier des preu- 
ßischen Malers Catel^) einige hübsche Interieurs, dann 
besuchten wir eine Ausstellung preußischer Maler, die 
zu Ehren ihres Königs eröffnet worden war, es war 
aber das Reich der Mittelmäßigkeit. Nur Robert^) ragte 

i) s. Bd. II. III und später. 

2) Franz Catel, Landschaftsmaler, Autodidakt, geb. Berlin 1778, 
gest. 1856 zu Rom. 

3) Leopold Robert (1794 — 1835), berühmter französischer Genre- 
maler, besonders aus dem italienischen Volksleben. 

85 



durch sein Kolorit in seinen Räuberszenen, weniger 
aber durch korrekte Zeichnung hervor. Dann besuchten 
wie einen Wiener Maler Rebell^), dessen Marinestücke 
sich wahrhaft Vernet näherten, so natürlich war der Ton 
der durchsichtigen Wogen getroffen. Dieser Künstler 
verbrachte einen Teil seiner Zeit damit, die Stürme 
auf dem Meere zu studieren; oft wurde er und seine 
Palette vom Regen und den Wellen ganz durch- 
näßt. — Abends sangen bei Gräfin Apfonyi zwei Sänger 
komische Arien; einer von ihnen hatte eine schöne 
Stimme, er hieß Cantoni, der andere Barbieri. Seine 
Heiterkeit machte seine schwache Stimme vergessen. 
Er soll der Geliebte der Fürstin Zenaide Wolkonski 
gewesen sein. 

Am 17. besuchten wir das Atelier Camuccinis^), dessen 
Kompositionen gut gruppiert, gut gezeichnet und ge- 
malt und dennoch nicht naturwahr waren. Wie sollte 
auch der sanfte, gut erzogene, kokette Camuccini wissen, 
wie die Züge des Regulus aussahen, als er nach Karthago 
zurückkehrte, oder eines Virginius, wie er seine Toch- 
ter erdolchte ? Wenn es ihm der Ballettmeister nicht 
beibringt, wird er niemals auch nur die geringste 
Ahnung davon haben. Wer das Meer nur bei einer 
leichten Brise gesehen hat, kann einen Sturm auf der 

i) Rebell, Josef, Landschaftsmaler und Radierer, geb. zu Wien 
am II. Januar 1787, gest. am 18. Dezember 1828 in Dresden. Er 
bereiste 1809 die Schweiz und Mailand, begab sich später nach 
Rom und 18 11 nach Neapel an den Hof Murats. Von da 18 15 nach 
Rom zurückgekehrt, wurde er 18 19 dem Kaiser Franz bekannt, 
der ihn 1824 zum Galeriedirektor am Belvedere in Wien ernannte 
(s. A. Seubert, AUg. Künstlerlexik. 1882, III. S. 122). 
2) Vincenzo Camuccini, geb. zu Rom 1775, gest. daselbst 2. 9. 
1844, italienischer Maler, päpstlicher Baron und Generalinspektor 
der päpstlichen Gemälde und der Mosaikfabrik. Er malte biblische 
und profangeschichtliche Bilder. 

86 



Leinwand nicht wiedergeben. Mein lieber Camuccini, 
frage dich bei Rebell an! 

Dann verbrachten wir drei Stunden in der Peters- 
kirche und stiegen schließlich in die Kuppel bis zum 
Kreuzknopf auf 700 Stufen empor. Man sieht dort Rom 
aus der Vogelperspektive, seine Ruinen, Paläste, Gärten, 
unzählige Kirchen und den Tiber, dessen schwer- 
fälHges, gelbes Wasser den Staub der Jahrhunderte 
mit sich zu schleppen scheint. Ich genoß dieses Schau- 
spiel, wie ich gestehen muß, trotz der enormen Stein- 
balustrade nur wenig, ich fühlte Schwindel, denn ich 
bin ja leider nicht so stark, wie die englischen Damen, 
deren Instinkt sie, wie die Raben, dazu treibt, so hoch, 
als nur möglich zu steigen. In dieser einen Beziehung 
möchte ich vielleicht mit den sonst so einfältigen, 
prüden und plappernden Insulanerinnen, die immer 
so bereit sind, sich vom ersten besten entführen zu 
lassen, tauschen, denn sie sind viel mutiger als ich, und 
wenn ich sie auf die Spitze eines Berges oder eines 
Turmes klettern sehe, bewundere ich sie aufrichtig.. 

Ich will von ihnen einen Streich nach ihrem Ge- 
schmacke erzählen : es existiert eine Strickleiter von 
einem Fuß Breite, die bei einer Luke des Kreuzknopfes 
hinaustritt, sich an die äußere, gewölbte Kupferkuppel 
anschmiegt und am Kreuze bis zu dessen Spitze empor- 
steigt. Diesen Weg muß der Mann beschreiten, der am 
Tage der Illumination der Peterskirche das Kreuz mit 
Lichtern zu versehen hat. Der Gedanke daran macht 
schaudern und doch ist der Mann gut angeseilt. Was 
soll man jedoch zu einer kleinen kurzröckigen Miß 
sagen, die eines schönen Mittags diese Leiter entdeckt, 
mir nichts, dir nichts hinaufklettert und auf der glän- 
zenden Spitze des Kreuzes ein Billett an eine ihrer 

87 



Freundinnen mit der Aufschrift „Vom Kreuze der 
St. Peterskirche" schreibt ? Wenn ich nur daran denke, 
wird mir schlecht. Seit dieser „Heldentat" ist der Zu- 
tritt zur Strickleiter strenge verboten und die Kusto- 
den dürfen unter Verlust ihrer Stellung niemals einen 
Engländer oder eine Engländerin, die die Kuppel be- 
sichtigen, aus den Augen verlieren. Ein Milord wollte 
eines Tages seinen Führer zwingen, ihm die Luke zu 
öffnen, doch dieser entschlüpfte, sperrte die Türe 
zum Kreuzknopf ab und ließ den edlen Lord über eine 
Stunde im Finstern, bis endlich Gardisten kamen und 
ihn befreiten. 

Das Vergnügen, in Rom zu sein, wurde mir durch 
ein rheumatisches Fieber, das die arme Konstantine 
befiel und ihr besonders heftige Kopfschmerzen ver- 
ursachte, stark beeinträchtigt. Sie litt viel, namentlich 
durch den abscheulichen Lärm auf der Straße, jene 
Stimmen, die zu singen glauben und Tag und Nacht 
heulen, jene entsetzHchen Pifferai, welche ihr jede 
Ruhe raubten und das Fieber steigen machten. Welch 
ein Unglück, in Italien krank zu sein, man findet keinen 
ruhigen Winkel im ganzen Hause. Wir waren wieder 
furchtbar logiert und zwar in denselben Zimmern, 
worin vor einigen Monaten die schöne und junge Prin- 
zessin Sangujzko einem Nervenfieber erlag. Die gute, 
honigsüße Gräfin Apponyi^) hatte uns durch diese Woh- 
nung den Aufenthalt verekelt und war schuld an der 
Krankheit Konstantinens. Ich zog nun entweder mit 
Rasumoffsky allein herum, meine arme Schwester ver- 

i) Therese Gräfin Nogarola, geb. 5. 2. 1790, gest. Preßburg 19. 3. 
1874, heiratete 17. 8. 1808 den Grafen Anton Apponyi, geb. 7. 9. 
1782, gest. Nagy-Appony 17. 10. 1852, 1819 Gesandter in Rom, 
1826 — 1849 in Paris. 



missend, oder ich sass an ihrem Krankenlager, in Sehn- 
sucht nach den Sehenswürdigkeiten, die ich dabei ver- 
säumte. Rom konnte jetzt wohl noch ein Gegenstand der 
Belehrung, doch nicht mehr der Freude für mich sein. 

Am 22. Dezember schreibe ich in meinem Journal: 
Graf Ficquelniont^), der von Verona ankam, um den 
Posten eines österreichischen Gesandten in Neapel anzu- 
treten, schickte mir einen Brief des M. de 'LzFerronnays. 
Dieser muß auf seine Reise nach Neapel, „the object of 
his most sanguine hopes", verzichten. Er gibt keinen 
Grund an, doch ich denke, es wird der bevorstehende 
Krieg zwischen Frankreich und Spanien sein, der alle 
französischen Gesandten zwingt, auf ihren Posten zu 
bleiben. Er ist verzweifelt, aber ich bedaure besonders 
die arme Lady Acton, deren Sehnsucht nach de La Fer- 
ronnays sich in ihrem damaligen Briefe in so rührender 
Weise kundgab. Ich bin über sein Wegbleiben gar nicht 
böse, ich wüßte nicht, was ich mit seinen Beteuerungen 
und Koketterien beginnen sollte. 

Während ich früher nur das Atelier Camuccints ge- 
sehen hatte, machte ich heute seine persönliche Be- 
kanntschaft. Ich verdankte es dem Grafen Esterhäzy, 
diesen bescheidenen, geistreichen und mehr durch 
seinen Charakter, als durch sein Talent bekannten 
Mann kennen gelernt zu haben. Camuccini hatte ge- 
rade mit seinem Bruder zusammen einige wundervolle 
Gemälde gekauft, die er uns mit Freude zeigte. Es war 
sehr interessant, wie er Rasumoffsky und mir deren 
Schönheiten und Fehler erklärte, sie gegeneinander 
hielt und einen geschichtlichen Kommentar dazu gab. 
Für mich war es ein ganzer theoretischer Kurs über 
die Malerei. Dies alles sagte er in seiner harmonischen 
i) s. Bd. I. 44. 

89 



und blumenreichen Sprache, wegen der er in Rom 
ebenso berühmt ist, als wegen seiner Bilder. Ein solches 
Italienisch ist für einen Nordländer, der in der Rede- 
kunst nur ein Mittel sieht, seine Gedanken auszu- 
drücken, wahrhaft eine Symphonie und man ist ver- 
sucht, zu glauben, daß so die Sprache unserer Stamm- 
eltern im Paradiese gewesen sein müsse. 

Über unsere wiederholte Bitte zeigte uns Camuccini 
auch seine Skizzenmappe, obwohl er in seiner Be- 
scheidenheit nicht begreifen konnte, wie hier angesichts 
der Meisterwerke der ewigen Stadt seine Kartons irgend- 
ein Interesse erwecken könnten. Meiner Meinung nach 
sind sie, was Komposition und Korrektheit anlangt, 
den besten Werken an die Seite zu stellen. Mit großer 
Wärme sprach er von Sir Thomas Lawrence'^), ich 
machte ihn auf die vielen Zeichenfehler der Eng- 
länder aufmerksam, worauf er entgegnete: „Dies kann 
man einem Porträtmaler viel eher verzeihen, als einem 
Historienmaler, uns würde man es nicht vergeben, 
wenn wir irgendeinen Helden zum Krüppel machen 
würden. Übrigens", meinte er lachend, „sollten sich 
die Toten darüber eigentlich weniger beklagen, als die 
Lebenden." 

Nach Camuccini besuchten wir das Atelier Thor- 
waldsens^)y des ersten Bildhauers unseres Jahrhunderts, 
seitdem der arme Canova tot ist. „Es wimmelt dort von 
Kompositionen und fertigen Werken, obwohl Thor- 
waldsen sie nur zeichnet und die letzte Hand daran 
legt. Wir gingen durch vier bis fünf Gewölbe, voll von 

i) 8. Bd. II. 309. 

2) Bartolomäus (Albert) Thorwaldsen, geb. 19. 11. 1770 zu Kopen- 
hagen, gest. 24. 3. 1844 zu Kopenhagen, der berühmte dänische 
Bildhauer, lebte von 1820 — 1838 in Rom. 

90 



Statuen und Basreliefs. Die letzteren sind über alles 
Lob erhaben, wer kennt nicht seinen „Genius der Nacht" 
und den des „Tages", seinen großartigen Triumph- 
zug Alexanders, ein unerschöpflicher Stoff der Beleh- 
rung für junge Künstler ? In dieser Beziehung kann man 
nicht einmal Canova mit ihm vergleichen. Anders ist 
es mit den Statuen; obwohl schön in ihren Formen und 
in ihrer antiken Einfachheit, fehlt ihnen doch das Leben, 
es ist Galathea, bevor Prometheus das himmlische Feuer 
geraubt hatte. So sieht man z. B. seinen Merkur in einer 
graziösen Stellung, mit einer Hand die Flöte haltend, wo- 
mit er Argus einschläfern will, mit der andern Hand vor- 
sichtig das Schwert ziehend, das er dem Nichtsahnenden 
in die Brust stoßen will. Alles ist wahr und in poetischer 
Weise zum Ausdruck gebracht, und doch scheint die 
Figur eher zu Stein erstarrt, denn lebend. Unter der 
großen Anzahl bestellter Werke, die bald in alle Winde 
zerstreut sein werden, sahen wir einen kolossalen Chri- 
stus, einem drapierten Felsen gleich, dann einen h. Jo- 
hannes den Täufer in der Wüste, von acht bis zehn Per- 
sonen in natürlicher Größe umgeben. Beide Werke sind 
sehr gelungen, sowohl im Ausdrucke, als auch in den 
Stellungen; sie sind für Kopenhagen bestimmt. 

Thorwaldsen war nicht selbst im Atelier, aber ich 
sah ihn in Gesellschaft. Er gleicht selbst einer Statue, 
seine Muskeln und Formen besitzen die Starrheit uiid 
Festigkeit des Marmors. Seine Gesichtszüge, umwallt 
von langen, schweren Locken, sind die eines Jupiters, 
und sein blaßgrauer Augenstern gibt ihm den Blick 
einer Steinfigur. Auch seine Knochen scheinen aus Stein 
zu sein, denn neulich spielte ein Kind hinter ihm mit 
einer Pistole, die man für ungeladen hielt. Der Schuß 
traf Thorwaldsen aus nächster Nähe, aber die Kugel 

91 



plattete sich an seiner Brust einfach ab. Sein Charakter 
ist der eines Naturmenschen, und beim Tode Canovas 
soll er seinem Gefühle des Neides und Hasses in einer 
Weise Ausdruck gegeben haben, daß ich lieber nicht 
davon sprechen will, bevor ich nicht diese Tatsache fest- 
gestellt habe. Und doch war Canova der edelmütigste 
Rivale, der beste und sanftmütigste Mensch." 

Bevor ich den Artikel Thorwaldsen schließe, muß ich 
noch eine Begebenheit notieren, die die Dankbarkeit 
des Kaisers Franz in ein wenig günstiges Licht stellt. 
Beim Tode des Marschalls Schwarzenberg war, so viel 
ich weiß, auf Drängen der Armee, bestimmt worden, 
daß ihm in einer Kirche gegenüber dem Grabmonu- 
mente des Prinzen Eugen ein ähnliches errichtet werde. 
Schwarzenberg hatte sicherlich, wenn auch nicht den 
Ruhm, so doch die Verdienste des Prinzen übertroffen, 
er sicherte nicht einer Macht den Sieg über eüie andere. 
Er hatte einen Koloß, ein Schreckgespenst, eine Geißel 
aller Nationen zu stürzen, während er mit seiner Faust 
die verworrenen und leicht zerstörbaren Fäden einer 
Koalition lenken mußte. Seine in der Geschichte einzig 
dastehende Stellung war also nicht nur die eines ge- 
schickten Generals, er bedurfte noch viel mehr der 
Eigenschaften eines jeder Leidenschaftlichkeit und jeder 
menschlichen Schwäche baren Mannes. Diese (seit 
Agamemnon) beispiellose Aufgabe löste Schwarzenberg 
in idealer Weise, Ehre sei seinem Andenken! 

Wenige Jahre waren seit seinem Tode vergangen und 
schon hatte der Herrscher, dem er die Krone und ein 
friedliches Alter sicherte, seiner vergessen. Es verhielt 
sich nämlich folgendermaßen. Im Jahre 1816, als man 
das Monument errichten wollte, wandte man sich an 
Thorwaldsen, der sofort die Zeichnungen machte und 

92 



sie an Metternich mit der Bitte sandte, sie dem Kaiser 
zu unterbreiten. Es kam keine Antwort, der Künstler 
mochte sich noch so oft um das Schicksal seiner Kar- 
tons kümmern, er vernahm nichts mehr. So vergingen 
die Jahre, das Gefühl der Dankbarkeit verblich und 
man hoffte ohne Zweifel, daß auch die Erinnerung es 
ebenso machen werde. Die Nachwelt wird jedoch dar- 
über urteilen, wen wird sie wohl anklagen, Franz oder 
Metternich ? 

Bevor wir Rom verlassen, möchte ich noch über 
einige Personen sprechen, die wir kennen lernten, ob- 
wohl sie in mir lange nicht so großes Interesse er- 
weckten, wie die Altertümer, welche ich jeden Vormittag 
sah. Das Ende des Jahres beschloß ich auf einem Ball 
beim Herzog Laval ^), und einige Tage später folgte ihm 
ein Ball bei einem gewissen Torlonia^). Diese groteske 
Persönlichkeit, ein früherer Schankbursche, war damals 
der Allerweltsbankier, Besitzer vieler Paläste und Gär- 
ten und Fürst von Bracciano, welchen Titel er durch 

i) Der Herzog Anna Adrian v. Laval-Montmorency (1768 — 1837), 
russischer Geh. Rat und Gesandter in Rom, seit 1828 in Wien, hei- 
ratete eine Prinzessin Beloselsky-Belozersky (gest. in Petersburg 1 846). 
2) Giovanni Torlonia, geb. zu Rom 1754 als Sohn des Kammer- 
dieners Marin Tourlonias (gest. 1785) des Kardinals Aquaviva und 
der Maria Angela Land aus Rom; gest. 25. 2. 1829 dortselbst, 
stammte aus einer Bauernfamilie in Marat (Puy-de-D6me). Nach 
de La Garde (II. p. 398) fing er mit Bijouteriehandel an und wurde, 
als er dem zukünftigen Papst Pius VII. zur Reise zum Konklave 
einige hundert Taler vorgeschossen hatte, von diesem aus Dank- 
barkeit zum Hofbankier, Marchese di Roma Vecchia und 1809 zum 
Herzog von Bracciano ernannt. De la Garde nennt ihn „heute 
einen der reichsten Kapitalisten in Europa". Das Herzogtum Brac- 
ciano hatte er übrigens von den Odescalchi, die seit 1696 den 
Titel Duchi di Bracciano e di Ceri führten, erworben, allerdings 
besaßen die Orsini diese Besitzung ehemals auch. Über die ältere 
Genealogie der Torlonia (Tourlonias) siehe „Giornale arald.- 
geneal.-diplom.", Pisa, 1888, Heft 2. 

93 



Ankauf des gleichnamigen Lehens, der Wiege der Fa- 
mihe Orsini, erwarb. Zuerst hatte er sich in einer poe- 
tischen Laune den Titel „Duca di Roma vecchia" nach 
einer seiner Besitzungen gegeben. Doch geschah es eines 
Tages, daß die Signora Torlonia Duchessa di Roma 
vecchia in einem Salon als ,,La vecchia Duchessa di 
Roma" angemeldet wurde. Diese Verwechslung hatte 
keineswegs den Beifall der Dame und, um ein für alle- 
mal einen Riegel vorzuschieben, kaufte man den Her- 
zogstitel der Orsini. 

Um nun zu dem Palais zurückzukommen, wo ich bei 
den Torlonias die Soiree zubrachte, so herrschte darin 
ein solcher Überfluß an Gemälden, Statuen und son- 
stigen Merkwürdigkeiten, daß ich im Gewühle der ein- 
geladenen Gäste nichts genauer betrachten konnte. 
Ich besichtigte nur einen Plafond Camuccinis, dessen 
Entwurf ich in seinem Atelier gesehen hatte. Er stellte 
Psyche dar, wie sie von den Göttern aufgenommen 
wird. Obwohl das Kolorit noch nicht vollkommen 
naturgetreu war, gehörte doch der Plafond zu dem 
Besten, was Camuccini geleistet hatte. Es herrschte in 
diesem Olymp eine Harmonie, eine Helle und ein Glanz, 
daß man sich unwillkürlich frug: „Wie muß erst das 
Paradies aussehen, wenn der Olymp schon so reizend ist ? 

Torlonia besaß eine Herkulesstatue von Canova; ich 
liebe die Herkulesse nicht, aber der ehemalige Schank- 
bursche war nur allzu glücklich, ein Werk des armen Ca- 
novas zu haben, dessen Tod sein Genie begrub. Rasu- 
moffsky besaß ebenfalls eine Statue dieses Künstlers, 
eine junge, anmutige und süße Tänzerin^), aber leider 

i) Ein bzgl., dem Fürsten Rasumoffsky gewidmeter Stich „La 
danzatrice" befindet sich in der Sammlung des Grafen Camillo 
Razumovsky in Wien. 

94 



Zu Bd. III: S. 94/93. 




Antonio Canova (1757 — iSzi). 
Rob. Focosi design. Lu'g' Rodos inven. 



Aus der k. u. k. FamilienFideikommißbibliothek. 



verkaufte er sie bald nach Canovas Tode an Lord 
Stuart. Diesen Morgen drückte es meinem armen Schwa- 
ger fast das Herz ab, als er im Atelier Canovas den Gips- 
abguß seiner Tänzerin erblickte. Sie schien ihm zuzu- 
rufen: „Warum hast du mich verstoßen?" Diese Be- 
gegnung veranlaßte uns, die Zimmer zu durchwandern, 
worin sich die Werke dieses so schnell entschwundenen 
modernen Phidias befanden. Fertige Marmorstatuen 
waren nur wenige vorhanden, sondern hauptsächlich 
Gipsabgüsse der Werke, an denen sich ganz Europa 
bereichert hat. Die weiblichen Figuren hatten eine ganz 
eigne Anmut und Rundung; was die männlichen an- 
langte, so erinnerten mich ihre verkürzten Halspartien 
und ihre etwas schweren Formen mehr an die römi- 
schen Antiken, als an die Eleganz und Geschmeidig- 
keit der griechischen Schule. Letztere hatte, wie ich 
gestehen muß, schönere Modelle, wobei ich nicht einmal 
berücksichtige, daß das Land viel reicher an großen 
Meistern war. Was Canovas Basreliefs anlangt, so 
reichen sie unstreitig weder an die Antike, ja nicht 
einmal an die Thorwaldsens heran. Die Magdalena 
von Somariva und eine andere tote oder schlafende 
Magdalena gefielen mir am besten von allem, was sich 
im Atelier vorfand. Dieses Sujet schien das sanfte und 
weiche Gemüt des Künstlers ganz besonders angeregt 
zu haben, er verstand es ausgezeichnet, jene rührende 
Poesie einer von Liebe, Reue und Hoffnung bewegten 
Frau auch im Tode festzuhalten. Man kann diese Mag- 
dalena, die so bitterlich weint, nicht bedauern, man 
beneidet sie vielmehr, daß sie in ihrem Herzen die 
Quelle zu solch schönen Tränen fand. In einem Zimmer 
des ersten Stockes sahen wir eine Gipsgruppe, dar- 
stellend die h. Jungfrau am Fuße des Kreuzes. Diese 

95 



hält Christus auf ihren Knien, während Magdalena, 
vom Schmerze überwältigt, niedergebrochen ist. Diese 
durch ihre Erhabenheit ausgezeichnete Komposition 
war für eine Kirche bestimmt, die Canova in seinem 
Geburtsorte Possanio bauen ließ; der Tod unterbrach 
jäh diese Pläne. Dies erzählte uns ein alter Wärter, der 
in wehmütiger Andacht dem Andenken und den 
Werken seines Meisters lebte. Mehr unter der Wucht 
des Kummers, als der Jahre gebeugt, sah dieser blasse 
und abgespannte Mann voll Trauer auf die Gruppe, 
die eine andere Hand, als die, welche sie entworfen 
hatte, vollenden sollte, um das Grab dessen zu schmük- 
ken, dessen Künstlerhand bereits in Staub zerfiel. 
Tränen entströmten seinen Augen, er wischte sie ver- 
stohlen ab und sagte, gleichsam zu einer Entschuldi- 
gung: „Er war eben so seelensgut, so gut! Sein Tod hat 
mich hier getroffen" und er wies dabei auf sein Herz. 
Diese Anhänglichkeit eines alten Dieners war wohl die 
rührendste Leichenfeier, sie bekräftigte mir die zahl- 
reichen Lobsprüche, die ich über den Charakter Ca- 
novas hörte. In ihm hatte die Menschheit, ebenso 
wie die Kunst einen ihrer würdigsten Repräsentanten 
verloren. Wir sahen noch in seinem Arbeitszimmer sein 
vor kurzem von Lawrence gemaltes Porträt, ein 
Meisterwerk des englischen Malers. Selbst nach all dem 
Wunderbaren, was ich in Rom an Gemälden gesehen, 
berauschten mich das Kolorit und das Leben dieses 
Bildes. 

Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines sehr 
berühmten französischen Meisters. Leider hatte ich 
seine Werke noch nicht gesehen, was ich um so mehr be- 
dauerte, da, wenn ich sie erblicken sollte, mein Urteil 
nicht mehr unparteiisch sein würde, so nahm mich 

96 



Guerin^), denn von diesem spreche ich, durch seinen 
Geist und seine Umgangsformen ein. Er kam hierher, 
um sich an die Spitze der französischen Akademie zu 
stellen, leider war seine Gesundheit so überaus zart, daß 
man nicht hoffen durfte, ihn lange der Kunst zu er- 
halten zu sehen. 

Unter dem lo. schreibe ich: Von den römischen 
Merkwürdigkeiten sah ich nun auch den Papst 2). Es 
ist schon meine Bestimmung, daß mich das, was alle 
Welt in Rührung versetzt, nicht bewegt. So muß ich 
auch jetzt gestehen, daß ich bei dieser Begegnung nur 
Lachlust empfand. Hier mein Bericht. Da wir wegen 
der vorgeschrittenen Saison nicht wie für Frauen üblich 
im Caffe ans^) empfangen werden konnten, so lauerten 
wir Seiner Heiligkeit bei seiner Morgenpromenade auf. 
Die Gräfin Esterhäzy^) führte uns ein, der Papst wußte 
davon. Bereits eine Stunde gingen wir auf dem Wege 
vor der Porta S. Sebastiano auf und ab, die Gräfin, 
Marianne, meine Schwester und ich, endlich nahte 
eine große groteske Berlingot, weiße Pferde, weißes 
Geschirr und weiß überall. Das Fuhrwerk steht stille, 
ein kleiner Greis in weißem Schlafrocke, weißem Man- 
tel, großem Hute und scharlachroten Schuhen von 
eher wunderlicher, als pittoresker Gestalt steigt heraus. 
Er setzte sich in Bewegung und wir trippelten hinter- 

i) Pierre Baron Guerin, französischer Maler, geb. 13. 5. 1774 zu 
Paris, gest. zu Rom 16. 7. 1833, erhielt 1797 den Rompreis. Er 
schuf eine Reihe von Gemälden im antikisierenden Stile. 1824 
wurde er Baron. 

2) Pius VII. (Gregor Ludwig Barnabas Chiaramonti), geb. 1740, 
Kardinal seit 1785, Papst von 1798 — 1823. 

3) Welche Örtlichkeit im Vatikan damit gemeint sein soll, ist mir 
unbekannt. 

4) Franziska Gräfin Esterhäzy-Roisin (1778 — 1845), s. Bd. I. 133 
und IT. 195. 

7 M. L. III 97 



drein. Als wir nahe genug zu sein glaubten, knixte die 
Gräfin Esterhdzy mit der ganzen Würde ihrer recht 
umfänglichen Persönlichkeit zusammen und wir des- 
gleichen. Wir alle vier begannen nun auf den Knien 
über das Pflaster zu rutschen, um den h. Vater zu er- 
wischen. Das dauerte länger als eine Minute, endlich 
flüsterte ein Monsignore, der dem Papste folgte, diesem 
etwas zu, worauf Seine Heiligkeit sich umwandte und 
uns den Segen erteilte. Das war aber der Gräfin Ester- 
hazy zu wenig, sie fuhr fort, sich zu verneigen und auf 
die Erde zu werfen und suchte fast mit Gewalt einen 
der heiligen Füße zu erhaschen auf die Gefahr hin, die 
Unfehlbarkeit zu erschüttern, bis sich endlich der h. 
Vater mit einer nichts weniger als sanften Miene noch- 
mals umdrehte, ihr und uns die Hand zum Kusse 
reichte, einige unverständliche Worte zur Gräfin 
sprach, „volte face" machte und seinen Spaziergang 
fortsetzte. Wir aber blieben, wie ein paar Dummköpfe, 
auf dem Pflaster zurück, ich sah dem davoneilenden 
Papste, wie ich gestehen muß, mit nur geringer Samm- 
lung nach und erst, als er meinen Blicken entschwoinden 
war, erinnerte ich mich, daß ich dem Vater der Christen- 
heit die Hand geküßt hatte. 

Zur Entschuldigung und Rechtfertigung dieser von 
meiner sonstigen tiefinnerlichen Ehrfurcht vor dem 
heiligen Amte des Papstes so weit entfernten Gleich- 
gültigkeit möge der Umstand dienen, daß auch die elen- 
de Verwaltung in Rom, deren Schäden überall zutage 
traten, mir ein Gefühl der Mißbilligung abnötigten. 
Ich bin zu wenig unterrichtet, um die Regierungs- 
form und deren Verlegenheiten verurteilen zu können, 
aber der Schein spricht unbedingt gegen sie. Der 
Schmutz in der Stadt trotz aller Springbrunnen, die 

98 



große Zahl von Bettlern, die Vernachlässigung und der 
schlechte Zustand der Spitäler für die Männer, der 
gänzliche Mangel solcher für kranke Frauen, die ent- 
setzliche Polizei, die falschen Maßnahmen, welche man 
gegen allerlei Unzukömmlichkeiten ergreift, die Bri- 
ganten, die unter diesem Pontifex mehr denn je den 
Kirchenstaat verpesten, dies alles spricht nicht zu- 
gunsten seines Souveräns. Ebenso hätte auch die Auf- 
führung Pius VII. in Frankreich unter Bonaparte eine 
Verteidigung gerade so nötig, wie seine Regierung und 
vielleicht würde sie ebensowenig gelingen. Wie ge- 
wöhnlich klagte man den Diener statt den Herrn an, 
um diesen rein zu waschen. Doch hat der Kardinal 
Consalvi nicht immer den Pontifex beraten, und das 
Gesicht, welches ich heute morgen an der Porta San 
Sebastiano gesehen, drückte einen ganz anderen ener- 
gischen Willen aus, als der sanfte, melancholische und 
ein wenig einschmeichelnde Blick des päpstlichen 
Günstlinges." 

Im übrigen fühlte ich mich ebenso enttäuscht, als 
ich den Kardinal Consalvi^) kennen lernte, wie bei 
meinem Zusammentreffen mit dem h. Vater. Ich hatte 
ihn bereits beim Wiener Kongresse von weitem gesehen, 
ohne ihn näher zu beachten. „Sein Antlitz, obwohl schön, 
hat nichts Harmonisches, sondern einen Ausdruck von 
Unentschlossenheit und Unruhe; oft hat sein Lächeln 
im Gegensatze zu seinem Adlerblick etwas Einfältiges. 
In seinen Umgangsformen zeigt sich nichts Edles, man 
vermißt vielmehr die Würde; seine Höflichkeit ist die 
eines Mönches. Ich suche gewiß nicht in ihm den An- 
stand eines Mannes von vornehmer Geburt, aber ich 
bin verstimmt, an ihm auch nicht jene Überlegenheit 
i) siehe später und I. 75. 

7- 99 



zu entdecken, die das Genie oder der Adel der Emp- 
findung verleihen, wie z. B. bei Capo d'Istria. Allerdings 
behauptet man, daß er beides besitze; dann muß ich 
eben bedauern, daß er eine Tugend zuviel hat, nämlich 
die Demut. Die Bescheidenheit erscheint mir für einen 
Kardinalsekretär mehr als hinreichend. In seiner 
Muttersprache habe ich Consalvi nie reden hören, in 
der französischen jedoch drückt er sich weitschweifig, 
unbestimmt aus, er wiederholt, verbessert sich oft und 
sucht seine Gedanken durch die Worte zu verbergen. 
Immerhin lernt man, ich möchte sagen, fast mit Über- 
raschung, in ihm einen geistreichen Mann kennen, und 
fragt sich dann, was ihn eigentlich hindere, seinen Geist 
offen zu zeigen. 

Morgen will uns unser Altertumskenner Nibby'^) 
nochmals den Vatikan zeigen, abends hören wir dann 
eine Oper nach dem Geschmacke der Fürstin Zenaide 
Wolkonski, die von ihr und der Familie des bereits ge- 
nannten Barbieri, ihres „Bergamis", gesungen wird. 
Übermorgen verlassen wir Rom, worüber ich nicht ver- 
stimmt bin, denn die Krankheit meiner Schwester hat 
mir den hiesigen Aufenthalt verdorben und meine 
Kammerjungfer ist so krank, daß sie mir nach Neapel 
nicht folgen kann. Dabei machte ich eben zu meinem 
Erstaunen die Wahrnehmung, daß in ganz Rom kein 
Frauenspital existiert. Ja woran haben denn die mehr 
als 300 Päpste gedacht oder vielmehr, was wurde aus 
den vielen Summen, die sie für die Kranken und Brest- 

i) Antonio Nibby, geb. 4. 10. 1792, gest. 29. 12. 1839, einer der be- 
kanntesten italienischen Archäologen, war 1820 Professor der archä- 
ologischen Wissenschaften am römischen Archivgymnasium. Später 
wurde er Professor bei der französischen Akademie. — Er verlangte 
vom Fürst Rasumoffsky, resp. der Gesellschaft, welche er herum- 
führte, I Dukaten pro Tag. 

100 



Zu Bd. III, S. 100/101. 






Kardinal Ercole ConsalvI. 
(1757—1824-) 



Nach einer Lithographie nach A. Testa in der 
k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek. 



haften bestimmten? Niemand konnte mir diese Fragen 
beantworten. Und doch scheint es beinahe unmögHch, 
daß sich während i8 Jahrhunderten unter der Zahl von 
Päpsten kein einziger gefunden hätte, der nicht ein 
Haus der Barmherzigkeit für das schwächste und am 
meisten allerlei Gebrechlichkeiten ausgesetzte Ge- 
schlecht gegründet haben würde! Haben solche exi- 
stiert, warum sind sie verschwunden oder warum trugen 
sie nicht den Namen ihrer Erbauer? Weshalb werden 
denn die Namen der Päpste und römischen Fürsten 
nur genannt, um prunkvolle Paläste oder Gärten zu 
bezeichnen ? In diesen meinen Betrachtungen liegt 
allerdings nichts Auferbauendes und ich hoffe, daß die 
Feinde der Kirche anders denken, denn sonst würden 
sie triumphieren." 

Am 12. Jänner 1823 verließen wir Rom bei strömen- 
dem Regen und langten nach einigen Stunden in Veltri 
an, wo ich den langen Abend dazu benützte, um ein 
wenig über Rom und die Fürstin Wolkonski zu schrei- 
ben: „Oh l'ennuyeuse scelerate!" sagte Ludwig Bom- 
belles'^), sie hatte uns mit ihrer unausstehlichen Oper 
bis I Uhr nachts tatsächlich geknebelt. Wie hat sie mich 
ernüchtert! In diesem Theater von 18 Fuß Breite 
herrschte im Spiele der Akteure, im Parterre und unter 
den Zuschauern ein solcher Mangel an Zusammenhang, 
an Eleganz und Schicklichkeit, ein solcher Kabaretton, 
daß es direkt widerwärtig anmutete. Man glaubte nicht 
in einem Schauspiel der besseren Gesellschaft zu sein, 
sondern in einer Jahrmarktsbude. In einem solchen 
Lokal vier Stunden auf schmalen Bänken und bei 25 
Grad Wärme zu verbringen, um die Tragödie der Jung- 
frau von Orleans von Schiller, in schlechte italienische 
i) s. Bd. IL 222. 

lOI 



Verse übersetzt und von der Fürstin Wolkonski in eine 
Art Oper umgemodelt, anzuhören, war schrecklich. 
Man stelle sich ein Mosaik von Arien, Chören und 
ganzen Sätzen vor, die von überall zusammengestohlen 
und eines an das andere mit einem Kitt von schalen 
Rezitationen verbunden waren. Zwei Seiten lange Mono- 
loge mit unaufhörlichen Wiederholungen, bei deren 
Vortrage die Primadonna allerlei Attitüden annahm, 
während die übrigen Schauspieler, die nicht wußten, 
was beginnen, auf und ab gingen, an ihren Kleidern 
herumzupften und sich Grimassen schnitten, um ihre 
Verlegenheit zu verbergen! Und welche Schauspieler! 
Ein Barbieri, ein Athlet, der Geliebte der Fürstin, der, 
mit einer Stentorstimme ausgestattet, wie ein Ver- 
rückter herumschlug, seine Schwester, als Karl VII. 
verkleidet, die mit ganz heiserer Stimme Arien sang, 
die niemand verstand und die sie durch das Feuer ihrer 
Augen, einer ganz steifen Agnes Sorel gegenüber, zu 
beleben suchte. Ihre Gesten waren so zärtlich und so 
frei, daß man trotz ihres schlecht verhüllten weiblichen 
Geschlechtes die Augen vor einem so frechen Liebhaber 
niederschlagen mußte. Der Rest der Schauspieler war 
unter jeder Kritik und dabei keine Möglichkeit zu 
lachen oder miteinander zu sprechen. Man schien 
dies nämlich vorausgesehen zu haben, denn in der 
Mitte des Parterres stand eine alte Frau, die Mutter 
der Familie Barbieri, im Nonnenschleier und zankte 
jeden ganz öffentlich aus, der es wagte, auch nur den 
geringsten Lärm zu machen. Wenn man am Schlüsse 
sagen mußte, daß die Fürstin unendlich kunstvoll und 
mit Geschmack gesungen habe, so war dies reiner 
Zwang, gewiß aber keine Dankbarkeit. Was die übrigen, 
durchweg italienischen Stimmen anlangt — mit Aus- 

102 



nähme „du Roi roue et enroue" — so waren sie ziemlich 
gut. Nur in Italien kann man unter Amateuren Chöre 
finden, die so gut harmonieren. 

Die Fürstin Wolkonski soll wöchentlich zweimal der- 
artige Vorstellungen geben, was ihr viele Schererei und 
der römischen Gesellschaft helle Verzweiflung bereitet. 
Ist es nicht wirklich verrückt, sich so ohne Zweck und 
in solcher Gesellschaft herabzusetzen? Ich erinnere 
mich gerade an eine sehr komische Szene, wobei der 
gekünstelte Ernst der Anwesenden Schiffbruch litt. 
Man gab bei dieser ersten Vorstellung, die ich bei der 
Fürstin mitmachte, Mahomed. Beim Aufziehen des 
Vorhanges im 2. Akt verwickelte sich dieser in den 
Röcken von fünf großen Priestern, die, in tiefsinnige 
Betrachtungen versunken, im Vordergrunde saßen. 
Der Vorhang bildete nämlich die schwache Seite der 
guten Fürstin. Man sah also zuerst zehn nackte Füße, 
dann zehn nackte Beine, der Vorhang enthüllte immer- 
mehr — bis endlich glücklicherweise fünf schwarze 
Samthöschen der allgemeinen Bestürzung Einhalt taten 
. . . aber dann diese fünf feierlichen Gesichter zu sehen, 
umrahmt von Barten, die bis zum Gürtel reichten, 
darunter die bis zum Knie aufgeschürzten Röcke, nein 
das war ein Bild für Götter! Ein unauslöschliches Ge- 
lächter brach los, und wenn ich an diese fünf Priester 
denke, werde ich noch womöglich in meiner Agonie 
lachen. 

Die Familie Esterhdzy-Roisin sah uns mit Bedauern 
scheiden und wir teilten ihre Gefühle. Vater und Mutter, 
die Töchter und Söhne sind so ausgezeichnete Men- 
schen! Wir gehörten zu den Intimen ihres Hauses, der 
Graf begleitete uns auf unseren Ausflügen in die rö- 
mische Kunstwelt und seine allerdings etwas ungeord- 

103 



neten Kenntnisse waren mir oft sehr nützlich. Außer 
den Esterhäzys sahen wir die Mme, Naryschkin^ gebo- 
rene Lobanoff^), die liebenswürdigste und angenehmste 
Russin, der ich jemals begegnete. Sie war geistreich, 
natürlich und wollte gefallen, was ihr Erfolg auch be- 
wies. Der Graf und die Gräfin Apponyi überhäuften 
uns mit Aufmerksamkeiten, doch war die Gräfin sehr 
leidend, ein Grund, warum wir sie nur selten sahen. 
Sie hatte viele Freunde und Freundinnen, sie sollte ein 
Engel an Güte sein, was ihre Züge zu verraten schienen ; 
ihre Manieren und ihre Konversation waren mir aber zu 
gekünstelt, als daß sie mir besonders gefielen, sie war 
keineswegs das, was die Italiener ingagno nennen. Der 
Graf dagegen war ein ausgezeichneter, guter und höf- 

i) Marie Jakowlewna Naryschkin (1789 — 1854), geb. Prinzessin 
Lobanoff-Rostovsky, Gattin des russischen Obersthofmarschalls 
Cyrill Alexandrowitsch Naryschkin. Nach dem Urteil eines seiner 
Neffen, des Grafen V. Sollohub war sie wohl kränklich, aber eine 
sympathische, allgemein geachtete PersönUchkeit. Sie hatte zwei 
Söhne Leon (1809 — 1855) und Sergius (18 19 — 1854) und eine Toch- 
ter Alexandrine, die in erster Ehe den Grafen Woronzoff-Daschkoff, 
in zweiter den Baron Pouilly heiratete. — Zu Marie Antonie 
Naryschkin, geb. Czetrvertinska, der Gemahlin des russischen Ober- 
jägermeisters D. L. Naryschkin (s. Bd. IL 139) sei eine amüsante 
Anekdote nachgetragen, die der badische Attache in St. Peters- 
burg Friedrich Freiherr v. Blittersdorff in seinen „Notamina" 
18 18/19 verzeichnet: „Eine PoUn von Geburt und Gemahlin des 
Oberjägermeisters Naryschkin, die sogenannte „schöne Naryschkin". 
Eine sehr hohe Person (Kaiser Alexander I.) machte ihr ehemals 
sehr eifrig die Cour, wovon sich noch Spuren auffinden ließen. Als 
einstmals eine seiner (Naryschkins) Mätressen niedergekommen war, 
kam u. a. auch der Bruder des besagten Naryschkin, der durch seine 
Witze bekannte Oberstkammerherr v. Naryschkin, um zu gratu- 
lieren, nahm beim Eintreten Geld in die Hand, hielt diese dem 
Bruder hin und frug: „Pair ou non pair.-"' („Pere ou non perc.'"') 
Ebenso sagte der Witzbold dem Kaiser, als dieser ihm die schöne 
Frisur seines Bruders lobte: „Oui, Sir, il est coiffe de main de 
maitre." („Ja, Majestät, sein Herr hat ihm Hörner aufgesetzt.") 

104 



licher Mann, der genau so viel Prätentionen erhob, als 
er Grütze besaß, getreu der österreichischen Devise: 
Honnete mediocrite — mediocrite honnete. Unter den 
Eingeborenen haben wir keine Bekanntschaften ge- 
macht, es soll sich nicht verlohnen, oder, wie es mir wahr- 
scheinlicher erscheint, die Römer zeigen sich nach ita- 
lienischer Art gegen die Fremden nur unterwürfig und 
mißtrauisch, da sie sich durch ihre Inferiorität an euro- 
päischer Erziehung bedrückt fühlen. Man müßte Ita- 
liener werden, um sie kennen zu lernen^). 

Unter den Engländern, der zweiten Bevölkerung 
Italiens, wurden wir mit den Fräulein Berry^), Freun- 
dinnen Horaz Walpoles, bekannt, von denen die eine 
die Briefe der Mme. du Dudeffant^) an eine literarische 
Größe, Voltaire, herausgab. Diese Damen machten in 
Rom ein angenehmes Haus und lebten in Eintracht und 
unabhängig, was nicht weniger ein Verdienst, als ein 
Glück ist. 

Dann sahen wir oftmals die Lady William Russell*), 

i) In einer Bleistiftnotiz widerruft die Verfasserin dieses harte Urteil. 

2) Agnes Berry widmete 183 1 der Fürstin Starhemberg- Arenberg 
ein reizendes Album mit oberitalienischen Ansichten. Im Besitze 
des Herausgebers. 

3) Marie de Vichy Chamboud Dudeffant, Marquise, geb. 1696 
in Bourgogne, berühmt durch ihre Galanterien und die glänzende 
und gewählte Gesellschaft, die sie in ihrem Salon empfing. Sie stand 
mit zahlreichen Geistesgrößen in Verbindung. Mit 54 Jahren 
erblindete sie und starb 1780. Ihre: „Correspond. avec Walpole 
et Voltaire" (pub. par Artaud) Paris, 181 1, 4 vol. 

4) Graf Rudolf Apponyi schreibt in seinem Journal 1826 — 50, 
Paris, Plön, 1913, Bd. I. 8of. : „Lady WilHam Russellkzin am 18. 10. 
1827 nach Paris, geistreich, schön, jung, kapriziös, spricht englisch, 
französisch, italienisch, spanisch, deutsch, versteht Latein und 
Griechisch, liest die lateinischen und griechischen Klassiker in ihrer 
Sprache und weiß Verse auswendig. Trotz aller Gelehrsamkeit wie 
ein Kind von 12 Jahren, aber sehr launenhaft und voll rage 
d'elegance" (s. auch diese Memoiren Bd. I. 114). 



die Tochter jener einfältigen Mme. Rozvdon, die vor 
einigen Jahren in Wien lebte und sich von ihrem hin- 
kenden Gatten mit der Krücke schlagen ließ. „Lady 
William ist schön und gehört zu jenen englischen Da- 
men, die durch ihren Geist, ihre Liebensw^ürdigkeit 
und Konnexionen hervorragen. Was sie aber vor ihren 
Konnationalinnen auszeichnet, liegt darin, daß sie ge- 
bildet ist, ohne prätentiös, natürlich, ohne einfältig und 
liebenswürdig, ohne eine Plaudertasche zu sein. Ihr 
Gatte soll alle geistigen Eigenschaften seiner Frau be- 
sitzen, da aber in der Familie Russell die Schweigsam- 
keit eine ausgemachte Sache ist, so bleibt der Lord 
William in Gesellschaft ein verschlossenes Buch. Beide 
gehören der Opposition an." 

Richard Clanzvilliam^) hatte uns den Lord Sandon^), 
seinen Freund, anempfohlen. Dieser wäre liebens- 
würdig, wenn nicht ein Sprachfehler seine Ausdrucks- 
weise sehr behinderte; die Ideen, welche er mitteilte, 
litten übrigens nicht darunter, zum Unterschiede vom 
Herzog von Laval, dessen geistiges Stammeln bei- 
nahe Schuld an seinem physischen Stottern trug. „Im 
übrigen ist Laval ein guter, edler, loyal denkender 
Mann, doch muß man sich hüten, ihn zu charakteri- 
sieren. Manchmal beißend, manchmal einfältig, über- 
rascht er durch seinen feinen Witz im Momente, da 
man ihn für einen Tölpel hält, oder er betäubt einen 
durch seine Dummheit, wenn man ihn gerade für geist- 
reich erklären möchte. Es wäre spannend, dieses mora- 
lische Phänomen zu studieren, aber wer hätte Geduld 

i) s. Bd. II. 215. 

2) Dudley Ryder Earl of Harrowby, Viscount Sandon, geb. 
23. 5. 1798, heiratete 15. 9. 1823 Franziska, Tochter des ersten 
Marquis von Bute. 

106 



genug dazu ? Man könnte dabei Hungers sterben. Der 
arme Herzog hat gerade seinen einzigen Sohn im Alter 
von 20 Jahren verloren: das macht ihn nicht amüsanter 
und das ihm gegenüber aufgewendete Mitleid wird zur 
Pein". 

Die kurze Zeit, die wir in Rom zubrachten, und die 
Krankheit meiner Schwester verhinderten uns, unseren 
Bekanntenkreis auszudehnen, dennoch muß ich noch 
zwei politische Berühmtheiten — wenigstens für diese 
Zeit und für Frankreich — erwähnen, die eine ist 
BüTonPasquier^), die andere Baron deSerre^). „Der erstere 
spricht interessant und belehrend und ist, ohne die Ele- 
ganz der großen Welt oder eine vornehme Kinderstube zu 
besitzen, nicht ohne Anmut und liebenswürdiges Be- 
nehmen. Der andere, durch seine Rednergabe berühmt, 
will sich anscheinend in Gesellschaft nicht verausgaben, 
denn er geizt mit seinem Geist und selbst mit seinen 
Worten. Ich hatte ihn in Verona mit M. de La Ferronnays 
öfters gesehen, trotzdem passierte es mir, daß mich 
Baron de Serre zu einem Diner führte und mich nach 
dem Namen seiner rechten Nachbarin frug. Als ich ihm 
diesen genannt hatte, fügte er hinzu: „Und die zu 

i) Etienne-Denis, Baron (später Herzog) Pasquier, geb. 22.4. 1767 
zu Paris, gest. 5. 7. 1862, franz. Staatsmann, Polizeipräfekt in Paris, 
dann General-Straßen- und Brückendirektor, Garde des sceaux s. 
1817, später Präsident der Pairkammer (s. 1830), Kanzler s. 1837, 
Herzog s. 1844 (s. Nouvelle Biographie gener., Paris 1862, 39. Bd., 
Sp. 288 ff., Öttinger, Moniteur). 

2) Pierre-Fran^ois-Hercule Comte de Serre, geb. 12. 3. 1776 zu 
Pagny-sur-Moselle, gest. zu Castellamare 21. 7. 1824, franz. Staats- 
mann und Redner, zuerst Militär, später Rechtsanwalt, s. 181 1 
Generaladvokat in Metz, später Abgeordneter, s. 18 17 Präsident der 
Kammer u. Nachfolger Pasquiers bis 18 18, s. 1820 Staatsminister 
und Graf. (Ausführl. Biographie in obiger „Nouvelle Biographie" 
43. Bd. Sp.789ff.) 

107 



meiner Linken ?" Die Frage war mehr naiv, als höflich, 
auch hielt ich ihn zum besten, indem ich mich in ein 
strenges Inkognito hüllte und ihm antwortete, er 
würde zur Strafe für seine Gedächtnisschwäche nie- 
mals den Namen dieser seiner anderen Tischnachbarin 
erfahren. In der Tat bat ich alle Gäste, mich nicht 
zu verraten. Er erfuhr ihn auch nie und tröstete sich 
darüber." 

Am 13. Januar langten wir nach glücklicher Passier- 
ung der pontinischen Sümpfe in Terracina an. Abge- 
sehen von den Briganten, die sich darin versteckt halten 
sollen, ist man froh, sie so rasch als möglich zu durch- 
eilen, denn die Gegend bietet außer einer Menge von 
Wasservögeln, Kibitzen und im Sommer von großen 
Büffelherden nichts Merkwürdiges. Terracina ist eine 
alte römische Stadt (Auxur) mit Resten eines Tempels. 
Wir wohnten am Strande und gleich nach unserer 
Ankunft unterhielt ich mich mit Therese, dort Mu- 
scheln zu suchen. Eine Unzahl gebräunter Knaben 
folgte uns und bot uns Muscheln an, die sie viel 
schneller sammelten als wir. Anfangs amüsierten uns 
ihr Ungestüm und ihre Grimassen, aber sie wurden 
so frech und machten einen solchen Lärm, daß wir ge- 
nötigt waren, uns nach Hause zu flüchten. Terracina 
ist fast ausschließlich von Briganten oder ihren Hehlern 
bevölkert, die Kinder, besonders aber die kleinen Mäd- 
chen, haben auch ganz abstoßende Züge. 

Am 14. blieben wir schon in Gaeta, da wir zwischen 
diesem Ort und Neapel nicht mehr übernachten woll- 
ten. Der heutige Weg war der gefährlichste unserer 
ganzen Reise. Die Straße zog sich zwischen steilen 
Felsen, bedeckt mit Gesträuch und Löchern hin; die 
Briganten hatten also alle Gelegenheit, sich vor und 

108 



nach ihren Überfällen gut zu verstecken. Man sagte, 
daß man sie nie ganz ausrotten oder auch nur verhin- 
dern könnte, daß diese Gegend nicht immerwährend 
eine Zufluchtsstätte für Mörder und Diebe wäre, ich 
meinte aber, daß diese Ansicht der Regierung und vor 
allem ihre Schwäche den Briganten nur sehr will- 
kommen sein konnte. Niemals oder doch nur äußerst 
selten sahen sie sich von päpstlichen Truppen verfolgt; 
man sendete ihnen nur schwache Patrouillen nach, statt 
sie durch einen Guerillakrieg mürbe zu machen. Man 
hätte sie bis in ihre letzten Schlupfwinkel verfolgen und 
sie dort belagern, vor allem aber ihnen die Zufuhr der 
Lebensmittel unterbinden müssen. Zu Murats Zeiten 
war kein Räuber mehr zu sehen. Allerdings verfiel der 
König Joachim auf ein energisches Auskunftsmittel, das 
mit der Würde eines rauhen Degens und Eroberers besser 
vereinbar war, als mit der eines väterlich denkenden 
Herrschers. Er durfte es aber versuchen, er der sieg- 
reiche General, er der Fremde. Zuerst legte er starke 
Bataillone in alle Bergdörfer, dann gab er strengen Be- 
fehl, jeden zu füsilieren, der außerhalb der Ortschaften 
Lebensmittel bei sich trüge. Diese Ordre wurde so 
pünktlich befolgt, daß ein achtjähriges Kind, das seinem 
Vater das Essen auf das Feld hinausbringen wollte, so- 
fort dort, wo es betroffen worden war, erschossen wurde. 
Durch die Angst und den Hunger mürbe gemacht, ent- 
fernten sich die Briganten in kurzer Zeit und zerstreu- 
ten sich. Sie hatten ihren Meister in Murat gefunden. 
Diese Maßnahmen scheinen unmenschlich, doch sind 
sie vielleicht grausamer, als diejenigen, deren Unzu- 
länglichkeit das Übel nur vermehrt, statt es aufzu- 
halten ? Ist das Blut der Reisenden oder der armen 
Gendarmen weniger kostbar, als das des Sohnes eines 

109 



Elenden, der jenen zum Mörder erzieht? Seit der Be- 
setzung des Landes durch unsere Truppen und nament- 
lich seit der Affäre des Oberst Coudenhove^), der von 
Räubern in die Berge geschleppt wurde und dort neun 
Tage unter den Dolchen von Mördern verbrachte, sind 
die Briganten zahmer geworden. Die Situation des 
Obersten war aber entsetzlich. Durch große Eilmärsche 
auf steilen und steinigen Pfaden ermüdet, Hunger 
leidend und von seinen eigenen Soldaten wie ein wildes 
Tier von Fels zu Fels gehetzt, geschah es einst, daß er 
die Stimmen seiner Korporale erkannte, ohne unter 
dem Eindrucke der Todesdrohungen sie herbeirufen 
zu können. Als die Briganten endlich alle ihre Vorräte 
aufgezehrt hatten und von allen Seiten eingekreist 
waren, ließen sie Coudenhove frei, indem sie seine 
Knie umklammerten und seine Vergebung erbaten für 
den Fall, daß sie in Feindeshand fallen sollten. Die 
Festigkeit, mit der man jedes Lösegeld ablehnte, wird 
den Briganten wohl einen Respekt vor den öster- 
reichischen Soldaten beigebracht haben, doch macht sie 
nur die Aussicht, ernstlich verfolgt zu werden, zurück- 
haltend, denn was vermöchte auch eine Eskorte von vier 
bis sechs selbst der tapfersten Leute gegen 30 gut ver- 
steckte Räuber, die sich plötzlich auf die Ahnungslosen 
herabstürzen ? „Da sie die Reisenden nicht mehr anzu- 
greifen wagen, entschädigen sie sich an den unglück- 
lichen Einwohnern des Landes. Die Entführungen und 
Morde mehren sich. Vorgestern fand man auf der von 
uns befahrenen Straße einen Bauer, dem man den Kopf 

i) Franz Ludwig Graf Coudenhove, geb. 24. i. 1783, gest. 4. 12. 
1851, k. k. Kämmerer, Geh. Rat, F. M. Lt. und Obersthofmeister 
des Erzherzogs Ludwig, heiratete Jacobine Freiin v. Löwenstern 
auf Löwenhof, geb. 4. 2. 1783, gest. 24. 11. 1860. 

HO 



abgeschnitten und die Zunge herausgerissen hatte; er 
soll einer ihrer Helfershelfer gewesen sein, den sie des 
Verrates verdächtigten. Von solchen Gedanken be- 
drückt, durcheilt man, so rasch als es die endlosen 
Berge erlauben, während zweier Poststationen ein 
schauerliches Defile. Überall Abgründe und schroffe, 
mit niederem Buschwerke bedeckte Felsen, keine Spur 
menschlichen Lebens oder einer Behausung, außer von 
Zeit zu Zeit eine Schrecken einflößende Hütte. Und 
dennoch zeigt sich inmitten dieser traurigen Szenerie 
das lachende Italien: hier ein Granatbaum, dessen 
feuerrote Blüten sich über einer alten Mauer wiegen, 
hier ein Bukett rosenroten Oleanders, der die schad- 
hafte Säulenhalle eines verlassenen Hauses schmückt; 
aus jedem kleinsten Risse eines Felsens, wohin der Wind 
eine Handvoll Erde getragen, sprießt lebensfrischer, 
dichter Lorbeer, jener allgemeine und doch so über- 
flüssige Schmuck des modernen Italiens, hervor. Beim 
Ausgange von Atri, einem elenden Neste, einer wahren 
Mördergrube, aus baufälligen Häusern und engen, 
krummen Straßen bestehend, breitet sich über ge- 
schwärztem Mauerwerk ein ganzer Wald von frisch- 
grünenden Orangenbäumen voll goldiger Früchte aus. 
Man ist versucht, zu sagen, eine Fee habe mit ihrer 
Zauberrute dieses üppige Boskett inmitten aU dieser 
Greuel geschaffen, um darunter einen geheimnis- 
vollen Amor besser verstecken zu können. Allüber- 
all lächelt in diesem von den Göttern gesegneten 
Lande anmutige Poesie der düstersten WirkHchkeit 
zu; dies kommt daher, weil die Natur überall Wohl- 
taten ausstreut, während der Mensch schlecht und 
lasterhaft ist." 

Ich verbrachte mehrere Stunden damit, den Golf 

III 



und die Festung von Gaeta abzuzeichnen. Es war aller- 
dings unklug, denn ich war allein und ziemlich weit 
von den Häusern entfernt. Erst vor wenigen Wochen 
wurde der Podestä des Ortes einige Schritte von seiner 
Wohnung von Briganten aufgehoben. Ich ahnte natür- 
lich damals nichts davon. 



112 



XXVIII. NEAPEL UND DIE OSTER- 
WOCHE IN ROM 

Am i6. Januar 1823 kamen wir bei anbrechender 
Dämmerung in Neapel an. Wilhelm Lichnowsky 
hatte uns eine gute Wohnung genommen; rechts dehnte 
sich der Posilipp in seiner ganzen Länge aus und das 
Meer lag gerade vor unseren Fenstern. Das einzig Un- 
angenehme war nur eine künstliche Luftzuganlage, die 
ja vielleicht zur Linderung der Sommerhitze recht an- 
genehm sein mochte, für Nordländer jedoch, die der 
Herrschaft des Rheumatismus und der Katarrhe unter- 
worfen sind, bedenklich war. 

Infolge der österreichischen Okkupation fanden wir 
unter den 30 — ^40 000 Landsleuten vier oder fünf Be- 
kannte. Bernhard Mayhirt besuchte uns gleich mit dem 
kleinen Starhemberg^), dem Bruder meiner Schwägerin. 
Man fand diesen ziemlich nett, ich hielt ihn aber nur 
für standhaft im Schweigen, linkisch in seinen Manieren 
und fast für ein Seitenstück zu seinem älteren Bruder. 
Dann waren noch der Prinz Philipp von Hessen, der Ge- 
neral GraiHaugwitz^)y der Baron Karl HügeP), Schulen- 

1) Graf Georg Starhemberg (1802 — 34), s. II. Bd. 286. 

2) Eugen Wilh. Graf Haugmtz, F. M. Lt., Ritter des Maria- 
Theresienordens, Hoch- und Deutschmeister, geb. 1777, gest. 
1863. 

3) Karl Alex. Anselm Baron Hügel, geb. 25. 4. 1796, gest. 2. 6. 
1870, Rechtsgelehrter, Diplomat und bekannter Reisender, war 
bis 1824 der k. k. Gesandtschaft in Neapel zugeteilt (s. S. 122). 

8 M. L. III ^ n 



burg^), Sagan^) und Lichnowsky^) hier; so viel an Lands- 
leuten. Diesen gesellten sich noch ein Mr. Bonard, ein 
Engländer, und ein Franzose M. Fontenay^) bei, die beide 
liebenswürdig sein sollten. Sonst nichts mehr ! Es gab nur 
wenig Männer, die schlecht und recht sprechen konnten, 
dagegen war die Zahl der liebenswürdigen Frauen viel 
größer. So gab die Herzogin von Sagan jeden Abend 
nach dem Theater kleine Gesellschaften bei sich und hatte 
uns bereits mit allerlei Aufmerksamkeiten überhäuft; die 
Gräfin Stackelberg^), Gattin des russischen Gesand- 
ten, Gräfin Ludolf^), ihre Schwägerin, deren Mann 
sehr nett sein soll, Mme. Preville, Gattin des französi- 
schen Vizeadmirales in neapolitanischen Diensten und 
Mylady Acton gehörten auch in die Reihe der Damen, 
die man gerne aufsuchte. 

Ich war sehr neugierig, die Mylady, wie sie hier über- 
all genannt wurde, und die ich bereits aus den Berichten 
M. de La Ferronnays kannte, zu sehen. Sie war aber, als 
sie uns besuchte, so verlegen, daß man an ihrem Geiste 
hätte zweifeln können, „Ich hatte mir von ihr eine ganz 
andere Vorstellung gemacht, denn erstens ist sie nicht 
hübsch, zweitens sieht sie nicht wie eine Dame ihrer 
Stellung aus, drittens ist sie weder reserviert noch auf- 
richtig, kurz eine Menge Negationen. Aber alle sind in 

i) 8. Bd. II. 221, 228. 

2) 8. Bd. II. 221. 

3) 6. Bd. II. 198. 

4) Chevalier de Fontenay, franz. Diplomat, 1825 in Petersburg 
attachiert, 1829 Gesandter in Stuttgart. 

5) Karoline, geb. Gräfin Ludolf, heiratete 1805 dea Grafen Gustav 
Stackeiberg (1766 — 1850), russischen Kammerherr, Geh. Rat, Ge- 
sandten in Neapel. 

6) Josef Konstantin Grai Ludolf (gest. 1875), neapolitanischer Ge- 
sandter beim heiligen Stuhle, heiratete um 18 18 Theresia Weißen- 
hoff (gest. 1869). 

114 



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F. IM. L. Franz Freiherr von Koller (1767 — 1826). 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1823) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



sie verliebt, so Wilhelm Lichnowsky, Bonard^), Fontenay 
u. V. a. Sie läßt sie zappeln und sie sterben nicht daran. 
Dieses unschuldige Spiel ist aber mit der gewissen Lei- 
denschaftlichkeit kaum vereinbarlich; vielleicht ist ihre 
Romantik nichts weiter als eine Stilblüte." 

Die Actonsche Verwandtschaft 2) war sehr kompliziert, 
man konnte dabei die Geduld verlieren. Dadurch, daß 
mein Großvater, Graf Trifs, aus seiner zweiten Ehe mit 
einer Baronin Rathsamhausen zwei Töchter hatte, deren 
eine den Gouverneur von Gaeta, Sir Josef Eduard Ac- 
ton, heiratete, den Vater der Mylady Acton, die andere 
aber den Grafen Grigne (TAlbon, deren Tochter Zoe 
wieder den Bruder der Mylady, Karl Acton, ehelichte, 
war eine doppelte Verwandtschaft hergestellt. Die 
Schwester der Zoe Acton-d'Albon hatte einem unbe- 
deutenden Manne, M. Esc ahn, der nichts war, die Hand 
gereicht. Ehemals war er allerdings reich. Diese Verwand- 
tenzahl würde sich dann noch durch die Mutter Myladys, 
meine Tante Madame Acton, durch deren zweite Toch- 
ter, Frau von Dachenhausen und ihre zwei Söhne, sowie 
eine Schwiegertochter vermehren. 

„Unaufhörliche Regen verhindern jeden Spaziergang; 
da ich übrigens nur die Gesellschaft oder das Theater 
sehen könnte, so bleibe ich gern zu Hause. Die Oper ist 
derzeit schlecht und das Ballett noch mehr. Die einzige 
Zierde von San Carlo ist Mme. Fodor, denn trotz ihrer 
Häßlichkeit und ihrem minderwertigem Spiele singt sie 
gut. Der Saal von San Carlo ist herrlich und fast zu groß, 
denn er sieht leer aus. Ich glaubte, daß sich die Neapoli- 
taner im Theater sehr lärmend benehmen würden, da 
sie ja fortwährend schreien, aber hier schweigen sie. Man 



i) Mr. Bonard, ein englischer Arzt. 
2) Siehe die umstehende Stammtafel. 



115 



applaudiert nicht einmal aus lauter Respekt vor dem 
Hofe, wenn er anwesend ist und sonst aus Gewohnheit, 
wenn er nicht da ist. Diese Stille macht das Theater, das 
man mehr aus Pflichtgefühl, als um dort eine Unter- 
haltung zu finden, besucht, recht traurig. Und trotz- 
dem betrachtet es jede neapolitanische Dame als das 
größte Unglück, wenn sie nicht den Abend in ihrer Loge 
verbringen kann. Mit Ausnahme der sehr seltenen „Ri- 
cevimenti", ist das Theater der einzige Ort, wo die Ita- 
lienerinnen Bekannte sehen; die Männer machen ihre 
Besuche in den Logen, wo sich der Brauch eingebürgert 
hat, daß der zuerst Angekommene seinen Platz dem zu- 
letzt Eingetretenen räumen muß. Dies wiederholt sich 
mindestens alle Viertelstunden, unterbricht jedes Ge- 
sprächsthema und erleichtert es, vier Stunden hindurch, 
immer wieder dieselben Fragen und Phrasen zu wieder- 
holen. Diese Einrichtung ist offenbar die Schuld daran, 
daß die Italienerinnen kein Gespräch führen können; 
sie sind nicht liebenswürdig, und wenn sie geistreich 
sind, so blenden sie nur durch ihre Naivität oder durch 
unvorhergesehenes Überspringen auf ein anderes The- 
ma. Diese Unbeholfenheit in der Konversation wird aber 
durch eine andere Art der Beredsamkeit ersetzt, die Au- 
gensprache, welche von ihnen mit der höchsten Vollen- 
dung gehandhabt wird und oft über den ganzen Saal 
reicht. Die Neapolitanerinnen und vor allem die Sizi- 
lianerinnen zeichnen sich darin aus; ja, diese wenden 
die Kunst selbst dazu an, um durch ihre Blicke ganz ein- 
fache Gegenstände des täglichen Lebens zu bezeichnen. 
Eine Neapolitanerin wollte einst die Ungläubigkeit des 
Generals Koller^) bekehren, der behauptete, die Augen- 

l) Franz Freiherr v. Koller, geb. Münchengrätz 27. Nov. 1767, 
gest. Neapel 22. Aug. 1826, F. M. Lt., wurde 1821, als die Revolution 

116 



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Sprache könne nur dazu verwendet werden, um das Herz 
sprechen zu lassen. Sie bat ihn, irgendeinen Gegenstand 
zu verlangen. Man war gerade beim Diner, der General 
bat die Dame ganz leise um eine lebende Taube. Jene 
wirft einem ihrer Bedienten einen flüchtigen Blick zu, 
er verschwindet und in weniger denn drei Minuten flat- 
tert eine schöne Taube im Zimmer herum. 

Die fremden Damen ziehen den Theaterbesuch der 
Augensprache, die sie vielleicht nicht so ausdrucksvoll 
handhaben können, wie das Wort, vor; man sieht sie 
auch jeden Abend in San Carlo. Diese Lebensart behagt 
mir, die ich nicht gerne wegen einer nichtssagenden Kon- 
versation aufbleibe, ganz und gar nicht, ebenso wenig, 
wie eine andere Unsitte in Neapel, nämlich das Visiten- 
machen am Vormittage. Auf mich, der die arbeitsrei- 
chen und ruhigen Morgenstunden direkt das Lebens- 
glück bedeuten, wirkt es empörend, wenn ich sie durch 
abgeschmackte Visiten und geistlose Gespräche profa- 
niert sehe. Mein Geist bedarf einiger Stunden der Samm- 
lung, bevor er seine Schwingen nach außen wendet; ent- 
zieht man ihn zu frühe seinem Monologe, so fühlt er 
sich in der Gesellschaft wie betäubt. Mein Zimmer ist 
so nett, ich fühle mich so wohl darin: Hübscher Kamin, 
eine praktische Einrichtung zum Zeichnen, ein guter 
Lehnstuhl, nette Möbel und die Aussicht auf das Meer. 
Ein kleines Paradies, und da sollte ich jeden Augenblick 
fortgehen, um den Faulenzern die Zeit totschlagen zu 
helfen! Nein, wie auch die Landessitte sein mag, ich 
werde mich ihr nicht unterwerfen. Was kann mir Uble- 



in Neapel ausbrach, Generalintendant der österreichischen Armee, 
verblieb 5 Jahre im Königreich Neapel und trug viel zur Beruhi- 
gung des Volkes durch seine Unparteilichkeit bei. Er starb dort- 
selbst nach einer anfangs unbedeutenden Unpäßlichkeit. 

118 



Zu Bd. III, S. 118;H9 




Mein Schlafzimmer in der Casa Caramanica in Neapel (1823). 



Aus dem italienischen Album der Verfasserin, 
im Besitze des Grafen C. Razumovsky, Wien. 



res passieren, als daß ich als stolz passiere. Um so besser, 
nichts ist bequemer, als ein festbegründeter Ruf ! 

Unsere Bekanntschaft mit Mylady Acton erwärmt sich 
nicht, sie scheint überhaupt mit niemanden intimer zu 
sein, als mit Mme. de Preville, von der sie beherrscht 
wird und die sie fürchtet, ohne sie zu lieben. Mit 14 Jah- 
ren an einen fast 70 jährigen Mann, ihren Onkel, den Mi- 
nister Acton, verheiratet, wurde sie von diesem der Mme 
de Preville anvertraut, in der sie immer nur eine Kupp- 
lerin sah. Übrigens war das Benehmen der Mylady Ac- 
ton tadellos; in den ersten Jahren ihrer Ehe bekam sie 
drei Kinder, deren Legitimität von niemandem in Zwei- 
fel gezogen wurde, und im Gefühle der Furcht vor ihrem 
Gemahl blieb sie ihm bis zu seinem Tode treu. Bald dar- 
nach begann ihr Verhältnis mit M. de La Ferronnays, dann 
folgten Inkonsequenzen, Unbesonnenheiten und eine 
Neigung, sich immer huldigen zu lassen. Es kam aber 
nichts vor, was ihre Reputation wirklich ernstlich ge- 
fährdet hätte. Eine gute Tochter, Mutter und Freun- 
din, gegen alle zärtlich, die sie lieben, wird sie auch wie- 
der von ihren Bekannten geliebt oder wenigstens ge- 
schätzt. Ich fing mit dem zweiten an und hoffe, mit dem 
ersten zu schließen. Zu sehr an die italienische Art ge- 
wöhnt, hat die Mylady Acton, Frauen gegenüber, nur 
eine offenherzige Intimität, während sie für die Männer 
die Schätze ihres Geistes aufspart und nur mit ihnen 
wirklich liebenswürdig ist. 

Die Männer fühlen sich mit einer koketten Bemerkung, 
die nur für einen einzelnen bestimmt scheint, zufrieden- 
gestellt und hoffen weiter; dies verleiht ihnen Bestän- 
digkeit. Die Männer können ja lange hoffen, vorausge- 
setzt, daß man ihnen die Hoffnung läßt, und dann trägt 
auch die Konkurrenz ihren Teil bei; würde sich einer 

119 



zurückziehen, er würde dadurch zugeben, daß er keinen 
Erfolg hatte, 

Mylady hat eine sehr schöne Tochter von 1 5 Jahren 
und ihr Sohn verspricht, ein liebenswürdiger, junger 
Mann zu werden. Er scheint das ziemlich würdelose Auf- 
treten seiner Mutter zu mißbilligen. Neulich beklagte 
sie sich, einem ihrer Verehrer gegenüber, daß ihr Sohn 
in sie verliebt und auf alle eifersüchtig sei, die ihr nah- 
ten. Dieser Spaß hat sich unter den Deutschen mit einer 
etwas eigentümlichen Akzentuierung verbreitet. Unsere 
zwei anderen Kusinen Mme. Charles Acton und Mme. 
Escalon sind sehr nett, sie legen Interesse und Wohl- 
wollen gegen uns an den Tag und man erkennt in ihrer 
Konversation sofort die Anmut der französischen Lie- 
benswürdigkeit ; aber sie sind beide arm und gehen nir- 
gends hin." 

Am 26. wurden wir dem Prinzen uad der Prinzessin 
von Salerno'^) vorgestellt; ihre Liebenswürdigkeit ging 
zu Herzen. ,,Der Prinz wurde von seinem Vater zu dessen 
,alter ego' ernannt, obgleich er viel mehr taugte als 
jener. Er ist sehr dick und schlecht gewachsen, aber seine 
Züge verraten Güte und Geist. Das Volk soll alle seine 
Hoffnung in ihn setzen. In Wien hatte man sein Beneh- 
men im ungünstigsten Lichte dargestellt, weil es ange- 
messener und besser schien, in Anbetracht des Legiti- 
mitätsprinzipes, den Kronprinzen, als den König anzu- 
klagen und man in Wien mit der Wahrheit nie skrupu- 
lös umgeht, wenn es sich darum handelt, eine Meinung 
zu schaffen, um damit das Publikum zu beschäftigen. 
Trotz allem hat Prinz Franz^) nur den Befehlen seines 

i) Franz 1. Januarius Josef, seit 1825 König beider Sizilien (1777 
bis 1830). Als sein Vater König Ferdinand I. 18 15 mit ihm aus 
Sizilien nach Neapel zurückkehrte, beschwor er am 12. Juli 1820 

120 



Vaters gehorcht und sich nur dann widersetzt, wenn je- 
ner ihn etwas hieß, was gegen seinen Eid war. Er ließ 
damals den König allein aus Neapel entschlüpfen und 
blieb selbst, seinem Worte getreu, zurück. Es ist sicher, 
daß die Feigheit des Königs die Revolution in Neapel 
verschuldete, ein wenig Energie seinerseits würde sie im 
Keime erstickt haben. Das Einrücken der Österreicher 
erschien jenen, die kein Interesse an der Unordnung hat- 
ten, wie eine Wohltat, und bald bemerkte auch das ge- 
wöhnliche Volk, daß die 40 000 Fremdlinge in einem 
Tage mehr Geld ausgaben, wie die doppelte Anzahl Ne- 
apolitaner in einer Woche. 

Der Winter besteht hier in Gewittern, die Gesell- 
schaft entschädigt einen jedoch nicht für die Ungunst 
des Wetters, wenigstens mich nicht. Jedenfalls ist die, 
in welcher wir verkehren, gar zu einfältig. Der Salon der 
Herzogin von Sagan, einer Frau, die immer außer Atem 
ist, um ein Nichts zu sagen, ermüdet mich, Lady Acton 
hält in ihrer Verlegenheit immer nur Zwiegespräche in 
Fensternischen, Lichnowsky ist plump und streitsüchtig, 
die übrigen Österreicher schwerfällig und langweilig. 
Die Gräfin Ficqvelmont-Tiesenhausen^) ist offenherzig 

die von der Militärrevolution erzwungene Einführung der neuen 
Ständeverfassung, floh aber beim Einrücken der Österreicher nach 
Caserta. Als König stand er ganz unter Österreichs Einfluß, 
i) Dorothea (Dolly) Gräfin T/^jf«^aM5^«, geb. 14. 10. i8o4,gest. 19.4. 
1863, Tochter des Grafen Ferdinand T., Flügeladjutants Kaiser 
Alexanders I. von Rußland, gefallen in der Schlacht bei Austerlitz 
2. 12. 1805 und der Elisabeth Prinzessin Kutusoff, die in zw^eiter 
Ehe den russischen Gesandten in Florenz Herrn Nikolaus (Khitrovo) 
Hitroff ehelichte. Dorothea heiratete um 1824 Karl Ludwig Grafen 
Ficquelmoiit, geb. S. Avold 23. 3. 1777, gest. 6. 4. 1857 zu Venedig, 
k. k. Kämmerer, Geh. Rat und Feldzeugmeister, auch Staats- und 
Konferenzminister. Aus dieser Ehe ging eine Tochter Elisabeth 
(Elka) hervor, geb. 10. 11. 1825, die 1841 den Fürsten Edmund 
Clary heiratete. — Die Baronin du Montet erzählt in ihren Souvenirs, 

121 



ohne Zartgefühl, aber ohne Widerrede schön; ihre Mut- 
ter, eine Russin, die in zweiter Ehe einen Herrn Hitroff 
geheiratet hatte, verdiente einen Separatbericht. Sie ist 
die Karrikatur, wie man sie nur malen kann. Ihren eige- 
nen Roman leitete sie mit den Worten ein: , Schön und 
Tochter eines Helden, wollten die einen mich heiraten, 
andere wieder verführen . . .' 

Während des Karnevals unterhielt mich der Korso 
ungemein. Nach italienischer Sitte strömt dort das Volk 
zusammen, um sich Konfetti zuzuwerfen. Der Toledo 
bietet dann das glänzendste und heiterste Schauspiel; 
diese Menge Equipagen, Fußgänger, Masken, Triumph- 
wagen, besetzt mit allegorischen Figuren und Possen- 
reißern, der Konfettiregen, der von allen Equipagen und 
Balkons herabfällt, dieses Gelächter, dieses unartikulierte 
Geschrei und diese burleske Lustbarkeit, das alles ist sehr 
originell und unterhaltend. Leider respektierte der Re- 

S. 265, daß Frau Hitroff sehr gehofft habe, daß der König von 
Preußen ihre ältere Töchter, in die er sterbUch verliebt war (1824) 
zur Gemahlin erheben werde. Statt dessen vermählte er sich mor- 
ganatisch am 9. II. 1824 zu Charlottenburg mit Gräfin Auguste 
Harrach^ die er zur Fürstin v. Liegnitz ernannte, Frau Hitroff 
meinte hinterher allerdings: „Diese Heirat wäre übrigens für eine 
Enkelin des Generals Kutusoff nicht passend gewesen." Metter- 
nich mokiert sich in seinen Briefen an den österreichischen 
Gesandten Graf Lebzeltern in St. Petersburg, die Großfürst Niko- 
laus Michallowitsch herausgab (St. Petersburg 191 3) an verschiede- 
nen Stellen über Mme. Hitroff und nennt sie u. a. „une especc 
defolle"(S. 298). 1825 zog sie, wie L. erzählt, mit ihrer im siebenten 
Monate schwangeren Tochter Ficquehnont in der Welt herum und 
redete ihrem leichtgläubigen Schwiegersohne ein, die Natur ihrer 
Tochter verlange diese Bewegung. In Wahrheit suchte sie den 
Baron Karl Hügel (der Großfürst schreibt irrtümlich Charles 
Sügel), von dem sie einen Bastard mitschleppte, dessen Mutter sie 
aber nicht war. Jedermann sagte sie aber: „Wohin ich komme, 
hält man ihn für meinen Sohn. Ach! Ich bin nicht so glücklich, 
seine Mutter zu sein." (S. 312.) 

122 



gen nicht einmal den Fastnachtsdienstag; trotzdem woll- 
ten wir uns an diesem Tage unterhalten und fuhren im 
Domino in Begleitung des heiteren Grafen Ludolf auf 
den Korso. Sechs große mit Konfetti angefüllte Körbe 
konnten mit Mühe unserer Kriegslust genügen und hin- 
ter kleinen Blechschilden gedeckt, erwiderten wir das 
Kartätschenfeuer zwei Stunden hindurch gegen die gan- 
ze Bevölkerung des Toledos." 

Am 17. März, als wir von Cumae zurückkehrten, wo 
wir die römischen Ruinen angesehen, hielten wir auf ei- 
ner Anhöhe, die am Averner See liegt, um Plätze zu 
wechseln. Ich war in die Kalesche des Mr. J. Gordon'^), 
Bruders des englischen Geschäftsträgers in Venedig, ein- 
gestiegen, Rasumojfsky und Herr Bechi, Sekretär der hie- 
sigen Akademie, der uns die Altertümer Neapels zeigte, 
wollten gerade in den Wagen steigen, worin Konstan- 
tine schon saß. Ihr Kutscher hatte aus irgendeinem 
Grunde die Zügel unserem italienischen Bedienten über- 
geben. Plötzlich werden die Pferde unruhig, der feige 
Neapolitaner läßt die Zügel fahren und die Tiere jagen 
im Galopp davon. Ich stoße einen Schrei aus, Mr. Gor- 
don stürzt aus dem Wagen und will die Zügel ergreifen, 
es war aber schon zu spät, und mit Blitzesschnelle wird 
meine unglückliche Schwester über einen engen und 
steinigen Weg einem Abgrunde entgegen geführt. Außer 
mir, lasse ich meinen Wagen nachjagen, ich sehe den 
Konstantinens mit unglaublicher Schnelligkeit bergab 
sausen, an jeder Wegecke und an jedem vorspringenden 
Felsen in Gefahr, zerschmettert zu werden. Nein, nie- 
mals, niemals werde ich ausdrücken können, was ich da- 
mals empfand, es war die Raserei, der Todeskampf eines 

i) Er war englischer Marinekapitän und machte Konstantine 
ernstlich den Hof. Über ihn siehe Bd. III. 298. 

123 



Verurteilten! Endlich verliere ich sie bei einer Biegung 
aus den Augen. Ich falle auf die Knie, ich denke zu ster- 
ben, da — sehe ich sie plötzlich aufrecht daherkommen, 
ihren kleinen Hund unter dem Arm; nicht einmal die 
Kleider waren zerrissen. Mein Gott, welch ein Augen- 
blick — sie war gerettet ! Ein Pferd war nämlich gestürzt, 
Konstantine hatte diese Gelegenheit ergriffen, um aus 
dem zertrümmerten Wagen zu steigen. Wie glücklich 
fühlte ich mich, als ich sie in meine Arme schloß, dann 
eilte ich rasch zu dem armen Rasumoffsky, der allein auf 
der Anhöhe, starr vor Schrecken zurückgeblieben war, 
seine Arme gegen Himmel streckte, unverständliche 
Worte murmelte und jeden Augenblick die Nachricht 
des schrecklichsten Unglückes zu hören erwartete. Der 
Himmel hatte uns alle beschützt, er, der sich schon hun- 
dert Male als unser Vater erwiesen. Und dennoch hatte 
ich nicht zu beten vermocht, ich konnte nur mein Leben 
statt des ihrigen aufopfern ; Gott gab es uns zurück, ohne 
das Opfer anzunehmen. Als wir vor Freude weinten, 
kam gerade der Erbprinz mit seinem Gefolge vorüber, 
er lieh uns einen Wagen, wo wir alle fünf Platz nahmen, 
und so langten wir in Neapel mehr tot als lebendig an. 
Eine Steifheit in den Gliedern bei Konstantine und eine 
arge Migräne bei Rasumoffsky waren die einzigen Fol- 
gen dieses schrecklichen Vormittages. 

Als ich neulich das Museum besuchte, das die Neapo- 
litaner „I Studi" nennen, fielen mir u. a. mehrere Sta- 
tuen auf, die alle einer Familie angehörend, auf dem 
Proszenium des Theaters in Herculanum gefunden wor- 
den waren. Sie waren alle recht mittelmäßig und die 
Frauen hervorragend häßlich; ein allen Physiognomien 
anhaftender gemeiner Zug lernt uns in ihnen eine 
Parvenufamilie kennen. 

124 



Gegen Ende März reisten wir nach Rom, um dort die 
h. Woche mitzumachen. Dieser Aufenthalt zog sich aber 
bis in die ersten Tage des Juni hinaus, dann kamen wir 
erst wieder in Neapel an. Gordon und Bonard reisten mit 
uns, jeden Abend trafen wir uns wieder und man sou- 
pierte zusammen in heiterster Weise. Die Feierlichkei- 
ten während der h. Woche übergehe ich hier, da sie ja 
bekannt sind, ich möchte es hier nur wagen, dem h. Va- 
ter einen guten Rat zu geben. Vom Abend des Grün- 
donnerstags bis zu dem des Karfreitags wird die Peters- 
kirche nur durch ein illuminiertes Riesenkreuz erleuch- 
tet, die Fenster sind alle schwarz verhängt. Die Wirkung 
ist zwar schön, aber nicht überwältigend, das Halbdun- 
kel dient nur dazu, die verschiedenen Wölbungen, Kon- 
turen und Monumente der Kirche mit einem mysteriö- 
sen Schleier zu umgeben. Im übrigen bin ich so sehr ein 
Sklave meiner Eindrücke, daß ich nichts ohne innere Be- 
geisterung bewundern kann; das ist ein Geständnis, das 
ich ein für alle Male machen muß, iim meinen Lesern 
nicht ein unbegrenztes Vertrauen in meine Urteile ein- 
zuflößen. 

Dies vorausgeschickt, muß ich sagen, daß die Leute, 
welche an den beiden Tagen in der Kirche promenier- 
ten, sich den Arm gaben, schwätzen, lachten, Witze 
machten oder leichtsinnige Verabredungen trafen, wie 
ich es hören mußte, mich ganz aus meiner Andacht her- 
ausrissen. Bei der Unruhe solcher Elemente ist eine 
Sammlung der Seele, die eine natürliche Folge dieses 
imposanten und melancholischen Schauspieles sein müß- 
te, ausgeschlossen. Und wieder sind es die garstigen Eng- 
länder, denen ich es verdanke, den Zauber dieser Abend- 
andacht eingebüßt zu haben. Und nun kommt mein be- 
scheidener Rat an den h. Vater. Wäre ich Papst, so würde 

125 



ich den Eintritt in die Peterskirche während gewisser 
Zeiten, so während der Ausstellung des „wahren Kreu- 
zes", nur Katholiken gestatten, die sich außerdem mit 
einer Bestätigung ihres Pfarrers ausweisen müßten. Das 
Allerheiligste würde dann ausgestellt, die Priester wür- 
den es in der Stille anbeten und eine ernste, liebliche 
Musik würde die Herzen der Anwesenden in erhabene 
Betrachtungen versenken. Nach der Anbetung des h. Sa- 
kramentes käme es in eine verschlossene Kapelle und die 
Kirche würde für jedermann geöffnet. Ich begreife nicht, 
daß der römische Klerus, der auf jede Weise während 
der h. Woche die Gläubigen zur Andacht stimmen will, 
auf dieses einfache Mittel noch nicht verfiel, während 
so, wie es jetzt ist, die Anbetung des Kreuzes selbst in 
den Augen der Fremden, die ihn verursacht haben, zum 
Skandal wird. 

Als wir am Abend des Ostersonntages von der Illumi- 
nation der Kuppel der Peterskirche und dem Feuer- 
werke in unser Palazzo Sacripante im Landauer des Her- 
zogs von Laval zurückfuhren, ereignete sich eine heitere 
Episode, die uns viel Spaß machte. Beim Quirinal ange- 
langt, wirft sich plötzlich ein Mann, dem Gendarmen 
folgen, den Pferden in die Zügel, dann stürzt er zum 
Wagenschlag. „Was, was hat er denn ?" rief Laval mit 
dem ihm eigenen Stottern. — „H^rr Gesandter, ich ver- 
lange Ihren Schutz gegen die Vergewaltigung." — „Und 
wer sind Sie denn ?" — „Ich bin der Graf St. Criq^), 
sehen Sie, wie mich diese Kerle zugerichtet haben!" — 
Er sah in der Tat etwas zerzaust aus. „Nun, so lassen Sie 

i) Ein Comte de Saint-Cricq verlor 1826 seinen Ministertitel (er 
war früher französischer Handelsminister) und seine Pension von 
10 000 Fr., weil er an die Wähler seines Departements kompro- 
mettierende Briefe gerichtet hatte. (Journal du Comte Apponyi, 
Paris, Plön 1913, p. 268.) 

126 



sich doch zur Gesandtschaft führen und überfallen Sie 
nicht diese Damen wie ein Räuber." Uns erheiterte aber 
das Gespräch und wir baten den Herzog, es fortzuset- 
zen. „Meinetwegen," begann der Herzog, „wenn die 
Damen es gestatten; sagen Sie also, um was es sich han- 
delt." — „Herr Gesandter, diesen Morgen verließ ich 
Rom, um nach Neapel zu gehen ..." — „Das heißt, den 
richtigen Tag dazu aussuchen, nun und ?" — „Ich unter- 
breche in Albano, um zu frühstücken, ich bestelle Kote- 
letten, gebratene Hühner, Kartoffeln und Eier." — „Bei 
Gott, Sie sind aber bei Appetit". — „Herr Gesandter, 
das ist so meine Gewohnheit." — „Fahren Sie fort!" — 
„Dann zahle ich und reise ab." — „Nun und ?" — „Und 
— man arretiert mich." — „Ja, warum denn ?" — „Ich 
hatte die silbernen Löffel des Wirtes mit mir genom- 
men." — „Ah, Ah!" — „Herr Gesandter, das ist so 
meine Gewohnheit!" — „Ja aber, mein Herr, Sie sind 

ja ärger, wie eine Elster." — Unser schallendes 

Gelächter unterbrach dieses eigentümhche Verhör, das 
erst im Gesandtschaftshotel sein Ende finden sollte. Dort 
stellte man die unschuldige (!) Manie dieses halbverrück- 
ten Mannes aus gutem Hause fest; nachdem er die Löf- 
fel zurückgegeben hatte, wurde er in Freiheit gesetzt, 
wobei er nur bedauerte, daß er nicht auch die Püffe der 
Gendarmen zurückgeben durfte. 

Am 2. April schreibe ich: ,,Der König von Bayern 
hat dank der Entdeckung zweier Deutscher einen gros- 
sen Schatz erworben. Dieser besteht in zwei sehr gut er- 
haltenen Bildhauereien, die sieinAegina in sehr geringer 
Tiefe fanden. Sie scheinen dort den Fries eines Tempels 
geschmückt zu haben. Nicht allein die Schönheit der 
Arbeit macht sie interessant, sondern ihr ehrwürdiges 
Alter, das bis über das Zeitalter des Perikles hinauf- 

127 



reichen soll. Sie scheinen einen Kampf zwischen Grie- 
chen und Barbaren, vielleicht auch Thebanern vorzu- 
stellen." 

Trotz der vorgerückten Jahreszeit war es in Rom noch 
keineswegs sommerlich; wir hatten bei unseren Vormit- 
tagsausflügen viel kälter wie in Neapel im Februar, als 
wir über die Felder von Lucrino gingen, wo die Bäuerin- 
nen im Schweiße ihres Angesichtes unter Singen ernte- 
ten. Man muß zugeben, daß Rom viel ernster ist; je- 
mand sagte einmal, daß man Rom wie seine Frau, Nea- 
pel wie seine Maitresse liebe. Dies scheint mir zutref- 
fend, denn die legitime Gattin hat, wie ich glaube, 
manchmal auch ihre Launen. 

Nimm deinen Mantel, lieber Landsmann, denn wir 
haben wieder angefangen, unter Leitung des unermüd- 
lichen Nibby die Altertümer Roms zu besichtigen. Kon- 
stantine hatte diesen Winter an den gelehrten Vorträgen 
ja nicht teilnehmen können, der Graf Esterhdzy, ebenso 
wie Gordon, Charles Acton (Sohn der Lady Acton), 
„Monseigneur en herbe" i), der zur h. Woche nach Rom 
gekommen war, und endlich Rasumoffsky, der nicht 
müde wurde, zuzuhören, wollten alle aus den Lektionen 
Nutzen ziehen. Diese Gesellschaft durchzog alle Vormit- 
tage unter der Ägide ihres Professors die ewige Stadt 
nach allen Richtungen. Ich schloß mich als Amateur an, 
den Bleistift in der Hand und sammelte Erinnerungen in 
der Gegenwart, während die anderen sich in die Ver- 
gangenheit vertieften. Wir besuchten auch die Gal erien 
und AteHers, die ich fast alle schon kannte, mir bedeu- 
tete es aber eine größere Freude, dasjenige nochmals zu 
sehen, was ich bereits bewunderte, als es das erstemal 
zu erblicken, 
i) cn herbe = zukünftig, also etwa soviel wie ein „Herr Voreilig". 

128 




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Nach unserer Rückkehr von der Villa d'Este am 30. 
April erwartete uns in Tivoli in dem Hause, das uns der 
Kardinal Consahi zur Verfügung gestellt hatte, ein gu- 
tes Diner aus der Meisterhand Truchelus, des Koches 
meines Schwagers. Während dann die übrigen sich zur 
Ruhe begaben, wollten wir, Rasumoffsky, Gordon und 
ich den schönen Abend genießen, um so mehr, als man 
uns sagte, der Mond werde heute den großen Wasserfall 
und den Vestatempel beleuchten. Wir kamen aber nicht 
auf unsere Rechnung, denn die abnehmende Mondsichel 
ging erst um 10 Uhr düster und traurig auf und verbrei- 
tete nicht vor 1 1 Uhr ihren matten Schein über die Kas- 
kade. Um uns für ihren schlechten Willen zu entschä- 
digen, ließen wir den rundenVesta- oder jetzigen Sibyl- 
lentempel durch Fackeln beleuchten. Der Feuerschein 
ließ in der Tat seine eleganten Formen und seine leich- 
ten, schlanken Säulen, die eine gespenstige Runde um 
ein magisches Licht bildeten, scharf hervortreten. Das 
Dunkel hinter dem Tempel schien durch den Kontrast 
um so schärfer zu werden und die langen Schatten streif- 
ten in phantastischen Formen die eigentümlich bläu- 
liche Umgebung. Die ganze Szenerie bot etwas unge- 
mein Schauriges und Imposantes, aber es war unmög- 
lich, diesen Eindruck festzuhalten. Unsere Führer mach- 
ten einen derartigen Lärm vmd ihr Geschrei wurde so 
widerwärtig, daß wir jede Hoffnung aufgaben, ihnen 
die Notwendigkeit, zu schweigen, beizubringen. Mitter- 
nacht war schon vorüber, als wir uns unfreiwillig nach 
Hause begaben. 

Das Volk ist in Italien ein direktes Hindernis, wenn 
man sich den angenehmen Eindrücken hingeben will, 
die in diesem poetischen Lande sowohl Vergangenheit, 
als Gegenwart auf Schritt und Tritt hervorzaubern. 

9M. L. III '^9 



überall wird man von einem Haufen Elender umrungen 
und verfolgt, die summenden Fliegenschwärmen gleich, 
einen keinen Augenblick zu Atem kommen lassen. Die 
Freude an der Betrachtung ist einem vollständig genom- 
men und die Ungeduld über dieses menschliche Ge- 
schmeiß verkümmert jeden Schwoing der Phantasie. Die 
sentimentalen Betrachtungen der Reisenden, die zum 
ersten Male die reizenden Gegenden und Erinnerungen 
Italiens besichtigen, sind sicher erst später entstanden, 
denn man kann unmöglich alle diese Empfindungen in- 
mitten des Geschreies der Führer und des Heulens der 
Bettler gehabt haben. Erst in der einsamen Kammer 
kehrte wohl der Enthusiasmus zurück. 

Ich hasse die Leute aus dem Volke in Italien, obwohl 
ich sie sonstwo gerne zu schätzen weiß; alle ihre Na- 
tionallaster kommen in ihrer Heimat mit einer unheim- 
lichen Gelehrsamkeit zum Ausbruche: Käuflichkeit, 
Feigheit, Grausamkeit und Spitzbüberei. Von der Zivi- 
lisation noch so weit entfernt, haben sie weder die Ein- 
fachheit der Sitten, noch die natürliche Scham bewahrt ; 
hier ist die Brutstätte der Laster. Dennoch glaube ich, 
daß im Innern des Landes das Volk besser ist, als nahe 
der Städte. Bei den Ausflügen, die wir mit Signor Nibby 
machten, unterhielt es mich oft, mit den bäuerlichen 
Arbeitern auf den Feldern zu sprechen: ich fand, na- 
mentlich bei den Frauen, viel Sanftheit und Gutmütig- 
keit, sie antworteten mir in ihrer schönen Sprache mit 
Höflichkeit und Einfachheit. Aber der Bettel verdirbt 
die Bevölkerung, und überall, wo es zur Gewohnheits- 
sünde wird, die Reisenden auszubeuten, verführt er sie. 
Besonders sind die Kinder in der Nähe der Straßen und 
Orte unausstehlich, während sie in abgelegenen Häu- 
sern ihre Naivität bewahren. So erinnere ich mich an 

130 



ein kleines Mädchen, das ich 1822 beim Zirkus des 
Cimaeus traf; sie bewohnte mit ihren Eltern die 
Ruinen eines Tempels, war fünf Jahre alt und hatte die 
prachtvollsten Augen der Welt. Nachdem sie meine Fra- 
gen in anmutigster Weise beantwortet hatte, bat sie, mir 
ihre „tartaruchelle" zeigen zu dürfen. Ihre frohe Miene 
war so einladend, daß ich es annahm; sie führte mich 
auf eine Terrasse, auf welcher sie ihre Schildkröten hielt. 
Aber sie konnte ihre Zöglinge rufen, wie sie wollte, sie 
kamen aus dem hohen Grase nicht hervor. Um mich 
inzwischen zu zerstreuen, erzählte sie mir die Geschichte 
der tartaruche „che mangiano e poi hanno ovi, e poi 
vengono le tartaruchelle" i). — „Und was machen sie 
jetzt ?'* fragte ich das Kind. Mit der herrlichsten Na- 
ivität antwortete es freundlich: „Fanno figli^)." 

Der Herzog von Torlonia hatte uns eingeladen, den 
I. Mai mit seiner Gattin auf seiner Besitzung Bracciano 
zu verbringen. Das Ehepaar war wohl recht langweilig, 
aber da das Gut, die Wiege der Orsini, wundervoll war 
und wir in Gesellschaft des Grafen Jpponyi, des Duc de 
Montmorency, der Grafen Esterhäzy und Lewicki hin- 
fuhren, waren wir so ziemlich vor den Gastgebern ge- 
schützt. „Bracciano, dieses alte, ursprünglich mit allem 
mittelalterlichen Luxus versehene Schloß, ist heute in 
schlechtem Zustande; es spiegelt sich betrübt in einem 
See, der zu seinen Füßen liegt. ,Er errötet über seine 
Mesalliance', erklärte der Duc de Laval. Statt Pagen 
erblickt man Arbeiter, statt des Gewiehers edler Pferde 
hört man das Geräusch von Maschinen, doch die frei- 
gebige Natur schmückt die Umgebung ohne Unterlaß 

i) „sie essen und dann haben sie Eier und dann kommen die 
jungen Schildkröten." 
2) „Sie machen Söhne." 

9* 131 



mit ihren schönsten Gaben. Über den See kursiert fol- 
gende Geschichte. Im Jahre 1810 sahen die Dorfbewoh- 
ner aus den Wolken einen runden Gegenstand nieder- 
sinken. Zuerst erschrocken, kamen sie doch herbei, als 
sie sahen, daß der Gegenstand ruhig auf dem Wasser 
schwamm. Sie fischten ihn heraus, trennten die Falten 
des Stoffes, aus dem er bestand, auf und fanden darin 
ein Pergament, das sie belehrte, es sei in Paris ein König 
von Rom geboren worden. Die guten Leute sollen nicht 
wenig darüber erstaunt gewesen sein." 

Nach einem eineinhalbtägigen Aufenthalte in Brac- 
ciano, der mit einer Promenade, einem Ausritte und ei- 
nem Feuerwerke am ersten Tage und einem Ausfluge 
zu einem schönen Schloß der Umgebung am anderen 
Morgen ausgefüllt war, fuhren wir auf der löcherreichen 
und schlecht gepflasterten Via Cassia nach Rom zurück. 
Der Herzog von Laval war mit uns und trotzdem die 
Konversation während der vier Stunden etwas stockend 
zu werden drohte, unterhielt uns Laval allein so ausge- 
zeichnet, daß niemand an einen Schlaf dachte. Es war ihm 
dabei um so mehr Verdienst zuzuschreiben, als ja dem 
guten Herzog von fünf Sinnen eigentlich drei fehlten. Er 
war fast blind, ein wenig taub und ein arger Stotterer. 
Diese Mängel gaben ihm eine gewisse Angst und Bedenk- 
lichkeit, die noch durch eine große Zerstreutheit und In- 
kohärenz der Gedanken gehoben wurden, so daß man ihn 
manchmal wirklich für blödsinnig halten konnte. Dies 
passierte ihm auch bei vielen Personen, die ihn nicht 
näher kannten, und daher so unrichtig beurteilten. Je 
mehr ich ihn aber beobachtete, um so originellere 
Ideen entdeckte ich und seine Schlußfolgerungen besa- 
ßen oft, wenn man mit Geduld ihm trotz aller Wieder- 
holungen und trotz seines Stotterns bis zum Ende zu- 

132 



hörte, eine Richtigkeit und Neuheit, die man hier nicht 
erwartete. 

Während unserer Rückfahrt fiel das Gespräch natür- 
lich auf den Geist des Jahrhunderts und den Kampf zwi- 
schen Aristokratie und Demokratie. Laval sagte: „Der 
Adel hielt bisher mutig und ehrenhaft den Ansturm aus, 
aber es wird ein Tag kommen, wo er durch die Überzahl 
vernichtet werden wird." Diese Meinung erläuterte er 
äußerst zierlich und fügte seine edlen und ritterlichen 
Empfindungen bei. Ich bekämpfte sie und antwortete 
ungefähr folgendes: „Was das Resultat anlangt, so wird 
unsere Sache trotz derjenigen, die sie herabsetzen und 
die uns stürzen wollen, trotz der Könige und Völker tri- 
umphieren; selbst, wenn wir Terrain verlieren sollten, 
wird unser Sieg nur um so glänzender und gewisser sein. 
Die Adeligen können unterliegen, aber der Adel wird 
nicht untergehen." — ,, Sehen Sie doch," wandte ich 
mich zu Laval, „seitdem die Revolution das große Ni- 
villement begann, das sie durch Blut und Raub zu festi- 
gen suchte, seitdem Bonaparte diese Menge neuer Män- 
ner schuf, die sein Glücksschiff bugsieren sollten, seit- 
dem der Geist der Demokratie, der von Napoleons eiser- 
ner Hand wie alles andere niedergehalten wurde, später 
seine Fesseln löste, seitdem endlich 30 Jahre in einem 
fortwährenden und ungleichen Kampfe der Demokratie 
gegen ihren Widersacher vergangen sind, — welches 
sind denn die Fortschritte, die die erstere in der allge- 
meinen Meinung machte ] Erwecken nicht immer noch 
in allen Ländern die großen alten Namen jene Ehrfurcht, 
die das Andenken an sie wachruft ? Sieht man nicht un- 
sere Feinde nach Titeln jagen, die sie uns mißgönnen, ob- 
wohl sie sich mit unserer Verlassenschaft gerne schmük- 
ken, so ungeschickt sie auch damit umzugehen verste- 

133 



hen ? Sieht man nicht ferner, wie jene Neugeadelten, 
weit davon entfernt, ihren Triumph ihrer bisherigen 
Partei zu Füßen zu legen, diese verlassen und wie Adels- 
veteranen aussehen wollen ? Unsere Gegner drohen und 
schreien sehr viel, wenn sie unter sich sind, wenn du aber 
mit jedem einzelnen verhandelst, wirst du ebenso viele 
Überläufer zählen können. Meiner Meinung nach gibt 
es keine aufrichtigen Demokraten, sie vergehen vor Lust 
die Partei zu wechseln. Was uns hingegen betrifft, sind 
unsere Privilegien unwiderruflich, da sie sich atif dieVer- 
gangenheit stützen und diese feststeht. Also auf die Ge- 
schichte gestützt, mit dem Lorbeer der Erinnerungen 
im Haare, durchschreiten wir die Jahrhunderte und die 
alles zerstörende Zeit kann nur unseren Ruhm erhöhen." 

Meine Rhetorik und der fulminante Schluß waren dem 
Ohre eines Montmorency zu schmeichelhaft, um nicht im 
Sturm meine Partei zu ergreifen, aber auch Laval war 
davon so entzückt, daß ich augenblicklich seine Erobe- 
rungmachte. Nebenbei bemerkt, ich legte weder auf die 
eine, noch auf die andere einen Wert. 

Anfangs April kam JVallmoden in Rom an, am 9. be- 
suchte er uns. Ich freute mich, ihn zu sehen, aber ach, 
wie hatte er sich verändert, wie gealtert und wie schwan- 
kend war seine Gesundheit geworden! Zuerst lag es wie 
ein Schleier zwischen uns, er verhinderte mich, den 
Freund zu erkennen, als er aber zu sprechen begann, 
drang mir der Ton seiner Stimme ebenso ins Herz, wie 
der „Kuhreigen" den Schweizern und ich fühlte mich 
gerührt, denn er erinnerte mich an vergangene schöne 
Tage. Wie gut ist es, wenn der Ton der Stimme unver- 
ändert bleibt, er ist uns ein Brief aus der Ferne, ein Au- 
genblick, der der Vergangenheit entschlüpfte und an un- 
serer Seele in alter Frische vorbeizieht. Ich hätte am 

134 



liebsten die Augen geschlossen behalten, um Wallmoden 
sprechen zu hören und mich so in die Vergangenheit zu- 
rückzuversetzen. 

Doch gewöhnte ich mich bald an den Wechsel; es 
sprach ja immer noch dieselbe treue Seele aus seinen lie- 
ben Zügen. Er erging sich wie einst ganz offen über seine 
Geschäfte, Projekte, Schicksalsschläge und Liebschaften. 
Daran erkannte ich ihn: die gleiche Jugendhchkeit in 
seinen Ideen, die gleiche Sorglosigkeit in bezug auf seine 
Interessen, der gleiche Drang zur Träumerei und zum 
Genießen. Er sagte mir mit der Offenherzigkeit, die nur 
ihm eigen war: „Würde nicht meine Gesundheit mich 
zeitweise zur Vorsicht mahnen, ich wäre zu allerlei Toll- 
heiten aufgelegt, wie ehemals." Und doch war er schon 
,,on the wrong side" seines fünften Jahrzehntes. Ich 
möchte, daß seine Gesundheit nicht älter wäre, als sein 
Charakter, aber leider war jene seinen Jahren weit voraus. 
Wir predigten ihm, er möge seine Lungen und seinen 
Geldbeutel schonen, denn beide waren in einem jämmer- 
lichen Zustande. Er kam gerade aus Sizilien mit einem 
starken Husten und ärmer, wie zuvor, zurück; während 
die kommandierenden Generäle in Neapel Schätze an- 
häuften, ließ er im Lande des Königs alles Geld, das er 
erhalten. Seine Manieren eines vollendeten Edelmannes 
wird man am Wiener Hofe kaum zu schätzen wissen, 
denn dort versteht man nichts davon. Und eben deshalb 
müßte unser Freund seine Opfer, Dienste und seine Si- 
tuation ein wenig hervorkehren, um für seine Leistun- 
gen entschädigt zu werden. Der König von Neapel, dem 
er wieder auf den Thron verholfen hatte, schuldete ihm 
eine ähnliche Dotation, wie er sie Frimont'^) gab. Wenn 
dieser, nachdem er die neapolitanische Armee nur von 
i) s. Bd. I. 292. 

135 



weitem davonlaufen sah, behauptete, er habe dem Kö- 
nige sein Reich gerettet, so hatte Wallmoden sicherlich 
besser fundierte Rechte, ihm Sizilien erhalten zu haben. 
Doch Metternich wird keinen Finger rühren, denn Wall- 
moden ist nicht sein Mann! 

Wir machten mit unserem Freunde einen Ausflug nach 
Ostia, den die Herzogin von Devonshire'^) leitete; es wa- 
ren viele Engländer und Engländerinnen dabei, man aß 
schlecht, man langweilte sich und kehrte spät abends zu- 
rück. An diesem Tage ereignete sich aber ein kleiner Un- 
fall, der uns in ziemliche Aufregung versetzte. Wir saßen 
alle um irgendwelche Trümmer herum, die ein Kunst- 
kenner uns erläuterte. Alle lauschten seinem Vortrage 
und schauten in ein Loch hinab, das der Redner für be- 
deutend hielt. Plötzlich ließ Rasumoffsky seinen Spazier- 
stock gerade in dieses Loch fallen. Was beginnen ? Wäh- 
rend man noch darüber beriet, kroch der gute Jäger mei- 
nes Schwagers, Josef mit Namen, in die Öffnung, man 
sah ihn hinter einer Wölbung verschwinden. Fünf Mi- 
nuten vergingen, er kam nicht zum Vorschein, man rief, 
ohne Erfolg. So verging eine Viertelstunde, die Angst 
würgte uns schon alle und man sagte sich, er werde 
sicherlich erstickt sein. Alle seufzten „O mein Gott!" 
und sahen unverwandt in das böse Loch hinab, — als 
plötzlich hinter uns Josef erschien und feierlich den Stock 
in seiner Hand trug. Er war einem unterirdischen Gange 
gefolgt und bei einer anderen Öffnung herausgekommen. 

Mitte April machten wir mit den Esterhäzys, Graf Le- 
wicki, den Engländern und Visconti^), dem Sohne des 

i) Siehe später. 

2) Lulgi Visconti, geb. 11. 2. 1791 zu Rom, gest. Dezember 1853 zu 
Paris, Sohn des berühmten Archäologen Ennio Quirino V., franzö- 
sischer Architekt, der das Grabmal Napoleons I. im Invalidendom 
schuf. Er war Offizier der Ehrenlegion und Membre de l'Institut. 

136 



berühmten Altertumskenners, als Führer einen mehr- 
tägigen Ausflug nach Frascati und Albano. Auch ein gu- 
ter Schweizer Maler, Herr Kaisermann, schloß sich uns 
an und machte uns auf die mannigfachen landschaftli- 
chen Schönheiten aufmerksam. In Frascati besuchten 
wir auch das Camaldulenser Kloster, dessen fromme Be- 
wohner vor einigen Jahren von Briganten aufgehoben, 
in die Berge geschleppt und erst gegen ein hohes Löse- 
geld freigegeben worden waren. Ein junger Mann, der 
die Mönche bediente, hatte die nötige Summe im Lande 
gesammelt, er hatte aber auch die armen, gefangenen 
Klosterbrüder getröstet und gepflegt. Als Belohnung er- 
bat er sich einzig und allein, auch in den Orden aufge- 
nommen zu werden. 

Die Esterhdzy verließen einige Tage vor uns Rom, um 
sich auch nach Neapel zu begeben. „Der Graf ist ein aus- 
gezeichneter Mann, zuweilen aber ziemlich hartnäckig 
in seinen bizarren Launen. So hat er z. B. die sonderbare 
Wut, seine I^inder zu purgieren. Am 17. Mai verbrach- 
ten wir den Abend bei ihm; an diesem Tage hatte er ge- 
rade seinen Anfall, der zu einer sehr heiteren Szene An- 
laß gab. Es wurde eine gute Mahlzeit aufgetragen und 
jedermann schickte sich an, ihr Ehre anzutun, als plötz- 
lich der Graf ausrief: ,A propos, wir reisen ja in zwei 
Tagen nach Neapel; also, meine Kinder, kein Eis, keinen 
Kuchen diesen Abend!' — ,Aber warum denn nicht, 
Papa ?* — ,Nein, ihr wißt ja . . . um zu reisen . . . darf 
man nicht . . . hartleibig sein.' — ,Aber ich kann dich 
versichern, lieber Papa . . .' — ,Das ist ganz gleich, lie- 
be Tochter.' — ,Aber, lieber Papa, gestern noch . . .' 
— ,Das macht nichts, mein Sohn,' — Die Reklama- 
tionen kamen von allen Seiten ; jeder führte Beweise und 
Zeugen an; aber es nützte alles nichts, man mußte ge- 

137 



horchen und das Eis wurde durch Rhabarber und Sen- 
nesblätter ersetzt. Die Hälfte dieser Plaidoyers wurde 
allerdings stehend mit leiser Stimme gehalten, aber un- 
ser Gelächter unterbrach das Geflüster, ohne jedoch 
das Urteil irgendwie ändern zu können." 

Der Herzog von Laval gab den Esterhäzys und uns 
ein Abschiedsdiner in der Malteserpriorei. Die Tafel war 
auf der Terrasse gedeckt, der Schatten des Lorbeers 
streifte unsere Köpfe und die ewige Stadt, vom Tiber 
durchschnitten, dehnte sich zu unseren Füßen. Man 
hätte keinen schöneren und poetischeren Festsaal wäh- 
len können. In der Priorei gibt es eine Merkwürdigkeit, 
die erst jüngst von der Gräfin Flora Wrhna entdeckt 
wurde und nur wenig, höchstens bei ihren Landsleuten, 
bekannt ist; dieses Kuriosum besteht darin, daß, wenn 
man von außen durch das Schlüsselloch der Gartentüre 
blickt, man gerade die Peterskirche, in diesen kleinen 
Rahmen eingefaßt, sieht. Der Eindruck wirkt verblüf- 
fend, ich habe das Bild gezeichnet^). 

Während dieses zweiten Aufenthaltes in Rom mach- 
ten wir einige neue Bekanntschaften natürlich unter den 
Fremden, denn was die Einheimischen anlangt, so müß- 
te man sich ausschließlich in ihre Gesellschaft stürzen 
und da noch Jahre warten, bis man mit ihnen intimer 
würde. Stolz auf ihre Vergangenheit, durch die Gegen- 
wart gedemütigt, fühlen sich die Römer in Gegenwart 
jener transalpinen Nationen, die sie ehemals Barbaren 
nannten, und die sie aber heute so weit überragen, un- 
behaglich. Die Engländer sind hier in der Mehrzahl und 

i) Die bekannte Schlüsselloch-Aussicht beim Hause Nr. 40 in 
einer Türe, die zum Garten der Malteservilla führt. Die Allee, 
welche durch den Garten nach S. Maria del Priorato führt, liegt 
nämlich genau in der Richtung auf die Peterskirche. 



Zu Bd. III, S. 138/139. 




i ii 



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^■NJiiii'aäiSlNiiiiiliiiiif II iiiiiiiijfiM^i^^Mi 



iittÜ 



Lord Karl KInnaird of Hassap (1780 — 1826). 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1825) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



wir fanden daher unter ihnen den größten Teil unserer 
Bekanntschaft. Vor allem die Herzogin von Devonshire^ 
eine Dame von europäischem Rufe, dann Lord und Lady 
Kinnaird^), Mr. R. Grosvenor-), der Sohn des Lords 
Grosvenor, ein junger, liebenswürdiger Mann, der eben 
aus Wien kam, ein Mr. Fr. St. John, ein Vetter des klei- 
nen Zöglinges des Abbes Tisserant, Lady Mary Deer- 
hurst^) u. a. m. Lord Kinnaird gehörte zu den pronon- 
ziertesten Radikalen Englands, man würde ihn aber viel 
eher für den Chef der Aristokratie gehalten haben, da er 
die Manieren und das Cachet eines vollkommenen Edel- 
mannes zur Schau trug : einen kultivierten und umfassen- 
den Verstand, eine anmutige, flüssige Konversation, einen 
leichten Hang zur Ironie, eine stolze Haltung, gefällige 
Umgangsformen, verbunden mit ausgesuchtem Takt- 
gefühl. Kurz, es fehlte nichts und wenn die demokrati- 
sche Partei mehrere solche Vertreter hätte, so bliebe ihr 
kaum etwas übrig, wegen dessen sie uns beneiden könnte. 
Allerdings muß man beifügen, daß Lord Kinnaird, aus 
einem alten schottischen Hause entstammend, ein Über- 
läufer war. Die Lady Kinnaird trat durch ihren Geist 
hervor, hinsichtlich ihrer Launen und ihrer Geschmack- 
losigkeit war sie aber die vollendete Engländerin. 

i) Charles 8. Baron Kinnaird, geboren 8. 4. 1780, gest. 11. 12. 
1826, liberaler Abgeordneter des Hauses der Gemeinen, bekannter 
politischer Schriftsteller, heiratete 8. 5. 1 806 Lady Olivia Fi'/ÄgijraW, 
Tochter des 2. Herzogs von Leinster. 

2) Robert Grosvenor, geb. 24. 4. 1801, gest. 1875, heiratete 12. 5. 
183 1 Charlotte Wellcsley, Tochter des Lords Cowlcy. 

3) Lady Mary, geborene Prinzession von St. Albans, war (seit 
6. II. 181 1) die zweite Frau des 8. Earl (Georg William Coventry) 
DeerhuTst, geb. 1784. 



139 



XXIX. UNSER ZWEITER AUFENTHALT 
IN NEAPEL 

Anfangs Juni waren wir wieder in Neapel eingetrof- 
fen; ich fand diese Sirene bezaubernder, denn je. 
„Aber es ist schwer, hier zu schreiben ; jede Beschäftigung 
ermüdet und jede Ermüdung wird zur wahren Pein. 
Nichts tun, auf dem Balkon frische Luft schöpfen oder 
in einem Fauteuil träumen, die Bläue des Himmels und 
des Meeres betrachten, dem Rollen der kleinen Wellen 
gegen das Gestein lauschen, morgens den weißen Segeln 
oder den bunten Fähnchen auf dem Golfe und abends 
den Feuern der Fischer auf ihren Barken folgen oder 
den Silberstreifen bewundern, den der aufgehende Mond 
von Ischia bis Chioja über das Meer streut, höchstens 
noch, wenn man die Kraft dazu hat, in einer offenen 
Kalesche zur Strada nova fahren oder, bequem in einer 
Barke hingestreckt, über die Wellen gleiten und schließ- 
lich im Albergo novo Austern essen — das ist das 
Leben und das sind die Freuden in Neapel. Aus diesen 
Bestandteilen setzt sich das Glück zusammen, dem man 
sich hingibt, ohne es zu analysieren, gleichwie man den 
Duft der Blumen einatmet. Sicherlich bedarf es in Nea- 
pel einer großen Willenskraft, um sich mit der Wissen- 
schaft, den Künsten und selbst mit der Tugend zu be- 
fassen. Schon die Alten hatten diesbezüglich ein eigen- 
tümliches Sprichwort: ,Gott möge uns vor Gefahren 
schützen!' Diese Betrachtungen stellte ich am 6. Juni 

140 



an, als die leeren Seiten meines Tagebuches mir einen 
stillen Vorwurf zuzurufen schienen. Ich stützte den Kopf 
in meine Hand, und den Blick auf das Meer gerichtet, 
dessen Wellen sich wie im Takte hoben und senkten, ver- 
fiel ich in eine süße Träumerei — und mein Buch fiel zu !" 

Die Esterhdzys zogen bald nach Resina bei Portici, 
wo die Ludolfs eine Villa, Calenda genannt, bewohnten; 
wir besuchten sie und machten eine Bootsfahrt längs 
der Küste von Portici. Es war gerade ein Festtag, wie es 
ja eigentlich alle Tage in Neapel sind, und ein farben- 
reiches Bild zeigte sich uns auf dem Strand, aber als wir 
es näher betrachten wollten, nötigten uns der Lärm der 
Leute, die miteinander sprachen, oder beteten, sangen 
und unter Geschrei ihre Waren ausboten, sowie das ent- 
setzliche Fanfarengeschmetter, die Dechargen der Ar- 
tillerie und das Knallen der Feuerwerkskörper so rasch 
als nur möglich in unsere Boote zu flüchten. Man muß 
neapolitanische Ohren besitzen, um den neapolitani- 
schen Lärm ertragen zu können! 

Bevor sich Rasumoffsky in dem von ihm gemieteten 
reizenden Landhause in Castellamare etablierte, mach- 
ten wir einige Ritte auf Pferden, die uns der Prinz von 
Salerno geliehen, in die Umgebung. Auch besuchten wir 
das Camaldulenserkloster, das den Astroni noch domi- 
niert, da es auf einem sehr hohen Berge gelegen ist. Wir 
waren dabei in großer Gesellschaft, die Esterhdzys, Ber- 
nard Mayhirt, der treue Bechi und unsere Engländer, 
Mr. Frederic St. John?) inbegriffen, den Vetter meines 
kleinen Freundes aus Wien. Am 22. Juni bestiegen wir 
auch endlich den Vesuv, der aber in mir keinen tiefen 
Eindruck hinterließ, da er in Ruhe war; pittoresk allein 

1) Wahrscheinlich Georg Friedrich St. John^ Offizier, Sohn des 
Sir Frederick St. John, Bruders des 3. Viscount Bolingbroke. 

141 



war der Anblick unserer Karawane auf dem Gipfel, die 
sich wohl auf loo Personen belief. 

Mit dem Kutter eines englischen Linienschiffes, des 
Rocheforts, das seit kurzer Zeit in der Bai vor Anker 
lag, machten wir in Begleitung Gordons und des Lord 
Hamilton^ des englischen Gesandten, mehrere Fahrten 
im Golfe von Neapel, Auch besichtigten wir das Schiff 
selbst, dessen Kapitän ein Mr. Schomberg war. Der Ad- 
miral Moore^), ein Freund Hamiltons, befand sich auf 
demselben. Ich war über diese schwimmende Festung, 
die innen einem Schmuckkästchen glich, so außer mir 
und ich äußerte meinen Enthusiasmus für die englische 
Marine so überschwenglich, daß ich damit die Erobe- 
rung des Kapitäns Schomberg machte, der übrigens nach 
Konstantine Max Zandt^) auffallend ähnlich sehen 
sollte. Letzterer konnte allerdings jetzt so aussehen, 
denn Schomberg war ein Mann von 40 Jahren, 

Während wir in Castellamare wohnten, trat ein Er- 
eignis ein, das uns wahre Schreckenstage brachte. Konstan- 
tine, die schon durch einundeinhalb Jahre an Heiserkeit 
gelitten, wurde bedenklich krank und man dachte schon 
an Luftröhrenschwindsucht. Sie wollte aber solange kei- 
nen berühmten Arzt konsultieren, bis wir nicht unsere 
Ausflüge in der Umgebung von Neapel vollendet hät- 
ten. Endlich ließ sie den Doktor Z)or^^kommen, der sagte, 
es sei keine Zeit mehr zu verlieren, und, um einem 
unheilbaren Zustande vorzubeugen, müsse man wieder- 
holt Blutegel und Blasenpflaster an der Kehle applizie- 
ren. Wir waren furchtbar bestürzt und ich dachte, daß 
der Arzt vielleicht einen Teil der Gefahr verheimlichen 

i) Sir John Moore a. d. G. der Marquess of Drogheda, englischer 

Admiral. 

2) s. Bd. I. 321. 

142 



wolle. Als ich ihn aber immer wieder ausfragte, erfuhr 
ich, daß er keine direkte Gefahr sehe, höchstens in der 
etwas späten Anwendung seines Mittels. Nachdem dieses 
jedoch zweimal angewendet worden war, zeigte sich ein 
bedeutender Erfolg, der die Ärzte vollkommen beruhigte. 

Während unseres zweiten Sejours in Neapel erfuhren 
wir die Ernennung Josejinens zur Hofdame der Vize- 
königin und ihre Abreise von Wien nach Mailand. Eine 
gewisse Neigung zu Würde und Ansehen, wie auch die 
Freude an der Veränderung, die Genugtuung, ihre Mit- 
tel wachsen zu sehen und Wohltaten spenden zu kön- 
nen, machten meine Schwester auf alles vergessen, was 
ihre neue Stellung vielleicht Demütigendes in sich ber- 
gen konnte. Sie verdankte diese übrigens Konstantine, 
die den Charakter Josefinens besser zu beurteilen ver- 
stand als ich. Denn ich hätte ihr nie zu etwas verholfen, 
was die Freiheit kosten mußte, nur um damit eine Stel- 
lung und mehr Gehalt zu erobern. 

Das Leben in Castellamare war so recht nach mei- 
nem Geschmacke; die Vormittage gehörten mir und ich 
verwandte sie al solito. Um 2 Uhr dinierten wir, um^ 
5 Uhr bestieg ich meinen Esel und machte, fast immer 
allein, meine Promenaden und Entdeckungsreisen, oder 
ich stieg ins Gebirge, um zu zeichnen. Es gibt dort ja 
reizende Aussichtspunkte und die kräftige Luft in Ver- 
bindung mit köstlicher Waldeinsamkeit erzeugten in 
meiner Seele eine unaussprechliche Klarheit. Abends 
kam man bei Lady Acton zusammen, um den Tee zu 
nehmen oder zu soupieren. Diese unsere Gesellschaft 
lebte ruhig und ohne Aufsehen und wurde oft durch Vi- 
siten aus Neapel vermehrt, die durch ihre neuen Gedan- 
ken und Nachrichten Erheiterung und Abwechslung 
brachten. Manchmal wurden dann hübsche Ausflüge 

H3 



gemacht. Lady Acton war auf dem Lande eine ganz an- 
dere, ihre Steifheit und nichtssagenden Phrasen waren 
verschwunden, voll Liebenswürdigkeit und Natürlich- 
keit machte sie die Honneurs ihres reizenden Hauses ; wir 
standen auf dem besten Fuße mit ihr. Ihre Tochter war 
schön, wie eine Rose, und lustig, wie es ihren glücklichen 
15 Jahren zukam. 

Den Kern unserer täglichen Gesellschaft bildeten die 
Karl Actons, Pauline Escalon, Herr Bonard und ein klei- 
ner, englischer, ziemlich unterhaltender Arzt. Zu Be- 
such kamen die Herren Solar de la Marguerite, Gordoriy 
Robert Grosvenor, die Familie Esterhdzy^ manchmal 
Franz Liechtenstein, der in Aversa in Garnison stand, 
und Bernhard Mayhirt, dann die Herzogin von Sagan, 
Wilhelm Lichnowsky, die Previlles usw. 

Am 30. Juli war der Namenstag meiner Tante d'Albon, 
es wurden Komödien und lebende Bilder aufgeführt, 
von denen besonders die letzteren sehr gelungen waren. 
Man gab „Heureusement" und „L'esprit de contradic- 
tion". Der Graf Esterhdzy war schuld daran, daß das 
erste Stück gänzlich mißlang. Er wußte seine Rolle nicht 
und wollte ihr zudem einen lehrhaften Anstrich geben, 
vielleicht, um der Erziehung seiner Söhne damit zu die- 
nen. Niki Esterhdzy brachte seiner Rolle („Lindor"), 
die er absolut nicht verstand, nur das reizendste Gesicht 
und die hübschesten Augen entgegen. Papa Esterhäzy 
hatte Sorge getragen, daß alle Stellen gestrichen waren, 
die den jungen Mann seine Rolle hätten erraten lassen 
können. Mme. Escalon gefiel sich in der Rolle einer Mme 
de Lisbon und sie hätte sie gewiß ohne den strengen 
Grafen sehr natürlich gespielt; so aber benahm sie sich 
mit eisiger Sprödigkeit und wirkte unausstehlich. Und 
was sollte ich arme „Lisette" inmitten dieser drei erha- 

144 




= e 



benen Menschen! Ich weiß heute noch nicht, wie viel 
ich an meiner Reputation einbüßte, als ich in meiner 
RoUe als Soubrette meinem Übermut die Zügel schies- 
sen ließ. 

Die andere Komödie gelang besser, Rasumoffsky als 
Lucas gab dieser Figur durch sein vollendetes Spiel ein 
starkes Relief, Lady Acton als Mme, Oronte war gut, da- 
gegen Richard Acton als M. Oronte minder, Ludolf als 
Thibeaudans entsetzlich. Ich gab die Angelique, Paul 
Esterhdzy'^)^ der gute Junge, hätte seinen Valerius unter 
anderen Umständen besser gespielt, da er den Wunsch 
hatte, mir zu gefallen. Vor Beginn der Komödien und 
in der Pause wurden Bilder gestellt, die eine Charade 
bildeten; wir hatten dazu unsere schönsten Frauen, de- 
ren es viele gab, hergegeben. Dann kam ein herrliches 
Souper und ein lustiger Tanz, der bis zum Morgen dau- 
erte. 

Meine nächste Tagebucheintragung datiert erst vom 
20. August und beschäftigt sich mit der Familie Ester- 
hdzy: „Castellamare wird jeden Tag lustiger, ein Aus- 
flug reiht sich an den anderen und es gibt nichts Heitereres 
als diese Spazierritte auf Eseln. Auch Komödien stehen 
noch in Vorbereitung, weshalb wir viel zu Esterhazys 
kommen. Dort fühle ich mich wie zu Hause und freue 
mich immer, Zeuge des Glückes dieser Familie sein zu 
können; die Eintracht unter den Kindern und deren 

i) Paul Graf Esterbäzy, geb. Wien 30. 10. 1805, gest. Levico 
20. 7. 1877, k. u. k. Kämmerer, Geh. Rat und Herr des Fidei- 
kommisses Papa, heiratete zu Salzburg 21. 11. 1855 Helene Gräfin 
Esterbäzy, geb. Gattendorf 29. 6. 1835, gest. Wien 12. 5. 1896. 
Sein älterer Bruder Nikolaus, geb. Wien 8. 2. 1804, gest. Totis 
3. II. 1885, ebenfalls Kämmerer und Geh. Rat, vermählte sich zu 
Prosnitz 16. 2. 1833 mit Maria Gräfin Plettenberg, gest. Wien 
2. 7. 1861. 



10 M. L. IIX 



145 



Liebe zu ihren Eltern tun meinem Herzen wohl und er- 
innern mich an die Zeit, da alle meine Empfindungen 
und Gedanken noch unter dem väterlichen Dache weil- 
ten. Die Äußerungen meiner Sympathie werden übri- 
gens von allen Kindern erwidert. Pauls leidenschaftlicher 
Charakter, die Lebhaftigkeit seiner Phantasie, seine i8 
Jahre und nicht zuletzt die Rolle des Valerius haben in 
seinem Herzen ein Gefühl wachgerufen, das zärtlicher 
ist, als bloße Freundschaft. Sein Bruder Nikolaus ist 
ruhiger und ließ sich durch die Vorurteile der väterli- 
chen Erziehung viel mehr beeinflussen als Paul, der die- 
sen Fesseln entschlüpft. Dieser wird sich wahrscheinlich 
mehr auszeichnen, aber Niki besitzt so reizende Zng&y 
eine solche Anmut in seinem Auftreten, so viel Ausdruck 
im Blick und Schmelz in der Stimme, daß er, wenigstens 
in der Jugend, mehr Erfolg haben wird, als Paul. 

Ihre Schwestern sind reizend, namentlich liebe ich 
die ältere, Therese'^), die offenherziger, vertrauensseliger 
und anmutiger ist als Marianne, eine mehr indolente, 
überlegte, aber im Grunde gute und heitere junge 
Pame." 

Seit dem 7. August war der König nach Neapel zurück- 
gekehrt, wir sahen ihn in einem großen Cercle, an den sich 
ein Theatre-pare in S. Carlo anschloß. Neapel war dem 
Könige zu Ehren während drei Nächte illuminiert, aber 
der Empfang entsprach keineswegs meinen Erwartun- 
gen. Die Freude war eben nicht aufrichtig. Ferdinand 
kehrte in seine Staaten verachteter zurück, als er sie 
verlassen. Seit langem hatten ihm die österreichischen 
Bataillone den Weg geöffnet und nichts hinderte ihn, 

i) Therese Gräfin Esterhazy, geb. 5. 6. 1801, und Ihre Schwester 
Maria Anna, geb. 28. 11. 1802, starben beide ledig in jungen 
Jahren. 

146 



unter ihrem Schutze den Thron wieder zu besteigen, 
den er der Legitimität verdankte und so schlecht 
weiter zu regieren, wie zuvor. Aber die Furcht hatte 
ihn abgehalten und es bedurfte sozusagen eines nach- 
drücklichen Winkes seitens Metternich, um ihn fast 
mit Gewalt in sein Königreich zurückzutreiben. Die 
Entschuldigung, die er damals vorbrachte: Anch'io 
son napolitano! wird ihm kaum die Herzen seiner 
Untertanen zurückerobert haben. Eine gute Lehre, 
daß man nicht immer die Wahrheit sagen soll! 

Am 25. August, dem h. Ludwigstage, wurde ich 
gefeiert, die EsUrhdzys waren herübergekommen, man 
beschenkte mich und der Tag schloß mit einer kleinen 
Soiree auf unserer reizenden Terrasse. Am 26. wurden 
zur Nachfeier lebende Bilder bei der Lady Jcton ge- 
geben, an denen fast die ganze Gesellschaft teilnahm. 
Niki als kitharödischer Apollo (im Urteil des Königs 
Midas) hätte mit dem im Vatikan rivalisieren können. 
Nach den Bildern versammelte man sich im Nachbar- 
hause des Herrn Solar, wo uns die männliche Jugend 
zuerst eine Parodie der Maria Stuart und dann eine 
der tollsten italienischen Pantominen zum besten gab. 
Grosvenor als Pierrot, Solar als Dandy, Gordon als 
Pantalone, Niki als reizende Colombine waren die 
Hauptfiguren. An diesem Tage hatte Niki die Köpfe 
beider Geschlechter verdreht. Es folgte zum Schlüsse 
ein sehr komisches Turnier auf Eseln, dem sich bei 
Lady Acton ein mit Heiterkeit gewürztes Souper an- 
reihte. Einige Tage darauf zerstreute sich unsere Gesell- 
schaft, Lady Acton kehrte nach Neapel zurück, die 
Engländer reisten ab und die Esterhäzys verließen (mit 
uns) Castellamare. Am i. September aber wurde 
noch rasch eine Wiederholung der „Esprit de contra- 

147 



diction", „Les fausses infid61ites" und des Vaudevilles 
in Resina veranstaltet, wobei man den Tod des Papstes 
bis nach der Soiree verheimlichte. Ich sang und spielte 
dabei besser, als das erstemal und war sehr hübsch, 
wenigstens nach meinen Erfolgen zu urteilen. 

Am i8. kam der König in seiner Yacht nach Castell- 
amare und wir brachten ihm unsere Huldigung dar. 
Der Prinz Butera^) begleitete ihn. Außer den Karl 
Actons, den EsUrhdzys, der Herzogin von Sagan und 
Lichnozvsky hatten wir keine Gesellschaft mehr. Robert 
Grosvenor hatte Castellamare sehr traurig verlassen, 
denn er war in Betzy (Elisabeth) Acton sterblich ver- 
liebt und wollte sie heiraten. Leider bildete die Ver- 
schiedenheit der Religion ein unübersteigliches Hinder- 
nis. Ich ärgerte mich darüber, denn außerdem, daß 
Grosvenor eine der reichsten Partien Englands vor- 
stellte, war er ein ausgezeichneter, sanfter junger 
Aiann, von Liebe und Ehrfurcht zu seinen Eltern 
beseelt. Er heiratete später Lady Charlotte Wellesley. 

Ende September wurde das trauliche Tete ä tete 
zwischen der Herzogin von Sagan^) und Lichnozvsky 
durch die plötzliche Ankunft ihres Gemahles, des 
Grafen Schulenbtirg^), gestört. Übrigens reisten alle 
drei in ziemlich gutem Einvernehmen nach Neapel ab. 
Als Ersatz trafen in unserer Casa pelicana*) Bernhard 

i) s. Seite 156. 

2) s. Bd. II, 221, 228. 

3) s. Bd. II. 221, 228. 

4) Siehe das von der Verfasserin gezeichnete Bild. Gräfin Luhi 
schrieb dazu 1854 folgende Notiz: „Diese Villa war früher Eigen- 
tum des Ministers Acton. Seine Witwe verkaufte sie einem Hr. 
Pelicano, dem wir den Zunamen „le grand pelican blanc" von der 
Farbe seines einzigen Anzuges gaben, den ich ihn jemals tragen 
gesehen. 1823 vermietete Pelicano die Villa an meinen Schwager. 
Dort verbrachte ich eines meiner heitersten und glänzendsten 



Mayhirt^) und Franzi Liechtenstein^) ein, die acht Tage 
bei uns wohnten. Liechtenstein kehrte seitdem regel- 
mäßig auf zwei bis drei Tage in der Woche zurück, da 
er meiner Kusine (Karl) Acton etwas den Hof machte. 
Er besaß Witz, eine natürliche Noblesse in der Haltung 
und eine gewisse Nonchalance in seinen Manieren, die 
nicht ohne Anmut waren. Sein ausgeprägter Charakter, 
seine Neigung zur Romantik, seine Gutmütigkeit und 
Freundlichkeit machten ihn interessant, doch hätte er 
distinguierter sein können. Er hatte eben alle jene Eigen- 
schaften, die meine Landsleute so widerlich und nichts- 
sagend machen: die österreichische Halsstarrigkeit, 
dieses Sichgehenlassen, die falsche Schüchternheit und 
jene Verachtung einer Urbanität, die so angenehm be- 
rührt. Franzi besaß alle diese Untugenden in höchster 
Potenz. Wie schwer ist es, vielleicht sogar unmöglich, 
einen in Österreich geborenen oder erzogenen Mann 
aus gutem Hause zu finden, der in seinen Manieren 
verführerisch ist. Man kann sie vielleicht lieben, aber 
sie haben wirklich daran kein Verdienst ! 

Mit Franzi, Mayhirt und Karl Aci07i machte ich 
viele Ausflüge, darunter auch auf einen Felsen, die 

Jahre. Ich zeichnete damals viel und tue es heute noch, kaum besser, 
als damals. — 33 Jahre hindurch dasselbe tun ohne eigentlichen 
Fortschritt, ähnelt dies nicht der „Tretmühle" ? Meinethalben, 
denn diese Beharrlichkeit füllte so viele Stunden meines Lebens 
glücklich aus: 

„Beschäftigung, die nie ermattet, 

Die langsam schafft, doch nie zerstört, 

Dir zu dem Bau der Ewigkeiten 

Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, 

Doch von der großen Schuld der Zeiten 

Minuten, Tage, Jahre streicht." 

(Schiller.) 

i) s. Bd. II. 13. 

2) 8. später. 

149 



Cocumela genannt. Ich bereicherte mein Album mit 
einigen Zeichnungen, auch Franzi, der diese Kunst 
viel besser versteht, als ich, machte einige reizende 
Skizzen. 

Am 12. Oktober kehrten wir nach Neapel zurück, 
nachdem ich noch schweren Herzens von meinem ge- 
liebten Pompei Abschied genommen hatte. Ich hatte 
es diesen Sommer oft besucht und an seiner Verlassen- 
heit einen eigenen Reiz empfunden. Meine Träume- 
reien bevölkerten es allerdings mit seinen längst ver- 
storbenen Bewohnern. Ich erinnere mich, wie ich eines 
Abends, nachdem ich mehrere Stunden auf dem Forum 
gezeichnet hatte, allein auf dem Wege ging, der in 
die Gräberstraße mündet. Ich folgte den Radspuren 
auf dem Pflaster, die fast 2000 Jahre nicht zu ver- 
wischen vermochten. Der Mond beleuchtete diese 
lange Reihe von weißen, verlassenen Häusern mit einer 
solchen Klarheit, daß er sie zu beleben schien. Zitternde, 
sich hin und her bewegende Schatten dünkten mir 
menschliche Formen anzunehmen, die geheimnisvoll 
einherschritten. Plötzlich blendete mich ein Schein, 
der aus einem dieser Häuser drang, ich warf einen Blick 
durch die gewölbte Türe und sah beim Scheine einer 
antiken Bronzelampe auf einem Lager einen jungen 
Mann in anmutiger Pose schlafend liegen, der bis zum 
Gürtel mit einer weißwollenen, faltigen Draperie mit 
rotem Besätze bedeckt war. Eine Lanze war an die 
Mauer gelehnt und einige Amphoren, wie man sie in 
den Museen sieht, bildeten das einzige, malerische 
Meublement dieser bescheidenen Wohnung. Der Ein- 
druck dieses wirklich antiken Bildes versetzte mich um 
1900 Jahre zurück. Ich hielt mich übrigens nicht lange 
damit auf, diese Art Anachronismus zu enträtseln, 

150 



sondern schlich mich auf den Zehenspitzen davon, 
denn gar zu großes Vertrauen schenkte ich dieser Ge- 
stalt aus dem Altertume, wenn sie vielleicht erwachen 
sollte, doch nicht. Ich muß übrigens hier zur Ehre der 
neapolitanischen Polizei bemerken, daß die Wächter 
in Pompei ebenso sicher, wie höflich und gefällig sind. 
Ich verbrachte oft Stunden und Stunden in der Toten- 
stadt, ohne auch nur irgend jemandem zu begegnen; 
nur in der Entfernung sah ich immer wieder einen 
Wächter um die Ruinen schleichen, der mich grüßte, 
wie um mir zu zeigen, daß ich beobachtet sei. Wie 
dankbar bin ich heute noch diesen braven Leuten für 
die vielen Stunden der Ruhe und stillen Andacht; die 
alten Monumente gewinnen erst bei öfterem Betrach- 
ten und in der Einsamkeit einen unbeschreiblichen 
Reiz, den die kalte Pracht der Ruinen beim ersten An- 
blick unmöglich erraten läßt, Sie gleichen erlauchten, 
strengen Greisen, deren erster Empfang schaudern 
macht; aber glücklich der Mensch, der zurückkehrt, 
um bei ihnen in die Schule zu gehen. Bald wird sich 
zu dem ernsten Tone ihres Unterrichtes eine sanfte 
Melancholie, eine gewisse Sympathie zwischen ihrem 
und deinem Jahrhundert gesellen und wenn du früher 
das Unglück kennen lerntest, werden sie bald deine 
Freunde sein. 

In Neapel unterhielten wir uns vortrefflich, das 
Wetter war herrlich, wir machten schöne Promenaden, 
zuweilen zu Pferd und abends vereinte uns die gute 
Oper mit der Gesellschaft. Rasumoffsky jagte viel mit 
dem König. Die Freundschaft des alten Monarchen 
zu dem Exliebhaber seiner Gattin verleugnete sich dem- 
nach nicht, sobald er ihn nach einer Trennung von 
nahezu einem halben Jahrhundert wiedergesehen. Man 

151 



muß zugeben, daß es zwischen Männern keine solidere 
Basis geben kann, um die Freundschaft zu festigen! 

Übrigens hatte Rasumoffsky in seiner unverbrüchhchen 
Diskretion, namentHch, wenn es seine hochstehenden 
Eroberungen betraf, niemandem, auch nicht meiner 
Schwester, eingestanden, daß er der erfolgreiche Ge- 
liebte der Königin gewesen. Er schützte selbst vor, daß 
die Skrupeln Karolinens ihm, als er bei ihr in Gunst 
gestanden, sogar die Hoffnung raubten, ihr jemals mehr 
werden zu können. Es lebte aber in Neapel noch ein 
Principe Caracctoli^), ein fast hundertjähriger Greis, der 
damals zu den Intimen meines Schwagers gehörte, 
und der, weniger diskret als Rasumoffsky, uns öfters 
Details erzählte, die uns kaum noch einen Zweifel von 
der Herrschaft übrig ließen, die der Geliebte über seine 
erhabene Maitresse ausgeübt hatte. So ereignete es 
sich, wie der alte Caraccioli erzählte, daß die Königin 
nach einer wahrscheinlich wechselseitigen Eifersuchts- 
szene von Rasumoffsky eine gewisse, ihm übergebene 
Kasette mit ihren Briefen und ihrem Porträt zurück- 
begehrte. Doch weder Drohungen, noch Bitten konnten 
den russischen Gesandten veranlassen, diese wertvollen 
Angebinde der Herrscherin auszuliefern. KaroHne 
mochte zornig werden, wie sie wollte, es nützte nichts, 
— da beruhigte sie sich endlich so sehr, daß ein Rendez- 
vous für einen der nächsten Tage die Versöhnung 
brachte. Nun — an diesem Tage, als Rasumoffsky bei 
der Königin weilte, brach im russischen Hotel zufällig 
Feuer aus, verbunden mit einer großen Verwirrung, 
da niemand den Gesandten zu finden wußte. Doch 

i) Giovanbattista Caraccioli (1755 — 1829) hatte zur Zelt, als Rasu- 
moffsky Gesandter in Neapel war (1779 — 85), bei der russischen 
Mission eine Stelle inne. (Not. d. Verf.) 

152 



Zu Bd. III, S. 152, 153. 




Giovanbattista Principe Caraccioli (1755 — 1829). 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1823) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



wurde der Brand ziemlich rasch gelöscht und als Ra- 
sumoffsky nach Hause kam, war alles schon vorüber, 
aber die Briefkassette war verschwunden und in den 
Händen der Königin. Vor Zorn und Rachgier außer 
sich, soll der Gesandte sich wegen dieses Hausfriedens- 
bruches offiziell beschwert und der Geliebten inoffi- 
ziell derartige Vorwürfe gemacht haben, daß er sich 
soweit vergaß, seiner treulosen Maitresse eine Ohrfeige 
zu verabreichen. Caraccioli beschwor das letztere 
Ereignis allerdings nicht, da er nicht Zeuge desselben 
gewesen, für den Raub der Kassette dagegen stand er 
voll und ganz ein. Andere wieder erzählten, die Ohr- 
feige sei auf einem Maskenballe unter dem Schutze der 
beiderseitigen Verkleidung, die diesen handgreiflichen 
Beweis des Unwillens durch eine Personenverwechslung 
entschuldigen mochte, erfolgt^). 

Am I. November setzten wir in einem Boote von 
Miniscola nach der Insel Procida über, durchquerten 
sie zu Fuß und fuhren von dort nach Ischia. Procida 
war früher ein Jagdgebiet des Königs und lieferte ihm 
unzählige Fasanen. Zur Sicherheit dieser Vögel war 
es nötig, alle Katzen von der Insel zu verbannen. Nun 
vermehrten sich aber die Ratten derart, daß die Insel- 
bewohner fast genötigt waren, ihr Eiland zu verlassen. 
Der Fall wurde ernst und Ferdinand zog es, nach 
reiflicher Überlegung mit seinen Ministern doch vor, 

i) Briefe der Königin, die man nach dem Tode Rasumoffskys in 
seinem Nachlasse fand, beweisen zur Genüge, daß ihre, wenn auch 
zärtlichen Beziehungen nicht strafbarer Natur gewesen sind. 
(Not. d. Verf. a. d. Jahre 1838.) — Nach obigem wurden aber gerade 
die gefährlichen Briefe durch die Königin auf die Seite gebracht. 
Die Frage bleibt also wohl nach wie vor offen. Der damals bild- 
hübsche, ca. 28jährige Graf Rasumoffsky war wohl darnach angetan, 
um auch einer Königin tiefere Gefühle einzuflößen. 



lieber seine Untertanen statt der Fasanen zu behalten. 
So verließen denn diese Procida, die Katzen kehrten 
zurück, fraßen die Ratten auf und die Ordnung war 
wieder hergestellt. 

Bei dieser Partie nach Ischia waren wir in großer 
Gesellschaft. Rasumoffsky konnte allerdings nicht teil- 
nehmen, denn er war in Caserta, doch nahmen die 
Esterhdzys, die Fürstin W indisch- Graetz, die Herren 
Bechi, Ludolf, Schulenburg, Mayhirt u. a. teil. Während 
der dreitägigen Dauer des Ausfluges verließ uns nie 
die Heiterkeit und mein kleiner Paul Esterhdzy war vor 
allen anderen nett und ganz in mich verliebt. 

Als der König vor einiger Zeit in Castellamare mit 
seiner Yacht anlegte, hatten wir ihm darin unsere 
Huldigung dargebracht, wie ich oben erzählte. Er war 
damals sehr freundlich und, um uns etwas Verbind- 
liches zu sagen, hatte er uns eingeladen, ihn in Caserta 
zu besuchen. Man sieht daraus, was man dabei gewinnt, 
wenn man sich mit solchen Leuten einläßt ! Zwei Tage 
mit einem der wenigst liebenswürdigen Könige zu ver- 
bringen, der nur italienisch spricht! Es tat mir auch 
leid, zwei Tage in Neapel zu versäumen, denn Prinz 
Leopold hatte von Wien aus Ordre gegeben, seine Reit- 
pferde Konstantine und mir zur Verfügung zu stellen 
und wir nützten diese willkommene Gelegenheit nach 
Kräften aus. Ich machte einen herrlichen Ritt im Parke 
des Capo di Monte mit Richard Jcton und den beiden 
Esterhdzys und am nächsten Tage hatte mich Niki 
allein begleitet, was seinem Bruder Paul Gelegenheit 
zu einer recht einfältigen Eifersuchtsszene gab. Er 
hatte nämlich in einem nichtssagenden Billett von 
meiner Hand an Niki „eine Menge Ausdrücke" ge- 
funden, die „darauf angelegt gewesen wären, ihn un- 

154 



glücklich zu machen." Sein Zorn gegen seinen Bruder 
und mich war so komisch, daß ich Mühe hatte, meiner 
Lachlust nicht freien Lauf zu lassen. 

Der Sejour in Caserta fiel übrigens besser aus, als 
ich gedacht, und ich machte dort die Bekanntschaft, ja 
Eroberung eines sehr verdienstvollen Mannes. Doch 
will ich lieber mein Tagebuch sprechen lassen: 

„Dienstag fuhren wir, Konstantine und ich, fort, um 
Rasumoffsky in Caserta aufzusuchen, wo er mit dem 
Könige jagte. Dort angelangt, sagte man uns, der König 
sei in Carditello und lade uns ein, dort das Diner ein- 
zunehmen, die Herzogin von Floridia^) werde die 
Honneurs machen. Als wir ankamen, saß die Herzogin 
schon auf einem Kanapee und es entspann sich eine 
zweiundeinhalbstündige, langweilige Konversation. Un- 
seliger Anfang! Endlich zeigten Fanfaren die Rück- 
kunft des Königs an ; er war von Rasumoffsky und fünf 
bis sechs Höflingen begleitet, die alle, wie er, das Jäger- 
kleid trugen. Unter allen diesen neapolitanischen, ver- 
schmitzten, unedlen und einer Hanswurstlarve glei- 
chenden Gesichtern, unter diesen manierenlosen, 
schmeichlerischen und vertraulich tuenden Leuten hob 
sich eine vornehme, freimütige und Ehrfurcht gebie- 

i) Lucia Migliaccio aus dem Geschlecht der Floridio, später ver- 
witwete Fürstin Partanna war die langjährige Geliebte des Königs 
Ferdinand I. Kaum war die Königin Maria Karolina gestorben 
(8. Sept. 1814), als Ferdinand am 27. Nov. 1814 sich mit Lucia 
morganatisch vermählte. Am 3. Dez. brachte das „Giornale patrio- 
tico" eine Notiz folgenden Inhaltes: „Man versichert als gewiß, 
von einer hochangesehenen Persönlichkeit sei mit einer verwitibten 
Frau eine Gewissensehe eingegangen worden; man will wissen, 
die Feierlichkeit habe Sonntags am Abend des 27. des verflossenen 
Monats im Palaste des erlauchten Bräutigams stattgefunden." Im 
Jahre 18 15 erhob der König die Fürstin zur Herzogin von Floridia. 
(s. Helfert, Königin Karolina von Neapel usw. Wien 1878, S. 532, 
610 f.) 

155 



tende Erscheinung ab, es war die des Prinzen Butera^), 
eines Deutschen. Seine Stirn ist offen, seine Miene 
trägt den Stempel der Güte und Ehrlichkeit und seine 
Haltung, dem Könige gegenüber, dessen Günstling er 
ist, zeigt sofort, daß sein Charakter ihn mehr noch, als 
seine Stellung über alle anderen Höflinge erhebt. Be- 
sonders hier bei Hofe scheint Butera ein echter Edel- 
mann zu sein, der er doch seiner Geburt nach nicht ist. 
Seine Geschichte erzähle ich später. 

Der König führte meine Schwester, Rasumoffsky die 
Herzogin von Floridia und Butera mich zum Diner. 
Sein Gespräch entsprach meinem ersten günstigen 
Eindrucke, Mit einer harmonischen Stimme und in dem 
eleganten hannoveranischen Dialekte, der der deutschen 
Sprache so viel Wohlklang verleiht, unterhielt er mich 
über Dinge und Ideen, von denen ich schon lange 
nichts mehr gehört hatte. Ich fand in seinem Munde 
meine Gedanken wieder, sogar bis auf ihre Akzen- 
tuierung. Seine Worte waren nicht durch seinen Geist 
beeinflußt, sie kamen vielmehr aus seinem Herzen, und 
die leisesten Emanationen dieses edlen Herdfeuers ver- 
breiten ja eine so angenehme Wärme! Sicherlich hoffte 
ich nicht so etwas an der Tafel des Königs Ferdinand 
zu finden ! Bald hatten wir Bekanntschaft gemacht oder 
vielmehr, es war, als ob wir uns schon lange gekannt 
hätten. Am selben Abende merkte ich den lebhaften 



i) Georg Prinz Butera di Radali, geb. ca. 1788, gest. zu Wiesbaden 
1841, Sohn des hannoverschen Pastors Wilding, heiratete 18 12 
Donna Caterina Branciforte, verwitwete Principessa di Leonforte 
(1768 — 1824). Sein Bruder Ernst bekam 1841 den Titel eines 
Prinzen von Radali und seit 1857 den eines Grafen Wilding v. 
Königsbrück. Des letzteren Tochter Angelika heiratete 1898 den 
viel genannten internationalen Dieb Georg Manolescu, von dem 
sie sich 1904 scheiden ließ. 



156 



Zu Bd. III, S. 15ü,lr>7. 




Ferdinand IV., König beider Sizilien. 
(1751— 1825.) 



Nach einem Stich von J. Pichler nach dem Gemälde von 
Kreutzinger in der k.u. k.Familien-Fideikommißbibliothek. 



Eindruck, den ich auf Butera gemacht und am nächsten 
Morgen war ich dessen sicher. — Als wir nach Caserta 
zurückkehrten, machte der König mit ihm seine Piquet- 
partie und ich sah ihn an diesem Tage nicht mehr. 

Aber am anderen Morgen, — wir saßen gerade beim 
Frühstücke — trat er ein und schhig uns vor, den 
Madeloni-Aquädukt zu besichtigen und von dort nach 
Santa Lence zu gehen, wo uns der König zum Diner 
erwarte. Als wir nach dem Besuche der großartigen 
Wasserleitung, eines Werkes Vanvitellis^), zum Schlosse 
kamen, erwartete uns der König schon am Fenster und 
empfing uns gleich darauf am Fuße der Treppe. Er 
führte meine Schwester in seine Appartements, die er 
uns in allen Einzelheiten zeigen wollte. Er hatte an 
diesem Tage sogar auf die Jagd verzichtet, um uns die 
Honneurs des Belvederes zu machen, das er zum Teile 
selbst schuf. Dieses Schloß, auch St. Lence genannt, 
war früher nur ein kleines Haus im Besitze der Prinzen 
von Caserta, die damals ein Schloß, Caserta vecchia, 
bewohnten. König Ferdinand vergrößerte St. Lence, 
gab ihm den Namen Belvedere und ließ Promenaden und 
eine Seidenfabrik anlegen, mit der er sich sehr be- 
schäftigt. Dieses Schloß hat nichts Königliches, sondern 
vielmehr das Aussehen der Wohnung eines wohlhaben- 
den Industriellen, 

Der König zeigte uns in allen Einzelheiten die Mani- 
pulation mit der Seide und die Werkstühle. Mit seinem 
langen braunen Mantel, seinen weißen Locken, die bis 
auf den Kragen herabfielen, seinem großen grünen 
Hute und der gütigen, väterlichen Miene, mit der er 
den Gruß seiner Arbeiter erwiderte, erschien er wie 

i) Ludwig Vanvitelli, eigentlich van Wittel, römischer Maler und 
Architekt, 1700— 1773. 



ein reicher Fabrikant, den sein Alter verehrungswürdig 
gemacht hatte. Diese Manufaktur würde jedem anderen 
unbequem sein, aber Ferdinand liebt es, von seinem 
Bette aus, das Geräusch der Spinnräder und Spul- 
maschinen zu hören und sich der eigenen Ruhe zu 
freuen, während andere für ihn arbeiten. Übrigens ist 
die Fabrik eine Wohltat für die ganze Gegend, es leben 
viele Leute von ihr und die dort angestellten Mädchen 
stehen unter der besonderen Protektion des Königs, 
der sie ausstattet, wenn sie sich verheiraten. Außerdem 
genießen die Bewohner von St. Lence mehrere Privi- 
legien, sie haben auch das Recht, Waffen und Uniformen 
zu tragen, ihre Offiziere zu wählen und den Herrscher 
durch eine Garde zu bewachen, wenn er bei ihnen wohnt. 
Nach der Besichtigung der Fabrik setzte man sich 
zur Tafel. Meine Schwester fühlte sich ermüdet und 
ich empfand ganz richtig, daß man sich auf dem zweiten 
Platze besser unterhalte, als auf dem ersten. Nach dem 
Diner ließ uns der König in einen nicht sehr breiten 
Wagen mit Querbänken steigen. Seine Majestät saß 
zwischen Konstantine und mir, uns gegenüber Rasu- 
moffsky und Butera und so ging es bei einer empfind- 
lichen Kälte zum Lusthause und dem Park von San 
Silvestro, einige Meilen vom Belvedere entfernt. Trotz 
der vorgerückten Stunde und dem Froste, der mich 
zittern machte, mußte ich die herrlichen Aussichts- 
punkte dieser Promenade bewundern. Endlich stiegen 
wir aus, der König nahm den Arm meiner Schwester, 
links von ihm ging Rasumoffsky, ich folgte auf einige 
Schritte dahinter am Arme Buteras. Ohne die Kälte 
wäre der Spaziergang einer meiner schönsten gewesen*). 

i) In dem Italienischen Album der Verfasserin (jetziger Besitzer 
Graf Camillo Razumovskv, Wien) ist diese Promenade naturgetreu 

158 



Am nächsten Tag war der König unwohl und blieb 
in seinem Zimmer, Butera hatte aber Erlaubnis be- 
kommen, den Morgen mit uns zu verbringen und führte 
uns zu den Ruinen des alten Capuas. Daran schloß sich 
noch die Besichtigung des Parkes von Caserta mit dem 
botanischen und englischen Garten, sodann des Schlos- 
ses selbst und nach einem Diner um 2 Uhr verließen 
wir den König und Rasumoffsky, der erst einen Tag 
später uns nachfolgen sollte." 

Dieser dreitägige Ausflug blieb mir eine angenehme 
Erinnerung, denn erstens hatten wir viel Schönes ge- 
sehen und dann war ich von meiner neuen Bekannt- 
schaft oder Eroberung ganz entzückt. „Butera scheint 
trotz aller Freundschaft und Familiarität des Königs 
eher ein unabhängiger Edelmann zu sein, als ein Höf- 
ling, der von seiner Gunst abhängt. Die Zuneigung des 
Herrschers für Ferdinand entspringt einer innigen Dank- 
barkeit; in der Tat verdankt er ja dem Könige die Vor- 
züge seiner Stellung und seines Vermögens. Butera, 
Hannoveraner von Geburt und Sohn eines protestan- 
tischen Pastors, hieß früher Wilding. Vor zehn oder 
zwölf Jahren kam er mit englischen Truppen, bei denen 
er diente, nach Sizilien. Seine Schönheit erregte die 
Aufmerksamkeit der Hofdamen und die erste unter 
ihnen, die schöne und reiche Witwe des Fürsten Butera, 
verliebte sich in ihn und verlangte vom König die Er- 
laubnis, ihm mit ihrer Hand auch ihren Titel und Ver- 
mögen geben zu dürfen. Da sie mit der Duchessa di 
Partanna, späteren Duchessa de Floridia^), der Ge- 
dargestellt. Wegen der Kleinheit der Figuren, die im Format dieses 
Buches noch kleiner hätten ausfallen müssen, war eine Reproduktion 
leider untunlich. 

i) Die Baronin du Montet schreibt über sie 1822: „Sie ist eine 
kleine Frau, noch hübsch und sehr gut konserviert, mollig, braun 



liebten des Königs, sehr intim war, so wurde es ihr 
leicht, alles zu erreichen, sie heiratete ihren Geliebten, 
der um 20 Jahre jünger war, wie sie und machte ihn 
nicht allein zu einem der ersten Fürsten Siziliens, son- 
dern auch zu einem der glücklichsten Männer. Er 
liebte sie nämlich wahrhaft und trotzdem er jetzt 
40 und sie 60 Jahre alt sind, ist ihre Ehe noch immer 
eine der besten des Landes. Durch eines jener Wunder, 
die man nur im Süden findet, ist sie immer noch hervor- 
ragend hübsch, auch sucht sie noch zu gefallen, wes- 
halb sie, um ihre Koketterie zu entschuldigen, die 
Seitensprünge ihres Gatten gerne übersieht. 

Trotz der Ergebenheit Buteras, seinem Könige gegen- 
über, suchte er diesen dennoch nicht auf, sondern 
wollte lieber seine Freiheit wahren, was die Mißgunst 
der Höflinge dem Könige in einem schlechten Lichte 
darzustellen suchte. Es hatte sich auch gelegentlich 
der letzten Revolution eine Erkältung der gegenseitigen 
Gefühle gezeigt, der Prinz ging wenig zu Hofe und 
lebte viel in Castellamare. Eines Tages drangen die 
Carbonari in diese Stadt, forderten alle Bewohner zum 
Anschlüsse auf und mißhandelten die sich Weigernden. 
Sie kamen auch zu Butera, dem sie die schönsten Ver- 
sprechungen machten. Er wies sie aber voll Verachtung 
von seiner Türe und wollte nicht einmal die Revolu- 
tionskokarde annehmen, die König Ferdinand schon 
trug, nachdem er die Konstitution beschworen hatte. 
Die Frechheit der Carbonari hatte nirgends einen sol- 

und in ihren Beziehungen zur Außenwelt, zum König und der 
kaiserlichen Familie (in Wien) sehr taktvoll; sie vergibt weder in 
etwas ihrer Würde als Frau des Königs, ohne daß sie aber den Titel 
Königin führt, noch ist sie zu bescheiden. Der König macht ihr 
herrhche Geschenke; ihr Schmuck ist fabelhaft, ihre Diamanten 
herrlich; man sagt ihr im allgemeinen viel Gutes nach." 

160 



chen Widerstand gefunden, wie bei dem in Ungnade 
gefallenen Butera, denn alles beugte sich ihr. Die 
Furcht und Schwäche des Königs hatten seinen schwa- 
chen Händen jeden Widerstand entrungen. 

Der Prinz hatte in seiner Zurückgezogenheit diese 
Nachrichten gehört, er wußte, daß der von allen seinen 
Dienern verlassene König nicht nur in Gefahr war, die 
Krone zu verlieren, sondern daß auch sein Leben be- 
droht erschien. Er verließ sofort Castellamare, ohne 
die Kokarde zu wechseln, begab sich zum Monarchen 
und bat ihn, über seine Person Tag und Nacht wachen 
zu dürfen. Seit dieser Stunde, da er des Nachts vor der 
Türe, bei Tag an der Seite des Herrschers verblieb, 
verließ er ihn nicht mehr und trug trotzdem, so merk- 
würdig es klingt, nie die Nationalkokarde. 

Heute nun verrichtet er seinen Dienst als Kammer- 
herr und der König mag ihn nicht mehr missen. Trotz 
aller Eifersucht genießt Butera durch sein Betragen und 
die Art, wie er seinen Einfluß ausnützt, indem er sich 
in nichts mischt, die allgemeine Achtung. Höchstens 
sucht er, möglichst vielen zu nützen und er erreichte 
dadurch, daß ihn die einen lieben und die anderen 
nicht hassen — eine wunderbare Sache an einem Hofe! 
Ich habe diese Details keineswegs von ihm, sondern von 
vielen Leuten, die über ihn mit mir sprachen. Er hat 
mich aber versichert, daß er nur den Moment abvvarte, 
da die Macht des Königs vollständig konsolidiert sei, 
um sich zurückzuziehen und seine Freiheit wieder zu 
gewinnen." 

Der Prinz besuchte uns zwei Tage nacheinander, ohne 
uns zu Hause zu finden. Welches Unglück! Beim Balle 
der Akademie entschädigte er sich und wich mir nicht 
von der Seite. Konstantine hatte sich glücklicherweise 

II M. L. III ^"^ 



frühzeitig zurückgezogen und ich Hieb mit meiner 
Kusine Zoe d'Jlbon^) so lange, als ich wollte. Da sie 
auch ihren kleinen Flirt hatte, genierten wir uns gegen- 
seitig nicht im mindesten. Nachdem es wohl eines der 
letzten Male sein sollte, daß ich den Prinzen sah, 
unterhielt es mich, mit ihm den ganzen Abend zu 
plaudern. Er war reizend und jedes seiner Worte 
streifte an eine Erklärung, die für mich umso schmei- 
chelhafter war, als er sich nur zur Hälfte zu offenbaren 
wagte. Ist es nach allem erstaunlich, daß ich mich wie 
eben — eine Frau unterhielt ! 

Obwohl ich Butera noch einige Male sah, waltete 
immer ein Verhängnis über unseren Begegnungen. O, 
ich stand bei diesen Herzensaffären immer unter einem 
bösen Sterne ! Wenn es mein Schutzgeist ist, der mir diese 
Streiche spielte, so hatte er wirklich zu viele Skrupeln; 
er behandelte mich wie ein kleines Kind. Hört nur, was 
mir passierte! Dienstag kam Butera das dritte Mal zu 
uns, ein uns allen unbekannter Mensch, vielleicht ein 
Spion meines Schutzgeistes, sagte ihm, wie die beiden 
ersten zwei Male, wir seien nicht zu Hause. Das gleiche 
ereignete sich am nächsten Tage, der Unbekannte 
faßte ihn sogar beim Kleid und zog ihn von der Rampe 
weg. Der Prinz entfernte sich ganz bestürzt, als Richard 
Clanmlliam, der gerade unser Haus verließ, ihn er- 
reichte, durch die ganze Stadt schleppte und, ohne 
ihm zu sagen, daß wir uns nach der Villa Reale begeben 
würden, wieder zu uns stieß. Dies alles tat er absichts- 
los, nur von meinem Unstern geleitet! 

Glücklicherweise traf ich Butera wenigstens am Abend 
bei der Herzogin von Sagan; er machte mir mehr denn 
je den Hof, aber Paul Esterhdzy war ebenfalls anwesend 
i) Siehe die Stammtafel Acton. 

162 



Zu Bd. III, S. 162,163. 










hvü.'-i^jj lt. Uyic-^ 






Georg Fürst Butera di Radali (1788 — 1841). 



Aus dem roten Album der Verfasserin 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



und, wie wenn er auch Im Dienste meiner geheimen 
Polizei gestanden wäre, ließ er mich nicht von seiner 
Seite. Ich schämte mich fast ein wenig vor dem armen 
Jungen. 

Ich sollte den Prinzen nur noch einmal beim Hof- 
cercle sehen und auch da war wieder mein Unbekannter 
im Spiele. Denn kaum hatte er angefangen, mir alle 
seine Mißgeschicke und, wie ich glaube, noch etwas 
mehr zu erzählen, als man rief: „Der König" und uns 
die Menge trennte. Fünf Minuten später näherte er 
sich mir ganz bestürzt und flüsterte mir zu: „Morgen 
um 6 Uhr früh nimmt mich der König nach Caserta 
mit." Wie ärgerte mich dieser neue Zufall! Nach dem 
Cercle führte mich Butera nach San Carlo, aber auch 
hier wieder war unsere Loge so voll, daß er mich mit 
den Worten verließ: „Ich komme später." Ich sah ihn 
in seiner gegenüberliegenden Loge sitzen, wie er mich 
nicht mit den Augen verließ. Dann entfernte er sich 
— und ich habe ihn nie mehr wiedergesehen ! 

Hier endigt die wahre Geschichte dieses Romanes 
von acht Tagen, der, obwohl kurz, nichtsdestoweniger, 
wie im Märchen von unzähligen Mißgeschicken für die 
arme Prinzessin erfüllt war. Wir aber verließen am 
gleichen Tage, an welchem Butera nach Caserta zurück- 
kehrte, Neapel, um nach Rom zu reisen. Paul Esterhdzy 
war wortlos vor Schmerz, er ließ meine Hand nicht 
los, als ich in den Wagen stieg und seine Tränen sagten 
mir mehr als genug, wie es in seinem Inneren aussah. 
In der Liebe eines jungen Mannes von i8 Jahren liegt 
etwas so Naives und Reines! 



163 



XXX. DIE ENGLÄNDER IN ROM. 
DER PAPST 

Ende November 1823 waren wir wieder in Rom, 
wo wir von unserer alten Gesellschaft nur mehr 
Christiane Lichnozosky antrafen. Mit ihr machte ich 
vorderhand meine Exkursionen, „sie hat, was man so 
das jWiener Auge' nennt, d. h. es entgeht auch ihrem 
flüchtigsten Blicke nie ein Fehler. Da sie zudem geist- 
reich ist, so ergänzen ihre Beobachtungen durch ihre 
Originalität meine Begeisterung, die immer nur Voll- 
kommenheiten sehen will." 

Konstantine war immer traurig, denn ihre Gesund- 
heit hinderte sie an allem und sie hatte höchstens 
die Kraft, des Morgens die warme Sonne ein wenig 
aufzusuchen. Außerdem fehlte es ihr hier an der rich- 
tigen Gesellschaft und diese entbehrte sie recht schwer. 
Da sie sich selbst nur während höchstens drei bis vier 
Stunden des Tages genügte, so löste diese innerliche 
Vereinsamung eine tiefe Melancholie in ihr aus. Es 
war, als ob sie etwas vermißte oder herbeiwünschte! 
„Hätte Gordon einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht ? 
Die Ungleichmäßigkeit ihrer Laune und gewisse Unge- 
rechtigkeiten könnten dafür als Beweis dienen. Am Tage, 
da sie gewisse Briefe erhält, ist sie besonders nervös und 
scheinen diese die Ursache für ihre Tränen zu sein. Wie 
sollte man aber andererseits glauben können, daß ein 
Mann, dem so alle äußerliche Anmut und jener Zauber 

164 



Zu Bd. III, S. 164. 165. 








Peter D. Graf Buturlin (1763 — 1829). 



Nach einer Zeichnung der Verfasserin aus dem russischen Album (18201 
im Besitze des Grafen C. Razumovsky, Wien. 



der Eleganz und Verführung fehlen, worauf Konstantine 
immer so viel hielt, ihr etwas anderes einzuflößen ver- 
möchte, als das Interesse der Eitelkeit, Koketterie und 
höchstens der Dankbarkeit ?" Wer vermag übrigens die 
Frauen zu beurteilen ? Ich sicher nicht ! 

„Ich werde froh sein, wenn das Töchterchen meiner 
Kusine Zoe Acton (Georgine), das meine Schwester 
soeben adoptiert hat, bei uns angelangt sein wird, viel- 
leicht wird dann ihr so empfindsames Herz in dieser 
neuen Betätigung der Liebe ein Mittel finden, um 
jene Leere auszufüllen, die die Entbehrung der Mutter- 
liebe in ihr zurückgelassen hat. Ich wünschte es sehn- 
lich und daß meine arme Schwester endlich jenes 
Glück und jene Ruhe finden möge, die sie verloren 
zu haben scheint, ohne daß sie ihr je genommen 
worden waren." 

In Rom traf ich den Grafen Peter Buturlin^)^ eine 
meiner ältesten Bekanntschaften aus St. Petersburg. 
Er hatte sich inzwischen mit einer herzigen kleinen 
Frau verheiratet, die ihn „ä la maniere des petites 
femmes vertueuses et surtout des femmes russes" so 
viel als möglich der Gesellschaft vorenthielt. Am 
8. Dezember kam Wallmoden an, den ich noch blässer 

i) Graf Peter Dimitriewitsch Buturlin, Sohn des Grafen Dimitri 
Petrowitsch (1763 — 1829) und dqr Gräfin Anna Artemiewna, geb. 
Prinzessin Woronzoff {ijjj — 1838). Die Gräfin Anna Buturlin 
verkehrte viel mit dem Grafen Joseph de Maistre, dem Pater 
Jourdan und anderen eifrigen Katholiken; unter ihrer Ägide wurde 
sie 1825 Katholikin. Der angegriffenen Gesundheit ihres Gatten 
halber etablierte sie sich 18 17 mit ihrer ganzen Familie in Florenz, 
und zwar zuerst in der Villa Palmieri, dann im Palazzo Niccolini, 
das sie kaufte. Sie hatte zwei Söhne Peter und Michael und drei 
Töchter, Marie, verheiratet mit dem toskanischen Grafen Dini, 
Elisabet mit dem lombardischen Marchese Sommariva und Helene 
mit dem lombardischen Principe Vidonia Sorreggiano. 

165 



und veränderter fand, wie zuvor. „Durch den Zusammen- 
bruch seines Vermögens und seiner Gesundheit be- 
drückt, sieht er für sein Alter nur eine traurige und 
dunkle Zukunft vor sich. Seine Reue und Überlegung 
kommen aber jetzt zu spät. Es berührt schmerzlich, der 
Zerstörung einer interessanten Persönlichkeit beiwoh- 
nen zu müssen, umsomehr, als Wallmoden trotz seiner 
geistigen Depression eine edle Seele und in seinem 
Charakter jene Mischung von Energie und Weichheit 
beibehalten hat, die ihn seinen Freunden so teuer mach- 
ten. Könnte er eine gute und empfindsame Frau finden, 
die sein Los zu teilen und seinen Kummer zu lindern 
bereit wäre, er würde glücklich sein. Aber existiert eine 
solche Frau überhaupt ? Ich bin sie sicher nicht, ich 
gestehe es ganz demütig ein. Ich finde schon in meinem 
eigenen Egoismus einen weiteren Beweis der mensch- 
lichen Erbärmlichkeit, die mir der arme Wallmoden 
mehr als genug zu illustrieren hilft. Übrigens reiste er 
schon anfangs Februar nach Sizilien ab, indem er als 
Vorwand angab, ich hätte die Herzen des Lords Henry 
Greville^) und eines M. Irving^) erobert. Doch hatte 
er nur zur Hälfte recht!" 

Der römische Karneval war ganz nach meinem Ge- 
schmack, die Vormittage arbeitete ich und die Abende 
verbrachte ich mit amüsanten Leuten. Wir veranstalte- 
ten zu Ehren der Gräfin Apponyi zu ihrem Namenstage 
eine Komödie, ein Vaudeville und mehrere lebende 
Bilder. Ich spielte in der„Gageure imprevue" die Mar- 
quise, Herr Craven, der Sohn des Markgrafen von 

i) Henry Rieh. Greville, Earl of Brooke and fVarzvick, geb. 1779, 
heiratete 18 16 Lady Sarah Mexborough. 

2) Vielleicht Sir Paulus Aemilius Irving, geb. 19. i. 1792, Sohn 
des bekannten englischen Generals gleichen Namens (175 1 — 1828). 

166 



Ansbach'^), den Marquis und Graf Kossakowski die 
Deticulette. Craven schnitt gut ab, aber Rasu- 
moffsky hätte die Rolle viel besser erfaßt; wir hatten 
ihm auch diese Figur zugedacht, aber die Trauer um 
seinen eben in Petersburg verstorbenen Bruder Peter 
verhinderte ihn daran. Aus demselben Grunde konnte 
auch Konstantine nicht spielen, was sie sehr ärgerte. 
Sie würde dieses Opfer der Konvenienz viel leich- 
ter ertragen haben, wenn Peter Rasumoffsky, statt 
sein ungeheures Vermögen seinen Bastardkindern zu 
hinterlassen, auf dem Totenbette lieber daran ge- 
dacht haben würde, damit seinen Bruder Andreas zu 
rangieren. 

Einige schöne Engländerinnen, darunter Lady Fran- 
cis Gozver^) und hidy Belfast^), brillierten in den leben- 
den Bildern und in einer anschließenden, gesungenen 
Pantomime. Eine Indisposition des Mr. H. Grevtlle, 
dessen Prachtstimme und schöne Gestalt die Panto- 
mime hätte krönen sollte, verdarb den letzten Teil der 
Soiree. Er wurde schlecht und recht von einem Herrn 

i) Der letzte Markgraf von Ansbach-Bayreuth^ Friedrich Karl 
Alexander, trat zu Lady Elisabeth, Tochter des Lords August v. 
Berkeley und seit 1767 Gemahlin des Lords William Craven (gest. 
26. 9. 1791) in Beziehungen und heiratete sie am 13. 10. 1791. — 
1750 geboren, lebte sie nach dem Tode des Markgrafen (1806), 
von Kaiser Franz zur Fürstin von Berkeley erhoben, teils in Eng- 
land, teils in Neapel, wo sie am 13. i. 1828 starb. — Obiger Mr. 
Craven stammt, schon des Namens halber, aus ihrer ersten Ehe, 
kann aber trotzdem ein Sohn des Markgrafen sein (s. Bd. IV. S. 135). 

2) Harriet Catharine, älteste Tochter des Lords Karl Grevtlle, 
heiratete i8. 6. 1822 den Lord Francis Goioer, geb. i. i. 1800, 
a. d. H. der Herzöge von Sutherland, der den Beinamen Egerton 
annahm. 

3) Harriet Anna, älteste Tochter Richards, ersten Earl of Glengall, 
heiratete 8. 12. 1822 Georg Hamilton Earl of Belfast a. d. H. der 
Marquis of Donegal, geb. 10. 2. 1797. 

167 



Duvivier'^) ersetzt, den niemand kannte. Übrigens trat 
meine Schwester hier auch auf und war sehr hübsch. 
In meinem Spiele mit Graf Kossakowski in der Komödie 
machte ich auch seine Eroberung. Würden diese Zeilen 
nicht nur für mich bestimmt sein, so spräche ich nicht 
so naiv-offen von meinen kleinen Triumphen, aber 
ebenso, wie ein Offizier in seinem Tagebuche jedes 
Scharmützel verzeichnet, kann das einer Frau nur der- 
artige Erfolge aufweisen. Und sind es nicht für beide 
Teile ruhmvolle Ereignisse ? 

„Kossakowski^) ist hervorragend liebenswürdig, geist- 
reich, belesen und von anziehendem Äußeren, doch 
ermüdet mich seine Ironie und die italienische Gesell- 
schaft, die er frequentiert, hat seinen Geschmack etwas 
verdorben. Er hat jenen Hauch von Eleganz in den 
Manieren eingebüßt, der gerade die edlen Polen so aus- 
zeichnet. Im übrigen besitzt er natürlich auch die 
guten und schlechten Eigenschaften seiner Landsleute. 
Unter den Pagen Napoleons aufgezogen, hatte er von 
Jugend auf mehr denn einen Erfolg am Hofe des 
Kaisers zu verzeichnen. Nach Italien gekommen, machte 
er die Bekanntschaft der durch ihre Schönheit und 
literarischen Kenntnisse berühmten Frau Martinelli, 
die seine Erziehung vollendete. Trotz eines Unter- 

i) Duvivier, der in der besten Gesellschaft verkehrte, wurde als 
Gauner erkannt, 1824 arretiert und zu den Galeeren verurteilt. 
Er stahl mir in Rom einen Kaschmirschal. (Notiz d. Verf.) 
2) Stanislaus Graf Cortvin-Kossakowski, geb. 4. Jan. 1795, gest. 
26. Mai 1872, Sohn des Grand-veneurs von Litthauen Graf Josef 
K. (gest. 1842), war Majoratsherr auf Lachowicze und Wojtscherski, 
Malteserritter, russischer Geh. Rat, Senator und jahrelang Präsident 
der herald. Kammer von Polen. Er heiratete am 23. August 1829 
Alexandrine Comtesse Laval de la Loiibrerie, geb. 9. Oktober i8n, 
Besitzerin von mehr als 100 000 polnischen Morgen mit Kupfer- 
bergwerken in Rußland. 

168 



schiedes von 30 Jahren vergalt er ihre Bemühungen 
durch die feurige Liebe eines jungen Mannes. Frau 
Martinelli verlor ihre Herrschaft über ihn nicht mehr; 
voriges Jahr jedoch wollte er endlich heiraten und seine 
Erwählte war die Prinzessin Aline, Tochter des Fürsten 
Peter Wolkonski^). Doch die Verschiedenheit der Reli- 
gion vmrde ein unüberwindliches Hindernis, trotz- 
dem Kossakowski ein hübsches Vermögen sein Eigen 
nannte." 

Die Gesellschaft in Rom bestand diesen Winter fast 
ausschließlich aus Engländern, und zwar „of the most 
exquisite high life" von London. Meinem Geschmacke 
nach sind die Ladys trotzdem nichts anderes, als Zier- 
puppen, Plappermäuler oder einfältige Damen, ich will 
mich daher lieber an die Männer halten. 

Es gab unter ihnen vortreffliche Leute, aber die 
Mehrzahl gereichte England nicht gerade zur Zierde. 
Da ihre Fehler sich immer äußerlich zeigten, anderer- 
seits ihre guten Eigenschaften durch die Bescheiden- 
heit der Besitzer verborgen blieben, so offenbarten sich 
die Tugenden nur demjenigen, der die einzelnen Indi- 
viduen zu erforschen suchte, während man auf ihre 
Lächerlichkeiten direkt mit der Nase gestoßen wurde. 

i) Fürst Peter Michailowitsch Wolkonsky (1776 — 1852) war der 
intimste Freund Kaiser Alexander 1. Seine Frau war die Prinzessin 
Sofie Grigoriewna Wolkonsky (178. — 1868). Sie begleitete ihren 
Gatten im Feldzuge 18 13/14. Aus dieser Zeit stammten ihre Be- 
ziehungen zur Königin Hortense und deren Vorleserin Mlle. Co- 
chelet. Ihre politische Korrespondenz mit letzterer erregte den Ver- 
dacht der Polizei Napoleons. Sie weilte mit ihrem Gatten während 
der letzten Tage Alexanders in Taganrog. Der Kaiser empfahl 
ihnen auf dem Totenbette seine Gemahlin Kaiserin Elisabeth an. 
Die Fürstin Wolkonsky hinterließ zwei Söhne, Dimitri (1805 — 59) 
und Gregor (1808 — 1882) und eine Tochter Alexandrine (Aline) 
(1804 — 69), die den Hofkavalier P. Dur novo heiratete. 

169 



Der Herzog von Devonshire'^) kam hier an, um seine 
Stiefmutter zu sehen und für ihn setzte die englische 
Gesellschaft alles ins Werk. Man gab ihm zu Ehren ein 
Fest, ein Konzert nach dem anderen, wobei die Füße, 
die Köpfe und die Fächer der schönen Ladys Stunden 
hindurch unaufhörlich und taktmäßig zeigen wollten, 
daß ihre Trägerinnen „are fond of music". Es gab auch 
solche, die zwischen den Zähnen italienische Bravour- 
arien oder was noch schrecklicher war, Arien aus den 
schottischen Bergen, jene traurigen, schwerfälligen und 
ebenso monotonen Gesänge, wie der Nebel auf ihrer 
Heide, summten. In diesem Falle wurden alle diese 
Inselbewohner gerührt, ein jeder, ob Sänger oder nicht, 
nahm an diesen eintönigen Melodien teil und der 
„for auld lang sayn"^) brach ihnen das Herz. Schon in 
Neapel waren wir mehr als einmal bei derartigen 
patriotischen Konzerten anwesend. Lady Hamilton, die 
Gemahlin des englischen Gesandten, lud öfters die 
neapolitanische Gesellschaft zu sich ein, um ihre 
Familie, nämlich sich selbst, mehrere Töchter und 
Söhne, singen zu hören. Nach einigen Opernarien ver- 
einigte der obligate „for auld lang sayn" Mutter und 
Kinder. Der Lord gebot dann allen Anwesenden 
Schweigen und ermangelte zum Schlüsse nicht, mög- 
lichst jedem Gaste zu sagen: „Ist es nicht erstaunlich, 
Lady Hamilton so singen zu hören ? Man muß be- 
denken, daß sie erst nach ihrem 50. Jahre Singstunden 
zu nehmen begonnen hat." 

i) William Spencer Cavendish Herzog von Devonshire (1790 — 1858), 

Sohn des Herzogs William (1748 — 18 11) und dessen erster Gemahlin 

Georgine Lady Spencer, war zweimal Lordkämmerer und 1826 

englischer Vertreter bei der Krönimg Kaisers Nikolaus L Er starb 

unvermählt. 

2) Refrain einer alten schottischen Weise. (Notiz d. Verf.) 

170 



Es hatte sich der Engländer eine ganze Theaterwut 
bemächtigt. Die Bühne wurde in Permanenz erklärt 
und wöchentlich zweimal führten sie englische Komö- 
dien, Melodramen und Tragödien auf. Lord und Lady 
Normanby'^) kamen nur deshalb nach Rom. „Sie ver- 
bringen ihre Zeit damit, zu lernen, zu spielen und in 
den Intervallen Dekorationen zu malen. Sonst haben 
sie von Rom nichts gesehen, es fehlt ihnen zu allem die 
Zeit und sie wollen sofort wieder abreisen, wenn die 
Fastenzeit ihnen das Theaterspielen verbietet. 

Die Lady Normanby hat entschiedenes Talent, was 
aber ihren Gatten betrifft, der von Kemble^) ausge- 
bildet wurde, so ist er in seinen Posen so affektiert, daß 
sie manchmal ganz lächerlich wirken, umsomehr, als 
er mitunter in Gesellschaft von Schauspielern ist, deren 
Haltung und Bewegungen sehr an die ,comedie des 
chiens' erinnern. Ich muß gestehen, daß außer ein bis 
zwei Personen die ganze Schauspielersippe nichts 
taugte; erscheint hie und da ein Talent, so hat es doch 
einen solchen Mangel an Takt und eine solche Unkennt- 
nis der Bühnenroutine, daß selbst derartige Leute das 
Spiel zur Posse degradieren und diese Vorstellungen 

i) Konstantin, 2. Earl of Mulgrave, Wnconnt Normanby {gth. 15, 5. 
1797)5 heiratete 12. 8. 18 18 Marie Lady Ravensworth. Er erhielt 
bald nach Vollendung seiner Studien in Cambridge einen Sitz im 
Parlament. Seine maiden-speech zugunsten der Katholikenemanzi- 
pation erregte Aufsehen, doch zog er sich, da seine politischen An- 
sichten zu denen seines Vaters im Widerspruch standen, bis zu 
dessen Tode vom öffentlichen Leben zurück und lebte längere Zeit 
in Italien, mit Kunst und Literatur beschäftigt. 1832 — 34 war er 
dann Gouverneur von Jamaika, 1835 Lordleutnant von Irland, 
1839 Kolonial- und im selben Jahre Minister des Innern, 1846 — 52 
Botschafter in Paris, 1854 — 58 Gesandter in Florenz. Er war auch 
Romanschriftsteller und starb zu London am 28. 7. 1863. 
2) Entv/eder John Philipp (1757 — 1823) oder Charles Kemble 
(1775 — 1854), beide berühmte englische Schauspieler. 

171 



der hohen Aristokratie höchst langweiHg machen. Wenn 
man dabei wenigstens in einer vergitterten Loge wäre, 
wo man seiner Heiterkeit die Zügel schießen lassen und 
sich nur eine halbe Stunde unterhalten könnte, aber 
hier darf man nicht mit den Augen zwinkern, man muß 
stürmisch Beifall klatschen und mit Seelenruhe die 
unbezahlbarsten Karrikaturen und die unverwüstliche 
Naivität bewundern, mit der die vertrauensseligen Eng- 
länder öffentlich ihre angeborene Linkischkeit zur Schau 
stellen." 

Der Tod des Kardinals Consalvi^) (24. Januar 1824) 
hatte dem Jahresbeginn in Rom ein trauriges Gepräge 
gegeben. Seit Pius VIL Tode und namentlich seit der 
Thronbesteigung Leos XII. siechte der als Staatssekretär 
entlassene Greis, durch Verdrießlichkeiten geplagt 
und von Schmerz überwältigt, da er dem verstorbenen 
Pontifex mit inniger Liebe zugetan gewesen, in der 
Zurückgezogenheit dahin. Die Künste, die Zivilisation 
und die Fremden verloren in ihm einen großen Pro- 
tektor. Seine heute am Ruder befindlichen Feinde 
konnten wohl verbieten — und ihr Haß leistete sich 
wirklich diese Genugtuung — daß keine ehrenden 
Nachrufe über den Verstorbenen veröffentlicht wurden, 
sie konnten jedoch den Schmerz nicht ersticken, den 
sowohl die Fremden, als auch die Römer gleicherweise 
empfanden. Leo XH. hatte bereits eingesehen, daß 
er die Dienste des Kardinals Consalvi nicht werde 
entbehren können, sein persönlicher Haß und vor allem 
der jener Leute, die sich des Papstes bemächtigt hatten, 

i) Ercole Marchesc Consalvi, geb. Rom 8. 6. 1757, gest. 24. i. 1824, 
seit 1800 Kardinal und Staatssekretär. Er zeichnete sich beim Ab- 
schlüsse des Konkordates mit Napoleon aus. Leo XII. entsetzte 
ihn seines Kardinalsekretariates und betraute ihn mit dem wichtigen 
Amte des Präfekten der Propaganda. Zehn Tage darauf starb C. 

172 



in erster Linie der des Kardinals Rivarola^), hielten 
ihn aber von jedem Entgegenkommen ab. Übrigens war 
die Gesundheit Leo XIL so schwankend, daß man ihm 
nur wenige Monate Lebenfrist gab. Seine Todeskrank- 
heit und sein Haß gegen Consalvi datierten aus der 
nämlichen Epoche. Hier ist die bezügliche Anekdote, 
die uns Kardinal de Gregorio'^) erzählte. 

Leo XII. ^), damals Nuntius della Genga, war wäh- 
rend der Restauration päpstlicher Legat in Paris und 
glaubte, daß er unzweifelhaft zum Wiener Kongreß 
entsendet werden würde. Pius VH. hatte jedoch die 
treue Anhänglichkeit Consalvis während seiner Gefan- 
genschaft zu erproben gewußt und delegierte diesen 
nach Wien, vorgebend, es sei dies eine außerordentliche 
Mission. Als della Genga die Ernennung eines Rivalen 
erfuhr, bekam er einen Blutsturz, an welchem Leiden 
er seither laborierte und das ihn dem Grabe zuführen 
sollte. Die Moral von dieser Geschichte, so dachte ich 
mir während der mit vollster Offenheit vorgebrachten 
Erzählung, ist, daß die apostololische Ruhe keineswegs 
eine Tugend des h. Vaters sei. Kardinal de Gregorio, ein 
geistreicher Mann und Freund des jetzigen Pontifex, 
hatte anscheinend nicht daran gedacht, daß jemand 
eine derartige Schlußfolgerung aus seinem Berichte 
ziehen könnte, so ferne stand eine solche seinem 
Herzen. 

Mein Tagebuch vom 20. Februar beschreibt den 
römischen Karneval, wie folgt: „Der Karneval ist in 

1) Augustin Rivarola, geb. zu Genua 14. März 1758, seit i. 10. 
18 17 Kardinal. 

2) Emanuel de Gregorio, geb. zu Neapel 18. Dez. 1758, Archi- 
mandrit von Messina, seit 8. März 18 16 Kardinal. 

3) Leo XII. (Annibale della Genga), geb. 1760 zu Genua, 18 16 
Kardinal, 1823 — 29 Papst. 

173 



Rom viel heiterer, als in Neapel, die Freude der Korso- 
besucher viel liebenswürdiger. Sie werfen den Damen 
Blumen und Konfetti zu anstelle der plumpen Kalk- 
kugeln, womit man in Neapel belästigt wird. Die 
Masken nähern sich hier den Wagen und bringen gra- 
ziöse Verse und BaccaroUen mit ebenso viel Anmut, 
wie gutem Humor vor. Die Begeisterung erreicht bei 
Abschlüsse des Karnevals ihren Höhepunkt; er ist 
der Triumph der römischen Lustbarkeit. Nach dem 
letzten Wettrennen, womit die Bevölkerung acht Tage 
hindurch unterhalten wurde, sammelt sich alles auf 
dem Korso und es beginnt der Moccolikrieg. Jedermann 
hat eine kleine Wachskerze in der Hand und die anderen 
suchen nun, möglichst viele Lichter auszulöschen. Die 
Aufgabe des einzelnen ist es natürlich, sein Lichtchen 
zu beschützen. Zum Angriffe wird alles mögliche ver- 
wendet: Blasebälge, Röhren, Taschentücher. Das Merk- 
würdigste daran ist aber, daß trotz der endlosen Reihe 
von Wagen und der Menge Fußgänger, die sich auf 
einem ziemlich engen Räume drängen und stoßen, trotz 
der Dunkelheit der Nacht und der allgemeinen Aus- 
gelassenheit kein freches Benehmen, keine Unschick- 
lichkeit und keine Rohheit zu verzeichnen wären. Ich 
sah, Grünzeugverkäufer und Gassenjungen unter Lachen 
die Moccoli von Leuten unserer Gesellschaft ausblasen 
und wenn einer der Angegriffenen ärgerlich zu werden 
schien, entschuldigten sie sich in gutmütigem Tone 
mit den Worten: „Ma, Signori, e il Carnevale!" End- 
lich aber übertönte die ausgelassenste Freude ein 
Kanonenschuß, — er ist das Zeichen, daß der Karneval 
zu Ende ist. Ein Moment des Schweigens, dann ein 
langgezogener Seufzer, der den Korso von einem Ende 
zum anderen durchzieht; die Moccoli verlöschen, auf 

174 



den Dächern sowohl als in den letzten Winkeln, und 
in der Dunkelheit geht jedermann ruhig nach Hause. 
„E morte il carnevale, e morto il carnevale!" und das 
römische Volk hat seine ernste Miene wieder ange- 
nommen." 

Ich vergaß, beziehungsweise versäumte es, vom Tode 
des Grafen Peter Rasumoffsky zu sprechen. Er hätte 
mit seinem Vermögen meinen Schwager rangieren 
können, selbst, wenn er ihn vor seinen anderen legi- 
timen Erben nicht bevorzugt haben würde. Aber weit 
davon entfernt, hinterließ er alles ihm Erreichbare 
seinen Bastardkindern und den Rest an fernstehende 
Neffen. Man konnte nicht unbrüderlicher handeln! 
Ich hatte zuerst die Gräfin Leon Rasumoffsky-Wiaj- 
semsky im Verdacht, daß sie ihren Schwager auf dem 
Totenbette beeinflußt habe, damit er ihren Neffen 
Legate auswerfe, um für diese nicht selbst sorgen zu 
müssen, aber sie bewies Rasumoffsky im nächstfolgenden 
Jahre in Florenz durch ihre Worte und auch ein wenig 
durch ihr Vorgehen eine große Zuneigung und gab an, 
sie habe auf das Testament des Grafen Peter gar keine 
Einwirkung gehabt. Diese Überraschung war für meinen 
Schwager sehr unangenehm, immerhin sollte er einiges 
aus dieser Sukzession erhalten. 

Die Gräfin Chotek^) war auch gestorben, ein großer 
Kummer für die arme Therese und die übrige Familie. 
Arme Frau ! Nach einem Leben voll Aufregungen mußte 
ihr die himmlische Ruhe sehr willkommen sein. In 
ihrem langen und mühseligen Lebenslaufe hatte sie 
mehr als einmal den Leidenskelch bis zur Hefe zu leeren 
gehabt ! 

i) Gräfin Maria Sidonia Chotek-Clary, gestorben Wien i6. Febr. 
1824(3. Bd. I. 278 u. a. O.). 



Am 12. März ereignete sich in Rom ein furchtbares 
Unglück, das allgemeine Bestürzung erregte. Eine 
junge Engländerin, Miß Bathurst, ertrank im Tiber 
vor den Augen ihres Onkels und ihrer Tante, denen sie 
anvertraut worden war; zehn oder fünfzehn Jahre 
früher hatte auch ihr Vater seinen Tod in den Wellen 
gefunden^). Sie war schön, wie eine Rose, deren Namen 
sie trug, glücklich und anziehend. Ihre kindliche und 
liebliche Seele drückte sich in ihren Augen aus. So sah ich 
sie gelegentlich einer Reunion bei ihrer Tante und am 
nächsten Morgen war sie im schlammigen Wasser des 
Tibers auf immer verschwunden. 

Eine Unvorsichtigkeit des unbesonnenen und halb 
blinden Herzogs von Laval verschuldete das Unglück, 
er machte den Führer auf einem Wege längs des Flusses, 
den er zu kennen vorgab. Man war zu Pferde. Als man 
an eine sehr enge Stelle des Weges gelangte, rief Miß 
Bathurst aus Angst ihren Onkel, Lord Aylmer^), herbei. 
Dieser stieg vom Pferde und wollte das seiner Nichte 
beim Zügel fassen. Doch im selben Augenblicke, viel- 
leicht durch die Bewegung des Lords erschreckt, machte 

1 ) Lord Bathurst ertrank in der Elbe, angeblich auf Befehl Napoleons 
meuchlerisch überfallen, um der Depeschen willen, die der Unglück- 
liche bei sich trug. (Notiz d. Verf.) — Es handelt sich hier um Benjamin 
Bathurst, geb. am 19. März 1784 zu London. Er wurde 1807 als 
englischer Kurier nach Stockholm gesandt, verschwand aber auf 
der Rückreise in der Nähe von Bremen (nach and. bei Perleberg 
oder Boitzenburg) und alle Nachforschungen seiner Familie führten 
zu keinem Resultat. Wahrscheinlich ist er von der französischen 
Regierung aufgehoben worden und im Handgemenge umgekom- 
men, oder im Gefängnisse gestorben. Vielleicht diesethalben trug 
Harry Earl of Bathurst gegen Napoleon so grimmen Haß, der sich 
dem Besiegten auf St. Helena besonders fühlbar machte und wo- 
rüber er sich bitter beschwerte. 

2) Wohl Lord Gerald George Aylmer, geb. 15. 9. 1798, der 1826 
die Tochter des Obersten Hodgson heiratete. 

176 



das Pferd einen falschen Tritt und glitt mit seiner 
Reiterin über das steile Ufer hinab. Man sah das arme 
Mädchen einmal, wie ohnmächtig auf dem Hals des 
Pferdes liegend, auftauchen, dann sank dieses nochmals 
unter, kam neuerdings hervor und gewann das Ufer 
— aber mit leerem Sattel. Lord Aylmer wollte sich zwei- 
mal in den Fluß stürzen; da er aber nicht schwimmen 
konnte, hielt man ihn bei den Kleidern zurück. Alles 
hatte den Kopf verloren und ein unglücklicher Zufall 
wollte es, daß unter den Zuschauern am Ufer kein 
einziger Schwimmer sich befand. Die Hilfe kam zu 
spät, man fand nicht einmal einen Fetzen der Kleider 
des armen Kindes, das wahrscheinlich ein Strudel ver- 
schlungen hatte. 

Die Königin von Etrurien, Maria Luise von Spa- 
nien^), starb zur gleichen Zeit. Sie war eine boshafte 
Frau, die das Unglück aller machte, welche ihr nahe- 
standen, von ihren Kindern angefangen. Sie erhielt ein 
prachtvolles Leichenbegängnis — und die arme, kleine 
Rosa Bathurst, schön und gut wie ein Engel, fand ihr 
Grab im Bette des Tibers, ohne daß das einfachste 
Kreuz für sie zum Gebete mahnte. 

Am 15. März kam Lady Acton mit ihrer Tochter 
Betzy durch Rom, um sich nach Paris zu begeben. 
Richard Clanwilliam begleitete sie und kehrte dann 
nach Neapel zurück. Als Ersatz traf der Graf Dietrich- 
stein ein, der Betzy heiraten möchte. Sie liebte ihn auch, 
aber ihr Bruder, wie auch ihre Mutter waren gegen die 
Heirat, nicht nur wegen des unbeständigen und mürri- 
schen Charakters des Bewerbers, sondern besonders 

1) Maria Luise von Spanien^ Gemahlin Herzogs Ludw. v. Parma, 
regierte von 1803 — 1807 das von Napoleon geschaffene Königreich 
Hetrurien. 

12 M. L. III ^77 



wegen der Geringfügigkeit seines Vermögens. Rom ge- 
fiel den Actons nicht, der Moment war auch schlecht 
gewählt, denn abgesehen von der Trauer um die kleine 
Bathurst war außerdem die Herzogin von Devonshire 
schwer erkrankt, eine neue Katastrophe für die Eng- 
länder. 

Die Herzogin starb am 20. März (richtig 30.). Ihr 
Tod bedeutete einen unersetzlichen Verlust für Rom. 
Sie protegierte die Künste und die Altertumsfor- 
schungen mit Umsicht und Freigebigkeit, ihr Haus 
bildete den Sammelpunkt der Künstler und Fremden. 
Die Schriftsteller besangen dessen Pracht, die Armen 
segneten ihre hilfreiche Hand. Während ihres Lebens 
folgte sie immer den Eingebungen ihrer feurigen Seele; 
dies führte sie zu vielen Irrtümern, aber sie waren stets 
mit einer solchen Sanftmut des Charakters, mit einer 
derartigen Anteilnahme für die Schwächen und Küm- 
mernisse der Mitwelt verbunden, daß niemand ein 
hartes Urteil zu fällen wagte. Eine begeisterte und 
treue Freundin der ersten Herzogin von Devonshire^ 
war sie deren Vertraute in ihren Liebesaffären mit Lord 
Grey und zugleich die Maitresse ihres Gatten. Bald 
verband eine innige Zuneigung diese vier Rivalen, die 
ebenso selten, wie rührend gewesen wäre, wenn man 
die Immoralität überhaupt entschuldigen könnte. Die 
Herzogin von Devonshire'^), geborene Lady Elisabeth 
Fester, verschönte ihre Neigungen und Empfindungen 
stets mit einem eigenen poetischen Zauber und be- 
wahrte bis in ihr Alter für alles eine jugendliche Be- 

i) Sie war die Witwe des John Thomas Foster und Tochter Fried- 
rich August 4. Earls of Bristol-, sie heiratete am 19. 10. 1809 den 
Herzog William v. Devonshire (1748 — 181 1), dessen erste Frau, 
eine geborene Lady Spencer, 1806 gestorben war. 

178 



Zu Bd. UI, S. 178; 179. 




Elisabeth Herzogin v. Devonshire. 
(1759— 1824.) 
Aus der k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek. 



geisterung. Ihre zärtliche Liebe zum Kardinal Consalvi 
hatte der bösen Welt trotz der beiderseitigen Bejahrt- 
heit Stoff zu allerlei Sarkasmen gegeben; da jene nur 
nach der Engherzigkeit ihres Verstandes urteilte, wie 
konnte sie die Herzogin richtig begreifen, deren men- 
schenfreundlicher Blick von so hoch auf die Elenden 
herabfiel, daß er ihre undankbare Bosheit nicht einmal 
bemerkte ? Ich sah die Herzogin von Devonshire einer 
alten Freundin, Mme. Recamier^), eine derartig stür- 
mische Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit erweisen, wie 
man sie nur einer jugendlichen Leidenschaft entgegen- 
bringt. Ihr Herz bedurfte eben der Wärme, wie auch 
der Luft zum atmen; dies war ihr Element, das weder 
das Alter, noch die Erfahrung trüben konnten. Ihre 
70 Jahre hatten ihre Empfindungen nicht erkälten, ihre 
Einbildungskraft nicht schwächen können. Sie starb 
mit bewunderungswürdiger Ruhe und Sanftheit; einer 
so schönen letzten Stunde fehlte nichts, als das Licht 
des Glaubens. Pius VII., Kardinal Consalvi und die 
Herzogin von Devonshire starben im Laufe eines halben 
Jahres, eine rührende Zuneigung verband lange Jahre 
hindurch diese edlen Greise. Sie vermochten nur zu 
leben, eines auf das andere gestützt, und sie zogen sich, 
eines das andere, in das Grab nach. Friede ihrer Asche ! 
Der Herzog von Devonshire wurde von seiner Schwie- 
germutter zum Testamentsexekutor ernannt; er ent- 
sprach seinem Charakter und bewies sich edel, gut und 
freigebig. Er verließ jetzt Rom. Seine Abreise und der 
Tod der Herzogin gaben den diesjährigen Unterhal- 
tungen den '^•^idenstoß. Die meisten Engländer reisten 

i) Jeanne Fran^oise Julie (1777 — 1849), Gattin des reichen Pariser 
Bankiers Recamier, die bekannte durch Schönheit und Geist gleich 
ausgezeichnete Frau. 



ab, auch unser netter Greville. Er war darüber untröst- 
lich und wir nicht weniger, denn er war uns immer 
unentbehrlicher geworden. Seine Schwester Lady 
Francis Gower gefiel durch ihre Natürlichkeit, doch 
sollte sie lieber mit ihrem Bruder in bezug auf Emp- 
findsamkeit tauschen. Sie hatte deren keine, was gerade 
für einen braven jungen Mann das Richtige wäre und 
Henry dagegen würde mit seinem weichen Gemüte 
eine Frau sehr interessant machen. 

Die h. Woche war dieses Jahr viel einfacher als 
1823. Der Papst tat sein Möglichstes, um die Fremden 
zu verhindern, die Feierlichkeiten zu sehen. Es gab kein 
beleuchtetes Kreuz zum Ärger der Fremden, des Vol- 
kes, der Künstler und selbst der Kardinäle; jedermann 
war empört, daß man selbst die einfachsten Dinge ver- 
biete. So wurde es z. B. den verheirateten Römerinnen 
untersagt, ohne Schleier, ihren Gatten, ohne Dreispitz 
auf der Straße zu erscheinen, was den Witzbolden zu 
allerlei Bemerkungen Anlaß gab. Es zeigte sich eben 
jeden Tag mehr, daß Leo XIL ein kleinlicher, ängst- 
licher Charakter und sein Geist sehr beschränkt war. 

Unsere ganze Gesellschaft zerstreute sich, die Pahlen^), 

Lord Astley, die Kinnairds (von denen der Gemahl der 

„Heilige" genannt wurde, zum Unterschiede von einem 

anderen Kinnaird, den man den „Teufel" hieß), ja 

sogar Irving. Dieser hatte es wohl satt, seine Zeit bei 

1) Graf Friedrich PöWcK (geb. i779,gest. St. Petersburg, 18. i. 1863), 
Sohn des berüchtigten Grafen Peter Ludwig P. (1745 — 1826), der 
die Palastrevolution gegen Kaiser Paul 1801 leitete, war durch 
mehrere Jahre (ab 18 15) Gesandter in München, 1826 General- 
gouverneur von Neurußland und Bessarabien, 1828 Zivilchef der 
Donaufürstentümer, 1834 wirkl. Geh. Rat. Er starb unvermählt. — 
Sein Bruder Peter Petrowitsch (1777 — 1864) war 1823— 1824 als 
russischer General beurlaubt, war also auch vielleicht damals in 
Italien; er wurde 1835 russischer Botschafter in Paris. 

180 



mir zu verlieren, er wollte sein Glück anderswo ver- 
suchen. Seit einiger Zeit unterhielt er mich nicht mehr, 
denn erstens hatte er die Gewohnheit angenommen, 
immer die Skala zu singen, was gar nicht harmonisch 
war und zweitens zeigte er sich verstimmt, wenn ich 
mit Greville oder Kossakowski sprach. Ich vermißte ihn 
nur insofern, weil er immer bereit war, meine Vor- 
mittagsexkursionen mitzumachen, obgleich er dabei 
immer mehr mit mir stritt, als er Liebenswürdigkeiten 
sagte. Am Vorabend seiner Abreise verbrachte er eine 
Stunde bei mir in Tränen und am anderen Morgen war 
er beim Abschiede ,,gai comme pin^on". Ein komischer 
Kauz, vielleicht ein Narr! 

Über die modernen Künstler in Rom war ich wenig 
entzückt. Sie verlangten exhorbitante Preise für ihre 
mäßigen Leistungen. Über Catel, Robert und Rebd 
habeichschon gesprochen. „Der Franzose Gr^«^?^) über- 
ragt sie durch seine Interieurs und seine Wirkung des 
,clair-obscur'; seine Bilder reizen durch die ausge- 
zeichnete Luft- und Lichtbehandlung. Die beiden 
Enders^) aus Wien zeichnen sich auch vorteilhaft aus, der 

i) Granet, Fran^ois Marius, geb. 1775 (1774) zu Aix, gest. am 
21. November 1849 daselbst, berühmter Architekturmaler, Schüler 
Davids. Er ging 1802 nach Rom, das ihm eine zweite Heimat 
wurde und wo er auch die meisten Bilder malte, erst 1848 zog er 
wieder nach seiner Vaterstadt (s. A. Seubert, Allg. Künstlerlex. 
1882, II. 113!.). 

2) Johann Ender, Porträt- und Historienmaler, geb. 4. Nov. 1793 
in Wien, ebenda gest. 10. März 1854, hielt sich von 1818— 1826 
in Griechenland, Italien und Paris auf, sodann wieder in Wien, seit 
1829 Professor an der Akademie. Besonders als Porträtmaler ge- 
schätzt. — Thomas Ender, Landschaftsmaler, Zwillingsbruder des 
ersteren, geb. 4. Nov. 1793 In Wien, ebenda gest. 29. Sept. 1875, 
war besonders für Erzherzog yohann und Metternich tätig, die er 
auf Reisen begleitete. Von Thomas E. besaß Gräfin Lulu mehrere 
Aquarelle (s. A. Seubert, Allgem. Künstlerlexik, i. Bd., S. 452). 

181 



eine als Landschafter in Aquarell, der andere als Por- 
trät- und Historienmaler; doch ist dieser nicht auf der 
Höhe seines Genres. Er begleitete Szechenyi nach Grie- 
chenland. Pinelli^), ein Römer, hat einen großen Ruf 
als Zeichner und Bildhauer in Terrakotta; seine Stärke 
sind Sujets aus dem Volks- und Brigantenleben, weiter 
reicht sein Genie nicht. Seine Anmaßung, Benvenuto 
Cellini zu gleichen, hat ihn in das heroische Fach ver- 
schlagen, in welchem er abscheuliches leistet. Die Eng- 
länder mit ihrem schlechten Geschmacke und ihrer 
Vorliebe für nervenkitzelnde Vorwürfe verderben ihn 
ganz. Sein Atelier ist immer voll Engländer und Eng- 
länderinnen mit ihren Gesichtern einer Madonna oder 
Agnes Sorel und sie bestellen bei ihm die schrecklich- 
sten Mordszenen. 

Unter den Bildhauern nenne ich außer Thorwaldseti, 
den ich schon nannte, einen Schweden, Kassel, der 
viel verspricht und den Engländer Campbell^), ein 
seltenes Talent, der die Büsten fast aller Engländer und 
Engländerinnen gemacht hat, die jetzt in Rom weilen. 
Auch vollendete er die Büsten Konstantinens und 
Rasumoffskys, die sprechend ähnlich sind." 

Während dieses Winters war auch die Fürstin Lieven 
nach Rom gekommen, angeblich wegen ihrer Gesund- 

i) Bartolommeo Pinellt, Maler, Radierer und Modelleur (1781 
bis 1835). (s. A. Seubert, Allg. Künstlerlex. 1882, III. S. 72). 
2) Campbell, Thomas, geb. 1790 in Edinburgh, gest. 1858, Bild- 
hauer. Er ging 18 18 nach Rom. wo er nach dem lebenden Modell 
studierte und sehr ähnliche charakteristische Büsten verfertigte. 
Nach seiner Rückkehr führte er in London viele größere Werke 
aus. Sein Hauptwerk während seines Aufenthaltes im Rom, 1818 — 30, 
ist die Sitzstatue der Pauline Bonaparte-Borghese. (s. A. Seubert, 
Allg. Künstlerlex. 1882, I. S. 215.) Die eben genannten zwei 
Büsten des Ehepaares Rasumoffsky befinden sich jetzt im Besitze 
des Grafen Camillo Razumovsky in Wien. 

182 




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heit, was man einer politischen Persönlichkeit, wie sie 
es war, kaum glauben konnte. Obwohl sie für die Denk- 
mäler der Kunst nicht das mindeste Interesse hatte, 
besuchte sie doch die Galerien. Eine Inkonsequenz 
zieht die andere nach sich: so machte sie, „the High 
torie", am Arm des Radikalen Lords Kinnaird einen 
Lehrkurs in der Skulptur und Malkunst durch und 
hörte mit großer Gelehrigkeit seine Instruktionen an. 
Es ist eine heitere Geschichte, wie sie den Lord Kin- 
naird kennen lernte. Als sie in Rom anlangte, konnte 
sie sich nicht genug wundern, wie Graf Afponyi und 
andere gut denkende Leute den Lord Kinnaird, diesen 
Mann voller Umsturzideen, bei sich sehen konnten. 
Man mochte ihr noch so sehr versichern, daß Rom 
infolge seiner republikanischen Erinnerungen die 
Schranken zwischen den verschiedenen Ansichten der 
Parteien zu öffnen geeignet sei, sie schwor, sie werde 
nicht einmal den Gruß des Lords erwidern, obwohl sie 
ihn von Paris aus kannte. Nun, was geschah ? Einige 
Tage nach ihrer Ankunft unterhielt sie sich in ihrem 
Salon, die Füße auf dem Feuerbock des Kamins ge- 
lehnt, mit einigen Personen der Gesellschaft, — wir 
waren auch darunter — als sich plötzlich die Türe 
öffnete und Lord Kinnaird mit einer so reizenden und 
vornehmen Miene eintrat, daß die Herrin des Hauses 
wohl oder übel ihm seinen Gruß erwidern mußte. Sie 
wandte wohl augenblicklich den Kopf, um mit einer 
Nachbarin zu sprechen, aber der Ankömmling wußte 
in wenigen Augenblicken das allgemeine Interesse auf 
sich zu ziehen, so daß es ihm gelang, das Wort auch 
an die stolze Fürstin zu richten. In weniger als einer 
Stunde hatte der gefährliche Radikale den Prozeß ge- 
wonnen und wurde in Gnaden aufgenommen. 

183 



Bevor wir Rom verließen, hatte ich noch Kossa- 
kozvski abzuschütteln, der mir seine Liebe in allen Ton- 
arten erklärte. Es wäre schade um das Papier, wenn ich 
hier das ganze alberne Zeug wiederholen wollte, was 
er sprach. Mein Tagebuch verzeichnet es getreu und 
meine Entschuldigung besteht darin, daß ich in wenigen 
Jahren ja leider kein Papier mehr zu verschwenden 
haben werde. Wenn ich dann gezwungenermaßen ver- 
nünftig sein muß, werde ich vielleicht diese Erinnerun- 
gen vergangener Torheiten zerreißen, damit nicht eine 
meiner Nichten auszurufen braucht: „Mais tante Lou- 
lou etait passablement coquette!" 

Derselbe ultraoffizielle Schutzgeist, der den Prinzen 
Butera zweimal beim Rockzipfel erwischte, derselbe, 
der Mlle. Tisserant in den Salon schickte, um ihren 
Papagei zu füttern in demselben Augenblicke, da Max 
Zandt mir seine Liebe erklären wollte i), derselbe, der 
mir Zandts Brief stahl und noch andere Stückchen auf- 
führte, ließ auch diesmal in einem entscheidenden 
Momente Konstantine eintreten und das andere Mal 
Kossakowski sagen, ich sei nicht zu Hause. 

In der Abschiedsvisitte kam er in Begleitung des 
Fürsten Gagarin^) und anderer Personen und sagte, er 
werde nach Mailand abreisen und mich nie vergessen. 
Gerade brachte man mein Porträt, das Agricola^) noch 
nicht ganz vollendet hatte und das deshalb noch einige 

i) s. Bd. I. 324. 

2) Gregor Fürst Gagarin, 1777 — 1846, russischer Legationsrat in 
Rom, Rivale des Kaisers Alexander bei der schönen Marie Narisch- 
kin, daher nach Rom versetzt. Seine Frau war Katharina Soimonoff, 
die Schvifester der berühmten Mme. Svetchine, welch' erstere wegen 
ihres fanatischen Glaubenseifers ebenfalls in Ungnade beim Zaren 
gefallen war („Lebzeltern" 1913, S. 92/93). 

3) Karl Josef Alois Agricola, Maler und Kupferstecher, Schüler 
FügerSj tätig in Wien (geb. Säckingen 1779, gest. Wien 1852). 

184 



Tage in Rom verbleiben sollte. Kossakowsky bat mich 
ganz leise um die Erlaubnis, es kopieren zu dürfen. Ich 
verweigerte sie ihm, er antwortete aber, er werde es 
doch machen und mir für mein Porträtsalbum sein 
Bild senden, damit ich ihn nicht vergesse. 

Ich ärgere mich, daß ich den armen Kossakowski so 
schlecht behandelte, ich weiß nicht, welcher Dämon 
mich dazu trieb, ihm nur Unangenehmes zu sagen. Das 
passierte mir immer, wenn jemand ernste Absichten 
äußerte. Diese großen reichen Herren, und Kossakowski 
hatte ein sehr großes Vermögen, halten sich für unwider- 
stehlich bei einer gewissen Erklärung: ich verabscheue 
sie. Meinen sie denn, daß man sich nur für ihr Geld 
hingibt, daß sie so unsere Liebe erringen werden ? 

Am 15. Mai 1824 hatten wir Rom verlassen, am 
20. trafen wir in Florenz ein. Die Reise verlief ohne 
Ereignis. An der Grenze des Kirchenstaates auf den 
Höhen von Cortone bewunderten wir die schöne, kul- 
tivierte Ebene von Toskana. Kommt man aus dem 
Kirchenstaate, so hat man noch das Bild der dortigen 
verlassenen und unbebauten Ländereien in der Erin- 
nerung; dort Schwermütigkeit und träge Armut, hier 
Tätigkeit und Überfluß. Eine väterliche Hand ruht 
auf einem dieser Länder, ich muß aber leider gestehen, 
daß es nicht die Hand des h, Vaters ist. 

Gegen Abend stiegen Konstantine und ich von der 
Höhe von Cortone zu unserer Nachtstation Cormuccia 
herab. Auf dem Wege erzählte ich meiner Schwester 
meine Gespräche mit dem Grafen Kossakowski und was 
daraus erfolgte. Sie zankte mich aus und ich, meine 
Offenheit bedauernd, nahm mir wie der beschämte Rabe 
vor, mich gewiß nicht mehr ertappen zu lassen. Ich 

185 



weiß ja sehr gut, daß die Heirat die Lebensbestimmung 
einer Frau ist, aber ihr Glück ist es noch mehr; könnte 
ich dies in einer Verbindung finden, bei der mein Herz 
nicht mitspricht ? Einem ungeliebten Manne anzuge- 
hören, empört mich. Andere Frauen sind darin ver- 
nünftiger und richten sich ihre Existenz kaltblütig 
ein; ich dagegen verstehe unter einer Heirat nur eine 
auf Liebe beruhende Verbindung^). 

i) Die Verfasserin schließt hier ein französisches Poem an, das 
sie ihr Glaubensbekenntnis nennt. Es sei darum hier wörtlich wieder- 
gegeben : 

Plus mon coeur s'etudie et s'essaie, 

Plus de ce joug la pesanteur m'effraie. 

A mon avis, Thymen et ses liens 

Est le plus grand ou des maux ou des biens. 

Point de milieu; l'etat du mariage 

Est des humalns le plus bei avantage, 

Quand le rapport des esprits et des coeurs. 

Des sentimens, des goüts et des humeurs 

Forment des noeuds dictes par la nature, 

Qu'amour serra et que l'honneur epure. 

Ah quel plaisir d'aimer publiquement 

Et de porter le nom de son amant! 

Votre maison, vos gens, votre livree, 

Tout vous rappelle une image adoree. 

Et vos enfans! Ces gages precleux, 

Nes de l'amour en sont les plus bcaux noeuds. 

Un tel lien, une union si chere, 

Si Ton en voit, — est le Ciel sur la terre. 

Mais tristement vendre par un contrat 

Sa libcrte, son nom et son etat 

Aux volontes d'un maitre despotique, 

Dont on devient le premier domestique, 

Tromper son maitre ou vivre sans espoir. 

Dans les ennuys d'un penible devoir, 

Pleurer, gemir dans sa douleur profonde, 

Ah cette union-est VEnfer dans le inonde. 



i86 



XXXI. DIE ERLEBNISSE BIS ZUR 
ANKUNFT IN PARIS 

In Florenz traf ich bei der englischen Mission den 
jungen St. John^), meinen kleinen „Sargines" von 
Wien. Er hatte meiner Erziehung wenig Ehre gemacht 
und erzählte uns mit größter Offenheit alle seine Strei- 
che. Wenn das erste Jugendfeuer vorüber ist, würde er 
ein nützliches und angenehmes Mitglied der Gesell- 
schaft werden und sich Freunde machen. (Diese Hoff- 
nung erfüllte sich nicht.) Er war größer, geistreicher und 
anmutiger geworden; seine außerordentliche Schön- 
heit versprach ihm viele Erfolge zu bringen. 

„Außer St. John gehören hier nur Louis Bombelles 
und seine Frau zu meinem intimen Umgange ; ich habe 
keine Lust, gleichgültige Leute zu sehen, denn ich fand 
in Florenz die traurigsten Nachrichten über meine 
arme Judith Marcotin^), die alle meine Freude ver- 
giften. Sie scheint die Brustwassersucht zu haben. 
Meine gute Judith! Sie bewachte meine ersten Lebens- 
jahre und ich kann sie in ihren letzten Augenblicken 
nicht trösten! Sie schickte meinen Schwestern und mir 
Ringe mit der Bitte, sie zu ihrem Andenken zu tragen. 
Dieser Ring soll niemals meine Hand verlassen. Liegt 

i) Ferdinand Lord St. John a. d. H. der Viscounts of Bolingbroke 
geb. i6. lo. 1804 als Sohn des 3. Viscounts Georg Richard (1761 
bis 1824) und seiner zweiten Gemahlin Isabella Freiin v. Hompesch, 
heiratete 1826 Seiina Charlotte, Tochter Moritz St. Leger Keatinge. 
2) s. Bd. I. 7, Kammer Jungfer der Thürheim. 

187 



nicht in dieser Idee des armen Mädchens etwas un- 
endlich Rührendes und Zartes, indem sie uns ihre Ver- 
mächtnisse noch zu Lebzeiten zukommen ließ, um 
dadurch unseren Schmerz zu mildern! In Hinblick 
auf ihren niederen Stand und ihre einfache Erziehung 
sind diese Gefühle wirklich erhaben zu nennen. Ihre 
Seele hat einen Adel, welchen nicht die Ahnen ver- 
künden. Ich erinnerte mich dabei der schon früher 
erzählten rührenden Episode, wo die gute Judith in 
dem Boote auf der Donau bei drohender Gefahr aus 
ihrem Busen eine kleine Relique zog und sie mir mit 
den Worten übergab, ich solle sie nehmen, denn dem 
Träger drohe keine Gefahr mehr." 

Auf meiner Wanderung durch die Galerien von 
Florenz fiel mir u. a. in der Galleria degli Uffizi in 
einem Saal der Malerbildnisse das Porträt der Mme. 
Le Brun^) auf. Welch' reizendes Gesicht; man kann 
nirgends schönere Augen und liebenswürdigere Züge 
finden^)! Sie schien darauf kaum 20 Jahre zu zählen. 
Auch das Porträt eines Engländers, ich glaube Harlow^), 
war anziehend und ließ bedauern, daß er schon zu Be- 
ginn seiner Karriere sterben mußte. Sein Pinsel war voll 
Kraft und Anmut, ebenso wie seine Farbengebung. Er 
scheint ein Schüler Reynolds gewesen zu sein. 

Am 8. Juni besuchten wir Fiesole. Rasumoffsky und 
ich benützen ein ganz eigenartiges Fuhrwerk, um auf 

i) Elis. Louise Le Brutt, geb. Vigee (1755 — 1842), berühmte Porträt- 
malerin, 1783 Mitglied der Akademie. 

2) Ein Jahr später traf ich Mme. Le Brun in Paris bei Gerard und 
trotz ihrer 70 Jahre erkannte ich sie sofort an ihren schönen Augen. 
(Not. d. Verf.) 

3) Wohl George Henry Harlow, Porträtmaler, geb. den 10 Juni 
1787 zu London, gest. den 4. Februar 1819 daselbst, Schüler 
Lawrences, besonders bekannt sind seine Schauspielerbilder. 

188 




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den steilen Berg zu gelangen, avxf dem diese Stadt liegt. 
Wir saßen in einer Art Korb, der auf zwei Hölzern 
ruhte und von zwei Ochsen gezogen wurde. Wenn 
dieser Wagen auch die Stöße weniger empfinden ließ, 
so ersparte er uns doch nicht blaue Flecke. Konstantine, 
Bombelles und St. John zogen es vor, hinaufzureiten, 
während Fabio Pallavicini zu Fuß ging. Bombelles war 
in glänzender Laune, Pallavicini ungemein liebens- 
würdig und St. John im Einklänge mit seinen 20 Jahren. 
Trotz aller Hitze unterhielten wir uns köstlich. 

Mehrere dem Großherzog gehörige Villen in der 
Umgebung von Florenz verdienten unsere Aufmerk- 
samkeit. Besonders war es die Villa Palmieri (wo jetzt 
die Familie Buturlin wohnte), die uns deshalb inter- 
essierte, weil dort Boccacio^) gelebt hatte und sein Deca- 
merone dort entstand. Während der Pest zog er sich 
mit einigen Männern und Frauen hierher zurück und 
um ihre traurigen Gedanken zu verscheuchen, kam man 
überein, daß jeder von ihnen des Abends eine Ge- 
schichte zu erzählen habe, die er des Morgens erfunden 
hatte. Aus allen diesen lustigen Erzählungen entstand 
der Decamerone, der viel geeigneter sein soll, den Tod in 
die Flucht zu schlagen, als sich auf ihn vorzubereiten. 

Die Buturlin waren recht gutmütige Leute, deren Ge- 
schichte wohl erbaulicher wäre, als die des Boccacios, 
aber weniger geeignet, die Melancholie zu verscheuchen. 
Mme. Marie fVoronzoff'^), die Schwester der Gräfin 

i) Giovanni Boccacio (13 13 — 1375), der bekannte italienische 
Dichter und Humanist. Sein Decamerone entstand 1348, worin 
er 100 heitere Geschichten von einer Gesellschaft in einer Villa bei 
Florenz in der Zeit der damaligen Pest erzählen läßt. Die erste, 
sehr seltene Ausgabe erschien ohne Angabe des Jahres und Ortes, 
die zweite 147 1 in Venedig. 
i) Siehe III. Bd., S. 165. 

189 



Buturlin, könnte aber eine erzählen, — wenn sie wollte 
■ — die an die gute, alte Zeit erinnerte. 

Der Held dieser Begebenheit war unser Freund 
Ribeaupierre. Damals jung und schön, erzählte er eines 
Tages der weder hübschen, noch sehr jungen Marie 
Woronzoff so viel Liebes und Süßes, daß sie ihn beim 
Worte nahm und, trotzdem sie Ehrendame war, nur 
noch auf die Schmeicheleien des kleinen Verführers 
hörte. Die Familie aber war sehr entrüstet und zwar 
begründeterweise; der Skandal mußte auf irgendeine 
Weise beseitigt werden. Unser Freund hatte jedoch 
schon eine andere Flamme und war in Verzweiflung, 
denn eine Heirat schien ihm eine zu harte Strafe und 
nichts zu tun, würde die Ehre seiner früheren Geliebten 
nicht wiederhergestellt haben. Mit geschlossenen Augen 
machte er endlich seinen Heiratsantrag. Marie Woron- 
zoff, stolz trotz ihrer Schwäche, nahm jedoch dieses 
Opfer nicht an und blieb, so gut es eben gehen wollte, 
Jungfrau. 

Am IG, Juli schreibe ich: Meine arme Judith ist 
nicht mehr, alle Beschützer meiner Jugend habe ich 
nun verloren! Obwohl sie ehemals bei der geringsten 
Schmerzempfindung aufschrie, hatte ihr der nahe Tod 
ihre angeborene Seelengröße zurückgegeben. Sie ertrug 
ihr schweres Leiden mit Engelsgeduld. Mein Bruder 
Josef benahm sich ihr gegenüber wie ein Sohn; er 
war es ja auch in der Tat, wenigstens durch ihre gegen- 
seitige Zuneigung und dann war er so gutherzig! Seine 
Kinder nahmen von ihrer „Zizzi" Abschied und beteten 
bei ihrer Leiche. Unter Tränen sagten sie: „Das ist 
unsere liebe Zizzi nicht mehr, sie ist ja jetzt im Himmel 
und bittet für uns" und Louis fügte bei: „Ich will sie 
dort besuchen". Mein Bruder erwies der Dahingeschie- 

190 



denen dieselben Ehren, wie unseren Eltern und stiftete 
zu ihrem Seelenheile eine ewige Messe. Warum mußte 
sie sterben, sie war kaum 60 Jahre alt ? Mein Gott ! Von 
allem teueren muß man sich trennen, das ist das Schick- 
sal unserer Zuneigungen! 

Mein Tagebuch schwieg infolge meines Schmerzes 
über einen Monat und erst am 20. Juli in Recoaro, wo 
Rasumoffsky die Stahlbäder gebrauchte und wir mit 
Isabella und Josephine vereint waren, nahm ich den 
Faden meiner Erinnerungen wieder auf: 

Unser Aufenthalt in Florenz zog sich bis zum zS.Juni 
hinaus. Der Tod des Großherzogs'^) hatte alle Unter- 
haltungen jäh unterbrochen und in der geistigen Ver- 
fassung, worin ich mich befand, war mir dies ganz recht. 
Der Schmerz, den der Großherzog Ferdinand allerorts 
hinterließ, war wohl das schönste Denkmal, das man sei- 
nem Andenken errichten konnte. Als sein Zustand ernst 
wurde — er starb an einer Lungenentzündung — 
wurde die Bestürzung allgemein, der Palast war nie 
leer von Leuten, die sich mit Entsetzen von den Fort- 
schritten der Krankheit überzeugten und Nachrichten 
über ihren „buon Sovrano" unter Tränen einholten. 

Ich sah das Leichenbegängnis, der ganze Aufzug war 
nicht glänzend, aber der tiefe allgemeine Schmerz 
machte ihn feierlich. Die Niedergeschlagenheit des 
alten Ministers Fossombroni^), des Hofstaates des Ver- 
storbenen, der zu beiden Seiten der Leiche schritt, seiner 
Reitpferde, deren gesenkter Kopf wie von Trauer ge- 
beugt schien, der Trauerwagen, auf dem der edle 

i) Großherzog Ferdinand III., Sohn Kaisers Franz I., geb. in 
Florenz 6. 5. 1769, gest. dortselbst 18. 6. 1824; seine zweite Ge- 
mahlin (1821) Marie Prinzessin v. Sachsen. 
2) Graf Fossombroni (toskanischer) Ministerpräsident 18 14 — 1844. 

191 



Herrscher, dessen ehrwürdige Stirne und bleichen Züge 
noch den Ausdruck der Güte zeigten, in purpurnem 
Gewände lag, der vom Herzen kommende Schmerz bei 
Einheimischen und Fremden — dies alles bot ein er- 
greifendes Bild. 

Immer gütig und gerecht, zog er es stets vor, zu 
vergeben, als zu strafen. Als er nach der Restauration 
nach Florenz zurückkehrte, ging er weder dem Un- 
rechte nach, das ihm geschehen, noch verfolgte er die 
gegnerischen Meinungen, sondern suchte sie in Liebe 
zu seiner Person umzuwandeln. Seine Regierung war 
von solcher Milde, daß er, als er vor einigen Jahren 
genötigt war, einen Missetäter zum Tode zu verur- 
teilen, am Tage der Hinrichtung mit seiner ganzen 
Familie Florenz verließ und diesen Tag in Trauer ver- 
brachte. 

Die Witwe des Großherzogs, eine geborene Prinzessin 
von Sachsen, und seine Tochter waren untröstlich, doch 
beeiferte sich der nunmehrige Großherzog Leopold, als 
Schwager der einen und Bruder der anderen ihnen seine 
Liebe zu beweisen. So viel schöne Tugenden in einer 
Herrscherfamilie vereinigt zu sehen, war rührend ! 

Vor unserer Abreise von Florenz veranstalteten wir 
noch einen Ausflug nach der Abtei von Vallombroso; 
Rasuthoffsky blieb, da die Partie sehr anstrengend war, 
zu Hause. Wir waren sieben Stunden im Sattel und 
fünf Stunden im Wagen. Bombelles, Friedrich Fahlen, 
Herr Cherazzi, russischer Konsul in Livorno und An- 
beter Konstantinens und Mr. St. John begleiteten uns. 
Ich bemerkte hier erst, daß sich die angeblich brüder- 
lichen Gefühle des jungen St. Johns für mich erheblich 
geändert hatten, er folgte mir, wie mein Schatten und 
seine Blicke sagten mir zur Genüge, wie sehr ich seine 

192 



Zu Bd. III, 8. 192/193. 





Lord Ferdinand St. John, 
a. d. H. der Viscounts of Bolingbroke 

(geb. 1804). 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1824) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



Gedanken in Anspruch nahm. Bei der Rückfahrt saß 
ich mit ihm und Bombelies im Wagen; Tausende von 
Sternen glänzten am Himmel und viele Lichter (Luc- 
ciale) schlängelten sich längs des Berges hinab, eine 
leichte, Wohlgerüche verbreitende Brise erfrischte un- 
sere Wangen und schlummerte uns zeitweise ein. Der 
kleine St. John, der auf dem Vordersitze saß, unterlag 
gar bald seiner Müdigkeit und da ich meine Füße neben 
seinem Sitze ausgestreckt hatte, sank sein Lockenhaupt 
auf sie herab und er schlief wie ein Kind ein. Ein Stoß 
erweckte ihn, ich wollte meine Füße zurückziehen, er 
blickte mich aber so flehend an, daß ich mich nicht zu 
rühren wagte. Darauf schloß er wieder seine Augen, 
ich fühlte jedoch, wie er einige Male meine Füße gegen 
seine Brust drückte und mein Kleid, das sie umhüllte, 
küßte. So schlief er ein, sein Schlummer war aber nicht 
fest, was ich an meinen Füßen spüren konnte. Bom- 
beües bemerkte einmal: „Dieses Kind schläft wie ein 
kleiner Hund auf den Füßen seiner Herrin." Ich weiß 
es nicht, ob der dicke Bombelles damit eine Absicht 
verband, jedenfalls hatte er recht. 

Unsere letzten Tage in Florenz verliefen ruhig, Mr. 
Irving war von Neapel langweiliger, aber auch verlieb- 
ter, denn je zurückgekehrt. Mit Rücksicht auf meinen 
kleinen „Sargines", der so eifersüchtig war und so gut 
Hof zu machen wußte, behandelte ich ihn schlecht. 
Noch ein anderer hatte St. John einen Verdachtsgrund 
gegeben, es war dies der Marquis Fabio Pallavicini, ein 
Genueser, geistreich, lebhaft und mit den besten 
Pariser Manieren ausgestattet — er war dort erzogen 
worden. Dennoch hatte der gute St. John unrecht, 
denn von allen dreien war er jedenfalls der Bevor- 
zugte. 

13 M. L. III 193 



Seit einigen Wochen hatte sich unser Haiisstand um 
eine Person, die namentlich für meine Schwester von 
großer Bedeutung werden sollte, vermehrt. Die kleine 
Georgine Jcton^), welche Konstantine durch Jacque- 
min-) von Neapel hatte abholen lassen, war angekom- 
men, schön wie ein Amor, frisch und gesund. Dieses 
zehn Monate alte Kind sollte der Lichtpunkt meiner 
Schwester jetzt und in der Zukunft werden. Auch 
Rasumoffsky liebte es herzlich. 

Über Pisa, Livorno, Lucca, wo wir drei Tage blieben 
Und den alten griechischen Wischoi I gnatios^) besuchten, 
fuhren wir zunächst nach Genua. In Genua verließen uns 
Gherazzi und St. John, der dabei sehr traurig war. Wa- 
rum hatte er nicht ein wenig von meiner Erfahrung und 
warum besaß ich nicht einen Bruchteil seiner Illusionen! 

Am 9. Juli kamen wir in Mailand an, von welchem 
Aufenthalte ich jetzt nicht zu sprechen brauche, da 
er nur kurz war und wir in einigen Wochen dahin 
zurückkehren wollten. Die Freude, hier Josefhine wie- 
derzusehen, wurde mir durch die ungeheure Hitze 
vergällt, welche über Mailand brütete. Ich konnte da- 
her die Befriedigung, meine Schwester bei mir zu 
haben, erst in den Bergen von Recoaro voll empfinden. 
Dort erwartete uns auch Isabella und nur mein armer 
Bruder konnte nicht mit uns sein. Er mußte sich auf 
den Rat Capellinis^) in einem elenden Dorfe bei Wien, 

i) Siehe Actonscher Stammbaum. 

2) Rasumoffskyscher Bedienter. 

3) Bischof Ignatios, griechischer Metropolitan und 1818 Mit- 
begründer der Hetärie. Metternich nannte ihn 1821 in einer De- 
pesche an Lebzeltern „fameux intrigant". Er war in den 1820er 
Jahren Chef des griechischen Komites in Livorno. („Lebzeltern", 

S- 349. 355)- 

4) Thomas v. Capellini, s. 18 18 Mitglied der medizinischen Fakul- 
tät in Wien. 

194 



Zu Ell. III, S. 194,190. 




Tony Isabella 
Goeß Gocß 



August 1824. 

Nach einem Aquarell im Besitze des Graten C. Razumovsky, Wien. 



Pyrawarth, etablieren, wo seine Frau, um sich von einer 
Faussecouche zu erholen, die Bäder gebrauchen sollte. 
Er hatte auch sonst viele Unannehmlichkeiten zu er- 
tragen. Wir anderen dagegen waren recht zufrieden, 
Josephine war vollkommen glücklich, Isabella vergnügt, 
die Gesundheit Konstantinens und Rasumoffskys Heß 
nichts zu wünschen übrig und die kleine Georgine wurde 
immer mehr für meine Schwester ein Gegenstand des 
Interesses. „Gott erhalte ihnen allen dieses Glück und 
gebe es auch dem armen Joseph!" setzte ich hinzu. 

Recoaro, das wir anfangs August wieder verließen, 
bot uns einen in jeder Hinsicht angenehmen und ruhi- 
gen Aufenthalt. Unsere einzige Gesellschaft bildeten 
W allmoden und d^Jspre, ersterer war Divisionskomman- 
dant in Mailand, letzterer in Cremona. Die Tage ver- 
strichen gleichmäßig und sehr rasch. Unser Leben 
wechselte zwischen Bädernehmen^), Promenaden auf 
Eseln oder Pferden, ausgezeichneten Mahlzeiten und 
vortrefflicher Ruhe in guten Betten ab. Dazu die wür- 
zige Bergluft, das pittoreske Land, die schattigen Wäl- 
der und herrlichen Spaziergänge. Unter solchen Um- 
ständen mußte mit einigem guten Willen die Zeit wie 
ein Traum vergehen. 

Mit Isabella fuhr ich auf einige Tage nach Venedig, 
wo wir im Hotel de l'Europe am Canal grande abstiegen. 
Ein Herr Malazzani machte meinen Führer in der Stadt, 
er gehörte zu den treuen Anhängern meines Schwagers 
Goeß, deren es hier Legion gab, denn es wäre unmöglich, 
mehr geliebt, geachtet und schwerer vermißt zu sein, 
als Graf und Gräfin Goeß in ihrem früheren Gouverne- 

i) Diese Bäder sollten für Rasumoffsky und Konstantine von sehr 
verderblicher Wirkung sein. (Notiz d. Verf.) Recoaro, eisenhaltige 
Quellen, u. w. von Vicenza, Kurzeit Juli-August. 

13* 195 



ment. Seit unserer Ankunft war die Hoteltreppe voll 
von Leuten aller Klassen, welche ihre frühere Statt- 
halterin sehen wollten. Ich dagegen verlor keinen Au- 
genblick, um Venedig in diesen kurzen zwei Tagen 
möglichst gründlich zu besichtigen. Ein Diner beim 
Marquis Chasteler^) raubte mir auch davon noch einige 
Stunden, Den einen Abend hatte ich dazu bestimmt, 
das Arsenal flüchtig zu durcheilen und um dem Antrag 
des Admirals Paulucci^), eines furchtbaren Schwätzers, 
mir seine Honneurs zu machen, auszuweichen, wartete 
ich mit Malazzani das Blasen der Retraite ab, um das 
Arsenal zu betreten, bevor noch die Tore geschlossen 
wurden. Schon waren wir wie Diebe in den Hof ge- 
schlichen, als plötzlich an einer Ecke der Admiral, be- 
gleitet von seinem Stabe, auf uns stieß. Es gab keine 
Hoffnung mehr, zu entrinnen. Über dieses Zusammen- 
treffen entzückt und stolz, uns seine Domäne zeigen 
zu können, bemächtigte sich der unbarmherzige Seebär 
meines Armes, hieß die Arbeiter bleiben und versprach 
mir im Laufe einiger „kleiner" Stunden das Arsenal und 
den Bau eines Schiffes zu demonstrieren. Ein schmerz- 
licher Blick „di soppiatto" auf meinen Gefährten bil- 
dete die einzige Klage, die ich mir erlaubte, dann beugte 

i) s. Bd. I. 274 u. 304, 

2) Amilcar Marchese v. Paulucci delle Roncole, geb. am 12. Januar 
1776 in Modena, gest. 1847 in Mirano bei Padua, K. k. Geh. Rat, 
Kämmerer, Vizeadmiral und Oberkommandant der k. k. Kriegs- 
marine. Als er 1844 in den Ruhestand trat, übernahm Erzherzog 
Friedrich Ferdinand (1821 — 1847) als Vizeadmiral die Stelle des 
Marine-Oberkommandanten. Metternich schätzte Paulucci nicht 
besonders, wenn er am 1.4. 1825 an Lebzeltern schreibt: „Paulucci, 
qui ne serait pas mauvais, est impossible en sa qualite de chef de 
notre Marine. Je trouverai l'homme apte, vu que tout se trouve." 
(„Lebzeltern", 1913, S. 300). P. war mit Magd. Gräfin Melacrida. 
Stk. D. vermählt. 

196 



ich mich unter mein Geschick — doch der Himmel 
verläßt die verfolgte und gottergebene Unschuld nicht ! 
Plötzlich, gerade mitten in einer der endlosen Expli- 
kationen des Admirals, hörte man einen Kanonenschuß, 
dann das Läuten einer Alarmglocke. Es brannte irgend- 
wo, der Rapport wurde dem Admiral gerade überbracht. 
Stolz darauf, seinen Eifer vor mir zeigen zu können, 
verließ er mich, um sich vielleicht in die Flammen zu 
stürzen und rief mir noch zu: „Sie werden es sehen, 
wie alles im Augenblicke gelöscht ist." Kaum war er 
um die Ecke, als ich davonraste. Wie der Brand sich 
weiter gestaltete, weiß ich nicht, das eine aber ist sicher, 
daß ich am nächsten Morgen mit Isabella in der Barke 
saß, die uns nach Mestre brachte. Den Admiral sah ich 
nicht mehr. 

Mein Tagebuch ruhte nun über vier Monate und 
erst am 22. Dezember 1824 trug ich in Florenz die Er- 
eignisse dieser langen Zeit nach. Schuld an dieser Ver- 
säumnis waren Ereignisse, die ich hier nur kurz berühren 
will, denn ich bin froh, wenn ich sie vergessen kann. 

Isabella und ich kamen in fröhlicher Stimmung von 
Venedig nach Mailand zurück, wo uns Rasumoffsky und 
meine beiden anderen Schwestern erwarteten. Aber 
kurze Zeit nach unserer Ankunft wurde zuerst mein 
Schwager ernstlich krank, zwei Tage darauf bekam 
Konstantine eine Lungen- dann eine Leberentzündung, 
die sich in drei Rückfällen wiederholte und ihr sogar nach 
vier Monaten noch ein strenges Regime auferlegten^). 
Wir verbrachten Tag und Nacht eine wahre Leidens- 
zeit an den Betten der Kranken, noch dazu in einem 

i) Der Brunnen von Recoaro, den die Rasumoffskys auf den Rat 
Capellinis genommen hatten, verursachten bei beiden diese Er- 
krankungen. (Notiz d. Verf.) 

197 



Hotel, worin ihnen der Lärm jede Ruhe, deren sie so 
dringend bedurften, raubte. Von den Mailänder Ärzten, 
die drei Jahre zuvor den Tod des armen Hermann 
Chotek'^) verursachten, hatte ich eine sehr schlechte 
Meinung. Unser Arzt, lang, mager und gern in Sen- 
tenzen redend, hatte das Aussehen eines Magiers. Statt 
uns zu beruhigen, erhöhte er nur unsere Aufregung und 
die Mutlosigkeit Konstantinens und nahm mir das 
bißchen Kraft, das mir meine Herzensangst übrig ge- 
lassen. In den 24 Stunden des Tages hatte ich fort- 
während Herzklopfen und die wenigen Stunden, die 
ich dem Schlafe widmen konnte, wurden durch schreck- 
liche Träume gestört. Ich glaube, daß ich während der 
vier Monate, die ich in Mailand verbrachte, vielleicht 
sechs Wochen hindurch fieberte. 

Alsunserebeiden Kranken sichhalbwegs erholt hatten, 
hatte man ein Landhaus in Verese^), nicht weit vom 
Lago Maggiore im Zentrum der Brianza, des reizendsten 
Teiles der Lombardei, gemietet. Dort sollten wir den 
Rest des Sommers verbringen. Schon waren die Vor- 
bereitungen zur Abreise vollendet, als ein Rückfall 
meiner Schwester, der vielleicht noch ärger war, wie 
die erste Attake, den ganzen schönen Plan zunichte 
machte. Wir mußten in dem Hotel San Marco un- 
seligen Angedenkens verbleiben und wären noch dazu 
dort eines Tages fast verbrannt. Eine uns befreundete 
enghsche Dame Lady Mary Stanley^) hatte für einige 

i) Gest. Mailand 25. 4. 1822 als k. k. Oberst; s. Bd. I. 80, 279. 

2) Wenn die Verfasserin Varese meinte, das nicht gar weit vom Lago 
Maggiore liegt, so stimmt die Ortsbestimmung „im Zentrum der 
Brianza" nicht. Sie dürfte statt dem Lago Maggiore den Comersee 
gemeint haben, südlich dessen sich die berühmte Brianza ausbreitet. 

3) Wohl Lady Mary Stanley, Tochter des Sir Carnaby Haggerston, 
die 1805 den 9. Baronet S/aw/ey-Massey-Stanley heiratete. 

198 



Tage die neben uns gelegenen Zimmer bezogen und 
ihre Anwesenheit war uns um so lieber, als sie mit aller 
Sorgfalt darauf achtete, daß man keinen Lärm mache, 
was nicht nur für die Ruhe meiner Schwester, sondern 
auch für den Sohn Isabellens, der die Masern hatte, 
sehr vorteilhaft war. Eines Tages jedoch stellte die 
ungeschickte Kammerjungfer der Lady die Nacht- 
lampe hinter einen Vorhang und entfernte sich. Auf 
einmal ergriff das Feuer die Fenstergardinen, die Flam- 
men Schossen aus dem Fenster und eine Rauchwolke 
erfüllte den Korridor; die Leute liefen umher, man 
pumpte, goß überallhin Wasser und erstickte so den 
Brand. Isabella am Bette ihres Sohnes, ich an dem 
meiner Schwester, wir hatten alles vorbereitet, um die 
ruhig Schlafenden in ihren Decken aus dem Hause 
tragen zu können. 

Am. I. Oktober lichtete sich endlich unser Horizont, 
der kleine Goeß war außer Gefahr, meine Schwester 
in voller Rekonvaleszenz, und wir konnten das traurige 
Hotel San Marco gegen eine lichte, freundliche Par- 
terrewohnung mit der Aussicht auf einen öffentlichen 
Garten vertauschen. In diesem neuen Zufluchtsorte 
kehrten unser Mut und unsere Hoffnung allmählich 
zurück. Gegen den 20. Oktober wollten wir nach Paris 
abreisen, bis dahin blieb Isabella bei uns und auch Jose- 
phine, der die Erzherzogin möglichst viel freie Zeit 
ließ, leistete uns fast immer Gesellschaft. Auch Wall- 
moden, der uns nach Recoaro begleitet und die letzten 
fünf Monate mit uns verbracht hatte, gereichte uns 
zu großem Tröste. Seine Freundschaft verläugnete sich 
keinen Augenblick, er besuchte uns oft dreimal des 
Tages und teilte unseren Schmerz und unsere Sorgen. 
So verstrichen die Tage gar langsam. Mein moralisches 

199 



Fieber war vorüber, mein armes Herz befand sich je- 
doch noch in einer peinlichen Lage. Ich machte mir 
nämHch Skrupeln, denn ich hatte Gott gebeten, mir 
Leiden aufzuerlegen, um meiner Schwester die Ge- 
nesung zu verschaffen. 

In dieser Zeit traf ein Brief des jungen St. Johns ein, 
worin er mir mitteilte, daß er im Spiele wieder viel 
verloren habe. Ich konnte mich aber nicht, wie im 
vergangenen Sommer, in derartige Verlegenheiten 
stürzen, um ihn der Notwendigkeit zu überheben, seine 
Lage seinem Vater zu offenbaren. Es war mehr als 
jemals ratsam, daß ich meine Hand von ihm für 
immer abzog. 

Damals war es, daß Konstantine vor unserer Abreise 
nach Paris noch eine Probe ihrer körperlichen Kräfte 
ablegen wollte, bevor wir den Simplon überschritten. 
Wir fuhren zum Diner zu einem Grafen Milerio, vier 
Stunden von Mailand entfernt. Doch kaum angekom- 
men, fühlte sich meine Schwester sehr leidend, man 
führte sie in das Zimmer neben dem Salon — es war 
das des Hausherrn — und sie lag dort vier Tage mit 
einem hohen Fieber zu Bette. Dann erst konnte sie 
nach Mailand transportiert werden. Man wird zugeben, 
daß man die Gastfreundschaft kaum mehr in Anspruch 
nehmen kann. Ich will mich an diese traurigen Tage 
nicht mehr erinnern; Rasumoffsky und meine Schwe- 
stern mußten nach Mailand zurückkehren, ich blieb 
allein bei Konstantine in einem ganz fremden Hause 
zurück, wo niemand meinen Kummer teilte. Immerhin 
nahm es der mitleidige Hausherr keineswegs übel, daß 
wir, statt nur ein einfaches Diner bei ihm zu nehmen, 
sein Bett beschlagnahmt und es sogar vier Tage später 
mit uns genommen hatten. 

200 



Dieses traurige Ereignis war nicht dazu angetan, um 
uns zu einer langen Reise zu ermutigen; außerdem war 
die Jahreszeit schon vorgeschritten, der Simplon zeigte 
eine Schneehaube und es Hieb nichts anderes übrig, 
als das Pariser Reiseprojekt fallen zu lassen. So wurden 
also unsere Wagen nochmals in den Schuppen gestellt 
und beschlossen, in Mailand nur so lange zu bleiben, bis 
die Gesundheit meiner Schwester es gestatten würde, 
in Florenz aber einen weniger strengen Winter, als den 
lombardischen, zu verbringen. Daher kam es, daß ich 
erst in dieser Stadt, die ich nie mehr wiederzusehen 
glaubte, den Hafen fand, wo ich meine Ruhe wieder- 
gewinnen sollte. 

Am Tage, da ich Konstantine nach Mailand zurück- 
gebracht hatte, übergab man mir eine Visitenkarte. Es 
war die des Lords Bolingbroke, St. Johns Vaters. Er 
passierte mit seiner Frau und Tochter Mailand, um 
den Winter in Pisa zu verbringen. Durch das milde 
Klima dieser Stadt und den Wunsch verleitet, dort 
seine zarte Tochter gesunden und seinen Sohn wieder- 
zusehen, hatte er trotz einer großen, fast prophetischen 
Abneigung die Alpen überschritten. Sein Fatum trieb 
ihn vorwärts. Der unglückliche Lord sollte Pisa nur 
erreichen, um dort in den Armen seines Sohnes seinen 
letzten Seufzer auszuhauchen^). 

Während seines fünftägigen Aufenthaltes sahen wir 
Lord Bolingbroke öfters, er und seine Familie bewiesen 
uns ein Interesse und ein Vertrauen, als ob wir lang- 
jährige Bekannte gewesen wären. Der Vater Boling- 

i) Lady Bolingbrokes Familie war mit der meiner Mutter verwandt. 
(Notiz d. Verf.) Die Lady war nämlich eine geborene Freiin von 
Hompesch-BoUheim und diese Familie mit den Grafen Hoens- 
broech nahe verwandt. Die Großmutter der Verfasserin war eine 
Gräfin Hoensbroech. 

201 



broke, ein geistreicher, edler Mann, gefiel besonders 
meinem Schwager; beide machten allerhand Pläne, um 
sich im Winter in Florenz sehen zu können. Ich wieder- 
um war für Antonie eingenommen, deren Anmut und 
jugendliche Natürlichkeit ich schätzte. Im Kreise dieser 
reizenden Familie genoß ich zum ersten Male wiederum 
nach Monaten einige Zerstreuung. Es hatte den An- 
schein, daß niemand, weder der alte Lord, noch seine 
Frau und Tochter, von den Schulden des jungen St. 
Johns Kenntnis besaßen. Ich sagte ihnen darüber auch 
nichts, da ich von dem Sünder eben einen Brief erhalten 
hatte, worin er mir das Ehrenwort gab, nicht mehr 
spielen zu wollen. „O, haben Sie Erbarmen," fügte 
er bei, „geben Sie mir wieder Ihre Freundschaft, ich 
bin ja unglücklich genug: werde ich doch den besten 
aller Väter sehen und muß ich ihm den empfindlichsten 
Kummer bereiten!" Der Himmel hatte ihm eine sehr 
strenge Strafe zugemessen. 

In diesen Tagen verließ uns Isabella, die nach Wien 
zurückkehrte. Sie war uns die ganze Zeit ein wahrer 
Schutzengel gewesen, daher erschien uns diese Tren- 
nung besonders traurig. Aber der herannahende Winter, 
dessen Eis- und Schneemassen ihr bald den Eingang 
nach Österreich verwehren würden, gestattete keinen 
Verzug. Wir schieden unter Tränen, und die ihres guten 
kleinen Jungen rührten uns gewiß nicht am wenigsten. 

Einige Wochen vergingen noch, bevor wir endlich, 
am i6. Dezember, Mailand verließen, dem ich höch- 
stens deshalb eine Träne nachweinte, weil ich mich von 
meiner lieben Josefhine trennen mußte, die unseren 
Leidenkelch mitgekostet, die mit der unendlichen Nach- 
sicht ihres Herzens über alle Schwächen des meinen 
hinweggegangen war. Ich ließ sie in ihrer Vereinsamung 

202 



zurück, an die sie sich nicht gewöhnen konnte, ich schied, 
Verzweiflung in meiner Seele, da wir einander bedurf- 
ten und uns nicht missen konnten. 

Der Hof der Vizekönigin bestand, wie der fast aller 
Fürsten, aus langweiligen oder albernen Elementen. Es 
schien gerade in Österreich ein System darin zu liegen 
— vielleicht, um Intriguen seitens der Kamarilla zu 
vermeiden — daß man der Kaiserin, den Erzherzogen 
und Erzherzoginnen, ja selbst der Person des Kaisers 
(wenigstens unter Franz I.) nur Personen zuteilte, die 
nicht einmal die Mittelmäßigkeit erreichten. Wenn zu- 
fällig — und dies war äußerst selten — eine Ausnahme 
vorkam, so war diese nur so zu erklären, daß die aus- 
wählenden „mittelmäßigen" Personen die Überlegen- 
heit der Ausgewählten nicht erkannten. Man wird zu- 
geben, daß die schale Existenz eines Höflings, seine 
Meinungs- und Vorurteilslosigkeit, die ihm auferlegt 
ist, die Sklaverei, zu der er verurteilt wird, und die 
Gemeinschaft mit gewöhnlich albernen und stumpf- 
sinnigen Leuten aus dieser Karriere einen so harten 
Broterwerb machen, daß man schon in drohender Not 
sein muß, um sich, falls man sich geistig überlegen fühlt, 
dieser Frone zu unterwerfen. Zweimal bot sich mir 
eine solche Laufbahn dar und zweimal schlug ich sie 
aus. Die arme Josephine, deren Zukunft weniger ver- 
sorgt schien, als die meine, mußte annehmen, doch 
jetzt schon fühlte sie die Last einer Stellung, die ihr 
unerträglich werden sollte. 

Die Erzherzogin-Fizekönigin, geborene Prinzessin 
Carignan^), Schwester Herzogs Karl Albert^ besaß Ver- 

i) Elisabeth (1800 — 1856), Tochter des Herzogs Karl Emanuel 
V. Savoyen-Carignan, heiratete zu Prag 28. 5. 1820 den Erzherzog 
Rainer, Vizekönig der Lombardei (1783 — 1853). 

203 



stand und Anmut, sowie mehr als ein Mittel, ihre Um- 
gebung an sich zu fesseln. Auch war meine Schwester 
zu Beginn ihres Beisammenseins mit Erzherzogin Eli- 
sabeth von der verführerischen Art dieser Prinzessin, 
ihr gegenüber, ganz begeistert. Doch kalt, egoistisch 
und launenhaft, vermochte diese ihre Fehler nicht lange 
zu verheimlichen. Gar bald trübte die tiefgehende 
Langeweile, die sie in Gesellschaft ihres Gatten und 
des Hofes empfand, ihre Stimmung. Ihre Eitelkeit be- 
gehrte Huldigungen, die man ihrer Schönheit — sie 
war auch hervorragend schön — ihrer Liebenswürdig- 
keit, kurz ihrer ganzen Persönlichkeit zu Füßen legen 
sollte; ihr Herz suchte nach Sympathiebeweisen, die 
ihr der garstige, ungepflegte und langweilige Vizekönig 
nicht bieten konnte. Sie spann gerne einander wider- 
sprechende Ränke, eine Lieblingsbeschäftigung öster- 
reichischer Prinzessinnen überhaupt. Immer anspruchs- 
voller und verbitterter, wurde sie für ihre Hofdamen, 
die sie aus Rache für ihre angebliche Überwachung 
zu demütigen trachtete, eine wahre Geißel. Ich will 
jedoch wieder zu meinem Bericht zurückkehren. 

Wir begannen unsere Reise bei schönstem Wetter, 
aber doch unter Zagen und Bangen, da uns die Ver- 
gangenheit belehrt hatte, den Kräften meiner Schwe- 
ster nicht viel zu trauen. Je weiter wir jedoch kamen, 
desto mehr belebte sich unsere Hoffnung. Wir machten 
ganz kleine Tagesreisen; zuerst übernachteten wir in 
Modena, dann in Parma und am vierten Tage erreichten 
wir Bologna. Wir taten den Herrschern dieser Länder 
damit eine Ehre an, indem wir ihre Staaten so langsam 
durchreisten, denn, ohne sich zu beeilen, könnte man 
leicht beim Herzog von Modena frühstücken, bei der 
Herzogin von Parma dinieren und im Kirchenstaate zu 

204 



Abend essen. Beim Eintritte in Bologna erinnerte ich 
mich mit Vergnügen aller der Eindrücke, die ich vor 
drei Jahren hatte, als ich meinen Einzug in Italien 
hielt, denn die Lombardei ist ja nur der Korridor vor 
dem Salon. Der italienische Charakter drückt sich in 
seiner Vollkommenheit, sei es nun in bezug auf das 
Landschaftsbild, die Sitten, die Vegetation oder den 
Himmel nur jenseits des Pos aus. Über die Gesundheit 
meiner Schwester beruhigt, begann ich gerade unsere 
Reise von der heiteren Seite aufzufassen, als ein Brief 
aus Florenz, der mich in Bologna erwartete, mir meine 
gute Laune wieder raubte. 

Ferdinand St. John benachrichtigte mich in kurzen 
Worten von der Ankunft, der schweren Erkrankung 
seines Vaters und der Gefahr, die durch das Auftreten 
einer entzündlichen Ruhr bestand. Ferdinand hatte 
jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Diese Nach- 
richt machte mich ganz bestürzt; in welcher Lage 
würde ich diese Familie antreffen, die vor kurzem noch 
so glücklich und hoffnungsvoll war! Das Bild ihrer 
Sorgen, die ich nur zu gut aus eigener Erfahrung kannte, 
schwebte fortwährend vor meinen Augen. Wie be- 
dauerte ich den armen Lord, der mir in Mailand mit 
solcher Liebenswürdigkeit und Anteilnahme entgegen- 
getreten war. Und seine Kinder! Seine Frau, die sein 
Tod wie einen Spieler zurücklassen würde, der auf eine 
Karte sein Vermögen und seine Ehre setzte und diese 
Karte verlor! Meine Heiterkeit verschwand, ich näherte 
mich Florenz mit den peinlichsten Gefühlen. 

Am 22. Dezember waren wir frühmorgens auf den 
Höhen von Pratolino, ich erkannte alle Örtlichkeiten, 
wohin wir im Juni, da uns noch kein Kummer drückte, 
Ausflüge gemacht hatten. Florenz erschien unter uns 

205 



mit seinen Türmen, Gärten und Villen, Cascine, Fie- 
sole zur Linken und alle die schönen Wege, wo wir im 
Tilbury gefahren waren. Ich traute meinen Augen 
nicht, ich glaubte, mein Gedächtnis führe mir einen 
schönen Traum vor; war es denn möghch, daß diese 
Wirklichkeit mir gehörte! In diesem Augenblicke zer- 
streute ein Sonnenstrahl alle Bilder, die sich in meiner 
Seele gezeigt, und verbreitete über die noch nebel- 
feuchte Morgenlandschaft ein sanftes Licht. Ich nahm 
dieses Ereignis für ein gutes Vorzeichen: würden sich 
nicht auch die schweren Nebel, mit denen mein Hori- 
zont seit langem verdunkelt war, zerstreuen ? Ein Bauer 
näherte sich unserem Wagen und bot uns herrliche 
Blumen, sowie schmackhafte Trauben an; vor fünf 
Monaten hatte derselbe Mann mir ebenfalls Blumen 
und Früchte angetragen. Ich warf ihm einige Silber- 
stücke zu, ich würde ihm Gold gegeben haben, wenn 
ich welches besessen hätte. — Endlich betraten wir 
Florenz, das Herz hüpfte mir, ich vermochte keinen 
trüben Gedanken mehr zu fassen, — nein, es war ja 
unmöglich, daß ich das Glück nicht wiederfinden sollte ! 

Unterdessen waren wir beim Hotel angelangt, ich 
stieg hinauf und durcheilte die Zimmer, welche für uns 
bestimmt waren, dann kehrte ich in den Salon zurück. 
Es war etwas dunkel, ich sah Rasumoffsky mit jemandem 
hereinkommen, den ich nicht gleich erkannte. Kon- 
stantine war auch anwesend, niemand sprach ein Wort, 
— da bemächtigte sich meiner eine gewisse Unruhe. 
... Es war Ferdinand, seine Blässe, seine veränderten 
Züge, seine Trauerkleider .... es war also nur zu wahr 
— der Unglückliche hatte keinen Vater mehr! 

Unser zweiter Aufenthalt in Florenz gehört nicht 
zu jenen Erinnerungen, in die man sich gerne versenkt, 

206 



wenn man in der Vergangenheit die Gegenwart zu ver- 
gessen sucht. Er begann für mich schon auf traurige 
Weise infolge des Todes des Lords Bolingbroke und der 
Niedergeschlagenheit seiner Familie. Außerdem ge- 
stattete mir die immer noch schwankende Gesundheit 
meiner Schwester nicht, mich während des ganzen 
Winters einer ungetrübten Heiterkeit zu erfreuen, um 
so weniger, als ich viel zu Hause bleiben mußte. Die 
Liebe des jungen St. John endlich, die mich vergan- 
genen Frühling noch unterhalten hatte, nahm einen 
so reizbaren Charakter an, daß sie mir nur mehr Ärger 
und Verlegenheiten bereitete. Sein Schmerz über den 
Verlust seines Vaters, die Sorgen, welche ihm das Los 
seiner Mutter und Schwester machten, gaben allen 
seinen Gefühlen einen so ernsten Anstrich, daß ein 
Spiel mit ihnen meinerseits ausgeschlossen war. Das 
Mitgefühl, das er mir einflößte, ließ mich das für wirk- 
liche seelische Empfindung halten, was bei ihm nur 
der Eindruck einer vorübergehenden Trauer war. Ich 
mußte diesen Irrtum mit bitteren Momenten und der 
Scham büßen, die ich darüber empfand, daß ich mich 
durch eine so durchaus egoistische und jeder, sei es 
geistigen oder Gefühlsregung unzugänglichen Natur, 
durch einen Charakter, den die Spielwut von da an 
vollständig verderben sollte, blenden ließ, 

„Florenz bietet im Winter nicht dieselben gesell- 
schaftlichen Zerstreuungen, wie Rom oder Neapel. 
Die Gesellschaft ist hier unausstehlich. Sie besteht 
größtenteils aus der Hefe jener Fremden, die Italien 
bereisen. Das bilhge Leben zieht die wenig Be- 
mittelten, die Leichtigkeit, bei Hof empfangen zu 
werden, Leute geringer Herkunft, die Milde der 
Polizei die Abenteurer und die moralische Unge- 

207 



zwungenheit die schlechten Elemente aller Länder und 
aller Klassen herbei i). 

Wenn solche Zustände eine anständige Frau veran- 
lassen, die Florentiner Salons eher zu fliehen, als auf- 
zusuchen, so gibt es für eine solche dann kaum eine 
Gelegenheit, sich in einem intimen Kreise eine Ent- 
schädigung zu verschaffen. Jeder hat hier seine spezi- 
ellen Schliche, sogar die hochgestellten Leute, weil 
selbst die ernstesten Menschen in dieser nur dem Ver- 
gnügen lebenden Stadt sich zu sagen scheinen: ,Je suis 
venu ici pour faire mes farces.' 

Wir lebten daher die ersten Wintermonate des 
Jahres 1825 in einer wirklichen gesellschaftlichen Ver- 
einsamung. Fast jeder Abend war mit einer Partie 
d'Hombre zwischen Rassumoffsky, meiner Schwester, 
St. John und mir ausgefüllt. Da ich das Spiel nicht liebe 
und mich ohne Interesse und Aufmerksamkeit daran 
beteiligte, so verbrachte ich diesen Winter in einer Art 
Somnambulismus; meine Seele weilte irgendwo, wäh- 
rend ich ganz ernst die Karten in der Hand hielt." 

Die Ankunft der Gräfin Leon Rasumoffsky brachte 
zunächst kaum eine Abwechslung in unser langweiliges 
Leben, nicht mehr, wie jene übrigens seltenen Besuche 
der Lady Bolingbroke und ihrer Tochter. Mein Journal 
beschrieb bereits in der Abteilung Petersburg die 
Gräfin Leon Rasumoffsky zur Genüge, Durch den 
jüngsten Verlust ihres heißgeliebten Gatten erschüttert, 
in großer Besorgnis, dessen ungeheures, ihr hinter- 
lassenes Vermögen, das ihr zwei Schwäger streitig 

i) Man sagt von der Florentiner Gesellschaft, ein Fremder könne 
darin vom ersten Tage an alle Gewerbe vereinigt finden, deren 
er bedarf, angefangen vom Schuhmacherhandwerk bis zu jenen, 
die man nicht mit Namen nennt. (Notiz d. Verf.) 

208 




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machten, zu verHeren, immer mit schwarzen Schleiern 
verhüllt, immer Tränen vergießend, und an fortwähren- 
dem Brechreiz leidend, schien die Gräfin Leon eine 
moderne Artemis zu sein. So hatte ich sie drei Jahre 
zuvor in Petersburg verlassen, so sah ich sie, drei 
Jahre später in Florenz, ein Beret über dem Ohr, 
Spitzen, Schmuck und Flitterkram überall, aufgeräumt, 
schwatzhaft wie eine Elster, tanzend, reitend, Galopp-, 
Gesang, Zeichen- und Harfenstunden trotz ihrer 49 
Jahre nehmend, und im übrigen die gutmütigste Frau 
der Welt. Sich zu unterhalten war ihre Devise. Sie be- 
suchte viel die Gesellschaft und gab schließlich in ihrer 
reizenden Villa Corsi allerliebste Bälle. Ich erinnere 
mich unter anderen noch eines köstlichen Festes, das 
die Gräfin am 2. Februar teilweise in ihrem Garten 
bei herrlichem Mondschein und lauer, berauschender 
Luft gab. — 25 Jahre sind seither vergangen, zwei Fuß 
hoher Schnee umgibt mich und mein Haupt bedeckt 
ein schneeiger Reif! — Ist es denn möglich, daß ich 
jung gewesen, daß ich am 2. Februar bei Mondschein 
in einem Garten tanzte? — Bah! C'est une blague — 
fahren wir lieber in dem Berichte meiner Geschichte 
oder meines Traumes fort^)! 

Die gute Lady Bolingbroke, geist- und charakterlos, 
außerdem in tiefer Trauer um einen Gatten, dem sie 
alles geopfert hatte, konnte unserem kleinen Zirkel 
keine Zerstreuung bieten. Ihre romantische Geschichte 
paßte schlecht zu ihrer Person und ihren Gaben, zu 
gefallen; eine große Gutmütigkeit, Sanftmut und eine 
unendliche Vertrauensseligkeit mochten wohl die gan- 
zen Verführungskünste gewesen sein, womit sie das 
Herz des glänzendsten, flatterhaftesten und verderb- 
i) Geschrieben zu Schwertberg, 2. Februar 1850. (Notiz d. Verf.) 

14 M. L. III 209 



testen Kavaliers von England auf immer gewann. Die 
Liebe, welche sie ihm einflößte, veranlaßte ihn zu einer 
Menge strafbarer Handlungen, die seine soziale Stellung 
in seinem Vaterlande erschütterten und auf den be- 
rühmten Namen, den er trug, einen Schatten warfen, 
der sich sogar noch auf seine Kinder ausdehnte. 

Großneffe des berühmten St. John, ersten Lords von 
Bolingbroke^), und Freundes des Papstes, hatte er von sei- 
nem bekannten Vorfahren mehr Fehler, denn politische 
Talente geerbt. Mit einer Frau verheiratet, die er 
nicht liebte, begann er seine gesellschaftliche Laufbahn 
durch eine Liaison mit einer jungen Dame, die man 
stark im Verdacht hatte, seine Schwester zu sein, und 
mit der er mehrere Kinder erzeugte 2). Später machte 
er unter dem Namen eines Mr. Bartons die Bekannt- 
schaft eines 14 jährigen Frl. v. Hom-pesch, die kaum 
das Kloster verlassen hatte. Er verführte sie und reiste 
mit ihr in die Vereinigten Staaten, wo er sie trotz 
seiner in England geschlossenen Ehe, der sogar ein 
Sohn entsprungen war (der heutige Lord Bolingbroke), 
für seine rechtmäßige Frau ausgab. Die Barone Hom- 

i) Gemeint ist der berühmte englische Staatsmann unter Königin 
Anna und Schriftsteller Henry St. John, erster Lord Bolingbroke, 
geb. Battersea i. 10. 1678, gest. dortselbst 12. 12. 175 1. Trotz 
zweimaliger Verehelichung (seine zweite Frau war die Marquise 
de Vilette, Nichte der Mme. Maintenon) starb er kinderlos. Sein 
Sohn John war der Großvater des Lords George-Richard (1761 
bis 1824), der in erster Ehe (1783) Charlotte, Tochter des Rev. 
Thomas Collins geheiratet hatte. Sie starb 1803, worauf der Lord 
1804 Isabella Baronin Hompesch ehelichte. 

2) Man hielt sie für die Tochter des Lords Bolingbroke und der 
berüchtigten Lady Diana Beauclerk. (Notiz d. Verf.). Diana war 
die Tochter des zweiten Herzogs von St. Albans, genannt Beauclerk 
(gest. 27. 7. 1751) und der Lucy Warden. Sie war eine berühmte 
Kurtisane. Die Herzoge von St. Albans stammen von Eleonore 
Gtvynn, Mätresse Karls II. von England (gest. 1685) ab. 

210 



"peschy Brüder der Genannten, ließen sich zuerst durch 
eine Kriegshst täuschen, die sie in den Wellen des 
Rheins eine MantiUe ihrer Schwester finden ließ. Sie 
veranstalteten ihr ein prunkvolles Leichenbegängnis, 
da sie an ihren Tod glaubten. Mehrere Jahre später 
entdeckten sie aber die Wahrheit und kamen nach 
Amerika, um den Verführer zur Rechenschaft zu ziehen 
und ihm sein Opfer zu entreißen. Eines Tages traten 
sie denn auch bis an die Zähne bewaffnet und den 
Fluch auf den Lippen vor die beiden hin. Dieses melo- 
dramatische Auftreten hatte jedoch nicht die beab- 
sichtigte Wirkung; die Tränen der Schwester entwaff- 
neten den Zorn der Brüder und sie kehrten, wie sie 
gekommen, nach Europa zurück. Frl. v. Hompesch 
wartete in Amerika ruhig den Tod der Lady Boling- 
broke, die lungendleidend war, ab. Dieser erfolgte 
einige Jahre später und die Lady hinterließ ihrer Neben- 
buhlerin den Titel, mit dem sie so traurige Erfahrungen 
gemacht hatte. Die nunmehrige Lady Bolingbroke kam 
mit ihrem Gatten und ihrer Familie nach England, 
wurde aber bei Hof nie empfangen; das Benehmen des 
Lords war dort zu bekannt und zu übelbeleumdet, so 
daß er in seinem Vaterlande gar keine Achtung genoß. 
Er war auch nur widerwillig dahin zurückgekehrt und 
lebte, ziemlich verlassen, in seinem Schlosse Lydiard 
Park, bis daß er England wieder verlassen konnte, um 
den Kontinent zu bereisen. Auf diese Weise kam er 
nach Mailand und kurz darauf nach Pisa, wo er starb. 
Dieser Mann, der ein gutes, mitleidiges Herz, eine 
heitere Laune und einen großen Verstand besaß, hätte 
das Glück seiner Frau und seiner Kinder begründen 
können, wenn nicht seine Fehler deren Leben gebrand- 
markt hätten. Ferdinand St. John, der nach der Heirat 



14' 



211 



seiner Mutter geboren wurde, war der einzige Sohn der 
Baronin Hompesch, der Anspruch auf die Pairie nach 
dem Tode seines Stiefbruders Lord Bolingbroke aus der 
ersten Ehe seines Vaters erheben konnte. Dieser Lord hat 
keine Söhne und Ferdinand besitzt deren zwei. 

Die Abreise der Lady Bolingbroke nach England und 
die Anwesenheit der Gräfin Rasumoffsky waren Mo- 
mente, die dem Salon meiner Schwester gegen Ende 
des Winters nur zum Vorteil gereichten. Man spielte 
sogar in der Villa Torregiani, die wir bewohnten, The- 
ater. Auch erholte sich Konstantine zusehends. Die an- 
genehmsten Stunden, welche ich in Florenz hatte, 
waren aber, wenigstens in meiner Erinnerung, jene, 
die ich in der Tribuna oder in Privatgalerien mit der 
Malerei verbrachte. Einige gute Miniaturen bilden das 
beste Andenken, das mir mein Aufenthalt in Florenz 
hinterließ. 

Die Rückkehr des Frühlinges gab uns allen die Heiter- 
keit wieder. Selbst ohne die Liebe ist ein Frühling in 
Florenz entzückend. Jeder Sonnenstrahl bringt neue 
Blumen hervor, überall bewundert man sie und atmet 
ihren Duft ein. In den Straßen, Gärten, öffentlichen 
Plätzen, in den Theatern und Promenaden bieten junge 
Mädchen mit breitrandigen Strohhüten die schönsten 
Blumen an, überall sieht man malerische Körbe, die bis 
zum Rande mit den Kindern des Frühlings gefüllt sind. 
Um einige Soldi, manchmal auch umsonst, nötigen dich 
die Blumenmädchen, ihre herrlichen Buketts zu nehmen, 
sie werfen sie auf deine Knie, in den Wagen hinein, 
um ihre duftende frische Ware ja nicht wieder nach 
Hause zurücktragen zu müssen. 

Der Frühling hatte auch meiner Schwester die Ge- 
sundheit wieder geschenkt ; mit der Leidenschaft einer 

212 



Genesenden freute sie sich des Festes, das ihr die Natur 
zu geben schien. Unser Garten Torregiani glich einem 
irdischen Paradiese, wir verbrachten darin ganze Tage. 
Auch in die Umgebung von Florenz machten wir einige 
Ausflüge, so nach Poggio Cajano, dem reizenden Land- 
hause des Großherzogs, das die Prinzessin Elisabeth^), 
die Schwester Napoleons, mit Vorliebe bewohnte, als 
sie den ']ungen Lucchesini^) liebte. Dieser, nunmehr ein 
Vierziger und weder in seinem Vaterlande, noch in an- 
deren Ländern besonders geachtet, besaß keine anderen 
Verdienste, als ein anziehendes Äußere und ein ziem- 
liches Schauspielertalent. Deshalb nahm man ihn in 
der guten Gesellschaft auf, und auf diese Weise kam 
er auch in die Villa Torregiani. Er spielte mit uns 
mehrere Male, u. a. auch in einem Stücke mit leidlichen 
Versen, dessen Namen ich vergessen habe, und kopierte 
dabei den französischen Minister Marquis de Maison- 
fort^), der, um die Schauspielerinnen, welche wegen ihrer 

i) Elisabeth, älteste Schwester Napoleons I., geb. in Ajaccio 3. i. 
1777, gest. in der Villa Vicentina bei Aquileja 6. 8. 1820. Sie regierte 
1809— 18 14 als Großherzogin in Toskana mit großer Einsicht und 
Energie, verlor aber 1814 alle Besitzungen. Sie hatte gegen den 
Willen ihres Bruders am 5. 5. 1797 den Hauptmann Paskai Felix 
Bacciochi (1762 — 1841), seit 1805 Fürst v. Piombino und Lucca, 
geheiratet. 

2) Franz, geb. 24. 12. 1787 zu Potsdam, gest. 11. 8. 1867 zu Berlin, 
Sohn des bekannten preußischen Staatsmanns und früheren Vor- 
lesers Friedrichs des Großen, Girolamo Marchese Luccbesini und 
einer geb. Frl. Tarrach, war nach de la Garde Oberstallmeister 
und Geliebter Elisabeths Bonaparte in Florenz, dann preußischer 
Kammerherr, wirkl. Geh. Rat und Hofmarschall des Prinzen Karl 
V. Preußen. Er heiratete um 1833 Henriette Matilde Sturtzel 
(gest. 16. 4. 1840). Bei Lucca in Toskana besaß er die Güter Ca- 
vallari und Matraja, (s. Aug. de la Garde, Gem. d. Wiener Kongr., 
München b. Müller, I. S. 148 f. u. gfl. Gotha 1877, S. 545.) 

3) Louis Dubois-Descourt, Marquis de Matsonfort, geb. 1763, gest. 
zu Lyon 1827, französischer General, Staatsmann und Schrift- 

213 



Kostüme in Verlegenheit waren, zu ermutigen, zu 
ihnen sagte: „Beruhigen Sie sich doch, meine Damen, 
und seien Sie überzeugt, daß man jedenfalls viel mehr 
auf das achtgeben wird, was man hört, als was man sieht." 

Die Reize von Florenz vermochten uns doch nicht 
auf die Dauer zu fesseln. Die für den 28. Juni anbe- 
raumte Krönung Karl X. lockte uns an, außerdem 
wollten wir vor unserer Reise nach Paris noch Josefine 
in Mailand und den Grafen Capo d' Istria in Genf be- 
suchen. 

So warf ich denn Ende Mai von den Höhen von Fie- 
sole einen letzten Blick auf das lachende Florenz, das ich 
erst nach langer Zeit wiedersehen sollte. 

Als wir in Mailand eintrafen, war dort Kaiser 
Franz mit seinem Hofe und Metternich anwesend. Dies 
benahm uns die Lust, uns hier länger aufzuhalten, 
denn wir hatten gar keine Absicht, Staatsvisiten zu 
machen; unser einziger Zweck war ja, meine Schwester 
Josefine zu sehen und deshalb hatten wir auch die 
Route über den Simplon gewählt, um Italien zu ver- 
lassen. Josefine hatte daher, von uns unterrichtet, im 
voraus schon von der Vizekönigin Urlaub erbeten und 
erhalten ; als wir nach Mailand kamen, beeilte sie sich, 
mit uns nach Como zu fahren, um dort während einiger 
Tage in aller Ruhe mit uns vereinigt zu sein. Diese Zeit 
war kurz, aber voller Wonne; wir besichtigten einige 
der schönen Landhäuser, die sich im See spiegelten, 
wir speisten heiter in der elenden Herberge, die wir be- 
wohnten, wir machten allerlei Projekte, uns im nächsten 

steiler, zuerst Oflizier, dann Emigrant und Buchdrucker, seit 1814 
Marechal de Camp und Staatsrat, später Ministre plenipotentiaire 
beim Großherzog von Toscana, auch als politischer und biogra- 
phischer Schriftsteller tätig (s. Nouvelle Biographie generale, Paris 
1860, 32. Bd., Sp. %2.i.). 

214 



Jahre in Wien zu sehen und nach vier Tagen umarmten 
wir uns unter Tränen, wie sieben Monate zuvor und 
nahmen voneinander Abschied. O, immer Trennung! 
Immer der freiwillige Abschied, bevor man auf immer 
Abschied nehmen muß! — Welcher Unverstand im 
Labyrinthe des Lebens, welch' ein Widerspruch! Auf 
solche Weise die Tage unseres Glückes zerstückeln ! Auf 
die Zukunft vertrauen, ohne zu bedenken, daß sie uns 
viel öfter Gutes nimmt als bringt. „Was man von der 
Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück!" 

Jedermann reist heutzutage, wer kennt nicht den 
Weg über den Simplon ? Ich vermöchte nichts zu be- 
richten, was nicht tausendmal schon erzählt wurde, 
und würde ich nach Art eines Alexanders Dumas von 
meinen Eindrücken sprechen, müßte ich, wie er, lügen, 
denn ich habe sie bereits vergessen. Woran ich mich 
allein erinnere, sind Träumereien, denen ich mich in 
unserem Landaulet hingab, in dem ich schon den 
Norden und Süden bereist hatte, Träumereien, die sich 
mehr mit der Vergangenheit, als der Zukunft befaßten 
und ein Festhalten nicht verdienten. 

So fuhr ich, die Lombardei verlassend, am Ufer des 
schönsten aller Seen hin, den die Riesengestalt und die 
lange Nase eines Karls Borromäus^) beschirmt, so las ich 
auf der Isola Bella das Wort „Battaglia", das Napoleon^) 
in die Rinde eines Lorbeerbaumes eingeschnitten hatte. 
So übersetzte ich die Alpen mit ihren Galerien, ihren 

i) Carlo Graf Borromeo (1538 — 1584), 1610 heilig gesprochen. 
Bei Arona am Ufer des Lago Maggiore wurde ihm eine eherne 
Kolossalstatue errichtet, auf welche die Verfasserin oben anspielt. 
2) Auf der Isola Bella im Lago Maggiore befindet sich eine Blumen- 
terrasse, Giardino d'amore genannt; als Merkwürdigkeit wird dort 
ein Lorbeerbäum gezeigt, in welchen Napoleon I. vor der Schlacht 
bei Marengo das Wort „Battaglia" eingeschnitten hat. 

215 



Gießbächen, ihren Schneemassen, ihren über Abgründe 
schwebenden Brücken und ihren erhabenen Schreck- 
nissen, deren hehre Schönheit nur Gefahren und Tod 
kündet, während ihnen zu Füßen sich das gefallsüchtige, 
lebenslustige Italien ausbreitet. So stieg ich in das gar- 
stige Walliser Tal herab, bis ich endlich, in Bex ange- 
kommen, beim Abschiede von den ehrwürdigen Bergen 
vor Freude bebend, ausrufen konnte: ,,Ich hatte die 
Ehre, euch zu sehen, und das Vergnügen, euch zu ver- 
lassen." 

Bald darnach heiterte sich meine Seele beim An- 
blicke des Genfer Sees aus; die Bilder der Abgründe 
und Gefahren in den Alpen und auch die des lieblichen 
Italiens verblaßten vor den lachenden Gefilden, die 
sich nun meinen Augen boten. Ich wurde sofort wieder 
ein guter Freund der Alpen, sobald ich sie von weitem 
sah und bewunderte mit obligatem Enthusiasmus alle 
ihre Spitzen und Zacken, die sich in den Wellen des 
Sees spiegelten. 

Kaum waren wir im Hotel du Secheron abgestiegen, 
als wir vor der Türe unseres Salons eine liebe Stimme 
hörten, die sich nach unserer Ankunft erkundigte; es 
war die des Grafen Capo (T Istria. Es war für uns eine 
große Freude, diesen treuen Freund, diesen so liebens- 
würdigen Weisen, diesen Mann wiederzusehen, dessen 
schöne Seele nur den Egoismus für sein Vaterland 
kannte, dem er alle Opfer gebracht hatte und noch 
bringen sollte, und der den bitteren Kelch des Un- 
dankes soweit leeren mußte, in seinem Vaterlande so- 
gar den Tod zu finden. 

In der Nähe von Genf in der Zurückgezogenheit 
lebend, genoß Capo d'Istria hier die letzten ruhigen 
Tage, die ihm beschieden waren. Die Einkünfte seines 

216 



bescheidenen Vermögens^), das er endlich von Kaiser 
Alexander angenommen hatte, wanderten fast zur 
Gänze in die Taschen der Griechen, die mittellos außer- 
halb der Grenzen ihres Vaterlandes lebten oder in 
die Eynards^), des Chefs des philhellenischen Komitees. 
Ich fand den Grafen ungemein verändert, er hatte 
starke Leberschmerzen, die unaufhörliche geistige und 
seelische Arbeit hatte seine Gesundheit zerstört. Immer- 
hin flößten ihm in der Schweiz die Ruhe, die gute 
Bergluft, die Abgeschlossenheit und ab und zu die Ge- 
sellschaft von Freunden oder erfahrenen Leuten neue 
Lebenskraft ein. Er machte uns mit einigen verdienst- 
vollen Männern bekannt, mit denen er viel verkehrte, 
so mit Simonde SismondP), dem berühmten und ge- 
lehrten Verfasser der Geschichte der italienischen Re- 
publiken, mit M. d^Ivernois^), M. Saladin etc. {Eynard 
war abwesend), lauter Leuten, die sich entweder als 
Literaten oder Politiker einen Namen gemacht hatten. 
Leider hatten sie aber alle mehr oder weniger präten- 
tiöse Frauen, die sich meiner Schwester und meiner 

i) Ich glaube, sie bestanden nur aus 50 000 Frcs. oder 20 000 Rubel. 
(Notiz d. Verf.) 

2) Jean Gabriel Eynard, geb. zu Lyon 28. 9. 1775, gest. zu Genf 
5. 2. 1863, ein Genfer Bankier und eifriger Philbellene, der an der 
Spitze aller Griechenvereine in Europa stand und die Griechen 
mit 700 000 Frcs. aus eigenen Mitteln unterstützte. Er hinterließ 
60 Millionen Frcs. 

3) Jean Charles Leonard Simonde de Sismondi, geb. zu Genf 
9- 5- 1773» gest. dortselbst 25. 6. 1842, bekannter Geschichts- 
schreiber; sein Hauptwerk seine in 3 1 Bänden erschienene Geschichte 
Frankreichs. — Die oben erwähnte „Histoire des republiques 
italiennes du moyen äge" erschien in 16 Bänden 1807 — 18. 

4) Fran^ois d'Ivernois (1757 — 1842), Advokat und PoUtiker, be- 
kannt unter dem Namen „Sir Francis", lebte, aus Genf verbannt, 
mehrere Jahre in England, wurde dort naturalisiert und erhielt 
den engUschen Ritterstand. Als er nach Genf wieder zurückkehren 
durfte, wurde er Staatsrat. Er verfaßte viele Werke. 



21 



1 



Person bemächtigten, um ihre Gelehrsamkeit, die sich 
auch auf die praktische Kenntnis des täglichen Lebens 
erstreckte, von uns bewundern, vielleicht sogar be- 
neiden zu lassen. Ich muß gestehen, daß mir diese 
Mischung höchst schal und langweilig erschien und 
daß sie keineswegs durch eine anmutige Bescheiden- 
heit oder durch jene edle Haltung aufgewogen wurde, 
die eine sorgfältige Erziehung verleiht. Im allgemeinen 
wirken die Genfer durch ihre Schwerfälligkeit und An- 
maßung ermüdend ; vielleicht wiegen die Eigenschaften 
ihres Herzens diese Fehler auf, ich weiß es nicht. Das 
Sprichwort jedenfalls läßt es nicht hoffen, wenn es 
sagt: „Genevois! Quand je te vois, rien de bon je ne 
vois.^^ Sobald sie einige ihrer Berühmtheiten hervor- 
kehrten, waren diese weder liebenswürdige, noch um- 
gängliche Leute, Jean Jacques (Rousseau) jedenfalls war 
weder das eine noch das andere. 

Ich zog die Stunden, die wir mit Capo d' Istria allein 
im Gespräche verbrachten, bei weitem jenen vor, 
welche uns zu Leuten führten, die ihm weder dem Her- 
zen, noch dem Verstände nach das Wasser reichen 
konnten. Die weiten Ausflüge, welche wir mit ihm 
machten, waren unsere schönsten Erinnerungen. So 
besuchten wir Coppet und Ferney. Dann entfaltete 
sich sein tiefgründiger, anmutiger Verstand, seine glän- 
zende oder manchmal träumerische Phantasie in blen- 
denden Redewendungen; er nahm uns alle durch die 
ihm eigene Bescheidenheit, die manchmal ein sanfter, 
geistvoller Frohsinn belebte, im Sturme ein. 
[•| Weder Coppet noch Ferney bieten hinsichtlich ihrer 
Lage und ihrer Gebäude irgend etwas Merkwürdiges, 
die Erinnerung allein, deren Hauch aus den Ruinen 
und dem Moder dringt, macht sie berühmt und weist 

218 



uns die verheerende Wirkung der Zeit. Als ich diese 
Salons durcheilte, worin ehemals so viele geistreiche 
Worte gesprochen wurden, schien mir die Luft davon 
noch gesättigt, ich sog sie selbst mit dem angenehmen 
Geruch der alten Möbel, dieser echten Emanation der 
Vergangenheit, ein. Wie gerne hätte ich das Echo wie- 
der erwecken wollen, um irgendeinen Geistesblitz zu 
erhaschen, umsonst, es blieb alles stumm, weder der 
Fauteuil des Philosophen, noch die Causeuse der Frau 
von Stael^) verrieten mir auch nur ein Wort von dem, 
was sie gehört hatten. In einem Zimmer von Coppet 
sah ich eine große Glaskiste, die ebenso leer war, wie 
eine Kasette neben ihr. In dieser Glaskiste soll der 
Körper der Frau Necker, von dem sich Frau von Stael 
nicht trennen woUte, lange Zeit geruht haben. In der 
Kasette aber befanden sich viele Briefe von „jenseits 
des Grabes", welche die Mutter ihrer Tochter hinter- 
lassen, damit sie sie einzeln lesen und dadurch ihren 
Schmerz lindern könne. Diese Idee, mit unserem Leben 
jene Welt zu verknüpfen, die wir die unsichtbare 
nennen, weil wir eben blind sind, ist gewiß sehr sinn- 
reich, ja sie wäre sogar rührend zu nennen, wenn man 
nicht wüßte, daß die beiden Frauen sich nur sehr 
wenig geliebt hatten und daß die Frau Necker, präten- 
tiös wie nur eine Genferin, wohl imstande gewesen 
war, durch diese Briefe noch zu versuchen, daß man 
auch nach ihrem Tode noch von ihr spreche. 

Als ich in Ferney war, existierte noch ein Tempel, 
den Voltaire bauen und auf welchen er eine Inschrift 
anbringen ließ, welche von seinem gottlosen Stolze 
Zeugnis gab: Voltaire ä Dieu. Ist diese freche Huldi- 
gung eines Feindes nicht eine Insulte ? Niemand hat der 
i) s. Bd. I. S. 230. 

219 



h. Religion und folglich der Menschheit mehr ge- 
schadet als Voltaire. Ohne ihn hätten die im Laby- 
rinthe wissenschaftlicher oder metaphysischer For- 
schungen versteckten gottlosen Theorien der Philo- 
sophen nur die Gelehrten und eine kleine Zahl von 
Liebhaber beschäftigt; sie würden die bessere Gesell- 
schaft, welche viel zu frivol war, um sich ernstlich mit 
ihnen zu befassen und viel zu stolz, um mit der Clique 
unbekannter Gelehrten zu fraternisieren, kaum mit 
ihrem Gifthauche auch nur gestreift haben. Sobald 
aber die feine, beißende Ironie des Edelmannes von 
Ferney, seine anmutigen, glatten Verse, seine eleganten 
Umgangsformen, seine Beziehungen zu mehreren Höfen 
ihn in die Mode gebracht hatten, da flößte er der Ge- 
sellschaft das unsichtbare Gift seines Skeptizismus ein, 
und bald gehörte der Unglaube zum guten Ton. Von 
diesem Augenblicke an bemächtigte sich die Glaubens- 
verachtung auch des Volkes, denn, so groß auch die 
Laster der französischen Adeligen waren, so hatte doch 
ihre Achtung vor den religiösen Gebräuchen und den 
Priestern den unteren Klassen immer noch als Vorbild 
gedient. Das Volk glaubte den Worten seiner Pfarrer, 
weil es den Adel in der Stadt wie auf dem Lande in die 
Predigt gehen und die Geistlichen grüßen sah. 

So erstickte denn das von Voltaire gesäete Unkraut 
mehr edle Halme, als das der anderen Philosophen, es 
machte die Gottlosigkeit geradezu populär. Ein sar- 
kastisches Lächeln auf seinen Lippen, träufelte er Trost- 
losigkeit in die Herzen der Menschen, erfüllte Europa 
mit Blut und Verwüstung und überlieferte es der 
Anarchie, ja vielleicht dem barbarischen Urzustände, 
ohne ihm eine andere Hoffnung für die Zukunft zu 
lassen, als das Nichts. Wenn Voltaire den Sozialismus, 

220 



diesen Erfolg des Unglaubens im Volke, noch hätte er- 
leben können, so würde sicherlich der Gutsbesitzer von 
Ferney den Philosophen bekehrt haben! 

Das Andenken an Rousseau war in Genf viel weniger 
volkstümlich, als ich es erwartet hatte, man konnte 
mir nicht einmal das Haus zeigen, wo er gewohnt hatte. 
Als Ersatz sah ich aber in einer umfangreichen und 
merkwürdigen Sammlung eines Herrn, dessen Namen 
ich nicht mehr weiß, eine Menge Autographen des 
Genfer Dichters. Capo d'Istria führte uns dorthin. 
Ich bemerkte dort Briefentwürfe, selbst ganze familiäre 
Billetts des Philosophen, die viele Korrekturen und 
Durchstreichungen aufwiesen. Daraus zog ich den 
Schluß, daß man, um gut zu schreiben, niemals nach- 
lässig sein dürfe. 

Die modernen Literaten — d, h. die Romantiker — 
sind viel weniger gewissenhaft, übrigens sah ich auch 
Manuskripte Balzacs, die voll Korrekturen waren, wo- 
durch erwiesen ist, daß, wenn er schlecht schrieb, er 
dies absichtlich aus Ehrfurcht vor der romantischen 
Schule tat. Später sah ich Balzac^) einmal — er war 
damals in Wien — wie er einen seiner Romane durch- 
blätterte. Er glaubte sich dabei unbeachtet und warf 
das Buch verächtlich auf den Tisch, indem er aus- 

i) Balzac kam am i6. Mai 1835 nach Wien und stieg im Gasthof 
„Zur goldenen Birne" ab, wo auch Tpsilanti krank lag und der 
Gatte der Verfasserin, Charles Thirion starb. Der Dichter war damals 
sterblich in seine spätere Gemahlin Frau von Hanska-Rzezvuska, 
die in Wien im Hause des Großhändlers Leonhard Walter wohnte, 
verliebt, außerdem aber von Gläubigern und seinem Pariser Ver- 
leger Werdet bedrängt. Von der Wiener Gesellschaft stürmisch 
umworben, fand er nicht die Stimmung, neue Werke zu schreiben 
und seine alten schienen ihm so schal, daß er damals die obige 
Äußerung machte. (Siehe „Balzacs Begegnung mit IMetternich" 
von A. Bettelheim, Neue Freie Presse, Wien 2. u. 3. August 1912.) 

221 



rief: Quel amphigouri! (Welch' ein schwulstiges Ge- 
schwätz!) 

Bevor wir Genf verließen, war es unerläßlich, das 
Lager Boths, des Eisenkrämers und berühmten Uhren- 
verkäufers, zu besichtigen. Rasumoffsky und meine 
Schwester machten dort einige Einkäufe. Bei dieser 
Gelegenheit erzählte uns Both, welch Menge Uhren 
und andere Gegenstände aus seinem Atelier trotz aller 
strengen Einfuhrverbote auf diese Erzeugnisse in die Pa- 
riser Kaufläden wandere. „Empecher la contrebande est 
vouloirarreterl'irregularitedes Saisons" (Den Schmuggel 
zu verhindern, wäre gleichbedeutend damit, die Unre- 
gelmäßigkeit der Jahreszeiten hemmen zu wollen), sagte 
uns der Genfer Geschäftsmann. Diese Behauptung 
hatte er auch dem französischen Handelsminister gegen- 
über, der nach Paris zurückkehrte und Both versicherte, 
er werde so strenge Maßnahmen ergreifen, daß ein 
Schmuggel zwischen Genf und Paris künftighin un- 
möglich würde, verteidigt. Trotzdem der Minister nur 
spöttisch dazu lachte und den Zolldirektoren einen 
Wink gab, auf ein gewisses Paket, das heimlich nach 
Paris geschickt werden sollte, achtzugeben, brachte 
er es selbst an seine Adresse. Nach allen diesen Vor- 
sichtsmaßregeln reiste er nämlich ab, kam in Paris in 
sein Hotel und das erste, was er in seinem Arbeits- 
zimmerliegen sah, waren die in Genf bei Both gekauften 
Gegenstände. „Was ist denn das ?" rief der Minister, 
„wer hat dies hierhergebracht ?" — „Exzellenz, ich 
selbst," erwiderte sein Kammerdiener, „es sind die 
Gegenstände, die Exzellenz in Genf kauften. Nach An- 
weisung des Mannes, der sie mir hier in das Hotel 
brachte, habe ich sie über Ihren Auftrag, der mir 
durch den Mann ausgerichtet wurde, auf den Kamin 



I 



222 



gelegt, während Exzellenz den Reisemantel ablegten." 
Diese so einfache Lösung konnte der Minister^) aller- 
dings nicht vorausahnen. 

Die vier Tage, welche wir für Genf, beziehungs- 
weise für Ca-po d' Istria bestimmt hatten, waren zu Ende; 
wir nahmen vom Grafen Abschied in der Hoffnung, ihn 
in Paris wiederzusehen. Wir schieden von ihm mit dem 
Tröste, ihn in einer Situation zu wissen, die für einen 
Mann, dem die Leiden seines Vaterlandes so nahe 
gingen, noch glücklich zu nennen war. Allgemein ge- 
achtet, von mehreren verdienstvollen Freunden um- 
geben, reichte die Verleumdung, wenigstens in Genf, 
nicht an ihn heran oder sie hatte ihn wohl vergessen. 
Später allerdings sollte die Verleumdung nur um so 
mehr hervortreten, sie sollte seine reinsten und edel- 
mütigsten Absichten und Handlungen in den Kot 
ziehen, sie sollte sich an ihrem Opfer bis weit über 
sein Grab hinaus sättigen ! Es gibt vielleicht keinen 
tugendhafteren Mann mehr, der so, wie er, die Beute 
eines giftsprühenden Hasses und einer macchiavelli- 
stischen Politik wurde. Metternich und das englische 
Kabinett stellten seiner Ehre unaufhörlich nach, um sie 
sogar dann noch zu vernichten, nachdem die treulosen 
Machinationen eines Lords Strangjord^) den Todes- 
streich gegen den Unglücklichen geführt hatten. Es 
existiert eine Broschüre von M. Eynard, die eines 
Tages der Nachwelt die Augen öffnen wird, wenn sie 

i) Handelsminister Graf St. Cricq. 

2) Percy-Clinton-Sidney Viscount Strangford., geb. 31. Aug. 1780, 
1806 englischer Gesandter in Lissabon, 1817 in Schweden, 1820 
bei der Hohen Pforte, 1825 in Petersburg. Er machte sich durch 
seine Übersetzung der Gedichte Camoens bekannt. 18 17 heiratete 
er Ellen, jüngste Tochter des Baronets Thomas Btirke (gest. 1826). 
Er starb um 1840. 

223 



es den gleichgültigen Zeitgenossen gegenüber nicht 
schon getan hat. Sie enthält die vertraulichen Briefe 
des griechischen Präsidenten an Eynard, seinen in- 
timsten und an M. Narangi, einen anderen seiner 
Freunde. Einige offiziellere Briefe sind beigefügt, dar- 
unter einer an den englischen Minister, der die unge- 
rechten, vom treulosen Albion erfundenen Anklagen 
zurückweist. Niemals noch wurde die Bosheit auf eine 
edlere und glänzendere Weise besiegt. Diese Briefe Capo 
d'Istrias entschleiern die perfide englische Politik und 
geben einen Einblick in den langen Todeskampf, zu dem 
er von ihr verdammt worden war, den er aber mit sel- 
tener Seelenstärke, Großmut, Vertrauen in die ihm vom 
Himmel zugewiesene Aufgabe und Ergebenheit er- 
duldete. Diese Eigenschaften verdienten ihm die Bürger- 
und die Märtyrerkrone. Das Betragen Englands, Grie- 
chenland und dem König Otto gegenüber, beweisen auch 
heute, daß Albion es zu jeder Zeit mit den Neugriechen 
unaufrichtig meinte. Die Schlacht von Navarin wurde 
von Lord Codrington'^) ohne Befehl geliefert, man nannte 
diesen Sieg vor versammeltem Parlament ,,untoward" 
(fatal). Lord Palmerston, der große, schamlose und un- 
geschickte Brandstifter Europas, hat soeben der ganzen 
Welt die Binde genommen, womit die Treulosigkeit des 
britischen Kabinettes nur leicht verhüllt gewesen. 
Während wir in das sogenannte schöne Frankreich 

i) Sir Edward Codrington^ englischer Vizeadmiral, um 1770 ge- 
boren, zeichnete sich schon 1794 als Leutnant aus vmd befehligte 
in der Schlacht von Trafalgar als Kapitän den Orion. Er ward 
1825 Vizeadmiral und führte als ältester Admiral den Oberbefehl 
der vereinigten englischen, französischen und russischen Flotten 
in der Schlacht bei Navarino, wodurch er sich unsterblichen Ruhm, 
aber auch den versteckten Tadel der englischen Regierung erwarb. 
Er starb als Admiral der roten Flagge am 28. April 185 1. 

224 



über den Jura eindrangen und auf der Straße von Dijon 
gegen Paris fuhren, fühlte ich mich von der vielge- 
rühmten Schönheit des Landes ganz enttäuscht. Weder 
die Berge, noch die Ebene waren malerisch. Daher ist 
mir die Erinnerung daran vollkommen verblaßt. Eine 
zerstörte Kirche zu Füßen des Juras zog einzig und 
allein meine Aufmerksamkeit auf sich. Man erzählte mir, 
sie sei 1792 in Brand gesteckt und ausgeplündert wor- 
den. So war denn der erste Eindruck, den ich von Frank- 
reich empfing, der der Gottlosigkeit und des Aufruhrs. 



15 M. L. III 



225 



XXXII. DER AUFENTHALT IN PARIS 
UND ENGLAND 

Die Verfasserin hatte über diese Zeit ein eigenes 
blaues Heft angelegt, welches aber leider seit vielen 
Jahren abgängig ist und jedenfalls nach dem Tode der 
Gräfin Lulu verloren ging. Dieses Heft enthielt haupt- 
sächlich eine genaue Beschreibung des Pariser Aufent- 
halts (Juni 1825 bis Juli 1826), der durch zwei kurze 
Reisen nach England unterbrochen wurde. Auch aus den 
Briefen der Verfasserin an ihre Schwestern läßt sich 
ein Bild dieses Zeitabschnittes aus dem Leben der 
Gräfin nicht mehr rekonstruieren. 

Bekannt ist nur, daß die Rasumoffskys am 4. Juni 
1825 in Paris anlangten, also zur Krönung Karl X. (29. 
Mai in Reims) wohl zu spät kamen. Sie wohnten in 
der Rue Basse du Rempart. Die durch ihre Memo- 
iren bekannte Baronne du Montet'^), die sie von Wien 
aus kannten, und der Herzog Dalberg^) waren ihre 
Cicerone. Den Einzug des Königs in Paris am 6. Juni 
sahen sie von den Fenstern der Familie Stackeiberg 

i) Die Baronin du Montet wohnte 1825/26 in ihrem hübschen 
Landhause zu Villers-les-Nancy. (,, Souvenirs" derselben, p. 272). 
2) Emmerich Joseph Herzog von Dalberg, geb. 30. 5. 1773 zu Mainz, 
gest. zu Hernsheim 27. 4. 1833, wanderte 1809 nach Frankreich 
aus, wurde 18 10 Herzog und Staatsrat; beim Wiener Kongreß 
war er bevollmächtigter Minister. Nach der zweiten Restauration 
wurde er Staatsminister und Pair und erhielt den Gesandtenposten 
in Turin. Seine Tochter heiratete den Lord Acton (siehe Stamm- 
tafel). 

226 



aus an; Lulu resümiert, In Österreich würde man bei 
solchen Gelegenheiten mehr Prunk entfaltet haben. 
Es hätte sich kaum verlohnt, fünf Stunden in fieber- 
hafter Erwartung zu verbringen, um ein nur mäßiges 
Schauspiel zu genießen. 

Graf Rudolf Affonyi beschreibt in amüsanter Weise 
in seinem Journal ein Diner, das er im April 1826 beim 
österreichischen Konsul Baron Rothschild in Gemein- 
schaft mit dem Fürsten Rasumoffsky und Lulu Thür- 
heim mit um so größerem Appetit absolvierte, als 
M. Careme, der famose Koch des Hauses Rothschild, 
sein Möglichstes getan hatte, um seinem Titel „fameux 
empoissonneur" Ehre zu machen. Außer den Genannten 
waren eingeladen: die Botschafter von Rußland und 
England^ der Gesandte von Sachsen samt Gemahlin, 
der preußische Gesandte Baron Werthern mit Frau und 
Tochter, der Herzog von Devonshire, der Herzog und 
die Herzogin de Maille, der Baron de Damas, Minister 
des Äußern, Herzogin de Noailles, der Herzog de Duras, 
Graf und Gräfin de Montalembert und der junge Prinz 
Metternich. Auf der Tafel stand ein wundervoller Auf- 
satz, der das eigentliche Gesprächsthema bildete. Er 
stellte in Vermeil drei Figuren auf einer Palme vor, 
deren Blätter mit kunstvoller Sorgfalt ausgearbeitet 
waren. Das Ganze schätzte Apponyi auf mindestens 
100 000 fr. Wert. 

Am 26. Mai schreibt Jpponyi, daß am letzten Diens- 
tag die Gräfin Lulu und Konstantine Rasumoffsky^ 
sowie die Lady Standish^ ihr Gatte und ihre Schwester 
eine Landpartie in das Tal von Montmorency mit ihm, 
Oberst Rozzo dt Borgo^) und Dietrichstein verabredet 

1) Pozzo dt Borgo der Jüngere, genannt „Pozzetto", russischer 
Oberst und ein Bruder des bekannten Diplomaten Karl P. d, B. 



15* 



227 



hatten. Da es regnete, waren die Rasumoffskys und 
besonders Gräfin Lulu sehr erstaunt, als die übrigen 
Teilnehmer dennoch bei ihnen eintrafen. Man einigte 
sich nach längerer Debatte dahin, die Partie des 
Regens wegen aufzugeben, resp. auf den nächsten 
Tag zu verschieben. Kaum waren Apponyi und die 
übrigen wieder in ihren Wagen, als die Lady Standish 
und ihre Tochter hartnäckig auf der Durchführung 
einer Fahrt bestanden. Da es für Montmorency zu 
spät war, machte man einen Ausflug nach Vincennes 
und dinierte nach der Rückkunft in Paris im Rocher 
de Cancale. 

Der zweimahge Aufenthalt der Gräfin Lulu in Eng- 
land wurde hauptsächlich zur Besichtigung von Sehens- 
würdigkeiten verwendet. Außerhalb Londons besuchte 
man Oxford, das auf den Trümmern von Woodstock 
erbaute Schloß Blenheim, die Scldösser von Windsor, 
Warwikcastle, Hardwicke, etc. Gräfin Lulu war außer- 
dem bei der Lady Kinnaird in Hassap, beim Herzog 
von Wellington, den Lords Exeter und Charles Warender^ 
der Lady Cooper u. a. eingeladen. Ende Oktober kehrte 
sie nach Frankreich zurück. 

Einige Bruchstücke des Brouillons zu ihrem Pariser 
Journal sind noch erhalten. Sie beziehen sich aus- 
schließlich nur auf Beschreibungen von Sehenswürdig- 
keiten in England. Daraus seien hier einige Bemer- 
kungen wiedergegeben, die Gräfin Lulu über die un- 
glückliche Königin von Schottland machte. 

(s. Bd. II. 72). Dieser Bruder, der russischer Botschafter in Paris, 
Karl Pozzo dt Borgo (1764 — 1842) wurde gelegentlich der Krönung 
Kaisers Nikolaus Graf, ebenso wie Graf Lieven Fürst. Da man dem 
Botschafter schon vorher immer den Titel Graf gegeben hatte, 
war er auf Lieven sehr eifersüchtig (s. Gf. Apponyi „Journal" 
I. 31). 

228 



In Hardvvickecastle, wo Maria Stuart von ihrer Ri- 
valin gefangen gehalten wurde, sah die Gräfin das 
Zimmer, worin die schottische Königin ihre Tage ver- 
brachte. „Es war mit den Wappen Frankreichs und 
Schottlands geschmückt, das Bett von der Gefange- 
nen selbst gestickt^), und die Möbel waren noch 
dieselben, welche Maria Stuart benützt hatte. Die- 
ses allerdings kleine Gemach wäre seiner erhabenen 
Bewohnerin nicht unwürdig gewesen, wenn ein Fen- 
sterchen, gegen den Korridor, dessen Vorhänge sich auf 
der Außenseite befanden, ihr nicht täglich vor Augen 
führen mußte, daß sie von ihren Feinden Tag und 
Nacht beobachtet wurde. Die Gemahlin ihres Kerker- 
meisters Lady Hardzvicke, Erbin der großen Domänen 
von Hardwicke, die sie ihrem Gatten in die Ehe mit- 
gebracht hatte, eine häßliche, neidische und boshafte 
Frau, verschärfte noch durch ihre Gegenwart und Zu- 
dringlichkeit die Härte der Gefangenschaft. Die Kor- 
respondenz, welche diese Lady mit der Königin Elisabeth 
führte, geben Zeugnis ihres Hasses gegen die unglück- 
liche Schottländerin. In einem dieser Briefe, die im 
Schloßarchiv aufbewahrt werden, scheint die Lady, 
nachdem sie selbst die einfachsten und selbstverständ- 
lichsten Handlungen ihrer Gefangenen in boshafter 
Weise begeifert hatte, auf eine Frage Elisabeths einzu- 
gehen, indem sie mit der Aufrichtigkeit einer Hof- 
schranze und der Glaubwürdigkeit einer häßlichen Frau 
versichert, der Ruf der Schönheit Maria Stuarts sei 
stark übertrieben. „Sie ist nicht einmal hübsch," fügte 

l) Die Verfasserin hatte ein Stückchen dieser Stickerei mitbekom- 
men und es sorgsam in einem Papierumschlag aufbewahrt. Auf 
diesen schrieb sie: „Brode par Marie Stuart sur les rideaux de son 
Ht ä Hartwick," Beides befindet sich im Besitze des Herausgebers. 

229 



sie bei, „und nur die Augen meines Gatten können 
sie nicht häßlich finden." Lord Hardmcke, der in 
der Tat viel gerechter und menschlicher dachte, wie 
seine zänkische bessere Hälfte, suchte ohne Zweifel 
das Los seiner Gefangenen möglichst zu mildern. 
Da aber ein Komplott, von dem er nichts geahnt, 
entdeckt wurde, so hatte seine Nachsicht für Maria 
Stuart nur die eine Folge, daß sie in den festen Turm 
von Chotswarth und dann von Gefängnis zu Gefäng- 
nis geschleppt wurde, um ihr so keine Zeit zu lassen, 
die Herzen ihrer Kerkermeister zu gewinnen. Wie 
verführerisch mußte diese Frau gewesen sein, die so- 
gar aus der Tiefe ihrer Kerkerzelle ihre Rivalin, welche 
den glänzendsten Thron einnahm, noch vor Neid er- 
blassen machte! 

Ich sah in England und Frankreich mehrere Por- 
träts der schottischen Königin und es fiel mir auf, 
wie wenig sie untereinander ähnlich waren. Das- 
jenige, welches sich in der Galerie des Herzogs von 
Orleans befindet, und worauf sie noch als Königin 
von Frankreich dargestellt ist, zeigt von dem un- 
widerstehlichen Zauber, der ihre Züge später so ver- 
schönte, keine Spur. Das schönste Bild sah ich in 
der Universität von Oxford; es wurde vor ihrer Ge- 
fangenschaft nach der Natur gemalt. Sie trägt hier 
einen seltsam gefalteten Schleier um ein Antlitz, 
wie es verführerischer nicht gedacht werden kann. 
Der wundervolle Blick, das Lächeln einer Göttin der 
Liebe, die allgewaltige Schönheit sind es vor allem, 
die in die Augen fallen. Wahrlich, Maria Stuart be- 
durfte nicht einer Königskrone, um alle Herzen zu ge- 
winnen! 

In Windsor fiel mir ein Bild der unglücklichen Kö- 

230 



nigin auf, dessen Darstellung ich hier noch viel an- 
stößiger fand, als die Porträts der Mätressen ^ör/j 11.^) 
im Zimmer, das die keusche Königin Charlotte^) be- 
wohnt hatte. Es zeigte nämlich naturgetreu jönen 
Moment, da Maria Stuart zum Schaffote schritt. Hier 
bietet dieses durch die Leiden einer langen Gefangen- 
schaft verzerrte Antlitz, dessen Züge ich in Oxford so 
entzückend und lebenslustig gefunden hatte, nur mehr 
ein Bild des Jammers und der Zerstörung, ihr Körper 
scheint schwerfällig, ihre Glieder, durch die Kerker- 
haft in feuchten Zellen fast gelähmt, scheinen durch 
die erduldeten Schmerzen steif geworden. Maria ist 
nicht mehr hübsch, aber die edle Festigkeit einer Kö- 
nigin und die erhabene christliche Ergebung sind ihrem 
Gesichte aufgeprägt, dessen Schönheit in einem Tränen- 
meer unterging. Um den schwermütigen Eindruck 
noch zu erhöhen und um zu dem Mitleid, welches das 
Bild auslöst, noch das Grauen zu gesellen, stellte man 
im Hintergrunde, wie in weiter Ferne die Hinrichtung 
dar. Maria kniet und legt das Haupt auf den Block, der 
Henker entblößt ihren Nacken, den man den schönsten 
ihres Jahrhunderts nannte, und faßt mit der einen Hand 
ihr Haar, während er in der anderen das königsmörde- 
rische Beil hält. Wahrlich, die Könige und Köni- 
ginnen Englands hatten da immer ein warnendes Bei- 

i) Karl IL, König von Großbritannien (1660 — 85), geb. 1630, 
gest. 1685) hielt sich auch, als er sich 1661 mit Katharina 
Braganza vermählt hatte, eine Menge Mätressen, die sich oft 
in die Politik mischten. So stammten die Herzöge von Bucc- 
leuch, von Richmond, von Graf ton, von St. Albans, die 
Lords Montague und Delorraine von uneheHchen Kindern 
Karls IL ab. 

2) Charlotte Sofie von Mecklenburg- Strelitz (1744 — 1818), seit 
1761 Gemahlin des unfähigen Königs Georg III. (geb. 1738, gest. 
1820). 

231 



spiel vor Augen und ihre Geschichte wies ihnen mehr 
denn eine Probe der Wechselfälle, die die gekrönten 
Häupter bedrohen. Sie würden aber besser daran 
getan haben, sich ein Beispiel auszusuchen, das sie 
nur an ihr Unglück und nicht an ihre Verbrechen 
erinnerte." 



232 



XXXIII. RÜCKKEHR NACH 
ÖSTERREICH 

Der Teil von Frankreich, den ich vom Jura bis Paris, 
von Paris bis Calais kennen gelernt hatte, schien 
mir das Prädikat „schön" nicht zu verdienen, einen 
Titel, den die Franzosen in ihrer gewohnten An- 
maßung ihrem Lande verliehen haben. Auch der Weg 
zwischen Paris und Straßburg rief in mir keine höhere 
Bewunderung wach, langweilige Felder, schmutzige 
Dörfer, ähnlich denen in Polen, armselige Wälder, ärm- 
liche und vernachlässigte Hütten vermögen nicht ein 
schönes Bild zu formen. Erst als wir uns dem Elsaß 
näherten, fanden sich pittoreske Aussichtspunkte, man 
merkte es, daß Deutschland sich ankündigte. Der An- 
blick von Saverne (Zabern) war z. B. reizend. 

Wenn auch Frankreich in seinem größten Teil — 
die Ufer der Loire, die Normandie und die Pyrenäen 
nehme ich aus — keine so romantisch-schönen Gegen- 
den hat, woran Österreich so reich ist, so sind doch seine 
Städte viel hübscher und vorgeschrittener, besonders 
was ihre Industrie anlangt. Das Leben in denselben ist zu- 
dem viel behaglicher, die gute Küche wird hier vielmehr 
gepflegt und geschätzt, wie in unseren traurigen Pro- 
vinzstädten, wo man die Feinschmeckerei gar nicht kennt . 

Nancy ist eine reizende Stadt, seine Hauptzierde bildet 
sein Palast der Herzoge von Lothringen; im übrigen 
mußten die Andenken an seine frühere Unabhängigkeit 

233 



den Anforderungen der eleganten, für die Regelmäßigkeit 
besorgten modernen Architektur weichen. Ebenso ist 
Luneville eine reizende, anmutige Stadt, die mich um so 
mehrinteressiertejalsinihrMlle.TiVj^r^zwiundihrBruder, 
obwohl sie von S. Die stammten, lange gewohnt hatten. 
Außer dem Konfekt in Bar und den Bonbons in 
Verdun wüßte ich nichts Interessantes mehr von un- 
serer Fahrt bis Straßburg zu erzählen. Dort erregten 
die Pasteten, die hübschen Terrinen und das Münster 
natürlich unsere Aufmerksamkeit. Da diese Merk- 
würdigkeiten aber in ganz Europa bekannt sind, will 
ich nicht weiter davon sprechen. Im übrigen mißfiel 
mir Straßburg jedoch; ich liebe die Grenzstädte nicht, 
sie weisen nur selten einen ausgesprochenen Charakter 
auf und ihre Bewohner wollen gar zu gerne, dem flie- 
genden Fisch aus der Fabel gleich, an der Scheide von 
Luft und Wasser sich ergötzen. Rasumoffsky hatte für 
Straßburg eine Vorliebe und widmete daher dieser 
Stadt einen Tag mehr. Er war dort nämlich erzogen 
worden. Zu seiner Zeit genossen die dortigen Schulen 
einen besonderen Ruf und wurden von den jungen 
Adeligen aller Länder besucht. Aus diesem Grunde 
hatte der Marschall Rasumoffsky seinen Sohn hierher 
geschickt. Andreas hatte also diesen Aufenthaltsort 
seiner Jugend in treuer Erinnerung und trotz der 60 
seither verflossenen Jahre ließ er es sich angelegen sein, 
sie mit einer gewissen Wehmut aufzufrischen. Wie 
auch die Gaben sein mögen, die uns das Leben be- 
willigte, scheinen sie uns nicht schal im Vergleich zu 
jenen, die uns die Träume des Lebensfrühlings vor- 
gaukelten ? Und erst seine Freuden ohne Wermut, 
ohne ein Morgen, deren flüchtige Wonne mit den 
leuchtenden Bildern des Schlafes innig verschmolzen ? 

234 



J 



„There is not a joy the world can give, like that it 
takes away, when the glow of early thoughts decKnes 
in feeling's dull decay." 

Es gibt Grenzen, welche die Natur vorschrieb und 
die die Menschen beachten sollten; so wird der Rhein 
trotz aller Verträge während Generationen, trotz aller 
Sympathie- und Anthipatiebezeugungen und trotz aller 
Revohitionen immer die wirkliche Grenze zwischen 
Frankreich und Deutschland sein. Das linke Ufer des 
Rheins Ist seinem rechten ganz unähnlich, der Anbau 
der Felder, das Aussehen des Landes, der Wälder, 
Wohnungen und die Bewohner selbst sind gänzlich 
verschieden. Man muß es aber gerechterweise sagen, 
der Unterschied spricht ganz für Deutschland. Ich 
spreche hier nicht von der geistigen EigentümHclikeit 
der Völker, sondern nur von dem, was einem offenen 
Kopfe in die Augen fällt. Man bemerkt hier eine Ord- 
nung, einen Wohlstand, eine Ruhe und ein landwirt- 
schaftliches Verständnis, wie man es in Frankreich ver- 
gebens sucht, und zwar schon sofort nach Überschreiten 
der deutschen Grenze. Selbst die Natur hat hier ein 
heiteres und reicheres Gewand, weil man sie mehr her- 
ausputzt. Es sind eben zwei Männer von gleichem Ver- 
mögen, von denen der eine jedoch einen schmutzigen 
Rock, der andere ein sauber gebürstetes Gewand trägt. 

In Mannheim wollte sich Rasumoffsky einige Tage aus- 
ruhen, wir benützten daher unseren Urlaub, um eine 
Fahrt längs dem Rheinufer bis gegen Koblenz zu machen. 
Wir kamen aber nicht weiter, als bis vor die Ruinen von 
Bacharach; die Wagendeichsel brach plötzlich, als wir 
einen steilen Hang hinabfuhren, unsere Pferde scheuten, 
warfen den Postillon vom Bock und stiegen in die 
Höhe, da der Deichselstumpf ihre Weichen verletzte. 

235 



Wir waren in Gefahr, entweder an den Felsen zer- 
schmettert oder in den Strom geworfen zu werden. 
Unser braver Bediente Fritz jedoch ergriff die Zügel 
und suchte die rasenden Tiere zurückzureißen. Vor 
Schmerz außer sich, drängten sie aber gegen den Rhein 
und setzten schon ihre Hufe auf das Geländer, das 
uns vom Abgrund trennte. Wir schienen verloren, als 
Fritz uns aus der Kalesche riß. Diese stürzte um, und 
die zitternden und ganz erschöpften Pferde fielen zu 
Boden. Der Postillon kam nun auch herbei und spannte 
die Tiere aus. So war denn jede Gefahr beseitigt, nur 
meine Kammerjungfer Angiolina^), die noch ihren 
Ridicule aus dem Wagen retten wollte, wäre beinahe 
von diesem zermalmt worden. An den Füßen zog man 
sie noch rechtzeitig heraus. So wankten wir drei bebend 
und niedergeschlagen zu Fuß nach Bacharach und woll- 
ten am anderen Morgen unsere Fahrt fortsetzen, als wir 
bemerkten, daß die Kalesche in der Richtung gegen 
Bingen vorgefahren war. Dieser Irrtum des Postillons 
schien uns ein Wink des Himmels zu sein. Wir standen 
von unserer Absicht ab und um uns zu entschädigen 
und nicht, ohne etwas gesehen zu haben, nach Mann- 
heim zurückzukehren, fuhren wir von Mainz nach Frank- 
furt a. M. Im Römer fiel mir die Frische der Kaiser- 
bilder auf; es wäre besser, sie dunkel und mit dem 
Staub der Jahrhunderte bedeckt zu sehen, die sie durch- 
schritten haben. Die Idee, an Stelle der alten Bilder 
neue, oft in sehr dramatischen figuralen Posen zu hän- 
gen, konnte auch nur dem Gehirn von Krämern ent- 
sprungen sein. Kein Edelmann würde auf diese Weise 

i) Angiolina Legnani, gest. 1864, zuerst Kammerfrau bei der 
Verfasserin, dann bei Gräfin Josefine Contarini-Thürheim, spielte 
später bei der Hochzeit der Gräfin Lulu eine Rolle. 

236 



die Spuren der Vergangenheit verlöscht haben; ein sol- 
cher achtet sie vielmehr, weil er sich in ihnen wiederfindet. 
Über Darmstadt langten wir spät abends in Mannheim 
an, wo uns Rasumoffsky schon mit einiger Besorgnis er- 
wartete. Am nächsten Tage ging es über Schwetzingen 
nach Heidelberg, unserer Nachtstation. Eine wirkliche 
Freude empfand ich hier, als ich in einer Tischplatte in 
unserer schlechten Herberge den Namen meines Bruders 
und die Jahreszahl 1815 mit einem Messer einge- 
schnitten entdeckte. Er war damals in der Suite des 
Marschalls Schzvarzenberg durch Heidelberg gekommen. 

In München hielten wir uns vier Tage auf. „Diese 
Stadt, die König Ludwig^) zum deutschen Florenz er- 
heben will, macht seinem modernen Medici alle Ehre. 
Überall neue Straßen, begonnene Gebäude und Fresken 
unter den Arkaden, die dem Bayern von seiner Geschichte 
erzählen und in seinem Herzen Liebe zum Vaterland 
und zu den schönen Künsten erwecken. Die Pinakothek, 
Glyptothek, der Königspalast, die Kapelle und mehrere 
Kirchen sind im Bau, das Theater ist vollendet. In weni- 
gen Jahren wird München zu den bedeutendsten Städten 
gehören, und der Strom der Fremden wird gar bald die 
Ausgaben für die Gebäude hereinbringen. München 
wird seinem Ludwig Ruf und Reichtum verdanken. 

Dieser Herrscher, der nur Gutes will, der ein Pro- 
tektor des Ackerbaues, Handels und der Künste ist, 

i) Ludwig /., 1825 — 48 König von Bayern, geb. 1786, gest. 1S68, 
Erbauer der prachtvollen Kunstbauten in München, wie des Odeons, 
der Pinakotheken, der Glyptothek u. a. Er war voll Begeisterung 
für die Hellenen, denen er ja auch seinen Sohn Otto zum Könige 
gab. In seinem politischen Wirken war er dagegen meist unglück- 
lich. Infolge der Märzrevolution und des durch Lola Montez 
heraufbeschworenen Konfliktes mit seinem Ministerium dankte 
er am 20. März 1848 zugunsten seines Sohnes Max ab. 



der seine Armee verminderte, indem er sagte, ein Staat 
dritten Ranges müsse sich an seine mächtigeren Nach- 
barn anlehnen, nicht aber ihnen Widerstand leisten, 
dieser so richtig urteilende Fürst genießt im Ausland 
keine Bewunderung und im eigenen Reiche kaum Liebe, 
Dies kommt daher, weil er trotz aller vortrefflichen 
Eigenschaften und großen Tugenden in seinen Ma- 
nieren und seiner Moral etwas Übertriebenes, Burleskes 
hat, das ihn lächerlich macht. Die Menschen aber lieben 
nur den, der ihnen imponiert. Auf mich macht König 
Ludwig den Eindruck eines „Weisen im Narrenkleid". 
Diese Ungereimtheit in seinem Charakter zeigt sich 
auch in seinem Geschmack; trotz seiner großen Vor- 
liebe für das griechische Altertum ist er doch weit da- 
von entfernt, dessen Reinheit erfaßt zu haben. Seine 
Bauten haben oft einen gutbürgerlichen, fast möchte 
ich sagen, parvenuartigen Anstrich in bezug auf die 
architektonische Ausschmückung. Die Lebhaftigkeit der 
Farben spielt dabei eine zu große Rolle, Blau und Gold 
treten zu stark hervor. So erinnert die Glyptothek trotz 
ihrer edlen äußeren Architektur durch die Vergoldung 
und buntscheckige Malerei im Innern der Säle ein 
wenig an ein modernes Cafe. Übrigens sind die Statuen, 
zu deren Aufnahme die Glyptothek bestimmt ist, noch 
nicht darin aufgestellt, ich sah nur eine kleine Anzahl 
davon, darunter auch die, welche in Ägina gefunden 
wurden, und die ich in Rom gesehen hatte. Die Bilder, 
welch« die Pinakothek schmücken sollen und die der- 
zeit noch sehr unvorteilhaft in ihren früheren Räumen 
hängen, sowie die Gemälde der Galerie des Herzogs 
von Leuchtenberg^), wahre Schätze, würden einen eige- 

i) Das Palais Leuchtenberg, nachmaliges Palais des Prinzregenten 
Luitpolt. 

238 



\ 



nen Artikel verdienen, wenn ich sie nicht nur im Fluge 
besichtigt hätte." 

Unsere Zeit war aber gemessen, die Luft des Vater- 
landes, die wir einzuatmen vermeinten, sobald wir den 
bayerischen Dialekt sprechen hörten, verursachte uns 
eine Art Heimweh, unser Herz fing zu schlagen an, 
wenn es an die Freuden dachte, die seiner warteten, und 
so verblich alles übrige um uns. Wir hatten in München 
auch alte Freunde gefunden. Leopold Zandt^) und der 
frühere Oberst (jetzt General) Graf Seyssel^) eilten her- 
bei, als wir ihnen unsere Anwesenheit bekannt gegeben 
hatten. Es war reizend, sich wiederzusehen und von 
vergangenen Tagen zu sprechen. Max Zandt war ab- 
wesend, aber sein Bruder, ebenso gutmütig, ebenso 
närrisch und in seine „Gräfin Rosamunde" (wie er 
meine Schwester Konstantine ehemals genannt hatte) 
ebenso verliebt, wie vor Jahren, wurde unser liebens- 
würdiger Führer durch München. Mit ihm durchwan- 
derten wir die schönen Gärten der Stadt und Nymphen- 
burgs, wie auch die Galerie von Schleißheim, die ebenso 
steif, kalt und langweilig war, wie dieses garstige Schloß 
selbst und seine traurige Umgebung. Der heitere Über- 
mut Leopolds allein konnte ihm Verzeihung bringen 
für die verlorene Zeit, die wir für diese öde Galerie auf- 
gewendet hatten. Ich verließ München, indem ich es 
tief bedauerte, Max Zandt, diesen Traum meiner Ju- 
gend, nicht wiedergesehen zu haben. War denn dieser 
Traum gleich allen jenen, die meine junge Phantasie 
erschuf, als ich noch an Vollendung und Glück glaubte, 
wie ein Blendwerk entschwunden ? — 

i) s. Bd. I. 321. 
2) s. Bd. I. 321. 



239 



llltllllllUIIIIIIIIIIMIIIIIMItlHHIlM 



6. PRÜFUNGEN 

XXXIV. DAS VATERLAND UND SEINE 
SORGEN 

Da wir einen längeren Aufenthalt in Schwertberg 
nehmen wollten, begaben wir uns zunächst nach 
Wien und Baden, um dort Isabella zu sehen, die ihre 
kleine Nichte Ghisilieri, von der ich 1822 in Bologna 
sprach, dort die Bäder nehmen ließ. Josef und Leo 
sahen uns bei der Durchfahrt durch Enns. Mein Bruder 
war über den Tod der guten Judith Marcotin, die er 
während ihrer langen Krankheit Tag und Nacht ge- 
pflegt hatte, noch immer tiefbetrübt. Isabella, ebenso 
wie ihre Kinder (Sohn und Nichte) fanden wir in 
bester Gesundheit, doch gelang es uns nicht, sie für 
unsere Fahrt nach Schwertberg zu gewinnen. Sie schien 
Kummer zu haben und reiste einige Tage später nach 
Kärnten ab. Da Wien noch ganz menschenleer war, 
fuhren Konstantine und ich gar bald nach Schwertberg 
und Rasumoffsky folgte uns nach. 

Ich weiß nicht, aus welchem Grunde ich mein Tage- 
buch beinahe ein Jahr hindurch ganz vernachlässigte, 
ich finde erst im Juli 1827 wieder die erste Eintragung. 
Ich will daher aus dem Gedächtnisse der Ereignisse 
gedenken, die sich während dieses Winters zutrugen. 
Eine leise Vorahnung hatte mir gesagt, daß ich in 
meinem Vaterlande und am Herde unserer Familie 
Kummer und Sorge vorfinden würde. Unser Aufent- 

240 



halt in Schwertberg, auf den wir uns so gefreut und für 
den wir sogar unseren Pariser Sejour abgekürzt hatten, 
brachte mir weder den Frieden, noch den Zauber, wel- 
chen er vier Jahre zuvor für mich gehabt hatte. Die 
Stimmung meines Bruders war eine andere geworden, 
vier Jahre harter Arbeit, um seine Vermögensverhältnisse 
zu ordnen, hatten keinen Erfolg gehabt, Mutlosigkeit 
und Langeweile folgten, und der Ehrgeiz seiner vollen 
Manneskraft stellte ihn vor eine peinliche Situation und 
eine trostlose, Entbehrungen und Vergessenheit ber- 
gende Zukunft. Der wohltätige Einfluß Josejinens 
fehlte ihm außerdem, bei ihr hatte er immer Rat und 
Trost in seinem Kummer, Zerstreuung in seinen freien 
Stunden und jederzeit eine grenzenlose Anhänglichkeit 
gefunden. Die Lücke, welche die Abreise meiner Schwe- 
ster gerissen, war geblieben. Die selbstsüchtige Liebe 
und der unlogische, wenig weitsehende Verstand meiner 
Schwägerin Leo konnten Josef keinen Ersatz bieten. 
So hatte sie sich, ohne Ahnung, welche Gefahr die häus- 
liche Langeweile ihrem eigenen Glücke bringen könnte, 
einem Vorschlag mit aller Heftigkeit widersetzt, den 
ihr Schwager, der Graf Anton Zichy'^), österreichischer 
Gesandter in Berlin, ihrem Gatten machte. Er wollte 
ihn nämlich gelegentlich einer diplomatischen, vorüber- 
gehenden Mission nach Paris mitnehmen. Diese Reise, 
auf die sich Josef wie ein Kind freute, hätte zwei 
Monate gedauert, ihm fast keine Auslagen bereitet und 
wäre für ihn wahrscheinlich von großem Nutzen ge- 
wesen, denn Graf Zichy wollte ihn während dieser Zeit 

i) Stefan (nicht Anton) Graf Zichy, geb. 13. 4. 1780, gest. 8. 6. 
1853 zu Wien, k. k. Km., Geh. Rat und früherer Botschafter in 
Petersburg, heiratete 26. 7. 1803 Franziska Gräfin Starhemberg 
(1787 — 1864), die Schwester der Leopoldine Gfin. Thürheim. 

16 M. L. III ^4^ 



an seinen Arbeiten teilnehmen lassen und war wohl in 
der Lage, das Talent und die geleisteten Dienste beim 
Fürsten Metternich hervorzuheben und Josef so eine 
diplomatische Anstellung zu verschaffen. Es würde sich 
diesem eine ehrenvolle und gut bezahlte Karriere, auf 
alle Fälle aber eine Gelegenheit geboten haben, um 
auf einige Zeit der Monotonie seiner Häuslichkeit zu 
entrinnen und nach seiner Rückkehr den Reiz des 
Familienlebens wieder voll zu empfinden. Das Opfer, 
welches er seiner Frau zuliebe brachte, kostete dem 
Gatten große Überwindung und brachte der Gattin 
keinerlei Nutzen. 

Die pekuniäre Lage verursachte außerdem meinem 
armen Bruder große Verlegenheiten. Er kam aus der 
Geldnot nicht heraus, alle seine Freunde, wie Thun^), 
Tony Starhemberg^) usw., besonders aber die Ver- 
wandten seiner Frau, Fürst Schwarzenberg u. a., denen 
er einen sehr vorteilhaften Gutskauf angetragen hatte, 
wozu ihm selbst das Geld mangelte, trösteten ihn nur 
mit Hoffnungen, die sie nie erfüllten. Dies ist der 
Nutzen großer Verbindungen! 

Konstantine und ich verbrachten einige Wochen in 
Schwertberg, dann machten wir nach einem Umweg 
über Steyr und Gmunden einen Besuch beim Fürsten 
Ludwig Starhemberg^) in Eferding, wo uns Rasumoffsky 
Rendez-vous gegeben hatte. Auch Josef und seine 
Familie kamen hin und so konnten wir noch mehrere 
Wochen mit ihnen sein. Das Ehepaar Starhemberg 
besaß jene Liebenswürdigkeit des Herzens und Geistes, 
zu der eine kummerlose Jugend den Samen gelegt 

i) s. Bd. II. 213. 

2) s. Bd. I. 96 u. II. 274. 

3) s. Bd. I. 12 u. II. 171. 

242 



hatte und deren Früchte jetzt ein zufriedenes Alter 
erntete. 

In ihrer wechselseitigen Liebe und herzlichen Gast- 
freundschaft glichen sie Philemon und Baucis. Dabei 
hatte sich die Zärtlichkeit des Fürsten nicht immer nur 
auf seine Frau allein beschränkt, in seiner Jugend war 
er ihr mehr wie einmal untreu gewesen, er vermochte 
ihr jedoch mit einem seltenen Geschick ein solch blindes 
Vertrauen einzuflößen, daß die Fürstin nie auch nur 
das Geringste davon ahnte. Übrigens hatten die uner- 
müdlichen kleinen Aufmerksamkeiten des Gatten, seine 
Beweise einer herzlichen Zuneigung und seine liebens- 
würdigen, reizenden Umgangsformen, die er niemals 
vernachlässigte, aus der Fürstin Starhemberg die glück- 
lichste aller Frauen gemacht. 

Zu Ende unseres Eferdinger Aufenthaltes ereignete 
sich leider ein Unfall, der der Anfang einer Reihe von 
Sorgen sein sollte, die uns der Himmel beschied. Rasu- 
mofjskyy der mit dem Fürsten und meinem Bruder viel 
jagte, kehrte eines Abends nach Hause zurück und be- 
gann dann eine Rolle zu memorieren, die er in einem 
Theaterstück spielen sollte. Am nächsten Abend nach 
dieser Überanstrengung, als mein Schwager von der Jagd 
heimkam, bemerkte er, daß er auf einem Auge fast 
nichts mehr sah und einige Wochen später war er auf 
diesem Auge vollkommen blind. Bei unserer Rückkunft 
nach Wien, wo die Augenärzte die Blindheit konsta- 
tierten, hätte Rasumoffsky durch die Unwissenheit des 
Dr. Jäger"^), des Schützlings Metternichs, dessen ganzes 

i) Friedrich yägfr, Ritter \onyaxtthal, geb. zu Kirchberg a. d. Jaxt 
1783, t 1871, Dr. med. und bekannter Augenarzt, k. k. Rat, Er 
stellte 1819 den in Italien erkrankten und von den italienischen 
Ärzten schlecht behandelten Dichter Grillparzer nach kurzer Zeit 
wieder her (s. dessen sämtl. Werke XV. S. 91) und begründete in 

x6» 243 



Verdienst in seinem prahlerischen Auftreten lag, bei- 
nahe das Leben eingebüßt. Dieser von Rasumoffsky zu 
Rate gezogene Ignorant gab ihm ein so stark ziehendes 
Blasenpflaster hinter das Ohr, daß der Arme davon eine 
Kopfrose mit einem so starkem Fieber bekam, daß er 
am Rande des Grabes stand. Als diese Gefahr endlich 
vorüber war, konsultierte ich den Dr. Jäger eines Mor- 
gens über den Zustand meines Schwagers; ich bat ihn, 
er möge mir unter Ehrenwort anvertrauen, ob er Hoff- 
nung habe, dem Kranken das Augenlicht noch zu 
retten. Zu meinem Entsetzen versicherte er mir, der 
schwarze Star habe das eine Auge befallen und in zwei 
Jahren würde das andere Auge ebenso krank sein. Voll 
Verzweiflung kehrte ich mit diesem grausamen Ge- 
heimnisse, das ich vor allen verbergen mußte, nach 
Hause zurück. Trotz aller Hoffnungen Rasumoffskys 
und seines guten Dr. Bückner^ und obwohl sich der Zu- 
stand meines Schwagers zu bessern schien, versetzte 
mich der schreckliche Urteilsspruch in tiefe Trauer. 
Ich vermochte den Kranken nicht anzusehen, ohne an 
das erbarmungswürdige Los zu denken, das sein Alter 
bedrohte und dieser Gedanke verdarb mir den ganzen 
Winter. Und dennoch war das Jägersche Gutachten 
vollkommen falsch, und wurde von einem anderen, ge- 
schickteren Okkulisten widerlegt, der nur den grauen 
Star auf einem Auge konstatierte, während das andere 
bis zum Tode meines Schwagers, zehn Jahre später, 
ganz gesund blieb. 

Andere Sorgen vermehrten meinen Kummer. Isa- 

Österreich eine neue Aera in der Ophthalmologie. Auch regenierte 
er das türkische Sanitätswesen und war der Hausarzt des Fürsten 
Metternich, den er auf seinen Reisen begleitete. Es existieren von 
J. Bruchstücke von wenig bedeutenden Memoiren. 

244 



bella, die von ihrem Landaufenthalt zurückkehrte, ge- 
stand uns endlich ein, daß ihr Gatte ruiniert sei. Die 
Unredlichkeit eines Verwalters, die ehrenwerten, aber 
übertriebenen Ausgaben, welche Graf Goess in Venedig 
als Statthalter und in Wien als Vizekanzler gemacht, 
der Mißbrauch, den schurkische Leute mit seiner Güte 
und Großmut getrieben, alle diese Ursachen im Ver- 
eine hatten die Katastrophe herbeigeführt, die Isabella 
uns seit langem verbergen wollte, jetzt aber gezwunge- 
nermaßen offenbaren mußte. Die finanzielle Lage Rasu- 
moffskys bot uns damals eine kaum tröstlichere Aus- 
sicht, als die meines anderen Schwagers. Der zur Re- 
gierung gelangte Kaiser Nikolaus'^) schien wenig ge- 
neigt, gegen Rasumoffsky dieselbe Nachsicht anwenden 
zu wollen, wie sein Bruder Alexander; er forderte die 
Interessen der schuldigen Summe für die Krone ein 
und dies gerade in einem Augenblicke, da mehrere 
Mißjahre meinen Schwager fast seines ganzen Einkom- 
mens aus der Ukraine beraubt hatten. Es wurde eine 
Reise nach Rußland für den kommenden Frühling be- 
schlossen und da der Gesundheitszustand Konstanti- 
nens deren Teilnahme nicht erlaubte, so sollte ich 
wiederum der Begleiter auf dieser langen und traurigen 
Fahrt sein. So verstrich der Winter, die schalen Ver- 
gnügungen Wiens konnten meine Laune nicht auf- 
heitern, da machte plötzlich eine neue Erkrankung 
Rasumoffskys das ganze Reiseprojekt zu nichte. Der 
Hausarzt verordnete für ihn und Konstantine Karlsbad. 

i) Rasumoffsky hatte den Tod Kaiser Alexanders I. in Paris er- 
fahren und richtete nun in den Jahren 1826 — 29 verschiedene 
Petitionen an Nikolaus I., infolge deren die Zahlung seiner Schuld 
immer wieder hinausgeschoben wurde, (s. Brückners französische 
Ausgabe der „Razoumowski" von Alex. Wassiltschikow, Halle, 
1894, S. 239—246). 

245 



Durch diese Entscheidung, die allmähliche Genesung 
meines Schwagers und einige beruhigende Briefe aus 
Rußland schien sich mein Horizont ein wenig aufhellen 
zu wollen, der anbrechende Frühling tat auch das 
Seinige und, um alle Nebel zu zerstreuen, traf noch 
Josefine, die von der Vizekönigin einen Urlaub er- 
halten hatte, bei uns ein. 

Als ich meine gute Josejine bei mir hatte und mit 
ihr auf dem Rasen des herrlichen Parkes meines Schwa- 
gers, von Fliederbüschen umgeben und von den Wohl- 
gerüchen und der milden Luft des Lenzes berauscht, 
saß, da vermochte ich ihr mein Herz zu eröffnen, ich 
fühlte es, wie eine Sorge nach der anderen daraus ent- 
wich und Hoffnung und Ruhe darin einkehrten. O, 
die Freundschaft ist doch ein Schatz und Josefine 
war eben eine ausgezeichnete Freundin! 

In diesen Tagen war es auch, daß Josef ine mir ein 
Geheimnis anvertraute, welches ich bereits halb erraten 
hatte. In Mailand hatte sie die Bekanntschaft eines 
Venezianers, des Grafen Franz Contarini^) oder vielmehr 
Contarini kurzweg, da er als Nachkomme von neun 
Dogen den Grafentitel verschmähte, gemacht. Ver- 
mögenslos — er hatte die geringe Erbschaft seines Va- 
ters verbraucht — diente er, um leben zu können, als 
Sekretär beim Gouvernement und ertrug widerwillig, 
aber mit Ergebung die Schikanen und Ungerechtig- 
keiten, denen besonders die Venezianer in Österreich 
ausgesetzt waren. Meine Schwester erkannte in Con- 
tarini trotz seiner großen Reserve und Abgeschlossen- 
heit, in der er in Mailand lebte, einen geistreichen, gut 
erzogenen und edlen Menschen. Von höchst mittel- 
mäßigen, um nicht zu sagen, einfältigen Wesen am 
i) s. Ahnentafel der Verfasserin Bd. I. S. XII. 

246 



Hofe der Vizekönigin umgeben, fühlte sich Josefine 
glücklich, dort, wo auch Contarini infolge seiner Stel- 
lung aus und ein ging, einen Mann kennen zu lernen, 
dessen geistvolle Gespräche ihr eine seltene Zerstreu- 
ung boten. Sie suchte ihn in seiner Einsamkeit auf und 
er vergalt diese Auszeichnung mit einer grenzenlosen, 
einzigen Liebe, wie sie nur einsame Seelen fühlen kön- 
nen. Gar bald erwiderte sie diese und sie wurde für 
beide eine Quelle des Glücks aber auch der Sorge. Ja, 
wenn die Liebe, jener vom Himmel entsandte Engel, 
auch auf Erden die Vorrechte seines göttlichen Ur- 
sprunges beibehalten könnte! Aber hienieden ist es 
anders, auch die ehrlichste Liebe hängt vom Gelde ab. 
Weder Contarini, noch meine Schwester besaßen aber 
etwas davon, sie hätte ihre vorteilhafte Stellung aufge- 
ben müssen und die Bezüge eines Sekretärs konnten 
auch für einen Haushalt zu zweit nicht hinreichen. 
Eine ungewisse, dunkle Zukunft schien sich ihnen auf- 
zutun und selbst die Gegenwart gehörte ihnen oft 
nicht, denn die häufigen Reisen der Vizekönigin nötigten 
sie nicht selten zu langen Trennungen. Die Launen der 
Erzherzogin^), meiner Schwester gegenüber, die Unan- 
nehmlichkeiten des Bureaulebens für Contarini anderer- 
seits waren nicht dazu angetan, um diese Perioden der 
Trennung zu erheitern. Den vertraulichen Mitteilun- 
gen meiner Schwester nach konnte ich wohl den Schluß 
ziehen, daß die Liebe ihrem Leben ein neues Interesse, 
aber gleichzeitig eine gehörige Bürde von Sorgen ge- 
geben hatte. Die Hoffnung blieb ihr jedoch und so 
suchten wir denn nach Mitteln, um sie zu verwirk- 
lichen, indem wir nach Protektoren für Contarini 

i) Die Vizekönigin war sehr liebenswürdig, sehr schön, aber launen- 
haft ohnegleichen. (Notiz d. Verf.) 



Ausschau hielten. Der weitere Verlauf meines Berichtes 
wird zeigen, ob die Sache leicht war und wie sie gelang. 
Ende Mai kehrte Josefine nach Mailand zurück 
und wir machten nun unsere Vorbereitungen für Karls- 
bad. Dort erwarteten uns schon mehrere unserer 
Freunde, darunter der Graf de La FerronnaySy der von 
St. Petersburg angekommen war. 



IIIIIIIIIIMIttIHMIHIIItt 



248 



XXXV. GRAF AUGUST DE LA 
FERRONNAYS 

Ich kenne niemanden, dessen Konversation mir mehr 
gefiel, als die des Grafen de La Ferronnays, ich fand 
in ihr alles vereint, was bei anderen Menschen nur ver- 
zettelt vorkommt. Ich mußte immer nur bewundern, 
ich empfand stets seine Überlegenheit und weit davon 
entfernt, darüber empört zu sein, zog ich es vor, mich 
in seiner Gesellschaft einfältig zu finden, als geistreich 
unter anderen Leuten. Fünf Jahre hatte ich ihn nicht 
mehr gesehen und während dieser Zeit auch niemanden 
getroffen, der auf mich die gleiche Wirkung ausgeübt 
hätte, nunmehr traf ich ihn täglich. 

„Gestern (12. Juli 1827) entschleierte er mir in einer 
vertrauten Plauderstunde und mit dem Zauber seines 
Verstandes seine ganze Seele; zwei gute Dinge also auf 
einen Schlag! Als dieser schöne Augenblick vorbei, 
dachte ich noch eine Weile darüber nach und obwohl 
ich mir sagen mußte, daß er mir wohlgetan habe, so 
empfand ich doch eine Art Kummer in meinem Innern. 
Die Ursache war folgende. Mein Herz verbarg seit langer 
Zeit große und kleine Kümmernisse, über die ich mit 
niemandem spreche, da mir ja doch kein Mensch helfen 
kann und ich sie nur um so mehr empfinde, je mehr ich 
von ihnen spreche. Dennoch hat meine Seele das Be- 
dürfnis, sich mitzuteilen und verdorrt, wenn sie sich 
derart einspinnen soll. Meine Sorgen dem Busen eines 

249 



Freundes anzuvertrauen, der darunter nicht leiden 
muß, sondern nur Mitleid zeigt, scheint mir die größte 
Erleichterung zu sein, die man sich wünschen kann. 
Diesen Freund hatte ich gefunden, er sprach so zu mir, 
wie ich zu ihm hätte sprechen wollen, ich war ihm auch 
für den Augenblick das, was ich ihm zu sein wünschte, 
seine Freundin, — aber während er erzählt, denkt er 
schon nicht daran, daß ich auch Kummer haben könnte, 
er ist nur mit sich selbst beschäftigt und mein armes 
Herz ist selbst an der Seite dieses Freundes vereinsamt. 

Ich hätte gar manche Dinge meinem Tagebuch an- 
zuvertrauen oder vielmehr Erbärmlichkeiten auf mei- 
nem Lebensweg zu verzeichnen, ähnlich, wie man ein 
Kreuz aufstellt, um die Passanten auf gefährliche Stellen 
aufmerksam zu machen. Aber ich habe schon zu viel 
von mir gesprochen. Was bin ich denn im Leben in 
Anbetracht der Stellung, welche darin meine Freunde 
einnehmen ? Die Angelegenheiten Rasumoffskys ver- 
schlimmern sich von Tag zu Tag. Eine Brandkata- 
strophe hatte einen großen Teil seiner Bauern in Ba- 
turin an den Bettelstab gebracht, Heuschrecken- 
schwärme fraßen die Feldfrucht auf und der Verwalter 
starb drei Tage nach diesem Unglück. Dieses Übermaß 
von schlechten Nachrichten gibt keine Hoffnung, daß 
der Himmel den Prüfungen, die er über meinen armen 
Schwager verhängt hat, ein Ende machen will. Es ist 
recht hart, den Leidensbecher im Alter leeren zu müssen, 
wie soll man gegen dessen Widerwärtigkeiten ankämpfen, 
wenn man selbst aller Hoffnung beraubt ist ?" 

Ferro7inays hatte mich den Sommer über mit seinen 
Aufmerksamkeiten und Beweisen aufrichtiger und zärt- 
licher Freundschaft verwöhnt; ich gab mich dem Zau- 
ber dieses eigenartigen Genusses, der mich nicht mehr 

250 



Zu Bd. III, S. 250/251 




August Peter Graf de La Fcrroniiays (1777 — i^^-) 



Aus dem roten Album der Verfasserin (1827) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



beunruhigen konnte, hin, Ich sagte mir, er werde mir 
ein lebenslänglicher Freund sein, ich würde ihn wohl 
wenig sehen, ihm aber oft schreiben, seine starke, feurige 
Seele werde die Stütze der meinen sein, die in den 
Stürmen des Lebens so oft den Mut sinken ließ. Da er 
alles dies selbst versprach, so war ich ruhig und glück- 
lich. Doch plötzlich merkte ich, daß Nany Esterhdzy'^) 
mit ihm kokettierte und ihn eine wahre Neigung er- 
raten ließ, infolgedessen der Graf, trotz seiner 50 Jahre 
geschmeichelt und entzückt, sich verliebte und die 
Freundschaft zu mir vergaß. Hatte ich das verdient ? 
Übrigens konnten weder er, noch sonst jemand ahnen, 
wie es in meinem Innern aussah. Wir verkehrten auf 
demselben vertrauten Fuße, wie früher. Mein Herz 
allein kannte die Schattierungen, die Nuancen, die ihn 
von mir trennten. Man wird vielleicht fragen, was ich 
mit diesen Schattierungen sagen will ? Nun gut, ich 
sehe ja, daß sie nichts bedeuten und dennoch bedeuten 
sie das, was den Himmel von der Erde trenntl 

Am 2. September reiste de La Ferronnays ab, wir ver- 
ließen uns, ohne einander nachzutrauern. Mein Ver- 
standhätte ihm wohl noch begegnen mögen, mein Herz 
war ihm jedoch seit langem verloren. Damals, als er 
mir von Petersburg einen so zärtlichen Brief geschrie- 
ben, schmeichelte ich mir, in ihm einen wahren Freund 
zu finden, da ich in seinem Verstand, Charakter, Alter 
und in seiner Stellung alles vereint sah, um eine jener 
ruhigen, aber dauernden Freundschaften zu schließen, 
wie sie in Frankreich bekannt sind und die mit Liebe 
nichts zu tun haben, ihr aber durch ihre Anmut und 
ihren Zauber gleichen. Ich träumte davon, daß die 
Zeit mir nichts rauben könnte, was ich vermissen würde, 
i) s. Bd. I. 368 (Stammtafel). 

251 



Ich war aber erwacht! Nicht mir war dieses Gut be- 
stimmt, ebensowenig, wie das Glück, welches die Liebe 
verleiht und das mir ein grausames Geschick unbarm- 
herzigerweise verschlossen hatte. Indem ich die Zeit 
an meinem Geiste vorüberziehen ließ, seitdem meine 
Seele mündig geworden, fragte ich mich: „Warum 
wurde sie so vertrauend, so feurig, so unendlich hin- 
gebend und beständig erschaffen ? Sollte sie zu jenen 
unnützen Dingen gehören, welche die Schöpfung er- 
füllen, wie die Vögel, welche in menschenleeren Gegen- 
den singen oder die Blumen, die in den Feldern ver- 
welken, ohne irgend jemandem Freude bereitet zu 
haben ? Ach ja, vielleicht wird dies ihre Bestimmung 
werden ?" 

Ich will hier einige merkwürdige Anekdoten des 
Grafen de La Ferronnays wiedergeben, die er mir er- 
zählte. Sie handeln über Kaiser Nikolaus, über ihn 
selbst und über andere Personen. Gerne hätte ich sie 
mir Wort für Wort gemerkt, denn niemand besaß so, 
wie der Graf die Gabe der Erzählung. 

Während der Zeit, da er in Petersburg Gesandter 
war, sogar noch vor der Thronbesteigung Nikolaus, 
bewies dieser Großfürst dem Grafen gegenüber stets 
ganz besondere Achtung und Vertrauen. Sicherlich 
waren die edlen Umgangsformen und die etwas militä- 
rische Offenheit de La Ferronnays um so mehr nach dem 
Geschmacke des Prinzen, als sie in seiner Umgebung 
nahezu fehlten. Von Schmeichlern nicht verwöhnt, 
denn er stand ja nicht in der Gunst des Kaisers Alexan- 
der, sah Nikolaus in den Höflingen nichts anderes als 
elende Speichellecker des Herrschers, er mißtraute 
ihren mißgünstigen Bemerkungen, fürchtete ihre Treu- 
losigkeit und hatte beizeiten dieses den Fürsten so ver- 

252 



derbliche Gezücht verachten gelernt. Die selbstlose 
Liebe eines unabhängigen Mannes, wie es der franzö- 
sische Gesandte war, mußte dem Großfürsten also um 
so mehr gefallen, als politische Interessen beim Grafen 
nicht mitspielen konnten, denn Alexander zeigte bei 
jeder Gelegenheit, daß er seinen Bruder in die Staats- 
geschäfte nicht einweihen wolle. Aus dieser Vorliebe 
des Großfürsten für Graf de La Ferronnays erwuchs eine 
wahrhafte und fast überspannte Zuneigung, sobald 
jener Kaiser geworden. Den ersten und vielleicht 
rührendsten Beweis gab er ihm am Tage seiner Thron- 
besteigung. An diesem denkwürdigen 12. Dezember 
1825 verließ der Graf den Kaiser keinen Augenblick, 
er bemerkte an ihm jene Sicherheit, jene edle und 
ruhige Geistesgegenwart, die einen großen Herrscher 
zu versprechen schienen. Er sah, wie er beim Verlassen 
seines Palastes einem Detachement Soldaten begegnete, 
die den Eid verweigert hatten, wie er mit stolzer Miene 
vor sie hintrat und ihnen mit Donnerstimme zurief: 
„Gehet auf den Senatsplatz (den Versammlungsort der 
Aufrührer), dort werdet ihr mich finden !" Diese Worte, 
die energische Haltung des Kaisers, seine schönen Züge, 
die der Unwille belebte, diese Stirne, worauf die Worte 
„Herr der Welt" zu thronen schienen, dies alles er- 
füllte die abtrünnige Schar mit Achtung und Begeiste- 
rung. Ein allgemeines Hurra und ein „Hoch Kaiser 
Nikolaus" erdröhnten und pflanzten sich durch die 
Reihen der Soldaten fort, die den Kaiser baten, er möge 
sie selbst gegen ihre aufrührerischen Kameraden führen. 
Den weiteren Verlauf dieses denkwürdigen Tages kennt 
man, die Kaiserin-Mutter sagte selbst: „Ein eiserner 
Nikolaus ging er heute morgen fort, ein stählerner kam 
er zurück." 



253 



Als die fremden Botschafter und Gesandten abends 
im Winterpalast ihre Glückwünsche zu der erfolgreichen 
Bewältigung des Aufstandes aussprachen, zeigte der 
Kaiser keinerlei Erregung oder Besorgnis. Als er aber 
darauf den Grafen de LaFerronnays in sein Privatgemach 
eintreten ließ, warf er sich, sobald sie allein waren, unter 
Tränen in seine Arme. Aus dem Helden, der vor keiner 
Gefahr erblich, war ein schwacher, empfindsamer 
Mensch geworden, der in der Erhabenheit seiner nun- 
mehrigen Stellung nur die Zerstörung seines Glückes er- 
kannte. In dieser vertrauten Stunde ließ sich der Kaiser 
ganz offen über seine Lage aus. Dieser schreckliche 
Tag, sagte er, habe ihn die Schwere der Kaiserkrone 
empfinden gelernt, er habe die Erfahrung gemacht, daß 
ein russischer Herrscher niemals auf sein Volk oder seine 
Armee rechnen könne; seine Thronbesteigung sei 
nichts anderes, als eine Katastrophe, die eine Intrige 
herbeiführte, sie erscheine Europa nur als der Sieg 
einer Partei. „Ich selbst," fügte er bei, „ohne Erfahrung, 
ohne Kenntnis der inneren Verwaltung oder der äuße- 
ren Politik, ich, der ich die Liebe meines Volkes noch 
nicht erringen konnte und die der Armee bereits ver- 
loren habe, der ich gezwungen war, an dem Tage selbst, 
da ich das Zepter ergriff, das Blut der Soldaten zu 
vergießen, bin ohne Ratgeber, ohne Freunde und von 
mittelmäßigen, böswilligen und untaugUchen Leuten 
umgeben ! Wie vermag ich die ungeheure Bürde, die mir 
der Himmel auferlegt hat, vorurteilslos zu betrachten ? 
Wie soll ich einer drohenden Zukunft ruhig ins Auge 
sehen und nicht mutlos zusammenbrechen, da ich ihr 
nur meine Seelenstärke und die Reinheit meiner Ab- 
sichten entgegenstellen kann ?" 

In dieser denkwürdigen Stunde, in welcher der junge 

254 



\ 



Autokrat dem Grafen de La Ferronnays sein Innerstes 
enthüllte, erkannte dieser voll Bewunderung die seelische 
Größe, den klaren Verstand, die Energie des Charakters 
und das empfindsame Herz des Kaisers^). Voll Rührung 
sah er ihn mutig den Weg betreten, zu dem ihn das 
Schicksal berufen, obwohl er die Größe seiner Aufgabe 
und die Unzulänglichkeit der zu Gebote stehenden 
Mittel kannte. „Selbst wenn ich der glücklichste aller 
Menschen würde," sagte der Kaiser, „wenn alle meine 
Unternehmungen mir gelängen, wenn ich ein hohes 
Alter erreichte, so könnte ich mir doch kaum schmei- 
cheln, eine Aufgabe begonnen zu haben, die meine Nach- 
folger erst vollenden müssen." Durch so viel Vertrauen 
ermutigt, wagte es de La Ferronnays, ihn über die Gründe 
zu befragen, die ihn veranlaßt hätten, dem Großfürsten 
Konstantin den Eid zu leisten, obwohl er von den 
Familienbestimmungen volle Kenntnis gehabt hätte, 
die ihm die Krone zuerkannten. „Ich habe," antwortete 
Nikolaus, „die Änderungen, welche der Kaiser Alexan- 
der an den Sukzessionsbestimmungen meines Vaters 
vornahm, nie gebilligt, Bestimmungen, die allein ge- 
eignet waren, dem russischen Throne die gleiche Stabi- 
lität zu geben, wie sie die anderen Reiche Europas be- 
sitzen. Besonders hätte ich gewünscht, daß Kaiser 
Alexander diese wichtige Akte öffentlich und in feier- 
licher Weise verlesen hätte, um Europa von meinem 
Rechte auf die Krone zu überzeugen. Ich fand aber 
kein Gehör. Da mir das Alter und die Gesundheit des 
Kaisers die Durchführung dieser Veränderung noch in 
weite Ferne hinausschoben, so hoffte ich, da ihm wie 

i) Die letztere Eigenschaft kann ein Herrscher gerade in unserem 
an Treulosigkeit, Undank und Verderbtheit so reichen Jahrhundert 
beinahe unmöglich bewahren. (Notiz d. Verf.) 



auch Konstantin diese Maßnahme von der Kaiserin- 
Mutter angeraten worden waren, daß er vielleicht noch 
einige Änderungen daran vornehmen würde." Das trau- 
rige Ende Alexanders öffnete Nikolaus betreffs dieses Irr- 
tumes die Augen und ließ ihn die Zweideutigkeit seiner 
Stellung Europa gegenüber klar erkennen. Warum sollte 
übrigens Konstantin nicht in dem Augenblicke, als sein 
Bruder die Zügel der Regierung ergriff, bedauern, daß 
er sie sich durch Rücksichten hatte entschlüpfen lassen^), 
die für ihn keine mehr sein konnten, sobald die Herr- 
schaft wieder an ihn gelangte ? Die Besorgnis also, als 
ein Thronräuber zu gelten, brachte Nikolaus freiwillig 
zu dem Entschlüsse, selbst seinem Bruder den Eid der 
Treue zu schwören und ihn auch die Armee schwören 
zu lassen, da er die Krone nur aus den Händen des- 
jenigen entgegennehmen wollte, dem sie der Geburt 
nach gebührte. Dieser Vorgang, den Konstantin ver- 
kannte, war besonders deshalb ein Fehler, weil er doch 
nicht ehrlich gemeint war. Warum ließ Nikolaus nicht 
den Familienvertrag augenblicklich aufheben und er- 
klären, daß er ihn ohne eine neuerliche Zustimmung 
des Großfürsten Konstantin nicht anerkennen werde ? 
Seit dem Tage, da der Kaiser dem Grafen einen der- 
artigen Einblick in sein Herz gestattet hatte, bewies er 
ihm immer wieder ein besonderes Vertrauen, aber nur 
unter vier Augen; in der Öffentlichkeit wagte er es 
nicht mehr, ihn vor den anderen Gesandten auszu- 
zeichnen. Im vertrauten Gespräche beklagte er sich 
aber oft über die Unbrauchbarkeit der Leute, die er 

i) Konstantin hatte am 24. Mai 1820 ein polnisches Fräulein, die 
Gräfin Johanna Antonowna Grudzynska (1799 — 183 1) geheiratet, 
die später vom Kaiser zur Fürstin v. Lowicz erhoben wurde. 1822 
verzichtete er in einer geheimen Akte auf die Thronfolge. Er ver- 
harrte auch 1825 bei diesem Entschlüsse. 

256 



mangels besserer verwenden mußte. Obwohl er überall 
nach hellen Köpfen Ausschau hielt, fand er doch nur 
Schmeichler und gehorsame Sklaven. Im Vertrauen auf 
den loyalen Charakter des Gesandten zog er ihn bei 
wichtigen Staatsangelegenheiten gerne zu Rate und 
bezeugte ihm eine ebenso schmeichelhafte Achtung und 
Freundschaft, wie sie für de LaFerronnays peinlich waren. 
Konstantin verweigerte es, da er den Edelmut seines 
Bruders nur für Falschheit und Selbstverherrlichung 
hielt, sich nach den Dezemberereignissen nach Peters- 
burg und zur Krönung nach Moskau zu begeben. Für 
die öffentliche Meinung war aber gerade seine Anwesen- 
heit von großer Bedeutung. Als er trotz seines Wider- 
willens erschien, war die Freude und das Erstaunen 
allgemein. Graf de La Ferronnays^ den der Großfürst seit 
langem kannte, verfehlte es nicht, sofort nach seiner 
Ankunft zu ihm zu eilen und ihm zu der allgemeinen 
Begeisterung zu gratulieren, die sein Entschluß, der 
den Glanz des morgigen Festes erhöhen mußte, hervor- 
gebracht hatte. „Ja," sagte Konstantin mit einem 
ironischen Tone, in den sich etwas Bitterkeit mischte, 
„ich werde ein Prunkstück mehr am Wagen des 
Triumphators sein." — „Kaiserliche Hoheit", erwiderte 
der Graf, „morgen wird man kein anderes sehen, als 
Si>." Diese Worte gaben dem Großfürsten seine Heiter- 
keit zurück und anderen Tages wie auch später sah man 
Konstantin immer mit dem Kaiser, nichts war fürder 
mit dem edlen Benehmen des Großfürsten gegen seinen 
erhabenen Bruder vergleichbar, als vielleicht die Hal- 
tung des letzteren gegen Konstantin, womit er ihm seine 
Liebe mit Dankbarkeit vergalt. 

Die Zeitgenossen und die Nachwelt werden dem 
Verhalten der beiden Brüder Bewunderung zollen. Ihr 

17 M.L. III 257 



edler Wetteifer steht in der Geschichte ohnegleichen 
da. Ein Umstand aber, der von wenigen, außer gewissen 
Russen gekannt ist, trübte die Glorie des Großfürsten, 
die sein selbstloser Verzicht auf die Krone ihm in den 
Augen der Mitwelt gegeben. Zum Nachteil der mensch- 
lichen Sittengeschichte verdankte eben Konstantin sein 
Heldentum allem Anscheine nach einem Fehler, der 
das gerade Gegenteil davon war, er war feigherzig. Der 
unnatürliche Tod seines Vaters, seines Großvaters und 
anderer russischer Herrscher hatten ihm die Gefahren 
dieses vom Blut schlüpfrig gewordenen Thrones ge- 
zeigt, so daß er in seiner Krönung nichts als einen 
sicheren Sturz voraussah. Außerdem wußte er, daß ihn 
weder das Volk und noch weniger die Armee, die seinen 
Mangel an Mut kannte und ihn deshalb verachtete, 
liebte. Tpsilanty hatte den Großfürsten zu Beginn des 
Krieges 1813 im Felde gesehen und uns interessante 
Details von ihm erzählt. Von Beginn des Feldzuges an 
verhehlte sich Konstantin nicht, daß es unmöglich sein 
werde. Bonaparte zu besiegen, die größte Mutlosigkeit 
äußerte sich in seinen Reden. Ypsilanti hörte selbst, wie 
er bei Tisch in Gegenwart vieler Generäle und Offi- 
ziere sich in Wendungen erging, die eines Prinzen und 
Soldaten ganz unwürdig waren. Er hinderte dadurch 
sogar die Operationen des Obergenerals, da er immer 
sein Korps vor jedem gefährlichen Unternehmen be- 
wahrt wissen wollte und sich endlich sogar weigerte, die 
Truppen, die er kommandierte, marschieren zu lassen. 
Wegen dieser Subordinationsverletzung mußte sich 
der kommandierende General beschweren, Konstantin 
verschanzte sich hinter seinen Unwillen darüber und 
benützte die Gelegenheit, um auf seinen Besitzungen 
bis zum Einzüge der Allierten in Paris zu schmollen. 

258 



Es ist eigentümlich, wie uns gewisse Fehler empören, 
wenn wir sie bei Prinzen antreffen. Obgleich gewöhnt, 
sie mit Fehlern aller Art behaftet zu sehen, lösen doch 
gerade diejenigen, welche sie erniedrigen, eine ganz be- 
sondere Verachtung in uns aus. Da wir vor ihnen das 
Haupt beugen müssen, bedeutet ihre Schande für uns 
eine Demütigung und ihre Herabwürdigung macht uns 
erröten. 

Ein Beispiel hierfür bietet das geringe Interesse, 
welches Gustav IF.^) trotz seines Unglückes erregte. 
Graf de La Ferronnays hatte ihn früher in England gut 
gekannt und erzählte mir oft von ihm. Die Art, wie er 
sein Herkommen selbst entehrte, indem er erklärte, er 
zweifle, der Sohn des Königs zu sein, die Feigheit, mit 
der er den Thron verließ, das untergeordnete Leben, 
welches er seither führte, nahmen ihm in den Augen 
seiner Zeitgenossen jenes achtungsgebietende Mitleid, 
das man wirklich Unglücklichen zollt. Trotz seiner 
Herabwürdigung entbehrte Gustav nicht einer ge- 
wissen Erhabenheit des Charakters, doch hemmte er 
diesen Anlauf zur Größe durch eine seines Namens un- 
würdige Prahlerei. In seinen Gesprächen und Hand- 
lungen zeigte sich ebenfalls etwas Lächerlich- Wichtiges, 
was abstieß. 

Eines Tages hatte ihm de La Ferronnays irgendeinen 
wichtigen Dienst geleistet, der König dankte ihm in 
überschwänglichster Weise, nahm dann aber unver- 
mutet eine theatralische Pose ein und sagte ihm: 
„Ich besitze nichts auf dieser Welt, ich kann Sie nicht 
belohnen, aber ich kann Ihnen das einzige geben, was 

i) Der unter dem Namen Oberst Gustavsson lebende, 1809 des 
schwedischen Thrones verhistig erklärte König Gustav IV. Adolf 
(1778-1837). 

17* 259 



noch mir gehört, den einzigen Freund, der mich noch 
nicht verlassen hat. Es ist ein wahrhaft königliches Ge- 
schenk." Mit diesen Worten schnallte er seinen Degen 
ab und bot ihn dem Grafen dar. Durch diese Worte zu 
Tränen gerührt, näherte sich de La Ferronnays, um diese 
Gabe in Empfang zu nehmen und dem König zu schwö- 
ren, daß er den Degen immer mit Achtung und Dank- 
barkeit tragen wolle. In demselben Augenblick aber zog 
Gustav Adolf den Degen zurück und rief mit zorn- 
rotem Gesichte: „Verwegener, Sie wollen mir den 
Degen nehmen, Sie wollen mich entwaffnen, einen 
König berauben?" Über diese Sinnesänderung er- 
schreckt, erging sich der Graf in Versicherungen, die 
Worte Seiner Majestät seien allein daran schuld, wenn 
er einen faux pas gemacht habe, er habe geglaubt, den 
Degen annehmen zu dürfen, den ihm Seine Majestät an- 
getragen. „Natürlich," erwiderte der König, „habe ich 
Ihnen den Degen gegeben, warum nehmen Sie ihn 
nicht an ? Ist er Ihrer vielleicht unwürdig, weil Sie ihn 
verschmähen ?" Diese eigenartige Szene wiederholte 
sich vier- oder fünfmal, bis endlich Gustav seinen 
Flamberg umschnallte und der Graf sich unter Achsel- 
zucken über die Extravaganz des armen Königs davon- 
machte. 

Der König war mit allen entzweit, die ihm noch ihre 
Anhänglichkeit bewahrt hatten, sein Mißtrauen und 
sein Hochmut machten ihm auch seine ältesten Diener 
abtrünnig. Als er sich eines Tages in Twikenham bei 
Ludwig XVIII. ^ dessen Geburtsfest gefeiert wurde, 
befand, blickte er düsteren Auges auf die Menge Fran- 
zosen, die herbeigeeilt waren, um ihren Herrscher zu 
beglückwünschen. „Sehen Sie," sagte Gustav zu Fer- 
ronnays, der bei ihm war, „diesen König, den sein Volk 

260 



davongejagt hat, wie er von seinen Untertanen umringt 
ist und ich, der ich nicht gehaßt wurde und freiwillig 
dem Throne entsagte, ich habe keinen Freund mehr, 
ich bin alleinV^ Diese Betrachtung war allerdings trau- 
rig, aber ein König, der sich selbst entwürdigt, kann 
auf Achtung keinen Anspruch machen. De La Ferronnays 
suchte, solange er in England weilte, dem verlassenen 
Könige allerlei Aufmerksamkeiten zu erweisen, da er 
die Lage Gustavs peinlich empfand. Dieser beehrte ihn 
denn auch mit einer Art Vertrauen, das er jedem ande- 
ren verweigerte. Eines Tages hätte der Graf aber diese 
Bevorzugung infolge einer kindischen Ursache beinahe 
wieder eingebüßt. Der König hatte ihn mit einer Auf- 
gabe betraut, auf die er Wert legte. Nachdem der Graf 
diese glücklich beendet, kehrte er von London nach 
Twikenham zurück, um seinen Rapport zu machen. 
Während er noch sprach, sah ihn Gustav plötzlich voll 
Entrüstung an. „Auch Sie," rief er verachtungsvoll aus, 
„auch Sie sind es müde, der Freund eines unglücklichen 
Königs zu sein; ebenso erbittert, wie die anderen, mich 
zu verfolgen, suchen Sie mich unter der Maske eines 
Heuchlers auf die allerempfindlichste Art zu quälen, 
— mit einem Worte, Sie trachten mir nach dem LebenY^ 
Man kann sich das Entsetzen des guten Grafen bei 
dieser plötzlichen Anklage vorstellen. Vergebens suchte 
er den Verstand des Königs, den er für zerrüttet hielt, 
auf die richtige Bahn zu leiten, seine Rechtfertigung 
wurde nicht einmal angehört, Gustavs Zorn wurde 
immer ärger. Endlich, mitten unter den unglaublich- 
sten Beschimpfungen, erfuhr der Graf die Schuld, deren 
er angeklagt war. ,, Wissen Sie denn nicht," donnerte 
der König, „daß Ihre Schuhe knarren. Sie hörten es 
vielleicht gar nicht oder stellten sich wenigstens so, 

261 



als ob Sie das nicht wüßten, was mir das Entsetzlichste 
auf Erden ist." Es bedurfte geraumer Zeit und Worte, 
um Gustav zu überzeugen, daß der Graf, der seine 
Antipathie gegen knarrende Schuhe gar nicht kannte, 
den König nicht ermorden wollte. 

Nachdem mir de La Ferronnays ein anderes Mal an- 
vertraut hatte, daß eine seiner Schwestern aus leiden- 
schaftlicher Liebe zu ihm den Schleier genommen und 
daß er erst gelegentlich ihrer hoffnungslosen Erkrankung 
durch ihre Briefe zur Kenntnis ihres Geheimnisses ge- 
kommen sei, erzählte er mir eine andere Geschichte, 
die ich ihm um so mehr glaubte, als sie ganz in seinem 
Genre gelegen war. 

Es war im Jahre 1802, als de La Ferronnays in diplo- 
matischen Angelegenheiten nach Rußland reisen sollte 
und Breslau passierte. Seiner Aussage nach sprach er 
damals geläufig Deutsch und gab sich für einen Liv- 
länder aus. Als der Graf in seiner Herberge das Früh- 
stück einnahm, wurde er mit einem ziemlich bejahrten, 
gut gekleideten und äußerst höflichen Herrn bekannt, 
der ihn mit großer Aufmerksamkeit beobachtet hatte. 
Im Laufe des Gespräches sprach ihn der Unbekannte 
französisch an, doch de La Ferronnays lüftete sein In- 
cognito keineswegs, sondern antwortete, er verstehe 
diese Sprache nicht. Der Herr schien darüber erfreut 
und wurde immer heiterer und herzlicher. Als das 
Frühstück beendet, wollte der Graf in seinen Wagen 
steigen und fortfahren, doch sein neuer Freund machte 
ihn darauf aufmerksam, daß seine Kalesche bequemer 
und leichter sei und lud ihn ein, mit ihm bis zu seinem 
Schlosse, das an der Route gelegen sei, zu fahren. Der 
Graf nahm gerne an und nun saßen sie Seite an Seite 
und sprachen über Theater, Vergnügungen und Frauen. 

262 



„Sie lieben sie wohl ohne Zweifel ?" fragte der heitere 
Unbekannte. „Wer sollte sie nicht lieben," rief de La 
Ferronnays aus, „übrigens bin ich verheiratet." — „So 
jung und schon verheiratet ?" meinte der andere voll 
Freude. — „Gewiß, ich habe sogar schon ein Kind." 
— „Sie haben ein Kind. O, gestatten Sie, daß ich Sie 
dazu beglückwünsche", äußerte sich der neue Freund 
voller Entzücken und umarmte den erstaunten Grafen 
stürmisch. Von diesem Augenblicke an schien die Vor- 
liebe des sonderbaren Herrn ihren Gipfelpunkt erreicht 
zu haben, er bat den jungen Diplomaten, wenigstens 
bis zum nächsten Tag sein Gast zu sein, er rühmte ihm 
die Vorzüge seines Schlosses, des Parkes, die Annehm- 
lichkeiten des dortigen Lebens, die Liebenswürdig- 
keit seiner Frau, kurz er versprach im voraus, daß der 
Graf mindestens 24 Stunden in angenehmster Weise 
verbringen, ja vielleicht noch einige Tage zugeben 
werde. Wie hätte mein Freund solchen Verlockungen 
widerstehen können, er nahm an und bald betraten sie 
den Hof eines herrlich gelegenen, schön gebauten 
Schlosses. Eine reizende, wenn auch etwas traurige 
Dame empfing sie. Ihr Gatte, der sich dem Grafen 
endlich als Kreishauptmann der Provinz^) vorgestellt 
hatte, erklärte ihr in bester Laune, er bringe ihr einen 

i) Die Andeutungen, welche die Verfasserin bez. dieses „Capitaine 
de cercle de la province" (wie sie seine Stellung bezeichnet) gibt, 
sind zu dürftig, um eine bestimmte Person ins Auge fassen zu 
können. Auf der Route von Breslau nach Rußland kämen nur die 
Kreise Oels und Ramslau in Betracht, doch wurden den dortigen 
damaligen Landräten Wilhelm Leopold von Hautcharmoix auf 
Allerheiligen, resp. Ernst Wilhelm Christian von Heydebrand auf 
Nieder-Wilkau und Rassadel (1745 — 18 19), dessen Gemahlin Sylvia 
Karoline Eleon. geb. von Münsterherg (1755 — 1819) war, um 1802 
keine Töchter geboren. Der Titel „Capitaine de cercle" dürfte 
der Bezeichnung „Landrat" in Pr. -Schlesien am nächsten kommen. 

263 



sehr liebenswürdigen Reisegefährten, den er kennen 
gelernt und der seine Weiterfahrt aufgeschoben habe, 
um hier einige Stunden zu verbringen. Bald darauf 
saß man bei einem ausgezeichneten Diner, der Gast- 
geber hatte recht gehabt, seinen Keller und die 
Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin zu loben. De La 
Ferronnays fand beide entzückend. Nach dem Mahle 
wurden dem jungen Manne Zeitungen gereicht, wäh- 
rend sein origineller Freund seine Frau in eine Fenster- 
nische nahm und mit ihr ein Gespräch in französischer 
Sprache begann, von dem de La Ferronnays natürlich 
keine Silbe verlor. Nach den ersten Worten frug die 
erschrockene Gattin ihren Mann, ob er doch ganz 
sicher sei, daß der Fremde die französische Sprache 
nicht verstehe. „Aber kein Wort," entgegnete jener 
und setzte dann dazu: „Du kennst, mein Schatz, die 
ärgerlichen Gerüchte, die über mich verbreitet sind, 
ich möchte sie gar zu gerne zum Schweigen bringen; 
außerdem weißt du ja, daß unser Vermögen davon ab- 
hängt, daß du ein Kind bekommst. Bleibst du ohne 
Nachkommenschaft, so müssen wir auf alle Annehm- 
lichkeiten des Lebens verzichten. SelbstverständHch 
schätze und würdige ich deine Tugend nach ihrem 
Werte, aber welche Bedenken kannst du noch haben, 
wenn ich es bin, der dich anfleht, mir ein Vermögen zu 
retten, das ich nicht selbst erhalten kann und damit 
gleichzeitig den Reden ein Ziel zu setzen, die mir so 
unangenehm sind. Die heutige Gelegenheit ist einzig, 
der Fremde ist niemandem bekannt, man wird kaum 
ahnen, daß er uns besuchte und niemals werden wir ihn 
wiedersehen." — Trotz aller dieser schlagenden Argu- 
mente schien die junge Frau nicht überzeugt zu sein, 
sie weinte viel, sagte aber auch nicht nein. In der Mei- 

264 



nung, daß die Beredsamkeit seines Vertreters mehr 
Erfolg haben könnte, entfernte sich der Gatte und ließ 
seine Frau mit dem Grafen allein. Dieser war keines- 
wegs der Mann, eine so günstige Gelegenheit zu ver- 
säumen, er näherte sich der Dame, sagte ihr allerhand 
Schmeichelhaftes, machte galante Anträge und suchte 
auf jede Weise seiner Dankbarkeit für die genossene 
Gastfreundschaft Ausdruck zu geben. Aber trotz der 
Belehrung, die sie von ihrem Gemahle empfangen hatte, 
wollte sich die junge Frau, über de La Ferronays allzu 
stürmische Zudringlichkeit empört, schon unter Tränen 
entfernen, als der Graf ihr zu Füßen fiel und ihr in 
französischer Sprache mit der größten Zartheit und 
Bewunderung gestand, daß er die Unterredung mit 
ihrem Manne verstanden habe. Ohne diese über- 
raschende Entdeckung würde er sich nie so weit ver- 
gessen haben, gegen sein Gefühl der aufrichtigen Dank- 
barkeit einer Dame gegenüber, die er achte, den klein- 
sten Verstoß zu begehen. Er schwor ihr, so schrecklich 
es auch für ihn sei, auf die kaum erblühte Hoffnung zu 
verzichten und ihr niemals wieder den geringsten An- 
laß zu geben, an seinem Zartgefühl zu zweifeln. Nur 
bitte er sie, ihm zu vergeben und sich nicht zu entfer- 
nen. Und sie blieb — und der Graf war so zärtlich, so 
leidenschaftlich und verführerisch, sein Opfer schien 
ihm in ihren Augen so viel zu kosten, daß es der jungen 
Frau von Stunde zu Stunde weniger schwierig erschien, 
ihrem Manne zu gehorchen .... 

Mit einem Worte, der Kreishauptmann wies am 
anderen Morgen eine noch bessere Laune auf, wie am 
Vortage und wandte alle seine Beredsamkeit, die jetzt 
mehr denn je begründet war, an, um seinen Gast zu 
bewegen, noch 24 Stunden zu verweilen. Ein Blick der 

265 



schönen Frau war entscheidend und nach diesem zweiten 
reizenden Tage reiste der Graf, von tiefster Dankbarkeit 
gegen seine Gastgeber erfüllt, ab. Als er den Wagen 
bestieg und sich von dem Kreishauptmann mit herz- 
lichen Worten verabschiedete, konnte er es sich nicht 
versagen, ihn in französischer Sprache zu versichern, 
er hoffe, seine Wünsche ganz erfüllt zu haben. 

25 Jahre später (es war im Juni 1827) fuhr de La 
Ferronnays wieder durch Breslau und da er seine galanten 
Abenteuer nie vergaß, so erkundigte er sich nach dem 
Schicksal des Kreishauptmanns und seiner Gattin und 
erfuhr, daß der Gemahl seit langem tot sei, seine Frau 
aber mit ihrer Tochter, die das ganze Vermögen ihres 
Vaters geerbt hatte, in Breslau lebe. Der Graf ließ sich 
sofort zu ihrer Wohnung führen und wurde unter 
seinem Namen als französischer Gesandter in Peters- 
burg angemeldet. Die nahezu 50jährige Hausfrau, 
welche noch Reste einer früheren Schönheit aufwies, 
empfing ihn höflich, wenn auch etwas erstaunt und 
fragte ihn, woher sie die Ehre habe, von ihm gekannt 
zu sein. Sie waren allein, der Graf betrachtete sie eine 
Weile, dann sagte er endlich lebhaft: „Wie, haben die 
25 Jahre mich ganz aus Ihrem Gedächtnisse verdrängt; 
sie erkennen mich wirklich nicht mehr ?" — Sie sah 
ihn aufmerksam an, dann stieß sie einen Schrei aus, 
verbarg einen Moment, wie beschämt, ihr Antlitz und 
fiel dem Grafen unter Tränen um den Hals. Nachdem 
sich die erste Rührung gelegt hatte, verließ sie das 
Zimmer und kam mit einem jungen, schönen Mädchen 
an der Hand zurück. „Hier ist sie," sagte sie einfach 
und de La Ferronnays bat um die Erlaubnis, auch dieses 
reizende Fräulein umarmen zu dürfen, das ihm wie 
ein Tropfen dem anderen glich. 

266 



Dieses ziemlich pikante Abenteuer war nicht das 
einzige, wenn auch das interessanteste unter den vielen, 
worin der Graf die Hauptrolle spielte. Wenige Männer 
hatten solche Erfolge bei den Frauen aufzuweisen, wie 
er; ich kannte mehrere, denen er gefallen und ich 
hörte von anderen Eroberungen, von denen de La 
Ferronnays mit mir nicht gesprochen hatte. Gleich Jean 
Jacques verdankte er seine erste Erziehung einer Frau ; 
sie war Stiftsdame in einem deutschen Stift. Der 
Schüler kam, i6 Jahre alt, dorthin in Garnison, die 
neue Frau von JVarens^) hatte 30. Die Geschichte war die 
nämliche, er konnte kaum schreiben und lesen, war aber 
sehr verliebt, sie fing seine Erziehung von neuem an, 
flößte ihm Neigung für die Lektüre und besonders für 
einen guten Briefstil ein, den sie ihm durch die täg- 
lichen Morgenbilletts beibrachte und belohnte ihn für 
seinen Fleiß auf ähnliche Weise, wie Rousseau. Ein 
kleiner „Gelehrter", der seinem Ursprünge alle Ehre 
macht, war die Frucht dieser Lehrstunden: er wurde 
Pfarrer. 

Das Verhältnis mit Lady Acton^) war das dauerhaf- 
teste, das der Graf zu verzeichnen hatte. Es entsproßte 
daraus ein Andenken, das nun in einer Pariser Schule 
ist und die Ursache bildet, warum de La Ferronnays die 
letzten zehn Jahre selbstquälerischer Liebe nicht mit 
demselben Mantel der Vergessenheit zudeckte, wie 
seine anderen Liebschaften. Der Graf beschäftigte sich 
mit diesem Kind, das seine Mutter, obwohl sie zu den 
Erziehungskosten beiträgt, etwas vernachlässigte. Die 

i) Louise von Warens (1699 — ^759)? ^^^ berühmte Freundin 
J. J. Rousseau's, seine „Mama" und nach den „Bekenntnissen" 
auch seine Gellebte. 
2) Siehe Actonsche Stammtafel. 

267 



Gräfin de La Ferronnays kannte seine Herkunft und da 
sie das Muster einer edelmütigen und zartfühlenden Frau 
war, so wollte sie den Kleinen mit ihren Kindern er- 
ziehen, aber Lady Acton war damit nicht einverstanden. 
Sie opferte dadurch das Wohl ihres Sohnes ganz grund- 
los auf. Ich hörte die Lady über de La Ferronnays spre- 
chen und umgekehrt den Grafen über sie; man wäre 
versucht, wenn man sie einzeln hört, demjenigen recht 
zu geben, der sich über den anderen beklagte. Richtig 
wäre es wohl, beide zu verurteilen, denn nichts war 
inkonsequenter und närrischer, als ihr Benehmen. Auf 
der einen Seite Leidenschaft und Heftigkeit, auf der 
anderen Leidenschaft und reine Unvernunft, auf beiden 
Seiten Eifersucht und Koketterie, Elemente mehr als 
genug, um allerhand Torheiten zu zeitigen. Nach den 
wechselseitigen Erzählungen glaube ich aber, daß bei 
de La Ferronnays mehr die Liebe mitspielte, wenigstens 
beging er die auffälligsten Verrücktheiten. Eines Tages 
suchte er sich in einem Augenblick der Verzweiflung 
zu vergiften, glücklicherweise trat Lady Acton gerade 
in das Zimmer, als er die Phiole zu leeren begann: sie 
entriß sie ihm und sie zerbrach in ihren Händen. Sie trug 
Brandwunden davon, denn es war Vitriol darin und er 
hatte eine Krankheit zu überstehen, die ihn an den Rand 
des Grabes brachte. Er behauptete immer, daß die 
Magenkrämpfe, an denen er seither oftmals litt, die 
Folge dieses Selbstmordversuches seien. 

Ein anderes Mal wollte er, um sich zu rächen, seine 
Geliebte aus dem Fenster werfen, während er bei einer 
anderen Gelegenheit, durch ihre ungerechten Vorwürfe 
zum Äußersten getrieben, ihr erklärte, er werde seinen 
Qualen und seinem Leben sofort ein Ende machen, 
wenn sie fortfahre, ihn zu peinigen. Infolge ihres spöt- 

268 



tischen Lächelns verlor er den Kopf, spornte sein Pferd 
und sprang mit ihm in einen Abgrund, wo sich das 
Tier das Genick brach, sein toller Reiter aber halbtot 
aufgefunden wurde. Es ist seltsam, von zwei Personen 
derartige Dinge zu hören, die sich nicht mehr schreiben 
und sich eines um das andere nicht im mindesten mehr 
kümmern. So sind aber die Männer und die Frauen! 
Auf de La Ferronnays ^), der später seine Torheiten und 
seine Untreue, einer engelsgleichen Gattin gegenüber, 
tief bereute, werde ich noch zu sprechen kommen. 

i) Costa de Beauregard hat 1900 bei Plön, Paris, die „Souvenirs 
du Cte. Auguste de La Ferronnays (1777 — 1814)" herausgegeben, 
die mit den Aufzeichnungen der Gräfin Thürheim in vielen Punkten 
übereinstimmen und sie ergänzen. So findet sich die Anekdote mit 
den knarrenden Schuhen S. 304, die mit dem Degen Gustav IV. 
S. 306. Die pikante Begebenheit in Breslau, die aus begreiflichen 
Gründen in den „Souvenirs" nicht vorkommt, dürfte sich im Juni 
1805 zugetragen haben, wo F. im Auftrage des Prinzen Conde nach 
Warschau reiste und in Breslau in einem elenden Fuhrwerk, worin 
er noch die Frau und Tochter eines Rzeszower Zimmermanns und 
einen schmutzigen Krakauer Mönch aufgenommen hatte, eintraf. 
Fs. Gattin war damals gerade mit einem Sohne Karl niedergekom- 
men. — Dann entnehmen wir diesen Memoiren, daß August Peter 
Ludwig de La F. am 4. Dezember 1777 in S. Malö als Sohn des 
Grafen Eugen (gest. 1802) und eines Frl. de Bellevue aus S. Domingo 
geboren wurde und bis 18 14 Adjutant des Prinzen v. Conde war. 
Er heiratete zu Klagenfurt am 23. Februar 1802 Albertine Marie 
Charl. Gräfin Montsoreau (geb. Marly-la Ville 1782), die die Briefe 
ihres Gatten sorgsam aufbewahrte und so die Herausgabe der „Sou- 
veniers" ermögUchte. — Interessant ist es, daß der lange Liebes- 
roman der jungen Leute auch nach Linz hineinspielt, wo der Prinz 
V. Conde im Winter 1799 Hof hielt und der Stadt einen großen Ball 
gab. Die Stadt revanchierte sich mit einem Fest, das von 9 Uhr 
abends bis 9 Uhr vormittags dauerte. F. wohnte damals vis-ä-vis 
dem Hause seiner Angebeteten und hatte sich am Fenster eine 
Spiegelvorrichtung angebracht, um seine Geliebte unbemerkt sehen 
zu können. 



269 



XXXVI. YPSILANTI, SEINE GEFANGEN- 
SCHAFT UND SEIN TOD 

Als wir Ende August 1827 nachTeplitz kamen, fuh- 
ren wir nach Theresienstadt, wo Ypsilanti seit drei 
Jahren gefangen gehalten wurde. Der General Chiesa, 
sein Kerkermeister und Kommandant der Festung, ein 
gutherziger und menschlich denkender Mann, hatte 
von unserer Ankunft Kenntnis. Er empfing uns in 
unserer Herberge und führte uns sogleich in seine 
Wohnung, wohin er den Fürsten, der kaum noch von 
einer langen und gefährlichen Krankheit genesen war, 
hatte bringen lassen. Als wir uns dem Hause näherten, 
stand Ypsilanti am Fenster; er war mager, blaß wie der 
Tod und hob die Augen und seinen einen Arm — den 
anderen hatte er bei Kulm verloren ■ — gegen Himmel. 
Er war kaum mehr zu erkennen — außer von seinen 
Freunden. Im Augenblicke waren wir aus dem Wagen, 
eilten hinauf und warfen uns an seinen Hals; er war uns 
nicht einmal einige Schritte entgegen gegangen. Kon- 
stantine und ich zerflossen in Tränen, er schien wie 
versteinert. Wir waren nicht vorbereitet, ihn so zu 
finden, sein Anblick zerriß uns das Herz. Wir hatten 
ihn jung, schön, glücklich und in einer glänzenden 
Stellung verlassen und sahen ihn nun müde, vom Schick- 
sal und seinen Leiden niedergebrochen, sterbend und 
gefangen. Niemals wird diese Erinnerung in meiner 
Seele verblassen ! Er war ganz gebeugt, sein Schnurrbart 

270 



ergraut, seine Lippen farblos, nur seine Augen hatten 
die frühere Schönheit bewahrt und belebten dieses 
trotz aller ausgestandenen Leiden so edle Gesicht. 

Wir verbrachten den ganzen Morgen mit ihm, waren 
aber nie allein; er vermochte kaum zu sprechen, da er 
nur mit Mühe Atem schöpfen konnte. Er ließ seine 
beiden Brüder^), die sein Unglück teilten, kommen, 
traurige Gestalten, deren Antlitz das traurige Los und 
die Erniedrigung ebenso gezeichnet hatte, wie das fast 
aller Griechen. Wir speisten alle beim General Chiesa^), 
der ein Vater für den armen Alexander geworden war. 
Er erleichterte sein Schicksal, so viel er es vermochte, 
manchmal sogar auf die Gefahr hin, dem Kriegsrat in 
Wien, der seine Menschlichkeit tadelte, zu mißfallen. 
Nach dem Diner wurde Ypsilanti etwas heiterer, ich 
entdeckte wieder sein reizendes Lächeln und seine Züge 
zeigten nicht mehr den Ausdruck des Leidens. Der gute 
General schlug ihm vor, uns ein Stück Weges zu be- 
gleiten, was er dankbar annahm. Man ließ ihn mit 
Konstantine und mir in den Wagen des Generals stei- 
gen, während seine Brüder in unserer Kalesche folgten. 
Während dieser kurzen Augenblicke des Alleinseins 
zeigte er sich offenherziger, als während des ganzen 
Tages. Wir weckten in ihm die Hoffnung, daß es uns 
gelingen werde, die Erlaubnis zu seinem Besuche bei 
uns in Teplitz zu erlangen, damit er dort ein wenig 
Zerstreuung genießen könne. „Mein Gott," sagte er 
mit ungläubiger Miene, „wie soll ich so viel Glück er- 
hoffen ?" Dann hob er seine Augen gegen Himmel und 
fuhr fort: „Ich will nicht mutlos sein, da mir der 

i) Über diese s. später im Anhange zum IV. Bd.. 

2) Franz Graf della Cbiesa, langjähriger Festungskommandant von 

TheresienBtadt, gestorben zu Brunn 27. Dez. i834alspens. F. M. Lt. 

271 



Himmel gestattete, euch zu sehen; er hat mich also 
nicht verlassen!" Eine Träne, die er nicht wegwischen 
konnte, da Konstantine seine einzige Hand hielt, floß 
langsam über seine abgehärmte Wange herab. 

Als wir nach Teplitz zurückgekehrt waren, setzte 
meine Schwester Himmel und Erde in Bewegung, um 
die von uns ersehnte Erlaubnis zu erlangen. Glück- 
licherweise war Meturnich auf kurze Zeit in Teplitz. 
Konstantine ging alle Welt an, Tatitscheff^), de La Fer- 
ronnays, Metternich u. a., frug die einen um Rat, flehte 
die anderen an und suchte das allgemeine Interesse zu 
erwecken. Das arme Kind überwand dabei seine außer- 
ordentliche Schüchternheit, regte sich auf und mühte 
sich derart ab, daß es endlich das Versprechen Metter- 
nichs erhielt, er werde noch am gleichen Tage an den 
Kaiser schreiben, um unseren Wunsch zu erfüllen. Am 
nächsten Morgen war Konstantine jedoch krank. 
WahrscheinUch hatte der „große Mystifikator" uns bei 
dieser Gelegenheit einfach genarrt, wenigstens hatte 
seine Verwendung nicht den geringsten Erfolg. Durch 
wen Ypsilanti nach Tephtz kam, wird man ja sehen. 

Damals aber konnten wir unserem armen Freund, 
den wir bald darauf wieder besuchten, mindestens eine 
Hoffnung bringen. Er hatte sich zu seinem Vorteile ver- 
ändert, die Hoffnung verlieh ihm neue Lebenskraft. 
Er sprach an diesem Tage mit seiner alten Lebhaftig- 
keit und wir machten Pläne für den Aufenthalt in Tep- 
litz und Ypsilantis Zukunft. Hatte doch der König von 
Preußen zugesagt, er werde dem Kaiser Nikolaus wegen 
seiner Befreiung schreiben, hatte nicht Metternich be- 
hauptet, Kaiser Franz würde dieser kein Hindernis in 

i) Dimitri Paulowitsch Tatitscheff, Gesandter in Wien (s. Bd. III, 
S. 33). 

272 



den Weg stellen, hatte nicht Graf de La Ferronnays dem 
Wunsche des Zaren Ausdruck gegeben, daß man ihn 
um die Freilassung des Fürsten angehe! Dies alles war 
für uns ein weites Feld für aussichtsreiche Kombina- 
tionen und wir wandelten darauf voll Freude, um das 
Gemüt des armen Alexanders zu erheitern. AuchTherese 
Chotek^) war an diesem Tage mit uns, wir waren fröh- 
lich, wie ehemals. Uns in der sicheren Hoffnung wiegend, 
Ypsilanti in wenigen Tagen bei uns in Teplitz zu sehen, 
verließen wir ihn. Und doch war dieser lichte Ausblick 
nichts wie eine Schimäre. Konnten wir von Metternich 
etwas anders erwarten ? Der Himmel aber erwies uns 
eine viel größere Wohltat. Während die Tage verstri- 
chen, die Erlaubnis nicht eintraf und man mir sogar 
versicherte, man habe sie erst für die Zeit erbeten, wenn 
Teplitz menschenleer sei, während sich mit einem 
Wort Ypsilanti vor Ungeduld und wir uns vor Ent- 
täuschung verzehrten, erhielt Tatitscheff eines schönen 
Morgens eine Depesche und eilte zu uns, um uns mit- 
zuteilen, Ypsilanti sei frei. Er hatte von seiner Regie- 
rung die vom gleichen Tage, an welchem wir Metter- 
nich wegen der armseligen Erlaubnis angefleht, datierte 
Ordre erhalten, von Österreich die bedingungslose 
Freilassung Ypsilantis zu fordern. Nur soUte er diesem 
den Rat geben, die russische Grenze nicht zu über- 
schreiten, um nicht als Deserteur, da er die Fahne 
ohne Erlaubnis verlassen hatte, kriegsgerichtlich be- 
langt zu werden. Welches Glück für uns, das Ende der 
Gefangenschaft zu sehen, ihm sofort die Nachricht 
zu senden und am nächsten Tage zu ihm zu eilen und 
ihn mit ganz anderen Gefühlen zu umarmen, wie das 
erstemal! Dieser Morgen in Theresienstadt war köst- 
i) s. Bd. T. 80, 279. 

is M. L. m 273 



lieh, nur hatte die Freude die Kräfte Ypsilantis etwas 
mitgenommen, seine Gesundheit war ja noch so schwan- 
kend und sein Atem so unregelmäßig; aber er fühlte 
sich glücklich. Seine Freude äußerte sich in einer Rüh- 
rung, wie er sie bei der Erzählung seiner Leiden nie 
gezeigt hatte, er war zärtlicher als gewöhnlich und Trä- 
nen glänzten in seinen Augen. Er sagte uns, daß er 
gestern, als er über das Ausbleiben der unglückseligen 
Erlaubnis entmutigt war, an Konstantine geschrieben, 
um wenigstens den Trost zu haben, sich beklagen zu 
können. Plötzlich habe er einen fremden Schritt vor 
seinem Zimmer gehört; es war der Platzmajor, ein 
harter Mann, der ihn sonst niemals aufsuchte. „Sie 
bringen mir die Erlaubnis für Teplitz?" fragte Ypsi- 
lanti. „Nein," entgegnete jener, „aber ich bringe Ihnen 
die Freiheit.^' Mit diesen Worten übergab er ihm den 
Brief meiner Schwester, auf dessen Adresse sie die 
Worte beigefügt hatte : „Sie sind frei." Der arme Alex- 
ander wollte seinen Augen nicht trauen, er fiel dem 
Offizier um den Hals, dann auf die Knie und stürzte 
endlich zu seinen Brüdern mit den Worten : „Wir sind 
frei." Alle drei umarmten sich und dankten Gott unter 
Tränen. Der Abend verging ihnen in trunkener Freude. 
„Meine Brüder," erzählte uns Ypsilanti, „lachten, 
sangen und machten tausend Tollheiten, seit sechs 
Jahren hatte ich sie nicht so ausgelassen gesehen; selbst 
Nikolaus, der sonst nie lächelte, stellte allerlei Possen 
an und sprach den größten Unsinn. Ich selbst war wie 
immer, man konnte mir äußerlich nichts ansehen, aber 
innerlich war ich so zufrieden und gerührt, Sie glück- 
lich zu wissen." Dieser ausgezeichnete Mann konnte 
eben sein tiefempfindendes Herz und seine edle Seele 
nie verleugnen. Das Unglück hatte seinen Charakter 

274 



nicht zermürbt, sondern im Gegenteil noch mehr ge- 
festigt; seitdem ich ihn in Theresienstadt wiederge- 
sehen, fand ich ihn ruhiger, geklärter und gelassener, 
wie ehedem, er war gerechter, ergebener und tapferer 
geworden, ohne dabei etwas von seinem Eifer einzu- 
büßen. Nie entschlüpfte ihm ein bitteres Wort, trotz- 
dem wir auch über Leute sprachen, die ihn verraten 
oder unwürdig behandelt hatten. Sein Herz war das 
eines Kindes geblieben, einfach, aufrichtig, ungekün- 
stelt, es litt nur unter den augenblicklichen Kümmer- 
nissen, ohne der Vergangenheit nachzugroUen. Sobald 
wir Einzelheiten über seine in der Festung Munkäcs 
erduldeten Leiden von ihm erfahren wollten, wich er 
uns immer mit den Worten aus: „Sprechen wir nicht 
darüber, ich möchte die Leute vergessen, welche mir 
Übles zufügten und das Übel selbst." Da wir auch Angst 
hatten, ihn zum Reden zu bringen, weil ihm, sobald er 
lebhaft sprach, das Blut zum Herzen und in die Wangen 
strömte, so erfuhren wir erst später bei verschiedenen 
Besuchen und nach und nach die unseligen Ereignisse, 
welche seiner Gefangennahme vorangingen, von den 
eigentlichen sechs Jahren seiner Festungshaft aber nur 
wenig^). Er hatte aber offenbar das Bedürfnis, sich uns 
mitzuteilen, denn er sagte uns eines Tages : „Ich möchte 
euch so gerne lange bei mir haben, ich habe euch so 
viele Dinge zu erzählen, die ihr wissen müßt, denn ihr 
mußtet mich ja wohl verurteilen. Mindestens mußte 
ich euch wie ein Narr oder Unbesonnener erscheinen. 

i) Das, was Tpsilanti der Verfasserin nach und nach erzählte, 
folgt im Anhang des IV. Bandes. Der Herausgeber glaubte diesen 
Interessanten und vielleicht Unbekanntes enthaltenden Beitrag 
zur Biographie des unglücklichen Fürsten hier ausscheiden zu sollen, 
um den Bericht der persönlichen Ereignisse der Gräfin Lulu nicht 
zu lange unterbrechen zu müssen. 

is* 275 



Ich habe es so nötig, mich in euren Augen zu recht- 
fertigen — und ich vermag es!" 

Ende September traf Tfsilanti bei uns in Teplitz 
ein, und zwar weder infolge einer Erlaubnis des Fürsten 
Metternich, noch durch die Intervention Tatitscheffs, 
sondern nur infolge meiner Verwendung. Es war wirklich 
so, mir allein verdankte er diese Tage der Freiheit. 
Noch vor einigen Tagen wußten wir. nicht, da von 
Wien nichts kam, welchen Heiligen wir noch anrufen 
sollten. Zufällig bemerkte General Chiesa, ich würde 
wohl, falls ich den General Klebelsberg^) persönlich an- 
ginge, von ihm die Erlaubnis erhalten, daß der Fürst 
einige Tage in Teplitz zubringen dürfe. Ich bat also 
um die Vollmacht, diesen Schritt wagen zu können, 
— es ist nämlich in der Familie die Meinung begründet, 
als ob ich von Geschäften nichts verstünde — Konstan- 
tine wollte mir schon ins Wort fallen, als der liebe Ypsi- 
lanti mit seinem reizenden Lächeln meinte: „Lassen 
wir doch nur die gute Lulu machen." Darauf schrieb ich 
der Gräfin Klebehberg^ die ich von früher kannte und die 
über ihren Gatten das Regiment führte. Ich schmeichelte 
ihr, ich suchte sie zu rühren und wirklich war Ypsilanti 
drei Tage darauf bei uns. Er wohnte in unserem Hause, 
wir ließen ihn fast keinen Augenblick allein und seine 
Freude, nur mehr Wohlwollen und zärtlicher Freund- 
schaft zu begegnen, schien ihn aufs neue zu beleben und 
Balsam für seine Herzenswunde zu sein. 

Doch plötzlich bemächtigte sich unser wieder große 
Mutlosigkeit. Der gute General Chiesa, zaghaft infolge 

i) Johann Nep. Graf Klebelsberg, Freiherr v. Thumburg, geb. 
zu Szoboszlo 30. I. 1772, gest. zu Theresienstadt i. 6. 1841, k. k. 
Kämmerer, Geh. Rat, Gen. d. Kav. u. Festungskommandant von 
Theresienstadt. Er heiratete am 19. 5. 1806 Anna Gräiin Pejäcsevich 
(t 9. 7- 1885). 

276 



seines Alters und weil er schon 50 Jahre dem Hause 
Österreich diente, fand auf einmal, daß wir seinen Häft- 
ling über die zugestandene Zeit — sie betrug nur zwei 
Tage und drei waren bereits verstrichen — zurück- 
behielten; er forderte daher, daß wir ihn am über- 
nächsten Tage entlassen sollten. In unserer Bestürzung 
schrieb ich neuerdings an die Gräfin, ich sagte ihr, daß 
wir in sechs Tagen Teplitz verlassen würden, daß es 
grausam sei, einen Freund, den wir kaum mehr wieder- 
sehen würden, wegen einiger Tage zu früh zu verlieren 
und daß eine Unpäßlichkeit Ypsilantis seine Rückkehr 
nach Theresienstadt gefährlich erscheinen ließe, — mit 
einem Wort, es traf ein Befehl des Generals Klebeis- 
berg ein, der den wachhabenden Offizier dafür verant- 
wortlich machte, den Gefangenen nicht früher in die 
Festung zurückkehren zu lassen, bis nicht dessen Ge- 
sundheit so weit hergestellt sei, daß die Einlieferung 
ohne die geringste Gefahr von statten gehen könne. So 
konnte denn Alexander bis zu unserer Abreise bei uns 
verbleiben. Vielleicht machte mich diese „Leidenschaft" 
für Ypsilanti zum Gespötte von ganz Böhmen, was lag 
mir aber daran, ich hätte noch ganz andere Sachen 
getan, um ihm einen Dienst zu erweisen! Wenn jemand 
die Grenzen der Freundschaft überschritten hatte, so 
war ich es gewiß nicht. Es war vielleicht ein Glück, daß 
unser Beisammensein in Teplitz nicht gar lange dauerte, 
es hätte für Konstantine gefährlich werden können, 
deren Teilnahme für den Fürsten einen Grad der Be- 
geisterung und Zärtlichkeit angenommen hatte, wie 
er bei ihr nicht gewöhnlich war. Sie, die sonst immer so 
gut ihre innersten Gefühle zu verbergen verstand, sie 
hatte diese Gabe damals ganz und gar verloren. Seit 
unserem ersten Besuche in Theresienstadt hatten sich 

277 



die Gefühle meiner Schwester für Ypsilanti so rasch 
entfaltet, daß ich, die ich an eine vom Himmel herab- 
gefallene Liebe nicht zu glauben vermochte, ihre Nei- 
gung für Exaltiertheit eines empfindsamen Herzens 
hielt, die durch das Mitleid hervorgerufen worden war. 
Auch die romantische Therese Chotek hatte sich für 
Alexander in einer Weise begeistert, daß sie darüber 
fast den Kopf verlor; sie war auf uns eifersüchtig und 
weinte oft. Tfsilanti dagegen blieb ruhig und auf- 
richtig wie ein Kind trotz seiner Beteuerungen der 
zärtlichen Dankbarkeit und Zuneigung einer Frau 
gegenüber, die er ehemals geliebt und die ihm in seinen 
Leiden immer wie ein tröstender Engel erschienen war. 
Ich entdeckte an ihm den Ausdruck der lebhaftesten 
Empfindungen, nie aber den der Liebe. 

Oft beklagte sich Konstantine Therese und mir 
gegenüber, daß sie nicht erfahren könne, ob er in sie 
verliebt sei. „Man möchte doch", meinte sie scherzend, 
„wissen, woran man ist." Bald darauf erzählte sie mir 
nach einem langen Tete-ä-tete mit Alexander, sie habe 
ihn ausgeforscht, es sei aber nicht der Mühe wert ge- 
wesen. Er hätte ihr nur gestanden, daß er im Jahre 1820 
in Petersburg und auch später für jemand eine ausge- 
sprochene Neigung gehabt habe und diese Person habe 
es auch geahnt. Er hatte meiner Schwester aber diese 
Person in unzweideutiger Weise bezeichnet. Als Kon- 
stantine dann fragte: „Sie lieben sie also jetzt nicht 
mehr?" antwortete er: „Das behaupte ich nicht!" 
Meine Schwester hatte aus dieser Unterredung den 
Schluß gezogen, daß er sie ehemals innig geliebt, daß 
aber aus diesem Gefühle ein solches der Freundschaft 
entstanden sei. Die eigentliche Wahrheit erfuhr ich 
erst nach seinem Tode, als ich seine Briefe las, die er 

278 



nach unserer Abreise von Theresienstadt an Konstan- 
tine geschrieben hatte. 

Nachdem wir noch einen Tag mit Ypsilanti in Wel- 
trus bei Chotek verbracht hatten, reisten wir nach Wien 
ab. Obwohl wir ihn viel frischer verließen, so war seine 
Gesundheit doch so schwankend, daß nur absolute Ruhe 
und ein mildes Klima ihn noch vor einem Lungenleiden 
oder vor Entkräftung retten konnten. Vielleicht, wenn 
man ihn sofort in Freiheit gesetzt hätte und er noch vor 
dem Winter Nizza hätte aufsuchen können, wäre es 
möglich gewesen, sein Leiden im Keime zu ersticken, 
aber der schlechte Wille Metternichs, von dem wir hier 
Proben fanden, die bekannte österreichische Langsam- 
keit und der Mangel an Energie Tatitscheffs ließen die 
endliche Enthaftung zu spät kommen. 

Die gute Therese Chotek blieb noch einige Wochen 
in Teplitz, sie besuchte den Gefangenen oft und ver- 
schaffte ihm die Mittel, uns zu schreiben. Doch war sie 
ihm eigentlich eine Fremde und trotz ihrer guten Eigen- 
schaften und ihrer Begeisterung für ihn kannte sie doch 
seinen Charakter, die Männer überhaupt und die Welt 
viel zu wenig, um ihm raten zu können. In allen drama- 
tischen Situationen des Lebens war Therese immer viel 
zu exaltiert, um nützlich zu sein. Sie benützte sozu- 
sagen einen viel zu hohen Kothurn, der sie im Gehen 
hindern mußte. Ihre Aufregung paßte nicht zu der 
Seelenruhe, die Ypsilanti durch seine sechsjährige Lei- 
denszeit gewonnen hatte. 

Übrigens war der Charakter Theresens viel leiden- 
schaftlicher, als ich es geahnt; sie machte mir in Tep- 
litz eine Mitteilung, auf die ich gevdß nicht gefaßt war 
und die bevwes, wie sehr sie ihrer Phantasie die Zügel 
schießen lassen konnte, ohne auf die Stimme der Ver^ 

279 



nunft zu hören. Während unserer Abwesenheit in Itahen 
begann sie nämlich eine Liaison mit einem Angestellten 
ihres Vaters. Ihrer Erzählung nach wurde ihre Leiden- 
schaft so heftig, daß sie sich nicht anders retten zu 
können glaubte, als indem sie ihren ganzen Einfluß auf- 
bot, um diesen Mann mit einer anderen zu verheiraten. 
Vielleicht übertrieb sie auch hier in bezug auf dieses 
Radikalmittel; wenn man sie aber anhörte und ihre 
Tränen sah, mußte einem die Gefahr sehr dringend er- 
scheinen. Als sie mir mit den glühendsten Farben ihre 
Neigung schilderte, wußte ich nicht, ob ich ihrer Un- 
wissenheit oder ihrer Erfahrung die Schuld beimessen 
sollte. Immerhin beruhigte ich mich, wenn ich mich 
ihres Charakters und — ihres Kothurns erinnerte. 
Trotz ihres Verstandes, ihres warmen Gefühles und 
ihrer aufrichtigen Freundschaft für mich verhinderte 
mich immer ihre Sucht, zu übertreiben, ihre Begeiste- 
rung zu teilen. Ich fürchtete, daß es mir wie mit den 
Spiegeln gehen werde, welche die Gegenstände un^ 
natürlich vergrößern, und meine Gefühle mir in ihrem 
Munde wie eine Karrikatur erscheinen würden. Die 
Ursache dieser falschen Überspanntheit der guten 
Therese lag darin, daß sie unglücklicherweise äußerst 
häßlich war. Dieses Geschenk der Natur war wohl das 
unwillkommenste, womit das Schicksal eine Dame von 
ihrem Stande bedenken konnte. 

x^nfangs Januar 1828 traf Tpsilanti endlich in Wien 
ein. Bei 11 Grad Kälte hatte man ihn krank und ab- 
gezehrt entlassen. Wir holten ihn in Caslau ab; es war 
unmöglich, daß er diesen Winter seine Reise nach 
Verona, wohin ihn Metternich, der in seine vollständige 
Freilassung nicht einwilligen wollte, schickte, werde 
fortsetzen können. Wir verbrachten die ganze Zeit, da 

280 



er in Wien war, in der größten Aufregung, sein Zustand 
wurde von Tag zu Tag beängstigender. Konstantine, 
die nur mehr an ihn dachte, hatte eine fortwährende 
innere Unruhe. Obwohl Alexander nicht gerade schlecht 
aussah, so hatte er sich seit Weltrus stark verändert und 
das Konsilium mehrerer Ärzte benahm uns jede Hoff- 
nung auf Genesung. Sein Alter und seine Konstitution 
würden noch eine Besserung seines Zustandes ver- 
sprochen haben, doch schien sein Leiden einem orga- 
nischen Herzfehler zu entspringen. Welch' ein Los! 
Armer Ypsilanti! 

Konstantine befand sich in einer Todesangst und 
Bestürzung, die sich nicht beschreiben ließ. Das 
traurige Los Alexanders war die Ursache ihres Un- 
glückes, wie wir später sehen werden. Es gibt eben für 
die Frauen ein gefährliches k\ttt\ Rasumoffsky lag auch 
zu Bette, er konnte seine Füße infolge einer schmerz- 
haften Hauterkrankung nicht bewegen. So verbrachten 
wir denn die Stunden des Tages abwechselnd an den 
Krankenlagern meines Schwagers und Ypsilantis. An- 
fangs gingen wir immer zusammen, als dann aber der 
Zustand Alexanders gefahrdrohend wurde, ließen wir 
die kindischen Schicklichkeitsrücksichten beiseite. 

Während er in Wien weilte, besuchte er uns nur zwei 
oder dreimal. Als er ganz zu Hause bleiben mußte und 
seine Schmerzen immer heftiger wurden, war er nur mehr 
die Hälfte seines Ichs. Die Anfälle waren oft so arg, daß 
ich ihn Tränen vergießen sah, seine Seele, die bis zum 
letzten Augenblicke stark blieb, hatte aber an dieser 
körperlichen Schwäche keinen Anteil. Dann wieder 
wühlten derartige Krämpfe in seinen Eingeweiden, 
daß jeder Atemzug zu einem Wehruf wurde. In diesen 
Augenblicken bedeckte kalter Schweiß seinen Körper, 

281 



er benetzte meine Hände, wenn ich den Kopf des Kran- 
ken hielt. Nach dem ersten Krampfanfalle erklärten 
die Ärzte den Zustand für sehr gefahrdrohend und 
meine Schwester erinnerte unseren Freund an seine 
religiösen Pflichten. Er erschrak nicht, seine Seele war 
ja so rein. „Sie haben", sagte ihm Konstantine, „nie- 
mals Zweifel über Ihre Religion gehabt und doch be- 
finden Sie sich im Irrtum." Er antwortete ihr, er habe 
niemals daran gedacht und immer sein Vertrauen in 
Gott gesetzt. „In der Tat," entgegnete sie ihm, „ist 
der Unterschied zwischen Ihrem und unseren Glauben 
ein rein metaphysischer, weder Sie, noch ich können 
ihn begreifen, man muß eben der Kirche gehorchen. 
Möchten Sie nicht im wahren Glauben leben und ihn 
nicht kennen lernen, um sich entscheiden zu können ?" 
— „O ja, ich möchte schon." — „Bitten Sie demnach 
Gott, daß er Sie erleuchte, sagen Sie ihm, daß Sie Ihren 
Irrtum aufgeben wollen." — „Aus ganzem Herzen 
wünsche ich, die Wahrheit zu kennen." — „Mein 
lieber Freund," versetzte meine Schwester, „das genügt 
nicht, Sie müssen nicht allein den Entschluß fassen, die 
Wahrheit zu erkennen, sondern auch ihr zu folgen." — 
„Ach," rief er lächelnd, „Sie wollen mich bekehren ?" — 
„Sicherlich." — „Meine liebe Konstantine," antwor- 
tete er, „ich könnte nie Katholik werden, schon wegen 
meiner Familie und meiner Mutter, deren Tod es 
wäre und dann — ich vermöchte es auch niemals." — 
„Es ist ja nicht nötig, daß man von Ihrer religiösen 
Meinung etwas erfährt, der Schritt, den Sie tun werden, 
wenn Ihnen Gott die Gesundheit verleiht, könnte ge- 
heim bleiben." — „Keineswegs," versetzte Ypsilanti, 
„ich könnte meinen Glauben nie verbergen, das wäre 
nicht recht." Darauf suchte Konstantine seinen Wider- 



willen noch zu erschüttern, sie sagte ihm vieles, was ihn 
zu überzeugen schien, ich glaube, sie sprach auch davon, 
daß es ihr ein Trost wäre, dereinst im Himmel mit ihm 
vereint zu sein. „Nun gut," meinte er, „für Sie will ich 
es tun!" — „Nicht für mich," erwiderte sie, „für Sie 
selbst und für Ihre Überzeugung." — Er dachte einige 
Zeit nach, dann sagte er ernst: „Ja, für mich selbst, ich 
verspreche es Ihnen." 

Da seine Brüder wünschten, daß er die Sakramente 
empfange, so wurde der Pope für den nächsten Tag 
bestellt. Die Nacht verlief ruhig, ich fand unseren 
Freund am nächsten Morgen besser. Als der Pope kam, 
benachrichtigte ich den Kranken, ich wiederholte ihm 
beiläufig dieselben Worte, wie gestern meine Schwester 
und fand ihn ruhig und bereit, seinen Feinden zu ver- 
zeihen. „Beunruhigen Sie sich nicht, Ihr Herz muß 
sprechen, jetzt sind Sie nicht imstande, darüber nach- 
zudenken. Können Sie aus ganzem Herzen Gott sagen, 
daß Sie es bereuen, nicht früher die Wahrheit gekannt 
zu haben und daß sie diese kennen lernen wollen ?" — 
„Ja," versetzte er mit kräftiger Stimme, „ich will nicht 
im Irrtum bleiben und werde Gott bitten, daß er mich 
erleuchte." 

Während dieser leise gesprochenen Unterredung 
kniete ich bei ihm, er sagte zu mir: „Der Priester ist 
schon da, er wartet." In der Tat standen der Pope, 
— es war ein Bischof — die Brüder und die anderen 
Leute bereits im Zimmer; ich hatte es nicht bemerkt. 
Ich ging hinaus und betete im anstoßenden Gemache. 
Der Bischof blieb kaum eine Viertelstunde. Als ich 
wieder eintrat, streckte mir Ypsilanti die Hand ent- 
gegen, ich warf mich auf die Knie und in einem plötz- 
lichen Gefühl der Rührung und Ehrfurcht küßte ich 

28^, 



ihm stürmisch die Hand. Er schien erstaunt und mit 
einem Male überfiel ihn eine heftige Bewegung, Trä- 
nen, die er vergeblich zurückzuhalten suchte, schössen 
aus seinen Augen; es war ein erschütternder Augenblick, 
eine herzzerreißende seelische Depression. Ich war aufs 
heftigste bewegt. „Mein Freund," sagte ich mög- 
lichst ruhig, „da Sie jetzt mit Ihrem Gott ausgesöhnt 
sind, so denken Sie nur mehr an Ihre Gesundheit und 
trachten Sie, Ihren Gleichmut wieder zu gewinnen." 
— „Ich bin ruhig," entgegnete er mit jenem Ausdruck 
der Wahrheitsliebe, der ihm so eigen war. Seine Auf- 
regung hatte sich vollkommen gelegt. „Ich werde schla- 
fen", flüsterte er mir noch zu und zwei Minuten darauf 
war er ruhig eingeschlummert. 

Von diesem Tage an las ich ihm auf seinen Wunsch 
jeden Morgen Gebete vor, ich hatte mir eines erdacht 
und aufgeschrieben, worin er Gott bat, ihn die Wahr- 
heit erkennen zu lassen und ihm die Kraft zu verleihen, 
seinen Willen auszuführen. Er hörte immer aufmerk- 
sam zu. Am Vortage seines Todes unterließ ich dieses 
Gebet, da er sehr schwach war. Vielleicht war dies 
nicht recht von mir, aber er litt so sehr und ich glaubte 
ihn nicht mehr wiederzusehen! Seine Geduld war ja 
so groß und man erzählte mir, daß er in seiner letzten 
Nacht mit lauter Stimme das Vaterunser und das Con- 
fiteor in griechischer Sprache betete, dann sich be- 
kreuzigte und sagte : „Jetzt will ich schlafen", und ent- 
schlummerte. 

Als er sich an diesem Abend mit seinem alten Be- 
dienten Konstantin allein befand, fuhr er ihm ins Haar, 
streichelte seinen Kopf und wiederholte mehrere Male: 
„Armer Konstantin!" Der Greis zerfloß in Tränen und 
antwortete ihm, er sei nicht zu bedauern, es fehle ihm 

284 



an nichts. „Nur Geduld," tröstete Ypsilanti, „in einigen 
Tagen werde ich besser sein und dann kannst du dich 
ausruhen." 

Bevor der Bediente an diesem Abend zu ihm kam, 
war ich mit Lassanis allein bei Ypsilanti. Da dieser 
schläfrig war, verlangte er nach Konstantin. Lassanis 
ging hinaus, ihn zu holen. Darauf bat mich Alexander, 
ich möchte ihm den Kopf halten, bis Lassanis zurück- 
komme. Ich tat, wie ich es ja oft schon gemacht hatte 
und hielt mit beiden Händen sein Haupt, während ich 
ihm gegenübersaß. Er lächelte mir mehrmals zu und 
schlummerte ein. Als die beiden eintraten, deutete ich 
ihnen an, zu warten, damit er nicht erwache. Es 
dauerte ungefähr zwanzig Minuten, ich vermochte sie 
an seinem Atem, dessen Intervalle ich studiert hatte, 
zu zählen. Die Ermüdung machte endlich meine Arme 
so stark zittern, daß ich Lassanis ein Zeichen gab, mich 
abzulösen. Diese Bewegung erweckte Ypsilanti. Er legte 
sich dann auf die Chaiselongue und schlief wieder ein. 
Ich ging hinaus, kam aber immer wieder herein, sobald 
er sich rührte. Einmal sagte er zu Lassanis: „Ist es nicht 
meine gute Lulu ?" Ich näherte mich ihm und ließ 
mich auf die Knie nieder, er nickte mir zu, nahm meine 
Hand und legte sie auf seine Brust, seine Augen hatten 
in diesem Moment einen ganz besonderen Ausdruck 
von Liebe und Dankbarkeit. Bald darauf schlummerte 
er wieder ein. Ich verließ das Zimmer, sobald er meine 
Hand losgelassen. Ach! Ich hatte seinen letzten Ab- 
schiedsgruß empfangen. 

Als Konstantine kam, gingen wir nochmals hinein; da 
er aber nichts sprach iind sich nicht bewegte, so entfern- 
ten wir uns und gingen nach Hause. Ich war ja an diesem 
Tage acht Stunden ununterbrochen bei ihm gewesen. 

285 



Von Lassanis erfuhr ich noch, daß der Bischof, der 
Ypsilanti die Beichte abnahm, ihm nach dem Sünden- 
bekenntnis folgende drei Fragen stellte, die der Kranke 
beantwortete: „Haben Sie nichts mehr zu sagen, was 
Sie bedrückt ?" — „Nichts." — „Haben Sie allen Ihren 
Feinden vergeben ?" — „Ja, von ganzem Herzen, ich 
hoffe, Gott werde mir ebenso verzeihen." — „Mein 
Sohn, als Sie Ihr Unternehmen begannen, haben Sie 
da aus sich selbst jenen Entschluß gefaßt, der so schreck- 
liche Folgen haben sollte ?" — Da hob Ypsilanti das 
Haupt und sah den Priester mit Augen an, in denen sich 
das Erstaunen, aber auch die volle Wahrheitsliebe 
spiegelte. „Wer bin iVÄ," rief er aus, „ichl Um aus mir 
selbst ein Werk zu unternehmen, wie dieses war!" — 
„Es ist gut," sagte der Bischof, „ich brauche nicht mehr 
zu wissen, mein Sohn, ich erteile Ihnen die Absolution," 

In den letzten Tagen sprach der Kranke oft und oft von 
seiner Mutter und ihrem Schmerze, wenn sie erfahren 
würde, daß er seit langem tot und noch dazu in Wien ge- 
storben sei. Eines Tages sagte er zu Lassanis: „Es ist 
doch hart, hier sterben zu müssen, nachdem ich so vielen 
Schlachten beigewohnt habe und so oft in Gefahr war." 

Das, was er in seiner letzten Nacht sprach, schien 
zu beweisen, daß er sein Ende vorausgesehen, obwohl 
wieder andere seiner Reden, seine große Ruhe und der 
Mangel jedes Angstgefühles das Gegenteil bezeugten. 
Man kann aber hoffen, daß er den Tod nicht so nahe 
fühlte; so hatte er am Vorabend desselben zu Lassanis 
gesagt: „Die Somnambule" — wir hatten es bei ihm 
auch mit Magnetismus versucht, zu dem er Vertrauen 
zeigte — „hat mich wissen lassen, daß meine Heilung 
in vierzehn Tagen beginnen werde, aber diese Zeit hin- 
durch muß ich noch Schmerzen erdulden." 

286 



Am Morgen seines Sterbetages erwachte Alexander 
und fragte, ob wir noch nicht da seien und wieviel Uhr 
es sei. Sein Bedienter antwortete ihm, es wäre 7 Uhr. 
„Ich hätte es", bemerkte der Kranke, „erraten können, 
daß es noch frühmorgens ist, sonst wären sie schon 
hier." Als ich kam, schlief er und hatte die Augen ge- 
schlossen. Dieser Schlaf schien mir ein gutes Zeichen 
zu sein, ich kehrte nach Hause zurück und sollte ihn 
lebend nicht mehr sehen! Eine Stunde später kam 
Konstantine, er schlummerte wohl, aber die Verände- 
rung in seinen Zügen erschreckte sie so, daß sie sich 
hinter ihn stellte, damit er ihre Tränen nicht sehe. 
Um I Y2 Uhr sagte er zu Lassanis etwas in griechischer 
Sprache, worauf dieser meiner Schwester ein Zeichen 
machte, sich zu entfernen. Sie ging hinaus, der Bediente 
trat ein, verließ das Gemach und brachte irgendeinen 
Parfüm. Während dieser Zeit bat Konstantine den 
Prinzen Nikolaus, nachzusehen, was es gebe. Wenige 
Minuten darauf hörte sie, wie Lassanis mit kräftiger 
Stimme ein griechisches Wort aussprach, sie stürzte 
hinein und sah Alexander in den Armen seines Freun- 
des, er lag in Agonie. Man gab ihm Äther ein, meine 
Schwester reichte ihm ihr Riechfläschchen, er sah sie 
zweimal mit erlöschendem Auge an und — verschied^). 
Er hatte gerade Lassanis gebeten, ihm die Hand zu 
geben, als Todesblässe sein Antlitz überzog. Ich trat 
einen Augenblick später herein, man hatte mich vor 

i) Vielfach wird in Geschichtswerken usw. der i. August 1828 
als Todestag Ypsilantis angegeben, was nach Obigem unrichtig 
ist. Er starb am 31. Januar. — Dem Tagebuch Lulus liegt an dieser 
Stelle ein Zettel bei, der die Inschrift für Ypsilantis Grab in fol- 
genden Worten enthält : „Hier ruht . . . unglücklich in Hoffnungen 
— erhaben an Willen — groß im Überstehen. Getäuscht — ver- 
kannt — beweint. Geboren .... gestorben . . . ." 

287 



dem Hause angetroffen. Meine arme Schwester hielt 
ihn in ihren Armen, er war noch warm, seine Augen 
waren geschlossen, seine Lippen schienen fast zu lä- 
cheln, aber der Tod hatte sein grausames Siegel darauf- 
gedrückt. Man brachte mich hinaus, Konstantine zö- 
gerte, da sagte ich ihr, wir würden wiederkommen; sie 
war wie zu Eis erstarrt. 

In seiner Agonie war Ypsilanti ruhig, nur ein einziges 
Mal rief er, man möge dem Postillon sagen, nicht nach 
Wien hineinzufahren, denn dort müsse er sterben. 

Ich hätte es eigentlich nicht nötig, von den traurigen 
letzten Pflichten zu sprechen, die ihm seine Freunde 
erwiesen. Die Erinnerung an alle diese Einzelheiten 
bleibt mir unvergeßlich. Ich meine aber, es könnte 
später einmal jemand in diesen Papieren nach einem 
Bericht über diese traurigen Feierlichkeiten suchen. 

Die in Wien lebenden Griechen hatten während der 
letzten Tage der Krankheit für Ypsilanti gebetet, sein 
Leichnam wurde dann in die griechische Kapelle ge- 
bracht. Er lag mit unverhülltem Gesichte aufgebahrt, 
einen Blumenkranz nach griechischem Brauch um das 
Haupt ^) ; eine griechische Dame hatte ihn geschickt. Der 

i) Die Baronin du Montet („Souvenirs", 1904, S. 154), die auch 
als Todesdatum den i. August 1828 irrtümlich angibt, glossiert 
die Zuneigung Konstantine Rasumoffskys und ihrer Schwester Lulu 
zu Ypsilanti mit folgenden Worten: „Ihre allerdings reine, aber 
exaltierte Neigung riß sie zu absonderlichen Dingen hin, wie 
z. B. den Toten im Sarge mit Rosen und Lorbeer zu bekränzen. 
Warum Rosen .'' Sein Ende war ja schmerzhaft, herzzerreißend. 
Diesen Umständen schreibt man, wie ich glaube, mit Unrecht, die 
Geisteskrankheit der Fürstin, welche wenige Tage nach seinem 
Tode anhob und einige Jahre dauerte, zu." — Nach obigem ist 
die Bekränzung seitens der Fürstin Rasumoffsky zum mindesten 
zweifelhaft, denn die Verfasserin würde doch jedenfalls sonst den 
Namen der Spenderin in ihrem Tagebuche genannt haben. 

288 



Zu Bd. III, S. 288;289. 



sr,viws^m»'t :3-:.F-rrr--!r-r 




Alexander Fürst YpsilantI auf dem Totenbette, 
(t 31. Januar 1828.) 



Nach einem Bilde in der k. u. k. 
Familien - Fideikommißbibliothek. 



Tote trug ein schwarzes Kleid, die kleine Uniform des 
„heiligen Bataillons", seine Orden lagen auf einem 
Kissen daneben. Leider hatte es Lassanis nicht für 
nötig gehalten, auch den Säbel beizufügen; ich be- 
dauerte es um so mehr, als dieser von Konstantin 
Paläologus, dem letzten griechischen Kaiser, der mit 
diesem Säbel in der Faust auf den Mauern Konstan- 
tinopels fiel, stammte. Der Sultan Selim hatte ihn, so 
viel ich weiß, dem Vater Alexanders gegeben. Der 
Bischof von Pharsalus, der sich zufällig in Wien befand, 
leitete die Trauerzeremonien, denen eine Menge Grie- 
chen, aber kein einziges Mitglied der russischen Bot- 
schaft beiwohnten. Kleinliche Rücksichten hielten alle 
ab. Lassanis hatte das Herz des armen Ypsilanti auf- 
bewahrt, damit es dereinst in seinem Vaterlande mit 
allen Ehren, die dem Andenken seines ersten Befreiers 
ziemten, bestattet würde. 

Während man den Toten auf den Leichenwagen hob, 
näherten sich ihm vier Türken, um ihn zu betrachten. 
Der Bejahrteste unter ihnen sagte zu den anderen: 
„Seht diesen Unglücklichen, er ist auch ein Opfer dieses 
elenden Kaisers Alexander. Durch ihn wollte dieser uns 
viel Übles zufügen und dann ließ er ihn im Stich." 
Lassanis, der türkisch verstand, hörte diese Worte des 
alten Muselmannes. 



19 M. L. III 



289 



XXXVII. DIE ERSTE GEISTESSTÖRUNG 
DER FÜRSTIN RASUMOFFSKY 

Es ist mir sehr peinlich, von dem endlich zu sprechen, 
was sich in den dem Tode Ypsilantis folgenden 
Tagen zwischen Konstantine und mir zutnig. Wer aber 
seinen Lebenslauf schildern will, muß darin jedwede 
Erfahrung aufzeichnen, besonders jedoch diejenigen, 
welche über das Herz des Menschen Aufschluß geben. 
Sie sind gleichsam die Klippen, die man bezeichnen sollte, 
um neuen Schiffbruch zu verhindern. Vielleicht ver- 
unglückte ich deshalb, weil ich meine Erfahrungen 
bisher nicht zu Papier brachte. 

Während Konstantine sich in Teplitz mir gegenüber 
stellte, als ob sie die Liebe Ypsilantis für erloschen halte, 
vermochte sie seit unserer Rückkehr nach Wien ihre Ge- 
fühle nicht mehr zu verbergen. Obwohl gerade damals 
Rasumoffsky und Josefine gefährlich krank waren, so 
berührten diese Familiensorgen wohl ihre Seele, konnten 
sie aber nicht, wie ehemals, erfüllen. Ihr ganzes Denken 
war auf den einen Gegenstand gerichtet und das sonstige 
Unglück, welches sie bedrohte, ließ sie nur noch mehr 
für ihn zittern. Sie fürchtete, ihn auch unter den Ein- 
fluß ihres Unglückssternes zu ziehen. Von wirklichen 
und chimärischen Sorgen, von gefährlichen Träume- 
reien, übertriebenen Skrupeln, mit einem Wort von den 
Höllenqualen einer Leidenschaft, über die ihre Ver- 
nunft jede Herrschaft verloren hatte, gepeinigt, stand 

290 



meine arme Schwester eine wahre Folterpein aus. Ich 
bemerkte es, ich sah jeden Augenblick erschreckendere 
Symptome des Zusammenbruches ihres Glückes, der 
Zerrüttung ihrer Seele. Von solchen Schmerzen über- 
wältigt, entdeckte ich, wie sie sich eine Quelle von 
Kummer und unstillbarer Reue selbst schuf und da 
hätte ich, so lauteten ihre Vorwürfe, — gleichgiltig 
bleiben sollen ? Nie aber hatte ich gegen Ypsilanti ein 
bitteres Gefühl, damals nicht, als ich sah, wie er von 
dem Unheil nichts ahnte, das er angerichtet, und auch 
jetzt nicht, da ich meinen Irrtum eingesehen. Ypsilanti 
blieb von jeder Schuld frei. Sein Geheimnis war ihm 
von ihr entrissen worden und seine reine, edle Seele, die 
das Unglück bis zur Vollkommenheit geläutert hatte, 
vermochte in einem Gefühl, das für ihn nur eine Tugend 
mehr war, weder das Gewitter, noch die Gefahr zu er- 
blicken. 

Solange mir sein Gesundheitszustand noch geringe 
und nebelhafte Sorgen verursachte, hatte ich gehofft, 
daß sein Geschick ihn wieder von uns entfernen, daß 
Konstantine ihre Ruhe wiedergewinnen und in weiterer 
Zukunft Trost und Freude, die sie durch ihre Leiden 
erkaufte, finden würde. Als ich ihn aber sterbend nach 
Wien kommen sah, als ich die medizinische Fakultät 
ihr schreckliches Gutachten abgeben hörte, da wußte 
ich, daß mir nichts anderes mehr übrig blieb, als den 
Kelch bis zur Neige zu leeren; die Mutlosigkeit war 
jetzt der einzige Feind, den ich besiegen mußte, und 
ich konnte es. Ich tat es, indem ich mich betäubte, in- 
dem ich über alles Weh und alle Gefahren die Augen 
schloß und vom Himmel die Hilfe für die erwartete, 
welche er so grausam getroffen hatte. 

Erst am Tage nach seinem Tode erfuhr ich die ganze 

291 



Wahrheit; die Briefe, welche er ihr von Theresienstadt 
nach unserer Abreise geschrieben, öffneten mir endlich 
die Augen. Konstantine gab sie mir erst, nachdem sie 
mir die heftigsten Vorwürfe über die Entsagungen, die 
ihr meine dumme Unwissenheit auferlegten, gemacht 
hatte. Wie viel' köstliche Augenblicke, sagte sie, hätte 
ich ihr durch den Zwang geraubt, den ihr meine ewige 
Anwesenheit verursachte! Namentlich zu Beginn der 
Krankheit, wo uns Schicklichkeitsrücksichten hinderten, 
eine ohne die andere zu ihm zu gehen, da er immer 
allein war! Ich hätte sie sich selbst überlassen sollen, 
indem ich das Geheimnis endlich erriet, mit dem sie 
beschäftigt waren! — „Aber warum", entgegnete ich, 
„hast Du mich nicht aufgeklärt ?" Nun folgten neue 
Vorwürfe, sie hätte meine Ironie, meine Strenge, meine 
Sarkasmen gefürchtet, ich sei für sie niemals gut ge- 
wesen, wenn sie krank war^). 

Ich hörte diese Klagen mit einem Gefühle an, das 
sich schwer beschreiben läßt. So viel Ungerechtigkeit 
erschütterte mich. Wodurch hatte ich das verdient ? 
Ich verzieh die Vorwürfe ihrem verwundeten Herzen, 
aber ihre Heuchelei, ihr Mißtrauen! Und wäre meinen 
Lippen selbst ein Wort des Tadels entschlüpft, hätte 
sie nicht andere, noch härtere Bemerkungen in Bereit- 
schaft gehabt, als ich sie hätte machen können ? Und 
erst ihre übertriebenen Skrupeln ? Lohnte es sich wohl, 
daß sie, etwa durch einen Ausdruck der Mißbilligung, 
den sie vielleicht in meinen Augen gelesen haben mochte, 
auf jeden Trost, jedes Mitleid, jeden Beweis meiner 
Freundschaft verzichtete ? Galten denn 40 Jahre treuer 

i) Es ist sonderbar, daß ich dieselben Worte vor 17 Jahren aus dem 
Munde meiner Mutter wenige Tage vor ihrem Tode hörte, als sie 

sich über Konstantine beklagte (Notiz d. Verf.). 

292 






Liebe nichts nur wegen eines harten Wortes, eines 
strengen Blickes ? 

Unter vielen Tränen las ich die Briefe Ypsilantis, 
ich las sie voll Bewunderung. Sie waren der Spiegel 
eines Herzens ohne Fehl. Vom ersten Tage an, da er 
in glücklichen Zeiten meine Schwester in Karlsbad 
traf, bis zu jenem, wo er sie in das Haus des Generals 
in Theresienstadt treten sah, glaubte er, in ihr sein 
Glück zu finden, sie war stets der Gegenstand seiner 
Verehrung, der Zauber seiner Träumereien, der einzige 
Trostgedanke, der alleinige Lichtpunkt in seinem trau- 
rigen, düsteren Dasein. Sein Unglück, seine Dankbar- 
keit steigerten dieses reine Gefühl immer mehr, seine 
Briefe waren der Ausfluß einer Anbetung, einer fast 
religiösen Begeisterung. Ein einziger unter den Briefen 
trug das Gepräge der Liebe, obwohl sich dieses Wort 
darin nicht fand. Die Wendungen waren aber nicht 
die der Leidenschaft, nicht der Liebe eines Mannesy 
und dennoch glaubte er, Konstantine damit verletzt 
zu haben und versprach, nicht mehr von seinen Ge- 
fühlen zu sprechen, wenn man sie verwegen fände. 

Und wirklich, ich fand einen Brief meiner Schwester, 
der einem Alexanders beilag, worin sie ihm eine zu zärt- 
liche Sprache verbot und ihm befahl, sich künftighin 
nur mehr solcher Ausdrücke zu bedienen, die ihm die 
Kindesliebe diktiere, die einzige Regung, auf die sie 
antworten könne. Dieser Brief, welcher strenger ge- 
halten war, als ich es jemals von Konstantine erwartet 
hätte, würde einen Weltmann kaum erschreckt haben, 
aber der arme Alexander, der in seinen Worten nur 
seine Gedanken wiedergab, nahm sich diesen Tadel zu 
Herzen und gehorchte. Sicherlich lag in dem harten 
Inhalt dieses Briefes nichts Geziertes, ich bin überzeugt, 

293 



daß Konstantine sich im besten Glauben dieses schmerz- 
liche, aber notwendige Opfer für immer auferlegte. 
Aber gerade diese übertriebene Strenge würde einen 
etwas erfahreneren Mann über das Herz seiner Ge- 
liebten aufgeklärt haben. Die echte Seelenruhe kennt 
eben keine Furcht! Was hatte aber Konstantine von 
ihm zu fürchten, sobald sie für sich selbst einstehen 
konnte ? Doch der Himmel, der der armen Konstantine 
bei allen Gelegenheiten eine ruhige Überlegung vor- 
enthalten hatte, er ließ sie immer ohne Stütze in ihren 
Leiden, ohne Führer in allen Situationen. Unschlüssig 
und furchtsam ließ sie sich von den Ereignissen unter- 
drücken, indem sie dasjenige auswählte, das sie ver- 
meiden wollte. Hätte sie eine einzige Eigenschaft mehr 
besessen, die innerliche Ruhe, sie wäre glücklich ge- 
worden ! 

Die Absichten Gottes sind unerforschlich. So ließ 
er den unglücklichen Ypsilanti, um seine letzten Tage 
zu erhellen, wenige Monate vor seinem Ende meine 
Schwester wiederfinden. Der Arme gewann in der 
Zärtlichkeit, in der Pflege einer geliebten Freundin 
seine Ruhe, ja fast sein Glück, er verdankte ihr alles, 
selbst die Erleuchtung, womit der Himmel seine letzten 
Augenblicke verschönte. Indem er sich in ihrer Nähe, 
wie ein Kind in den Armen seiner Mutter vor allem 
Unglück gefeit fühlte, sah er die Gefahr nicht mehr 
und entschlief auf immer, von süßen Hoffnungen ein- 
gewiegt. 

Dieselbe väterliche Hand, welche mit geheimnis- 
vollen Banden die Schicksale der Menschen mitein- 
ander verknüpft, damit sie dem erhabenen Endzwecke 
der Schöpfung dienen sollen, dieselbe Hand zeigte uns 
zwei Tage nach Ypsilantis Tode das Walten ihrer gött- 

294 



liehen Vorsehung. Ich war mit Konstantine zur Messe 
gegangen. Auf dem Wege überließ sie sich in einer Art 
Verzweiflung ihrem Schmerze. „Ich vermag nicht zu 
beten," sagte sie, „der Himmel hat mir alles versagt, 
um was ich ihn bat, das Leben Franz Hagers^), den 
Kindersegen! Wie oft flehte ich um die Rettung T-psi- 
lantisy ich bot Gott dafür mein eigenes Glück an, er ver- 
weigerte mir alles, sogar die Bekehrung Rasumoffskysl 
Ist diese Bitte nicht ebenso billig?" Sie hatte in der 
Tat einige Tage zuvor mit ihrem Gatten über die 
Notwendigkeit gesprochen, daß er an sein Seelenheil 
denken möge; das Beispiel, welches er durch Ypsilanti 
vor Augen hatte, rührte ihn und mußte ihn überzeugen, 
und dennoch hatte er nur ausweichend geantwortet, 
sie aber hatte dem Gespräche mit noch größerer Mut- 
losigkeit, wie jemals, ein Ende gemacht. 

Als wir von der Messe nach Hause kamen, ging Kon- 
stantine zu ihrem Gatten hinauf, während ich in mein 
Zimmer trat. Einen Augenblick darauf stürzte sie unter 
Tränen zu mir herein. Rasumoffsky hatte ihr aus eige- 
nem Antriebe erklärt, er sei unwiderrufhch entschlossen, 
sich in der katholischen Religion unterrichten zu lassen. 
„Ich dachte manchmal daran," sagte er zu ihr, „doch 
niemals ernstlich, ich betete zu Gott, aber es ward 
mir keine Antwort, heute aber hat der Himmel ge- 
sprochen, ich bin entschlossen." Konnten wir noch 
daran zweifeln, daß diese Gnade von jenem 2) kam, der 
dort oben die Belohnung für seine Tugend erhalten 
hatte ? 3) 

i) s. Bd. I. 103. 

2) Alexander Ypsilanti. 

3) Nach dem Tagebuche fand dieser Entschluß Rasumoffskys am 
26. Februar 1828 statt. Am 14. Juli wurde folgendes von Graf 

295 



Dieser Entschluß ihres Gatten und mehrere Unter- 
redungen, die Konstantine mit teilnehmenden und auf- 
geklärten Priestern hatte, waren Balsam auf ihre seeH- 
schen Wunden. Bald jedoch erschütterten sie neue, 
drückende Sorgen. Die Gesundheit Rasumoffkys 
wurde immer schlechter, und da die Ärzte nur mehr 
von einer ungewissen und zweifelhaften Zukunft 
sprachen, glaubte Konstantine einen Blick auf das Los 
werfen zu sollen, das sie erwartete, wenn sie ihren Ge- 
mahl verlöre. Dieser Überblick auf ihre persönlichen 
Angelegenheiten, den zu machen ich ihr schon in Tep- 
litz und dann auch in Wien geraten, was aber ihre 
Träumereien immer wieder verhinderten, ließ sie in 
einen Abgrund blicken. Ihr Wittum war nicht inta- 
buliert, das Vermögen Rasumoffskys den Gläubigern 
und Anverwandten verfallen, das in Österreich lie- 
gende mit Schulden überlastet, nicht die kleinste 
sichere Quittung über die 41 000 fl, welche sie ihrem 
Gatten geliehen, ja nicht einmal eine Bestätigung über 
die paar tausend Gulden, die sie von ihrem Vater er- 
erbt hatte! Wenn Rasumoffsky stürbe, bevor er alle 
diese Unvorsichtigkeiten wieder gut gemacht hätte, 
würde die Witwe nahezu dem Elend preisgegeben sein, 
ihre Diamanten böten ihr die einzige Einnahmsquelle; 
sie mochten ihr etwa 6 — 7000 fl Rente gewährleisten. 

Der Schrecken über diese entsetzliche Entdeckung 
verschaffte ihr, obwohl er ihr große Sorgen verursachte, 
einige Ablenkung von der Verzweiflung, wogegen sie 

Karl Coudcnhove, Domherr zu St. Stephan und Konslstorlalrat, 
Peter Graf Goijss und Josef Graf Thürheim unterschriebenes Zeugnis 
ausgestellt: „Ich Endesunterschriebener bescheinige hiermit, daß 
Seine Durchlaucht der Herr Fürst Andreas Rasumoffsky von der 
nicht unirten zur katholischen Kirche zurückgetreten sei. Wien, 
14. 7. 1828." 

296 



I 

I 



seit dem Tode Ypsilantis mit Anstrengung kämpfte. 
Sie zog Goess ins Vertrauen und fand ihn ebenso bereit- 
willig, als verständig, ^ie schrieb Bulgakoff^) die ganze 
Lage. Acht Tage zuvor hatte ich aus Angst vor Zeit- 
versäumnis mich an Bulgakoff gewendet und sein In- 
teresse für meine Schwester wachzurufen versucht. 
Als diese endlich mit ihrem Gatten sprach, setzte es 
zuerst ein Ungewitter ab, doch das edle Herz meines 
Schwagers gewann gar bald die Oberhand, er zeigte ihr 
sein Testament und einen Brief, der sofort nach seinem 
Tode dem Kaiser Nikolaus übergeben werden sollte, 
mit einem Wort, er verhehlte ihr nichts von seinen 
Maßnahmen, um ihr eine glänzende Existenz zu 
sichern. Dieses Vorgehen, dieses Vertrauen und diese 
vortrefflichen Absichten rührten meine Schwester, wie 
es nicht anders möglich war. Leider hatte aber die Un- 
kenntnis Rasumoffskys mit den österreichischen und 
auch russischen Gesetzen, die der vom Grafen Pergen^) 
in Bezug auf die Besitzungen angerichtete Wirrwarr 
noch erhöhte, alle diese Maßnahmen illusorisch ge- 
macht. 

Diese Einsicht erschreckte meinen Schwager und 
man ging unter Goess Leitung daran, die Fehler wieder 
gut zu machen. Allerdings brauchte man dazu Monate, 
aber der Himmel hatte ein Einsehen und Rasumoffsky 
wurde wieder gesund. 

Konstantine gefiel sich weiter darin, ihrem Schmerze 
über Ypsilantis Tod dadurch Erleichterung zu ver- 
schaffen, indem sie mich mit Ungerechtigkeiten über- 
häufte. Wäre unser armer Freund noch am Leben, er 
würde mich gegen die unedlen Angriffe geschützt 

i) Siehe Bd. III. 21. 

2) Josef Gi3ii Pergen (1766 — 1830), s. Bd. I. 127. 

297 



haben. Seine Seele hätte in ihrer Wahrheitsliebe mir 
geglaubt, und im Vertrauen auf mich hätte er die kleinen 
Nuancen meiner Handlungen nicht näher beachtet. 

War nicht das Unrecht, welches sie mir vorwarf, das- 
selbe, dessen sie sich in Florenz gegen mich schuldig 
gemacht ? Wie ich, erriet sie damals nicht, was ich ihr 
verbarg, und daß die Liebe nicht nur auf einer Seite 
war. Und den feindseligen Ton, den sie mir jetzt vor- 
warf, hatte ich diesen nicht nur damals von ihr zu 
hören bekommen, als mich Ferdinand 5^ 'John liebte, 
sondern auch jedesmal, sobald mir jemand den Hof 
machte ? Hatte ich daher nicht sogar das Recht auf 
ihre Nachsicht ? Hatte ich nicht die nämlichen Un- 
gerechtigkeiten zu erdulden gehabt, als sie sich für 
Gordon^) erwärmte, und würde ich ohne ihre Krank- 
heit, ohne meine viermonatliche Pflege und Selbstent- 
äußerung jemals ihre Liebe wiedergewonnen haben ? 
Eine traurige Wahrheit folgt daraus : Auch die Freund- 
schaft ist nichts wie eine Chimärel Man muß sich 
daran gewöhnen, das Leben ohne Illusionen zu durch- 
schreiten. Welches Recht hätte man denn, sich über 
ein Übel zu beklagen, das jeden Menschen trifft, wie 
der Tod! 



i) Konstantine Rasitmoffsky wurde 1823 in Italien von dem 
englischen Seekapitän John Gordon a. d. H. der Earls of Aberdeen 
und Bruder des späteren Gesandten bei der Pforte Robert Gordon 
leidenschaftlich geliebt. Lulu, die ernste Folgen voraussah und für 
den Familienfrieden fürchtete, hatte mit Gordon in Castellamarc 
eine lange Auseinandersetzung, die damit endete, daß sie ihm 
verzieh, da sie „seinen ehrenwerten Charakter und die Reinheit 
seiner Absichten" anerkennen mußte, obwohl er weder das Über- 
maß seiner Leidenschaft, noch die bösen Folgen leugnen konnte, 
die sein Benehmen für die Seelenruhe Konstantines hätten haben 
können. Letztere nahm aber ihrer Schwester diese Einmischung 
lange übel und es kam fast zu einem Bruch zwischen ihnen. 



298 



Zu Bd. III, S. 298,'299. 




Capt- James Gordon, 
a. d. H. der Earls of Aberdeen. 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1823) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



Die Arglist Metternichs verfolgte den armen Ypsi- 
lanti in seinen Brüdern weiter. Keiner von ihnen konnte 
die Erlaubnis erlangen, Österreich zu verlassen. An- 
dererseits ließ sie auch Rußland im Stiche. Schon zu 
Lebzeiten Kaisers Alexander war dies geschehen, als 
Tatitscheff an das österreichische Kabinett berichten 
mußte, daß man sie als russische Untertanen nicht 
reklamiere. Diese grausame Note hatte man Alexander 
Ypsilanti verschwiegen und er war im Bewußtsein ge- 
storben, daß Rußland sie aus den Händen ihrer Ver- 
folger befreien werde. 

Zwei Dinge sind im Menschen unsterblich, seine 
Seele und sein Name. Gott belohnt den tugendhaften 
Menschen mit ewiger Glückseligkeit und sein Andenken 
überlebt ihn, indem es sich von Generation zu Gene- 
ration fortpflanzt. Dasjenige Tpsilantis wird mit der 
Strahlenkrone seines Ruhmes, die er durch seine Hin- 
gebung für sein Vaterland verdiente, an die Nachwelt 
übergehen, die Geschichte wird seinem Charakter, 
seinen Absichten einmal Gerechtigkeit widerfahren 
lassen. Glücklicherweise hatte ihm der Himmel einen 
Freund an die Seite gestellt, G. Lassanis (Olimpiotti), 
der sein Andenken reinwaschen wird, da er alles, was 
Alexander Ypsilanti von seinem Eintritt in die Hetärie 
bis zu seinem Tode betraf, kannte. In alle Geheimnisse, 
in alle Unternehmungen eingeweiht, wird er darüber 
Aufschluß geben können. Seine geistigen Anlagen 
werden die Worte zu finden wissen, um Europa von der 
Lauterkeit der Absichten Ypsilantis und von dem Un- 
rechte derjenigen überzeugen zu können, die ihn hin- 
eingezogen, verlassen, verraten und verfolgt haben. 
Lassanis sah in Alexander den ersten Befreier seines 
Vaterlandes, er kannte die Reinheit seines Patriotismus. 



299 



Von diesem Augenblicke an diente er ihm mit einer 
Hingebung, aus der er sich eine heilige Pflicht gemacht 
hatte. Auch in seinem Unglücke wollte er ihn nicht 
verlassen, obwohl er dazu in Munkacs mehrmals Ge- 
legenheit hatte; er pflegte ihn in allen Leiden und 
namentlich in seiner letzten Krankheit mit unermüd- 
lichem Eifer. Er vereinigte in sich die zarte Fürsorge 
einer Frau mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, sein 
Herz blieb ebenso zugänglich, wie seine Überlegung 
kühl. Der Himmel wolle ihm bald Gelegenheit geben, 
für das Andenken seines Chefs und Freundes noch 
mehr zu tun, als er zu dessen Lebzeiten zu tun ver- 
mochte. 

Da ich fürchtete, daß unverständige oder böswillige 
Leute in den Zeitungen einen ungünstigen Nachruf 
über Tpsilanti erscheinen lassen könnten, beeilte ich 
mich, einen zu schreiben, den ich Lassanis und Rasu- 
moffsky zeigte und dann dem Herzog von Dalberg 
nach München sandte. Er findet sich in der „Allge- 
meinen" und ich hoffe, er hat das Publikum zugunsten 
Ypsilantis und gegen seine ungerechten Verfolger ein- 
genommen. Auch schrieb ich an Cafo d* Istria und legte 
einen griechischen Brief Lassanis bei, worin ihm dieser 
den Tod Alexanders anzeigte. So hoffte ich, daß der 
Eindruck, den diese beiden Schreiben in der Seele Capo 
d' Istrias auslösen mußten, ihn veranlassen würden, 
dem Verstorbenen die verdiente Gerechtigkeit ange- 
deihen zu lassen. 

Die Melancholie meiner Schwester griff endlich, 
nachdem sie sie durch Wochen des Schlafes beraubt 
hatte, auch ihre Nerven so stark an, daß wir Mitte 
Mai für ihren Verstand und ihr Leben fürchteten. Ihr 
Zustand war schrecklich, sie sah nur mehr Gespenster 

300 



um sich. Außerdem war das Vermögen Rasumoffskys'^) 
vollständig zusammengebrochen und sein Augenlicht 
— auf einem Auge war er blind — wurde von Tag zu 
Tag schwächer. Inmitten all' dieses Unglücks stand 
ich allein noch aufrecht! Folgende drei Tagebuchein- 
tragungen geben das beste und richtigste Bild unseres 
damaligen Jammers: 

„12. Juni 1828: Unser Unglück ist entsetzlich! 
Sie ist wahnsinnig! Oh mein Gott! 

14. Juli: Rasumoffsky hat heute in der Kapelle von 
Schwertberg seinen Glauben abgeschworen. Während- 
dessen ist Konstantine in Ischl, ihr Verstand ist ganz 
zerstört, sie hat nur soviel Klarheit bewahrt, daß sie 
Gott lästert. Vielleicht steckt man sie gerade jetzt, da 
ich in Tränen zerfloß, als ich ihren alten Gatten ein 
Bekenntnis ablegen hörte, das ihm die Pforten des 
ewigen Glückes öffnete, in die Zwangsjacke, um sie zu 
verhindern, in ihrer Wut die anderen zu schlagen! So 
steht es! Oh mein Gott! 

18. August: Täglich erwarte ich die Ankunft Kon- 
stantinens in dem Haus, das neben der renommierten 
Heilanstalt des Dr. Görgen^) gelegen ist. Hier wird sie von 
allen Bekannten isoliert sein, sie wird nur fremde Ge- 
sichter, den Doktor, seine Frau und das Dienstpersonal 

i) Im September 1827 war durch einen Ukas die Zahlung der 
Schuld des Fürsten an die russische Bank auf drei Monate verscho- 
ben worden. Im April 1828, als die Vermögensverhältnisse Rasu- 
moffskys sich Immer ungünstiger gestalteten, gelang es den Be- 
mühungen desselben und seiner Schwester Nathalie Zagriajski 
bei Kaiser Nikolaus, daß ihm dieser mit Ukas vom 12. 4. 1828 eine 
jährliche Pension von 10 000 Rubel bewilligte. Diese Gnade und 
das Recht, jährlich 30 000 Stücke Militärtuch aus seiner Fabrik in 
Baturin an den Staat zu liefern, vermochten die ungeheure Schul- 
denlast bei weitem nicht zu decken. 
2) Dr. Bruno Görgen hatte in Döbling bei Wien eine Heilanstalt. 

301 



sehen. Diese Art der Behandlung hat bereits vorzügliche 
Erfolge erzielt; wir müssen uns ihr unterwerfen. Der 
Himmel wird der armen Konstantine und mir helfen, 
alle diese Leiden zu überstehen. 

Ich habe deren mehr, als ich beschreiben kann, er- 
duldet, da ich alle Einzelheiten dieser Unterbringung 
besorgen mußte. Ich war allein und ohne Stütze, aber 
Gott, der mir so schweres auferlegte, hat mir geholfen. 
Heute morgen verlangte ein Schlosser, der die Fenster- 
gitter im Gefängnis meiner Schwester befestigte, seine 
Bezahlung, es war kein Kreuzer im Hause, auch meine 
kleine Kasse war erschöpft. Mit großer Mühe konnte ich 
diesen Mann, der unverschämt wurde, entfernen, ich 
vertröstete ihn und er ging endlich. Diese Erniedrigung, 
dieser übermäßige seelische Schmerz ließen mich am 
ganzen Körper zittern, ich rettete mich in eine Kirche 
an die Stufen des Altares. Eine feierliche Messe wurde 
dort zelebriert, die Menschenmenge, der Lärm, die 
Orgel spannten meine Nerven aufs äußerste an, ich 
glaubte den Kopf zu verlieren und stöhnte leise auf. Im 
Schmettern der Fanfaren und Trompeten bemerkte 
niemand meine Leiden, endlich wurde es stille, die 
Menge verlief sich und ich erwachte aus dieser seeli- 
schen Agonie, ich war allein! 

Isabelle, unterstützt von Vincenz Mayhirt, brachten 
endlich die arme Konstantine. Isabelle kehrt nach 
Kärnten zurück, sobald sie meine Schwester an Görgen 
übergeben hat, und Mayhirt reist nach Galizien ab. 
Ich werde allein sein und darf Konstantine nicht 
sehen! Meine arme Konstantine!" — 

In der Heilanstalt des Dr. Görgen blieb Konstantine 
IG Monate; diese Zeit war für uns eine ununterbro- 
chene Folge von vergeblichen Hoffnungen und uner- 

302 



hörten Aufregungen. Das Herzzerreißendste war wohl, 
daß wir die Arme ihrem Kerkermeister ganz überlassen 
mußten, der uns manchmal gestattete, sie zu besuchen, 
ein anderes Mal wieder dagegen Einsprache erhob. 
Sie nicht zu sehen, war ein Kummer, sie zu sehen je- 
doch eine direkte Marter. Eine tiefe Melancholie hatte 
sich ihrer bemächtigt, die ihr einen Abscheu vor allen 
sozialen Verpflichtungen, vor der Gegenwart und den 
Erinnerungen der Vergangenheit einflößte. Sie ver- 
mochte keinen Blick in ihr vergangenes Leben zu tun, 
ohne ihr Los zu verwünschen. Ach, sie ging soweit, 
die Urheber ihrer Tage und Gott zu verfluchen! Ihre 
ganze Seele war mit Haß getränkt, kein zärtliches Ge- 
fühl schien mehr darin zu wohnen. So vegetierte sie 
den ganzen Winter, i8 — 20 Stunden des Tages, da sie 
der Schlaf noch immer floh; die Hoffnungen des Arztes 
auf eine Besserung wollten sich nicht verwirklichen. 
Im Frühjahr 1829 bewog ich Rasumoffsky, in Hietzing 
ein kleines Haus zu mieten, damit Konstantine uns 
öfter besuchen und sich langsam an ihre alten Bezieh- 
ungen zu uns gewöhnen könne. Sie kam wohl manchmal, 
aber unsere Gesellschaft regte sie mehr auf, als es ihre 
Abgeschlossenheit tat. Ihre Anwesenheit im Hause 
wurde für meinen Schwager und mich zu einer wirk- 
lichen Marter. Es war eben noch viel zu früh, sie mit 
uns wohnen zu lassen. 

Da schlug Therese Chotek, die es sich in den Kopf 
gesetzt harte, durch ihre Freundschaft eine Heilung 
herbeizuführen, vor, sie zu sich auf das Land zu nehmen. 
Man machte zuerst einen Versuch in Guttenstein beim 
Grafen Hoyos, doch erzielten die dort verbrachten 10 
Tage keinerlei Erfolg. Als Konstantine zurückkehrte, 
wollte sie von Dr. Görgen nichts mehr wissen, was wir 

303 



vorausgesehen und im Geheimen gewünscht hatten, da 
uns der mehr als zweifelhafte, undelikate und unredliche 
Charakter dieses Mannes allmählich allerlei Zweifel 
in seine angeblich ehrlichen Absichten eingeflößt 
hatte. 

Als dann die Aufregung meiner Schwester immer 
mehr zunahm, drängte Therese Chotek, die Reise nach 
Neuhof nicht länger zu verschieben, und avich Malfatti, 
den wir beigezogen, pflichtete ihr bei. Im entscheiden- 
den Momente widersetzte sich aber Konstantine der 
Abreise. Endlich gelang es mir durch ein persönliches 
Opfer, indem ich ihr die kleine Georgine mit deren 
Gouvernante als Begleitung mitgab, ihren Widerstand 
zu brechen. Ich hatte die Kleine so liebgewonnen, wie 
ich es nicht für möglich gehalten hätte, ich hatte mich 
um ihre Erziehung bekümmert, denn sie war von meiner 
Schwester furchtbar verhätschelt worden, und nun 
fürchtete ich, alle meine Mühe umsonst aufgewendet 
zu haben. Als dann aber gute Nachrichten eintrafen, 
als ich hörte, daß das beständige Interesse, welches ihr 
die kleine Georgine einflößte, auf ihren Zustand und 
ihre Melancholie wohltätig einwirkte und daß eine 
neue Kur gute Erfolge erzielte, da atmete ich auf, ich 
sah zum ersten Male um mich und empfand gleich- 
sam das Gefühl der eigenen Genesung. 

Nach mehrmonatlicher Abwesenheit traf Konstan- 
tine am 20. Oktober in Wien ein, wo sie im Zentrum 
der Stadt mit Georgine und deren Gouvernante recht 
angenehm wohnte. Sie empfing dort des Vormittags 
Visiten oder machte selbst Besuche, sie dinierte manch- 
mal in der Stadt und verbrachte ihre Abende im The- 
ater oder indem sie des Nachmittags größere Land- 
partien machte, was sie sehr liebte. Ihre Krankheit 

304 



hatte alle Symptome der Geistesstörung verloren, 
aber eine Unzufriedenheit mit allem, was man für sie 
tat, war noch zurückgeblieben. Ihr Herz schien ver- 
steinert. Gegen Rasumoffsky undankbar, ungerecht 
und grausam, suchte sie ihn immer noch mit Erbitte- 
rung zu quälen, so bald sie mit ihm ohne Zeugen 
war. Ihre vollständige Untätigkeit und die daraus resul- 
tierende Langeweile veranlaßten sie zu den heftig- 
sten Klagen und Vorwürfen gegen uns. War sie da- 
gegen mit Personen, die ihr Zerstreuung gewährten, 
so bemerkte man keine Spur von Melancholie an ihr, 
sie war heiter und befand sich sehr wohl. Die Krank- 
heit hatte sie völlig verändert; aus einem gutmütigen, 
empfindsamen und edlen Wesen war eine egoistische 
und boshafte Frau geworden. Übrigens bedeutete dieser 
Zustand nur die letzte Krise ihres Leidens, das erst 
1855 wieder auftreten sollte. Im Juni 1830 verließen 
Konstantine plötzlich alle ihre bizarren Ideen. Sie bat 
ihren Gatten brieflich, er möge doch in die Stadt 
ziehen und als sie von ihm die stereotype Antwort er- 
hielt, er könne sein Palais weder verkaufen, noch ver- 
mieten, und sie wolle ja nicht darin wohnen, da faßte 
sie den Entschluß, ihren Widerwillen aufzugeben und bat 
nur um ein anderes Zimmer im Palais, als sie früher 
innegehabt hatte. Von diesem Augenblicke an gab es 
keine zärtlichere Pflegerin, als Konstantine, und Rasu- 
moffsky war gerührt und glücklich, wenn er sich auch 
in diesen plötzlichen Wechsel seiner Lage vorerst gar 
nicht finden konnte. 

Ich muß nun noch unser Leben in Hietzing ohne 
Konstantine während unseres dortigen, einjährigen 
Aufenthalts streifen. Wir bewohnten ein reizendes 
Haus vor den Toren von Schönbrunn, Baron Meyen- 



20 M. L. III 



305 



dorff war bei uns, die Esterhäzys wohnten in Grünburg 
ganz in der Nähe. Die Gesellschaft der Letzteren bil- 
dete für uns die hauptsäclilichste Zerstreuung. Es 
herrschte in dieser Familie eine Eintracht und Herz- 
lichkeit, die das Herz erwärmte. Leider lag die eine 
Tochter Therese an Rückenmarksdarre hoffnungslos 
darnieder vmd trotzdem litt darunter die Innigkeit ihres 
Verkehrs mit uns in keiner Weise; sie verbargen ihren 
Kummer und zeigten immer die gleiche, liebenswürdige 
Laune. Wir verbrachten fast jeden Abend bei ihnen. 
Marianne fühlte sich infolge der Ähnlichkeit unserer 
Sorgen zu mir hingezogen ; sie war geistreich und originell 
und besaß eine lebhafte Empfindsamkeit, welche schöne 
Eigenschaft ihr viele seelischen Leiden verursachte. 

Die jungen Esterhäzy-Roisin waren wohlerzogene, 
prächtige Männer geworden; die etwas zu lange und 
strenge väterliche Erziehung konnte ihnen weder die 
Heiterkeit, noch die Offenherzigkeit, welche sie vor 
der ganzen Jeunesse doree Wiens auszeichnete, rauben. 
Niki besaß ein reizendes Gesicht, aber weniger Geist, 
als seine Brüder, Paul hatte den Charakter seines Vaters, 
was dessen Ängstlichkeit anlangt, doch zeigte er wenig 
Ernst, Moriz hingegen bewies viel Verständnis und 
einen richtigen und klaren Blick sowohl für Menschen als 
auch Dinge; ich hatte noch keinen 23 jährigen Mann 
getroffen, der eine so inhaltsreiche Konversation führen 
konnte, wie Moriz, alles interessierte ihn und seine 
ganz eigenen Ideen waren, wenn ihnen auch noch die 
Erfahrung abging, sehr originell. Er wollte Diplomat 
werden, und ich mußte ihm Erfolg prophezeien trotz 
seiner übergroßen Gefühlswärme, die dieses garstige 
Handwerk mit Asche überdecken würde; ganz würde 
es ihm freilich bei Moriz nie gelingen können! 

306 



Zu Bd. III, S. 306.307. 





76' ^'. 



Graf Paul Esterhäzy (1805 — 1877). 



Aus dem braunen Album der Verfasserin (1823) 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



Ich hatte übrigens zwei verschiedene Exemplare von 
Diplomaten in Wien vor Augen, beide ungefähr gleich 
geistreich, beide mit einer edlen Seele ausgestattet, 
doch hatte die ränkevolle Laufbahn, zu der sie berufen 
waren, ihren Charakteren eine ganz verschiedene Rich- 
tung gegeben. Der eine glaubte, um sich nicht zu ver- 
irren, den Überfluß an seelischen Elan zügeln zu müssen, 
der andere hatte ihn in seinem Herzen konzentriert, 
um ihn nicht zu verlieren. Der erstere war Baron Peter 
Meyendorff, Sekretär bei der russischen, der andere 
Baron Fiel-Castel, Sekretär bei der französischen Bot- 
schaft. 

Eine übermäßige Schüchternheit, vielleicht eine 
Folge seines ungemein reizbaren Nervensystems, be- 
raubte Louis de Fiel-Castel^) in den Salons aller Vor- 
teile, die ihm sein hervorragender Verstand hätte 
bringen können. Er war linkisch, in Gedanken ver- 
sunken, ohne Anmut und beinahe ohne weltmännische 
Erfahrung, steif, geniert und immer zerstreut. Seine 
Ungeschicklichkeiten, hervorgerufen durch seine kon- 
vulsivischen Bewegungen, machten ihn lächerlich, und 
er wurde von der Gesellschaft verspottet. Für jene aber, 
die ihn trotz dieses Fehlers zu beobachten verstanden, 
gab es keinen nachsichtigeren und bescheideneren 
Mann, wie Viel-Castel. Sein Verstand, mit dem er 
nie glänzen wollte, diente ihm nur zur eigenen Auf- 
klärung; in seiner Konversation verriet er eine große 
Klarheit, sie war immer lehrreich, selbst wenn er, was 
nicht häufig war, nicht über ernste Gegenstände 

i) Louis Baron de Viel-Castel, geb. 14. Oktober 1800, franzö- 
sischer Diplomat und Historiker. Ein Comte Horace de Fiel-Castel, 
Neffe Mirabeaus, war Schriftsteller (s. Querard, La France litte- 
raire", 10. Bd. S. 152). 



sprach. Wenn man sah, mit welcher Natürlichkeit Viel- 
Castel an der Heiterkeit der Gesellschaft teilnahm und 
sich ihrer Mittelmäßigkeit anpaßte, so konnte man da- 
bei eine Lektion in der Bescheidenheit und Güte 
nehmen. Diese beiden Eigenschaften lösten in allen, 
die ihn kannten, eine Art Verehrung aus; auch ich 
teilte dieses Gefühl, ich konnte nicht umhin, zu be- 
wundern, wie ein überlegener Mensch gewinnt, wenn 
er mit solchen Tugenden ausgestattet ist, die man so 
oft verachtet. Seine Vorliebe für eine sitzende Lebens- 
weise und ein unersättlicher Wissensdrang waren der 
Grund, daß Viel-Castel sich von der Gesellschaft so 
zurückzog, obwohl er in Anbetracht seiner Karriere 
vielleicht unrecht hatte, denn man studiert die Men- 
schen kaum von seinem Schreibtische aus. Die Natur 
schien ihm aber eine derartige, instinktive Gabe ver- 
liehen zu haben, die Charaktere seiner Mitmenschen 
zu beurteilen, daß er der eigentUchen Beobachtung 
gar nicht bedurfte. Ich hörte ihn mit einem bewun- 
derungswürdigen Takte über Personen urteilen, von 
denen ich glaubte, daß er sie nie beachtet hätte. Meyen- 
dorff^), der ihn von Spanien aus gut kannte, schätzte 
ihn sehr; er fühlte sich sogar zu ihm hingezogen, ob- 
wohl Viel-Castel diese Zuneigung kaum teilte. Ich sah 
mit Erstaunen, daß dieser, trotzdem er den guten Eigen- 
schaften Meyendorffs gerecht wurde, doch weit davon 
entfernt war, seine Sympathie zu erwidern. Obwohl 

i) Peter Baron Meyendorff, aus einer alten, in Schweden geadelten 
Familie stammend, geb. 5. 8. 1796, widmete sich nach den Feld- 
zügen 18 12 und 13 der diplomatischen Laufbahn und war 1828 
Legationsrat bei der russischen Mission in Wien. 1850 wurde er 
dortselbst Botschafter. 1857 Chef des russischen Kabinetts. Am 
20. Februar 1830 vermählte er sich mit Gräfin Sofie Buol-Schauen- 
stein, geb. 14. 9. 1800. 

308 



Zu B.i ilt. 5 30S/303 




Peter Baron Meyendorff (geb.' 1796). 



Nach einem Stiche von Fr. Jentzen nach Fr.Krüg-er 
im Besitze der Baronin Blittersdorfl", Ottensheim. 



ich dies bedauerte, glaube ich doch, daß das Unrecht 
auf Meyendorffs Seite sei. Meine Charakteristik über 
letzteren wird vielleicht darüber Aufschluß geben. 

Meyendorffs Charakter ist mir immer der rätsel- 
hafteste gewesen, den ich je angetroffen. Seit zwei 
Jahren, seitdem ich ihn kannte, versuchte ich ver- 
gebens, ihn zu beschreiben. Beim ersten Zusammen- 
treffen schienen tausend liebenswürdige Eigenschaften 
für ihn zu sprechen, später wieder glaubte ich, daß nur 
der gute erste Eindruck mich für ihn eingenommen 
hatte. Daher kam es auch, daß ich lange nicht die Kälte 
seines Gefühlslebens beachtete. Wie hätte ich durch 
dieses herbe Urteil eine so erhabene Seele, ein so gutes 
Herz, einen so glänzenden, umfassenden Geist, ein so 
wohlwollendes, gefälliges Wesen beflecken sollen! Wie 
hätte ich ahnen können, daß Meyendorff, mit allen 
Attributen eines edlen Aienschen ausgestattet, — kein 
Herz hatte. Wie oft wehrte ich mich gegen dieses harte 
Wort, ich fühlte mich so geneigt, in Meyendorff einen 
Freund zu sehen, aber eine innere Stimme warnte mich 
immer, die Erfahrung gab ihr Recht. In dieser edlen, 
an Tugenden und Fähigkeiten so reichen Seele gab es 
einen kleinen eisigen Bodensatz, der seine Kälte plötz- 
lich über alle Gefühle, Zuneigungen und Leidenschaf- 
ten verbreitete, dem russischen Nordwind gleich, der 
den Wanderer auch im Sommer auf einmal an die Nähe 
des ewigen Winters erinnert. So war Meyendorff, so 
der Mann, mit dem ich drei Monate lang unter einem 
Dache in freundschaftlichstem Verkehr stand, ohne je- 
mals zu wissen, ob er eine Zuneigung zu mir habe. 
Manchmal fühlte ich die aufrichtigste Freundschaft 
für ihn, dann wieder die größte Gleichgültigkeit. Un- 
gleich in seinem Wesen, unerklärlich in seinen Beweg- 

309 



gründen, immer rätselhaft, heute bis zum Übermaß 
vertrauensselig, morgen zugeknöpft, krittlich und 
schweigsam, entschlüpfte er immer wieder meinem 
Urteil. Mein offener Charakter fühlte sich gar oft 
trotz unserer so einfachen Beziehungen verletzt, mit 
einem Worte, nach Monaten freundschaftlichen Ver- 
kehrs, eines Zeitraumes, dessen Hälfte mir sonst ge- 
nügt haben würde, um jeden anderen zu gewinnen, 
trennten wir uns fremder, wie nach einer jahrelangen 
Abwesenheit. Er verließ unser Haus, um nach Wien 
zurückzukehren, ohne weder von Rasumoffsky, noch 
von mir Abschied zu nehmen. 

Noch ein paar Worte über Meyendorff. Nachdem er 
mir zu Beginn seines Aufenthaltes in Hietzimg oft von 
seinem Wunsche gesprochen, eine Gräfin Buol zu hei- 
raten, machte er mir später ein großes Geheimnis dar- 
aus. Trotzdem alle Welt davon sprach und man seine 
Schritte kannte, die er in dieser Angelegenheit gemacht, 
leugnete er sie. Ich glaubte, das Recht auf mehr Ver- 
trauen zu haben und stellte Fragen, er aber suchte 
mich auf eine falsche Fährte zu führen. Im Anfang 
glaubte ich ihm, da ich keinen Grund sah, weshalb er 
mich betrügen sollte, aber gar bald merkte ich seine 
Zweideutigkeit und bekümmerte mich um seine Ge- 
heimnisse nicht mehr. Als wir nach Wien zurückkehrten, 
sah ich ihn wenig, doch eines Tages kam er zu mir und 
entschuldigte sich gleichsam über sein Betragen mir 
gegenüber; er gestand, daß ein Brief an Louise Schön- 
hiirg^), (die mit ihm kokettierte,) den er mir vorgelesen 
hatte, um mich von der Spur abzubringen, nie abge- 
schickt worden sei usw. Ich verstand weder seine Ent- 

i) Luise Przss. Schwarzenberg (1803 — 1884) heiratete am 20. 10. 
1823 Fürst Eduard Schönburg (1787 — 1872). 

310 



schuldigung, noch seine Sünden, ich sagte es ihm auch 
und wir trennten uns gerade so gleichgültig, wie zuvor. 
Er mußte viel erröten, das Geständnis wurde ihm sicher- 
lich sauer, ich andererseits anerkannte dieses Opfer 
seiner Eigenliebe. Im innersten Herzen jedoch glaubte 
ich in seinem Beginnen einen weiblichen Einfluß zu 
sehen und ich dachte nun besser über Gräfin Buol, als 
über ihn. 

Im Dezember 1829 sah ich das neue griechische Geld, 
auf der einen Seite den Namen des Präsidenten J. A. 
Capodistria, auf der anderen den Phönix und das Kreuz 
mit den Worten „Griechische Regierung 1829". Wie 
wenige Worte und welche Bedeutung! Ich betrachtete 
mit einer Art Begeisterung dieses Denkmal einer großen 
Zukunft, den Samen eines bedeutenden Reiches. Ich 
trug eine dieser Münzen zum Grabe des armen Tpsi- 
lanti; er war ja der erste, der dieses Emblem auf seine 
Fahne heftete. Ein einfaches Holzkreuz bezeichnete 
in einem Friedhof die Stelle, wo der erste Mann Grie- 
chenlands ruhte, der die Freiheit erweckte. In fremder 
Erde, von der Asche Fremder umgeben, schläft er dort, 
dichtes Gras auf seinem Grab beweist, daß niemand 
kam, hier Tränen zu vergießen. Meine kleine Münze 
sollte ihm beweisen, daß sein Opfer dennoch einen 
Sieg bedeutete. 

Mitte Januar (1830) kam St. John nach Wien. Eines 
Morgens hielt ein Wagen vor unserem Hause, jemand 
lief die Dienertreppe herauf, klopfte an — es war er, 
zitternd vor Erregung und Tränen in den Augen. Wir 
blieben eine viertel Stunde allein, ich war ziemlich 
ruhig, sein Zustand rührte mich und jeder Gegenstand, 
auf den er die Blicke richtete, weckte Erinnerungen 
in ihm. Er wollte von mir und unserem Unglück 

3" 



sprechen, doch vermochten wir es beide nicht. Ich 
fragte ihn, ob er zufrieden sei, er bejahte es und lenkte 
die Rede auf seine Frau und seine Kinder. Dann brachte 
ich ihn zu Rasumoffsky, der leidend war, und ließ ihn 
dort. Ich wußte nicht, was in mir vorging, es war wie 
das Ausruhen nach einem halben Begeisterungsrausche 
und als Rasumoffsky ihm sagte: „Sie dinieren doch mit 
uns", da hatte ich ein Gefühl der Erlösung, wie weiland 
St. Preux, als er seinen Wagen in den Schuppen stellte. 
Während seines viermonatlichen Aufenthaltes kam 
St. John oft zu uns, er bezeugte mir jene gefühlvolle 
Freunschaft, jenes schrankenlose Vertrauen, das nur 
aus der Asche einer vergangenen Leidenschaft ent- 
stehen kann. Ich war mit ihm und mit mir zufrieden. 
Ich sage mit ihm mir gegenüber, denn was ihn betraf, 
so hatte er wirklich keine Ursache, mit sich zufrieden 
zu sein. Es war immer noch der „uncontrolled St. John's 
spirit", es herrschte immer noch über seinem schwa- 
chen und temperamentvollen Charakter die Leiden- 
schaft, die ihm nur zu Torheiten die nötige Energie 
verlieh. Ich mußte gestehen, daß nur das Unglück seine 
Seele stählen und ihn aus dem Strudel seiner Leiden- 
schaften ziehen könnte. Das Schicksal verwöhnte ihn 
aber; er konnte keine Torheit begehen, sich in keine 
falsche oder kritische Situation bringen, ohne daß ihm 
nicht sein Glücksstern einen Ausweg wies. Obwohl er 
das zwei- und dreifache seines Einkommens vergeudete, 
so zog er sich infolge unverhoffter Zufälle immer 
wieder aus seiner Verlegenheit. Erst kürzlich machte 
er, als er gerade von Schulden erdrückt wurde, die Er- 
oberung des Herzogs von Lucca, der sich für ihn der- 
art begeisterte, daß er ihn nicht von sich lassen und ihn 
mit allerlei Mitteln an sich fesseln wollte. Er warf ihm 



312 



eine schöne Rente aus und sicherte ihm sein ständiges 
Wohlwollen zu. 

Obwohl St. John seine Frau betrog, so gelang es ihm 
immer wieder, ihr seine Untreue zu verheimlichen 
und sich ihre Liebe und ihr Vertrauen zu erhalten. 
Beinahe würde ihr eine neue und schuldbarere Inkon- 
sequenz die Augen geöffnet haben, als eine Frühgeburt 
die verräterischen Spuren der schlechten Aufführung 
ihres Gatten und ihrer Schwester verwischte und sich 
auf diese Weise im Herzen der Lady St. John nicht ein- 
mal ein Verdacht über den Verrat der beiden ihr teuer- 
sten Personen regte. Kaum hatte die Reue Zeit, diesen 
treulosen Mann aufzurütteln, sein Glücksstern ver- 
hätschelte ihn, wie die Amme das ihr anvertraute Kind. 
Freilich mußte dereinst der Tag kommen, wo das trü- 
gerische Glück ihm den Rücken kehren würde. Dieser 
Augenblick wird schrecklich sein, was liegt aber daran, 
wenn er St. John nur bessert! 

Viele Wochen waren vergangen und St. John hatte 
sich bei mir nicht mehr gezeigt, als er im Mai plötzlich 
erschien und mich um Geld bat^). Ich hatte keines, 
erhielt aber von Fefi Palffy^) looo fl. Dies war aller- 
dings viel zu wenig, denn er hatte 5 — 6000 fl. im Spiel 
verloren. Seither sah ich ihn nicht mehr, vernahm aber, 
daß er sich mit dem Herzog überworfen, andererseits 
jedoch beim Totalisateur 4 — 500 Dukaten gewonnen 
habe, was ihm wieder weiterhalf. Wie peinlich ist es, 
einen Irrtum immer wieder eingestehen und dabei er- 
röten zu müssen! „Nun", schreibt mein Tagebuch in 
diesen Tagen, „heute soll er selbst starten, ich gehe aber 

1 ) Dieses Wort ist das demütigendste Geständnis meines Tagebuches ; 
ich lasse es aber zu meiner eigenen Strafe stehen. (Notiz d. Verf.) 

2) s. Bd. II. 143. 



absichtlich nicht hin. — Ich weiß, wie gut er zu Pferd 
aussieht, und ich fürchte, daß mein dummes Herz, wenn 
ich ihn sähe, wieder heftig zu schlagen anfangen möchte !" 

Ende Mai reiste St. John zu den Rennen nach Pest 
ab, ohne bei seiner Rückreise Wien wieder berühren 
zu wollen. Ich sah ihn nicht wieder, und er hat mir 
nicht einmal geschrieben. Wieder ein Katzenjammer, 
den ich lange nicht verwand! War ich denn dazu be- 
stimmt, immer zu leiden und mich immer wieder be- 
trügen zu lassen! 

Im übrigen verlief mein Leben in Hietzing sehr ein- 
tönig und wenn mein Tagebuch nicht von meinem 
intellektuellen Leben Zeugnis gäbe, so müßte man 
glauben, mein Geist sei seit einer geraumen Zeit völlig 
erschlafft. i\ber das Unglück der armen Konstantine 
hatte mich so mit Entsetzen erfüllt, daß ich zu nichts 
fähig war. Erst als sich der Zustand meiner Schwester 
besserte, als sie allmählig ihren früheren Charakter 
wiedergewann, als ich mit einem Worte sah, wie ihre 
geistigen Eigenschaften wiederkehrten, ohne daß je- 
doch jene Liebenswürdigkeit mehr zum Vorschein 
kam, die mir ehemals der Ersatz für jedes andere freund- 
schaftliche Band war, da faßte ich meinen Entschluß 
und trachtete mich, so gut als es eben gehen wollte, 
den Verhältnissen anzupassen. Das zweite traurige Jahr 
dieser Periode fand mich schon stark, da es mich an 
seinem Vorgänger gestählt hatte. Um meine Klage und 
meine Mutlosigkeit zu bannen, brauchte ich mich nur 
an den Sommer des Jahres 1828 zu erinnern. Nachdem 
ich an den Vormittagen dieser Periode die Zeit mit 
allerlei Verdrießlichkeiten zugebracht hatte^), über- 

i) Ich mußte damals täglich die Gläubiger Rasumoffskys, denen 
die Klagen Konstantines über die Zerrüttung ihres Vermögens 



wältigte mich der Schmerz und ich fühlte, wie beim 
Diner sich Tränen mit meinen Speisen mischten, wäh- 
rend ich Rasiimoffsky durch ein Gespräch über gleich- 
gültige Dinge von seinen Sorgen abzulenken suchte. 
Dann kam die Stunde des Spazierganges; ich führte 
die kleine Georgine in den Prater, wo ich sie unter der 
Aufsicht der Gouvernante ließ, während ich durch 
eine forcierte Promenade meine traurigen Gedanken 
zu betäuben suchte. Wie oft setzte ich mich, nachdem 
ich mich während einiger Stunden müde gelaufen, an 
einem einsamen Ort am Ufer der Donau nieder und 
ließ meinen Tränen freien Lauf, bis mein Gesicht da- 
von ganz überströmt war. Niemand sah diese Anwand- 
lung seelischer Schwäche, außer mein Bedienter, der 
wenige Schritte von mir entfernt stand und dessen 
mitleidiger Blick mir wohl tat. Ich suchte die Einsam- 
keit auf, und wenn ich allein war, bedrückte sie mich. 
Wenn ich dann endlich aufstand, holte ich Georgine 
ab und wir kehrten nach Hause zurück, wo mich Rasu- 
moffsky und meine Tante schon mit ängstlicher Span- 
nung erwarteten. Ich verließ den kühlen Garten trotz 
des schönen Abends, um mich in einem geschlossenen 
Salon an den Teetisch niederzulassen und las, nachdem das 
Gouter Georgines serviert und diese zur Ruhe gegangen 

zu Ohren gekommen waren, entweder beruhigen oder befriedigen. 
(Notiz d. Verf.) — W assiltchikovj schreibt in seinem Werke „Les 
Razoumovsky" (französische Ausgabe von Brückner, II. 3, S. 245): 
„Die Situation des Fürsten verschlechterte sich. Die Gläu- 
biger bestürmten ihn. Man erzählt, daß oft, wenn er ausgehen 
wollte, die Gläubiger im Vestibül auf ihn warteten. Ihre Rekla- 
mationen blieben aber erfolglos, denn Rasumoffsky genoß infolge 
einer besonderen Gnade Kaisers Franz die Wohltat der Exterri- 
torialität, trotzdem er keinen diplomatischen Posten mehr inne- 
hatte. Daher konnte niemand seine Schuldenhaft verlangen, noch 
gegen ihn Klage erheben." 



war, meinen zwei armen Alten Sprichwörter von 
l,eclerc'^) oder Erzählungen von Marmoniel^) vor. Sie 
hatten es ja auch so nötig, sich zu zerstreuen! So 
endigten immer unsere Tage und ich war noch glück- 
lich, wenn mir Goess nicht heimlich einen Brief von 
Konstantine an ihren Gatten, der von Vorwürfen 
strotzte, zusteckte. Mit solchen Erinnerungen wird 
man ein nachsichtiger Richter der Gegenwart, sie sei, 
wie sie wolle! 

Als Konstantine genesen war, fuhr sie nach Schwert- 
berg und wir folgten ihr bald nach. Ihre Zärtlichkeit 
gegen ihren Gatten hatte sich nicht verändert, nur 
für mich zeigte sie kein wärmeres Gefühl. Fremde 
Leute, denen sie sich in der letzten Zeit anvertraute, 
hatten mich verleumdet und sie gegen mich aufge- 
bracht; man ließ sie in mir das Hindernis ihrer Rück- 
kehr in das Haus ihres Gatten sehen, man erzählte ihr, 
ich hätte Rasumoffsky beeinflußt, daß er nicht in die 
Stadt hatte ziehen wollen, man benützte mit einem 
Worte die falsche Stellung, in die mich die Abwesen- 
heit meiner Schwester im Hause meines Schwagers ver- 
setzt hatte, um jede meiner Handlungen boshaft aus- 
zulegen. Was sollte ich tun, als abwarten! Ihre Vernunft 
hatte noch nicht das richtige Gleichgewicht erlangt, 
um alles gerecht beurteilen zu können. Es mußte ein 
Tag kommen, da sie sich sagen würde, daß die Freunde 
eines Winters eine vierzigjährige Freundschaft nicht 

i) Michel Theodore Leclerq (1777— 185 1), französischer Drama- 
tiker, bekannt auf dem Gebiete der „Proverbes", kleiner Salon- 
stücke, in denen er die Sitten seiner Zeit pikant darstellte. 
2) Jean Fran^ois Marmontel (1723 — ^1799), französischer Schrift- 
steller und Historiograph, Mitglied der Akademie. Unter seine 
Hauptwerke zählen die „Contes moraux" (1761), ziemlich an- 
spruchslose, nicht immer „moralische" Erzählungen. 

316 



aufwiegen können. Doch hätten diese Leute, die ich 
kaum kannte, und auf die ich nie achtgegeben hatte, 
es sich wohl zweimal überlegen sollen, bevor sie mir 
das einzige Gut raubten, das ich noch besaß. Aber sie 
wußten es nicht besser; sie urteilten über alles dies, 
wie über eine Oper, einen Zwischenfall in der Kulisse 
oder in der Hundekomödie. Im übrigen waren sie nur 
ein Werkzeug des Schicksals, das Jahr 1828 bildete eine 
Aera, die andere vorbereitet hatten. Es rollte das Leben 
vor meinen Augen auf, es wischte die Illusionen fort, 
es wies mir einen steinigen, öden Weg. Ich mußte mich 
fürder auf mich selbst verlassen, denn alles wankte, nur 
der Glaube hielt mich aufrecht. Ich mußte die Straße 
allein wandeln, denn sie führte dorthin, wo man allein 
hinabsteigen muß, — auf der anderen Seite winkten 
als Lohn das Glück und die Liebe! 

Anfangs Juli kam ich mit Rasumoffsky ebenfalls nach 
Schwertberg, nachdem ich es drei Jahre nicht mehr 
gesehen hatte. Ich fand Konstantine recht zufrieden, 
die Kinder meines Bruders reizend. Er selbst schien 
gedrückt, meine Schwägerin sagte, es seien seine Ge- 
schäfte daran schuld. Konstantine aber vertraute mir 
zuerst allerlei Gerüchte an, die über ihn herumliefen, 
und in der Tat schien es mir, daß ihn irgendein Dämon 
plagte, mit dem er nicht fertig werden konnte. Er fuhr 
oft nach Linz und kam immer mürrischer zurück. Seine 
Laune wurde dann der Schrecken des Hauses, beson- 
ders für die Kinder. Ich erinnerte mich lebhaft an Papa, 
und er sollte es auch tun, um diesen Fehler zu ver- 
meiden. Aber so sind eben die Männer, die Torheiten 
der Väter gehen für die Söhne verloren. Wozu dient 
denn die Erfahrung ? Ein im Flugsande ausgetretener 
Weg, in dem sich die Spur der menschlichen Tritte 

317 



um so mehr verwischt, je weiter sie vorschreiten. Ich 
entschuldige einen Mann von 35 Jahren, wenn er 
dem Triebe seiner Jugend nachgibt, aber er sollte 
es seiner Frau nicht entgelten, wenn er ihr untreu 
ist. Seine Aufmerksamkeit gegen sie verdoppeln, ist 
das beste Mittel, um ihren Verdacht einzuschläfern, 
und wenn man gegen jemand im Unrecht ist, so 
sollte man es wenigstens so einrichten, daß er zufrieden- 
gestellt wird. 

Am 13. Juli spielten die Kinder zu Ehren Isa- 
bellas, deren Geburtstag gefeiert wurde, Theater. Es 
wurden „die kleinen Auvergnaten" aufgeführt, ein so 
rührendes Stück, daß ich schon bei den Proben fort- 
während mit Tränen kämpfte und sogar bei der Auf- 
führung trotz meiner lächerlichen Rolle — ich spielte 
einen Onkel — mich bedrückt fühlte. Konstantine war 
bei diesen Vorstellungen sehr geschäftig und obwohl 
sie diese Unruhe ermüdete, fühlte sie sich dabei doch 
glücklich. 

Das Theater, in dem wir spielten, war dasselbe, daß 
vor mehr als 30 Jahren zum Geburtsfeste Großpapas 
errichtet wurde. Ich erinnerte mich, wie ich damals in 
Soldatenuniform „vin mauvais sujet" (einen schlechten 
Kerl) darstellte. Ich hatte auf meinen gekräuselten und 
in einen Zopf zusammengedrehten Haaren eine Un- 
menge Puder und einen Degen an der Seite. Ich sang 
deutsche Verse, die ich heute noch weiß. Meine Rolle 
gefiel mir, nur hätte ich gar zu gerne gewußt, was „un 
mauvais sujet" bedeute; doch wollte es mir niemand 
sagen. Oft wurden auch Balletts unserer eigenen Kom- 
position aufgeführt, Konstantine spielte immer die 
Hirtin, ich den Hirten und Isabella die Fee; wie be- 
neideten wir sie, daß sie den pas de basque verstand, 

318 



ich konnte ihn nie lernen. Später spielte ich auf diesem 
Theater, von dem jede Dekoration eine Erinnerung 
an ein Familienfest war, gelegentlich der Heirat meiner 
ältesten Schwester den Henry V. in seiner Jugend — 
wie war ich da hübsch! — und erst Konstantine als 
Lady Clara, wie war sie reizend! Josefine gab Bethy, 
mein Bruder den Pagen und mein Vetter AUhann^), 
der ein ausgezeichneter Schauspieler war, den Rochester. 
Keine Hochzeit unterhielt mich so, wie diese, jeder- 
mann fand mich hübsch und ich verstand damals, was 
dies bedeute. Eines Tages — ich war 17 Jahre alt — 
amüsierte ich mich in einer Männerrolle, die mir immer 
zufielen, damit, einem kleinen Fräulein unserer Nachbar- 
schaft, die mich nicht kannte, den Hof zu machen. Sie 
hielt mich für einen jungen Mann, ich machte Fort- 
schritte, und als ich ihr zum Abschiede die Hand drückte, 
sah ich, daß ich in ihrem Herzen einen lebhaften Ein- 
druck hinterlassen hatte. Hoffentlich wurde dieser später 
durch einen würdigeren ersetzt ! Einige Jahre darauf ent- 
stand ebenfalls auf diesen Brettern die Neigung Hans 
Weißenwolffs zu mir, und zwar in einem deutschen 
Stücke „das Rätsel". Ich sehe ihn noch vor mir, den 
armen Hans, bei den Proben und der Auf f ührung ! Wie 
spielte er wahr! Auch behielt er diese Rolle noch lange, 
16 Jahre später hatte er noch kein Wort davon ver- 
gessen. Ein Jahr nach diesem „Rätsel" waren Hans und 
ich, Franz Hager und Kurz^) oft auf der Bühne; da- 
mals hatte Hans mir bereits sein Herz eröffnet und 
unsere Rolle wurde hinter den Kulissen fortgesetzt. 
Die gleiche Dekoration, hinter der wir uns damals ver- 
bargen, diente auch bei der heutigen Vorstellung, sie 



1) s. Bd. I. loi. 

2) s. Bd. I. 349. 



319 



stammte aus einem Ritterstück; ich trug in diesem 
einen mit Draht gesteiften Kragen, den wir im Wein- 
berger Archiv gefunden und der wohl vor vielleicht 
200 Jahren einen ehrwürdigen Vorfahren geziert haben 
mochte. Der Kragen verhinderte nicht, daß mir Hans 
beim Verlassen der Szene einen Kuß gab, denn — das 
Erbstück meines Vorfahren war so steif, daß es mich 
hinderte, mich zu verteidigen! 



320 



1 



XXXVIII. DER SALON METTERNICH. 

FRANZOSEN IN DEN WIENER SALONS. 

NAPOLEON I. 

Bei unserer Rückkehr nach Wien zu Beginn des 
Septembers 1830 veranlaßten mich die Ereignisse, 
welche den Umsturz in Frankreich und die allgemeine 
Beunruhigung Europas hervorgerufen hatten, mich 
wieder in Gesellschaft zu zeigen, um auf dem Laufenden 
zu bleiben. Ich sah einige Leute, die mich orientierten, 
ich hörte mehrere vernünftige politische Urteile an 
und glaubte in meiner Neugierde Stoff zu finden, um 
meinen Geist, der so lange untätig gewesen, zu be- 
schäftigen. Ich verbrachte täglich mehrere Stunden in 
der intimen Gesellschaft Metternichs, und um mich 
dafür zu trösten, daß ich die Gabe der Bewunderung 
verloren, machte ich mich daran, jeden Abend die Ge- 
sichter der Minister zvi beobachten. Das dauerte nicht 
lange, da die Herzogin von Sagan, bei der ich täglich 
den Fürsten Metternich sah, auf das Land zurückkehrte. 
Neben allen Neuigkeiten und politischen Gesprächen, 
wobei das Interesse des Tages der Konversation des 
Fürsten Metternich ein ganz ungewöhnliches Relief 
gab, amüsierte es mich, seinen Charakterzügen zu folgen, 
ähnlich wie man das Bild eines Autors betrachtet, 
dessen Buch man gelesen hat. Er gehörte nicht zu den 
Menschen, bei denen wenige markante Striche genügen, 
um ihr ganzes Wesen auf den ersten Blick zu erkennen. 

21 M. L. III 321 



Was dieses anlangt, so war sein Äußeres von seinem 
Charakter grundverschieden; über letzteren könnten 
nur Einzelheiten Aufschluß geben, ich meine, man 
müßte den Fürsten in allen Situationen seines Lebens 
verfolgt haben, um ein ganz richtiges Urteil abgeben 
zu können. Seine Seele oder vielmehr sein Geist, denn 
dieser war darin die Hauptsache, setzte sich aus so ver- 
schiedenen und doch so gut amalgamierten Elementen 
zusammen, daß es äußerst schwierig war, sie einzeln zu 
erkennen, er war ein Arkanum, das die Chemie vor- 
nehmen müßte, um es zu analysieren. 

Die Ereignisse in Frankreich, diesem Krater kleiner 
oder großer Vulkane, die täglich ihre Flammen in einen 
anderen Teil Europas schleudern, der neuerliche Um- 
sturz des Rechtes durch die Gewalt, des Altherge- 
brachten durch das Neue, der Politik durch die voll- 
zogenen Tatsachen, boten Metternich ein weites Feld 
für seine Kombinationen und Sorgen. Man sah ihn 
auch manchmal in ernster Betrachtung versunken, in 
gewissen Augenblicken verdüsterte sich seine Herr- 
scherstirne und in dieser gewitterschwülen Ruhe 
schienen sich Blitze zu verbergen, — ein Moment, der 
die kleinen, die Blicke dieses Jupiters tonans ängstlich 
verfolgenden Höfe erzittern machte. Dann wieder 
zeigte ein halb verächtliches, halb verschlagenes Lächeln 
dem Auditorium an, daß Seine Durchlaucht unter- 
halten zu werden wünschte und der Schrecken löste sich 
in ein oberflächliches Geplauder auf. 

Niemand liebte es so wie Metternich^ das Burleske mit 
dem Ernsthaften zu mischen, man sah ihn gelegentlich 
der Konferenzen auf dem Kongreß zu Verona Karrika- 
turen auf einen Papierfetzen zeichnen. Diese geistige 
Oberflächlichkeit war aber nur künstlich und oft nur 

322 



eine Kriegslist, um denen Beruhigung einzuflößen, 
nach denen er seine Netze ausspannte. Die Mystifi- 
kation war sein Element, das „Talent seines Genies", 
wenn ich mich so ausdrücken darf, aber auch das Aus- 
ruhen seines Geistes. Seine intimen Freunde und seine 
Untergebenen waren oft das Stichblatt seiner Fopperei, 
deren Derbheit ihnen wohl weniger spaßhaft erscheinen 
mochte, als dem Urheber. „Gestern (7. September 
1830)", sagt mein Tagebuch, „erzählte uns Baronin 
Stürmer^), die von Paris zurückkam, daß man ihr in 
München sagte, in Wien sei eine Revolution gewesen, 
und man habe 200 Personen hingerichtet. Metternich 
lachte sehr darüber, dann drehte er sich plötzlich ganz 
ernst zu dem Polizeiminister um, der, hager und seit 
dem Monat August ganz aschgrau, sich in einer anderen 
Ecke des Zimmers unterhielt, und rief: ,Hören Sie, 
Sedlnitzky^), man hat der Baronin Stürmer in München 
gesagt, es wäre hier Revolution und der Polizeiminister 
sei aufgehängt worden.* Der Arme verzog ganz jäm- 
merlich das Gesicht und antwortete: ,Die Leute sind 
wohl imstande, so etwas zu sagen.' — ,Es gäbe auch 
andere, die es wirklich tun würden', fügte Metternich 
hinzu und dann erzählte er, daß er diesen Morgen sich 
einen Spaß gemacht habe, Gentz eine heillose Angst 
einzujagen: ,Ich sagte ihm, daß man nach dem Stande 
der Ereignisse auf alles gefaßt sein müsse. Ich bin dar- 

i) Bartolornäus Freiherr (s. 1842 Graf) Stürmer, geb. 26. 12. 1787, 
t Wien 14. 7. 1863, k. k. Geh. Rat, Internuntius u. bev. Minister 
bei der Pforte (bis 1850), war 18 16 — 18 der kais. Kommissär auf 
St. Helena; er heiratete am 19. 8. 1815 Ermance Katharina Freiin 
V. Boutet, geb. 25, 2. 1797. 

2) Anton Graf Sedlnitzky (1776 — 1850), k. k. Kämmerer, Geh. Rat 
und Polizeiminister, heiratete 7. Januar 1808 Maria Anna Gräfin 
Wilczek (178 1— 1850). 



auf vorbereitet, gehängt zu werden und Sie Werden es 
auch, treffen Sie, mein lieber Gentz, demgemäß Ihre 
Vorbereitungen.' — ,Was das für scheußliche Pro- 
position sein', rief der unglückliche Gentz aus, indem 
er das Gesicht in seinen Händen barg, ,nein, nein, ich 
werde nicht gefangen.' — ,Ohne Zweifel, wenn ich 
es werde, können Sie dem Stricke nicht entkommene. 
Gentz, blaß vor Schrecken, sträubte sichund protestierte. 
Er stieß immer wieder heraus: ,Nein, nein, ich werd' 
nicht gefangen.* Endlich fragte ihn Metternich, warum 
er denn nicht gefangen werden würde ? ,Weil, lange 
bevor nur die leiseste Ahnung von einer Gefahr vor- 
handen wäre, ich schon durchgegangen sein würde'," 
Am 3. Dezember verbrachte ich den Abend bei Ro- 
salie Rzewuska^), einem Blaustrumpf ärgster Sorte; 
viel Geist und noch mehr Bekannte, Überreste ver- 
blichener Schönheit, die Haare in einem alten, braunen 
Netz verwahrt, eine vernachlässigte, beinahe schmut- 
zige Toilette und zu kurze Ärmel. Ihr Salon war der 
einzige Zufluchtsort in Wien für Gelehrte, fremde 
Literaten, Reisende und manchmal auch für recht un- 
bedeutende Inländer. Sie stellte mir einen französischen 
Schriftsteller namens Riaux^) vor, erklärte mir mit 
lauter Stimme alle seine Verdienste und ließ uns dann 
wie zwei Personen stehen, die miteinander einen Kontre- 

1) s. Bd. 1. 343 u. II. 303. 

2) Die Verfasserin schreibt diesen Namen auch Rieaux. Möglicher- 
weise hat die Verfasserin diesen Namen nicht richtig geschrieben, 
da in ihrem roten Album (im Besitze des Dr. A. Fgidor, Wien) 
ein „Los Rios" 1826 porträtiert ist, der mit dem in den „Sou- 
venirs" der Baronin Moutet (S. 189 f.) erwähnten „lovelace si 
hardi et si entreprenant, si gai, si fou, si mauvais sujet" Graf (.'') 
(Chevalier) de Los Rios identisch sein könnte. Er galt als natür- 
licher Sohn des Herzogs von S. Fernando, war sehr geistreich und 
amüsant, aber auch ein großer Libertin. 



\ 



tanz ausführen wollten. Die Situation hätte lächer- 
lich werden können, wenn nicht mein Partner, der 
nicht schüchterner war, als es sich für einen Franzosen 
geziemte, einen Gesprächsstoff mit einer derartigen 
Zungenbeweglichkeit ergriffen hätte, daß innerhalb 
fünf Minuten unser beiderseitiges Interesse an einem 
literarischen Thema wachgerufen war. Diese Begeg- 
nung unterhielt mich um so mehr, als sie in Wien unge- 
mein selten ist, ich meinte, 300 Meilen von hier ent- 
fernt zu sein. Es war wie ein Regen von Geist, Einfällen 
und Gelehrsamkeit, ich fühlte mich gleichsam über- 
schwemmt von treffenden Ausdrücken, die in den har- 
monischen Wellen einer glänzenden, klaren und fehler- 
freien Sprache daherströmten. Ich bewunderte, ant- 
wortete, horchte und diskutierte und zwar mit einer 
Lebhaftigkeit, daß ich fast den Atem verlor, denn mein 
guter Partner ging In einem Tempo vor, daß das Ge- 
spräch auch keinen Augenblick stockte. Ich begreife es 
heute noch nicht, wie mein ruhiger und ungeübter 
deutscher Verstand in diesem ungleichen Wettstreite 
halbwegs ehrenvoll bestehen konnte. Mit einem Worte, 
ich kehrte nach einer Stunde des lebhaftesten Wort- 
geplänkels mit mehr Ideen nach Hause zurück, als ich 
in den letzten vier Jahren meines Wiener Aufenthaltes 
seit meiner Rückkunft aus Paris aufgenommen hatte. 
Dieser M. Riaux war geistreich wie ein Franzose, 
feurig und überschwenglich wie ein Italiener, gelehrt 
wie ein Deutscher. Er hatte eine begeisterte Vorliebe 
für die melancholische nordische Poesie. In München 
habe er, wie er sagte, unter den Gelehrten und Dichtern 
ein viel gründlicheres Verständnis für die Künste ge- 
funden, wie im Süden.^Darüber sprach er eine Menge 
schöner und beredter Phrasen, die mich aber dennoch 

325 



nicht überzeugen konnten. Ebensowenig seine Theorie 
über die Poesie, die nach ihm nur in einer tugendhaften 
Aufwallung bestehen könne, denn sie sei die mächtigste 
Stütze der Tugend. Das Böse, erläuterte er, binde uns 
nur um so mehr an die Scholle, während die Poesie die 
Fesseln sprenge und die Seele zum Himmel emporhebe. 
Ich war nicht ganz seiner Ansicht und er hörte mit 
einer für einen Gelehrten bewunderungswürdigen 
Nachsicht meine Gegengründe an. Auch mir scheint 
die Poesie durch einen göttlichen Hauch in der 
Seele des Menschen entzündet worden zu sein, sie 
ist gleichsam die Erinnerung ihres göttlichen Ur- 
sprunges. Dieser Funke glimmt weiter trotz Asche 
und Staub, womit ihn unsere verkommene prosaische 
Natur zu ersticken sucht. Aber — er leuchtet nicht 
nur für das Gute, nein, auch das Böse kann seine 
Poesie haben, denn können wir die der Leiden- 
schaften leugnen ? Warum sollten auch die Leiden- 
schaften nicht poetisch sein? Wurden nicht auch sie 
an den Stufen des Thrones des Ewigen geboren ? Und 
war nicht der Genius des Bösen auch nur ein ge- 
fallener Engel ? 

Vielleicht finde ich auch auf Grund derselben Mei- 
nungsverschiedenheit in der christlichen Religion nicht 
mehr Poesie, wie in der heidnischen. Diese, nur zu den 
Sinnen sprechend, belebte die ganze Natur und nur 
die Allegorie allein ließ den Menschen, indem sie die 
glänzenden Schleier des Lebens hinweghob, dahinter 
ein dunkles und geheimnisvolles Schicksal sehen. Der 
christliche Glaube lehrt uns im Gegenteil die Nichtig- 
keit dieser Welt und nimmt ihr dadurch allen ver- 
führerischen Glanz; er richtet unseren Blick jenseits 
des Lebens auf die Ewigkeit. Die Phantasie verliert 

326 



sich in tiefen Gedanken, sie vergräbt sich in der Meta- 
physik — und die Poesie flüchtet! 

Eine andere Behauptung Riaux', die leider auf Er- 
fahrung beruhte, leuchtete mir durch ihre Wahrheit 
ein, obgleich sie mich mit Rücksicht auf die Griechen 
betrübte, nämlich die, daß kein Volk jemals eine Wieder- 
auferstehung weder hatte noch haben werde. Er unter- 
stützte diesen Satz mit allerlei gelehrten Beweisen und 
meiner Meinung nach ließ sich dagegen nichts ein- 
wenden. Riaux selbst war damals mit einem Werk über 
die Fortschritte des menschlichen Geistes bei den ver- 
schiedenen Völkern beschäftigt, worin er klar zu be- 
weisen suchte, daß sowohl einzelne Personen, wie ganze 
Völker ihre Epoche der Kindheit, Jugend, Mannes- 
kraft, der Hinfälligkeit und des Sterbens, aber niemals 
eine der Wiederauferstehung haben. Das Bild, welches 
er mir über sein Werk entwarf, war eine durch ihre 
Folgerichtigkeit und Klarheit bewunderungswerte 
Skizze zu demselben. 

Riaux bat mich um die Erlaubnis, sich bei uns vor- 
stellen zu dürfen, ich mußte schon bei dem Gedanken 
lachen, ihn mit seinen verrauften Haaren, seinen fun- 
kelnden Augen, schwarzen Nägeln, seiner Gelehrsam- 
keit und übersprudelnden Beredsamkeit den großen, 
runden Augen meiner guten Tante und dem Schafs- 
gesicht der armen Henriette Carneville'^) gegenüber 
sitzen zu sehen. 

Anfangs Dezember mußte Riaux ganz plötzlich nach 
Paris zurück. Mitten in seinem Wettlaufe mit der Be- 
geisterung und Überspanntheit wurde er durch die 
Nachricht über den Bankerott seines Bruders und 
seines Verlegers zum Stoppen gebracht. Da er nunmehr 
i) Kammerfrau der Fürstin Rasumoffsky. 



zur äußersten Einschränkung verurteilt war, mußte er auf 
einen Erwerb bedacht sein, der rascher zu einem Ein- 
kommen führte, wie seine bisherige Dichterlaufbahn. 

Ich vermißte schmerzlich seine Morgenbesuche, die 
mir immer eine Quelle der Belehrung und neuer Ideen 
gewesen. Ich schöpfte aus ihnen den Stoff zu meinen 
einsamen Träumereien, ich konnte da meine Gedanken 
entwickeln, wozu ich sonst fast niemals Gelegenheit 
hatte, ich genoß diesen Austausch der Phantasie und 
tief er Betrachtungen, worin unsere Gespräche bestanden. 

Unsere Unterredungen hatte ich in die Stille meines 
Zimmers gebannt, da ich bei Riaux' erstem Besuche 
bemerkt hatte, wie unsere Erörterungen über den Hori- 
zont eines Salons gingen. Mein Partner ließ mir dabei 
auch nicht die geringste Freiheit und unsere Tete-ä 
tetes in der Gesellschaft wären zum allgemeinen Ge- 
spötte geworden. Diese armen gelehrten Enthusiasten, 
an die Einsamkeit in ihren vier Wänden oder an die nur 
zum Herzen sprechenden Bilder der Natur gewöhnt, 
haben nur selten einen Blick in das Labyrinth der ge- 
sellschaftlichen Gebräuche und Konvenienzen getan. 
Da sie dieses Studium versäumten, so passen sie nicht 
in die große Welt und weil sie jener Feinheit des Taktes 
entbehren, die den Manieren Anmut verleiht, so lacht 
man über sie und nicht mit Unrecht, denn warum be- 
treten sie ein Gebiet, das ihnen unbekannt ist ? Es geht 
ihnen, wie jenem fabelhaften Pegasus, der, als er in 
einen Pferdestall ging, von den friedliebenden Tieren, 
die er dort vorfand und deren Raufen er durch Aus- 
breiten seiner Schwingen in Unordnung gebracht hatte, 
gar bald hinausgejagt wurde. Ich bedauere meine 
Freunde, die Enthusiasten, wenn ihnen ein derartiges 
Mißgeschick passiert, ich kann sie aber nicht verachten, 

328 



wenn sie, von dem Stachel der Eigenliebe getrieben, 
von ihren Wolken herabsteigen, um inmitten des ge^ 
meinen Haufens ihr Licht leuchten zu lassen. Was hat 
jedoch das heilige Feuer mit den Kerzen des Salons 
gemein ? Was mich anlangt, so hatte ich seit langem 
gelernt, seinen Funken in meinem Busen zu ver- 
schließen. In der Stille und Einsamkeit erleuchtet er 
mich und erwärmt meine Seele, wenn sie in der kalten 
x^tmosphäre des Lebens und der Welt zu beben anfängt. 
Ende 1830 hielt der Prozeß der Minister Karls Xj. 
alle Welt in Atem. Diese große Rechtssache wurde in- 
mitten des Lärmens einer drohenden Bevölkerung mit 
Ruhe und Unparteilichkeit entschieden. Dieses des 
Altertumes würdige Beispiel muß der Nachwelt bewei- 
sen, daß das 19. Jahrhundert trotz aller Verleumdungen 
und Irrtümer noch Denkmale von Größe und Tugend 
für das Buch der Weltgeschichte liefern kann. Ein an- 
derer bewunderungswürdiger Zug lag in der Wahl 
eines Verteidigers seitens Polignac'^), indem er dieses 
Amt demjenigen übertrug, der ihn am meisten beleidigt 
und ihn gestürzt hatte und andererseits in der edlen 
und hinreißenden Art, wodurch sich dieser Mann (Graf 
Martignac) eines solch ehrenden Vertrauens würdig 
zeigte. Dies bewies, daß dieser traurig berühmte Polig- 
nac, dessen Unwissenheit sich über alles verbreitete, 
sich wenigstens auf die Tugend verstand. 

i) Der bekannte französische Minister Jules Auguste Armand Duc de 
Poligiiac (1780 — 1847), der Urheber der Ordonnanzen vom 25. Juli 
1830, welche die Julirevolution und den Sturz der Bourbonen 
nach sich zogen. — Am 15. August 1830 in St. Lö verhaftet, 
vifurde er am 21. Dez. zu ewigem Gefängnis und bürgerlichem Tode 
verurteilt. Sein edler Gegner, der französische Staatsmann Jean 
Bapt. Gage, Vicomte de Martignac (1776 — 1832) verteidigte ihn 
sehr geschickt, konnte ihn aber nicht retten. Polignac wurde jedoch 
1836 amnestiert. 



In den Wiener Salons zeigten sich damals zehn oder 
zwölf Franzosen, von denen höchstens zwei in ihrer 
Meinung übereinstimmten. Diese Auswahl war kein 
Trost für die Sicherheit der Stimmung unter den Milli- 
onen, die Frankreich bewohnten. Ich habe von diesen 
Herren einige kennen gelernt, deren Berühmtheit zum 
mindesten anrüchig war. 

Zuerst den Duc de Montbel^), Exminister Karls X. 
Er war ein sanfter und in seinem Auftreten fast de- 
mütiger Mann, dessen Züge wenig Adel, aber den 
Ausdruck eines wirklich ehrlichen Menschen verrieten, 
verschönt durch eine Spur von Melancholie, die das 
Unglück ihnen eingeprägt hatte. Er sprach gut, jedoch 
langsam und ohne Schwung; man mochte ihn vielleicht 
anhören oder bewundern, denn ein gesunder Menschen- 
verstand drückte sich in seinen Worten aus, aber man 
blieb kalt. Weder in seinen Gesprächen, noch in seinem 
Antlitz vermochte man einen Funken Genies zu ent- 
decken. 

Dann M. de Frenilly, Expair Karls X. (obgleich sein 
Vater Kammerdiener des Herrn N. N. war). Er machte 
die Julirevolution mit und schrieb einige literarische Frag- 
mente, in beiden Richtungen hatte er sich einen gleich 
mittelmäßigen Ruf erworben. Im übrigen sehr geistreich, 
dünkelhaft, Haarbeutel, Manieren ä la Rokoko, anti- 
romantisch, kurz ein Emigrierter, wie er im Buche stand. 

Der Marquis Auguste de La Rochejaquelin^)'. Edles, 

i) Napoleon Auguste Lannes, Duc de Montebello (1801 — 1874), 
Pair von Frankreich, Verfasser des „Duc de Reichsstadt" 1832, 
eines der besten Werke über diesen unglücklichen Kaiserssohn. 
2) Henri Auguste Duverger Marquis de Larocbejaquelin (1805 bis 
1867), Pair von Frankreich, legte nach der Julirevolution diesen 
Titel ab und beteiligte sich an legitimietischen Bewegungen. Unter 
Napoleon III. wurde er Senator. 



mit einer stolzen Narbe geziertes Antlitz, dessen regel- 
mäßige und feine Züge an die Porträts seines Bruders 
Henry erinnerten. Große Reserve, mittelmäßiger Ver- 
stand und eine an Fanatismus grenzende Frömmigkeit, 
deren kleinliche Auffassung zu jedem anderen Krieger 
besser passen würde, als zu einem Soldaten der Dulder- 
armee in der Vendee. La Rochejaquelin läßt uns das 
19. Jahrhundert vergessen und führt uns in die Zeit der 
Kreuzzüge zurück oder vielmehr in jene Tage, da das 
über dem Herzen der Glaubensstreiter befestigte Kreuz 
der feindlichen Waffe den Weg zum Heiligtume zu weisen 
schien, worin sich der Glaube hineingeflüchtet hatte. 
Der Marschall Marmont'^): Hohe, antike Gestalt, 
edles, finsteres Gesicht, schwarze, dichte Augenbrauen, 
über denen eine schicksalsschwere Wolke zu thronen 
scheint. Melancholischer, ernster Ausdruck, den aber 
ein gütiges Lächeln seltsam mildern kann. Viel Geist 
und Zauber im Gespräche, vollkommen aristokratische 
Manieren, natürliche Würde, die aber mehr dem Ver- 
dienste, als der Geburt ihren Ursprung verdankt. 
Ruhige Zurückhaltung, aber eine gewisse Beweglich- 
keit in den Zügen, die Leidenschaften verbergen soll, 
welche sein trauriges Geschick noch immer nicht zu 
unterdrücken vermochte. Sein Adjutant M. de La Rue^)f 
für den Marmont, wie man sagt, berechtigterweise 
eine väterliche Zuneigung zeigte, hatte ein Antlitz, das 
dem des Marschalls ungemein ähnelte, es sah aus, wie 
von Horace Vernet gezeichnet. Militäradel, lebhafter 
Blick, stolze Miene, martialischer Schnurrbart, Geist, 
Beweglichkeit und ein brennender Wunsch, durch 
edlere Taten seine Pflichtvergessenheit bei den Juli- 
ereignissen zu verwischen, 
i) s. Bd. III. 349. — 2) s. Bd. IV. 121. 

331 



Märschall Marmont kam mit seinem Adjutanten oft 
zu uns und ihre Gesellschaft war mir nicht nur wegen 
ihrer persönlichen Eigenschaften, sondern auch wegen 
ihrer Erzählungen über die letzten Tagesereignisse sehr 
angenehm. Der Marschall interessierte mich aber noch 
mehr, wenn er von Kaiser Napoleon sprach. Seit der 
Belagerung von Toulon hatte er fast nie den größten 
Mann der Weltgeschichte (wenn man Mahomed aus- 
nimmt) verlassen. Die Details, welche Marmont über 
den Charakter und die Taten Napoleons geben konnte, 
waren derart, daß sie die Aufmerksamkeit während 
Stunden festhalten konnten, sie werden eines Tages 
in den Memoiren veröffentlicht werden, die der Mar- 
schall herausgeben will. Um aber einmal vergleichen 
zu können, was Marmont von dem, was er uns erzählte, 
in sein Werk hineingenommen hat oder nicht, will ich 
einige seiner Anekdoten hier jedenfalls verewigen. 

Nach ihm war Bonaparte die eine Hälfte seines Lebens 
übernatürlich groß, die andere ein Narr. Er war das 
würdigste Werkzeug, dessen sich eine höhere Macht 
bediente, um die Menschheit zu erschrecken und 
zu züchtigen, das sie aber zerbrach, sobald sie seiner 
nicht mehr bedurfte. Napoleon selbst fühlte sich als 
Genie, er verspürte in sich eine übermenschliche Kraft, 
er hielt seine Größe fast für unabhängig von seinem 
Willen und ließ sich manchmal zu dem Glauben ver- 
leiten, er sei, da aus einem göttlicheren Stoffe geformt 
als die übrigen Menschen, berufen, diesen seinen Kult 
aufzuzwingen. Oft rief er aus : „Ich bin zu spät auf die 
Welt gekommen, sie ist zu zivilisiert! Die Menschen 
sind zu große Räsoneure, sie wollen meine Übermacht 
über sie nicht verstehen. In früheren Zeiten hätten sie 
mir Altäre errichtet." 

332 



Als er ein anderes Mal ein ähnliches Thema ange- 
schlagen und Alexander d. Gr. zitiert hatte, fügte er 
hinzu: „In der Geschichte gibt es nur einen Mann, 
den ich beneide, dies ist Jesus Christus, weil er einen 
Kult gründete, dessen Gegenstand er war." 

Trotz dieses Überschäumens eines maßlosen Stolzes 
war Bonaparte für seine Freunde sanft, menschlich 
und wohlwollend, gegen seine Feinde großmütig, so 
bald sie außer Stande waren, ihm zu schaden. Mar- 
mont illustrierte diese Behauptung durch mehrere 
Beispiele, die ihm gerade durch den Kopf gingen. Er 
zollte Napoleons Grausamkeit den gefangenen Feinden 
und der Pest in Ägypten gegenüber seinen Beifall, 
indem er sagte, es sei nötig gewesen, den unausbleib- 
lichen Tod, dessen Verzögerung die Zahl der Opfer 
unendlich gesteigert hätte, zu beschleunigen. Bour- 
rienne^) hat sich desselben Argumentes mit vollster 

i) Louis Antoine Fauvelet de Bourienne, Geheimsekretär Napoleons, 
geb. zu Sens 1769, gest. 7. 2. 1834 zu Caen. Über ihn schreibt die 
Verfasserin an anderer Stelle: „Er zeigte uns Napoleon ohne 
Strahlenkrone mit den nüchternen Farben der Wirklichkeit, mit 
der ganzen Lebhaftigkeit eines nach der Natur aufgenommenen 
Bildes. Vielleicht verlor dadurch Napoleon den Nimbus, womit 
man die Halbgötter der Geschichte zu umgeben gewohnt ist, doch 
gewann er in dieser scharfen Beleuchtung, weil man der Phantasie 
nichts mehr schuldete. In seiner wirklichen Größe noch groß, 
steht er ein Koloß zwischen den vergangenen Jahrhunderten und 
unserer Nachwelt. Seine Überlegenheit über seine Zeitgenossen 
isoliert ihn in einem solchen Grade, daß man fast versucht wäre, 
ihm ein ganz fremdes Naturell zuzuschreiben. Trotz einiger arm- 
seUger, kleiner Fehler und Schwachheiten, die Napoleon als Men- 
schen erkennen lassen und von denen Bourienne uns keinen ver- 
schweigt, steht er dennoch durch seine geistige Kraft so sehr über 
den anderen Menschen, daß man glaubt, ein Riese wandle über 
Zwerge." — Bourienne trat später zu den Bourbonen über, wurde 
unter Ludwig XVIIL Polizeipräfekt von Paris und Staatsminister. 
1829 vollendete er sein zehnbändiges Werk „Memoires sur Napo- 
leon". 

333 



Überzeugung bedient und Bourrienne liebte Napo- 
leon nicht. 

„Le memorial du prisonnier de St. Helene" hielt 
Marmont für ein Diktando Napoleons, denn er fand 
darin seine Gedanken, sein Genie, die ihm vertrautesten 
Ausdrücke wieder; außerdem sind die beiden einzigen 
Manuskripte, die existieren und von denen das eine 
voller Korrekturen ist, auf dem nämlichen Papier ge- 
schrieben, das eine englische Firma, die seither zu 
existieren aufgehört, dem „Northumberland" bei der 
Abreise Napoleons nach St. Helena geliefert hatte. 
Daß die Schrift nicht die des Kaisers sei, sagte Mar- 
mont, könne nicht als Gegenbeweis gegen die Authen- 
tizität des Manuskriptes dienen, denn Bonaparte 
schrieb so schlecht, daß er selbst oft seine Schrift 
nicht wiederlesen konnte, und zog es daher vor, 
sich der Feder eines Mannes zu bedienen, der 
seinen blitzartigen Gedankenexplosionen zu folgen 
gewohnt war. 

Am 24. Januar 1831 war ich bei der Hochzeit Fannys 
Esterhäzy mit dem Witwer Stefan Kärolyi^), — bei- 
nahe eine Liebesheirat. Sie war pompös, feierlich, groß- 
artig, die Kerzen, die Diamanten, der Schmuck und 
die Gesichter, alles glänzte. Ich sagte mir, indem ich 
die junge, so zufriedene und hoffnungsfrohe Frau 
sah, der alle Welt Glück prophezeite, und die sich, von 
so viel Wohlwollen und Liebe umgeben, wirklich gegen 
jede Widerwärtigkeit des Schicksales gefeit glauben 
konnte : „In einigen Stunden wird sie mit dem Manne, 
an den sie ein kleines Wort lebenslänglich bindet, allein 

i) Stefan Graf Kdrolyi (1797 — 188 1), k. u. k. Kämmerer und Geh. 
Rat, heiratete am 24. Januar 1831 Gräfin Franziska Esterhäzy, geb. 
17. II. 18 10, gest. Fäth 15. Februar 1844. 

334 



sein. Heute verspricht er ihr Glückseligkeit, aber in 
zehn, aber in zwanzig Jahren ? Wenn Verbitterung und 
Abneigung die Liebe und Hoffnung ersetzt haben, 
dann wird sie noch immer mit diesem Manne allein 
sein, an den sie soeben das kleine unbedeutende Wort 
fesselte!" 



335 



iiniiiiiiniiniiiHiniMMiiiiitiiiMiMiiniiii 



iiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiinniii 



XXXIX. DER HERZOG VON 
REICHSTADT 

(NACH MEINEM TAGEBUCHE) 

JO. Dezember j8jo: Seit einigen Wochen ist ein 
neues Gestirn am Horizonte der Wiener Salons auf- 
getaucht; es flimmert, aber es glänzt noch nicht genug, 
um sein Wesen beurteilen zu können. Alle Augen sind 
daraufgerichtet und suchen zu erraten, ob es ein schöner 
Planet wird oder nur ein einfacher Stern, der seinen 
Glanz entlehnt hat. Doch es gibt leider hierzulande 
wenig Astronomen, die darüber urteilen könnten. 
Dieses Gestirn ist der Herzog von Reichstadt, der Sohn 
Napoleons, des Kaisers der Franzosen. Welch schöner 
Name, den er erben sollte und den man ihm genommen 
hat!^) Wenn der Herzog aber in seiner Seele nur einen 
Bruchteil väterlichen Vermächtnisses besitzt, wird er 
dann nicht auch das übrige zurückgewinnen können ? 
Er ist schön und zwanzig Jahre alt, vom Vater erbte 
er die Stirne und den Blick, wird er aber auch sein Genie 
besitzen ? Man könnte von ihm, wie von dem Lafon- 



i) Napoleon Franz Josef Karl Bonaparte erhielt bei seiner Geburt 
am 20. März 181 1 den Titel eines Königs vom Rom; nach dem 
Sturze seines Vaters kam er 18 14 nach Schönbrunn. Am 8. Dezem- 
ber 18 17 genehmigte Kaiser Franz den Titel eines Herzogs von 
Mödling, wogegen die Mutter des Prinzen Bedenken äußerte. 
Mit kaiserlichem Patent vom 22. Juli 1818 vt^urde der Name 
Napoleon fallen gelassen und der Titel eines Herzogs von Reichstadt 
(mit d. Titulatur ,, Durchlaucht") und ein Wappen verliehen. 



taineschen Marmor fragend ausrufen: „Sera t'il Dieu, 
table ou cuvette ?" Seine Umgebung, von oben ange- 
fangen, ist so mittelmäßig, daß sie es gewiß nicht erraten 
wird. Sie sagen nämlich folgendes: „Der Herzog ver- 
stellt sich, er hat Verstand und ist besonnen, man darf 
ihm aber nicht trauen." 

Ich habe öfters mit dem Kaisersohne geplaudert und 
will meine Beobachtungen getreulich niederschreiben. 

Er sucht jedes Gespräch sofort interessant zu machen 
und es gelingt ihm auch, je nach der Person, mit der 
er zu tun hat. Er besitzt Witz, ist maßvoll und obwohl 
offenherzig scheinend, späht er doch lieber die Gedan- 
ken seines Partners aus, als daß er seine Ansicht verrät. 
Er gewinnt alle Herzen, aber ich fürchte, daß er dar- 
aus eine Art Studium macht. Mit seinen durchdrin- 
genden Augen und dem hinreißendsten Lächeln 
schmeichelt er der Eigenliebe durch glücklich gewählte 
Worte und durch sein offenes Bestreben, zu gefallen. 
Wäre er König von Rom geblieben, so würde man ihn 
vergöttert haben, vielleicht hätte man ihn aber dadurch 
verdorben. Möglicherweise erzielt übrigens die Mittel- 
mäßigkeit aller Personen, denen er hier begegnet, den- 
selben Erfolg. Hat die Unermeßlichkeit oder die Be- 
schränktheit, zwischen denen er seit seiner Geburt 
wandelte, seinen Charakter geformt ? Es ist entzückend, 
wie er mit den alten Offizieren kokettiert^), er tut es 
auch, aber in ganz anderer Art wie mit den Ministern 
und Leuten, von denen sein Geschick abhängt. Ich 
beobachtete ihn eines Tages, wie er mit Gentz sprach. 

i) Die Verehrung des Herzogs von Reichstadt schon In seiner 
Kindheit alten MiUtärs gegenüber beweist sein Verhalten gegen 
den FM. Fürsten de Ligne. Im Infanterieregiment Nr. 30 (früher 
de Ligne) lebt die Tradition daran noch fort. 

22 M. L. iii 337 



3- Februar i8ji: Mein Interesse auf den Bällen ist 
seit einiger Zeit dem Studium des Herzogs von Reich- 
stadt gewidmet. Wäre ich zehn Jahre jünger, so würde 
es mir schwer fallen, denn seine Auszeichnungen und 
seine geschickte Koketterie, die er im Gespräche ver- 
wendet, möchten mir dann den Kopf verdrehen. Heute 
ist es anders, meine Phantasie ist vor allen Enttäuschun- 
gen gefeit und ich besitze also die für einen Beobachter 
nötige Ruhe. Selbst wenn ich manchmal für dieses poe- 
tische, zwischen Erinnerung und Hoffnung schwebende 
Wesen mich begeistere, so ist es doch nur ein vorüber- 
gehendes Gefühl, etwa wie das des Galvanismus. Mit 
über vierzig Jahren hat man wohl das passende Alter 
für einen Richter. 

4. Februar: Über einen jungen Mann von zwanzig 
Jahren, der in der Mittelmäßigkeit aufgewachsen, deren 
einziges Kleid die „Livree" ist, zu urteilen, ist nicht 
leicht. Ich bemerke wohl, wie er Eile hat, dieses unge- 
wohnte, ihm fremde Kleid abzulegen, wie er es liebt, 
seine Verkleidung halb zu öffnen, um sich zu erkennen 
zu geben. Darf man aber dem glänzenden Schmetter- 
linge trauen, der darunter erscheint ? Ich bin noch weit 
davon entfernt, dies beurteilen zu können. Alles an ihm 
ist rätselhaft, selbst sein Alter, denn man hat ja nicht 
allein dasjenige, welches man sich nach seinem Geburts- 
tage berechnet. Seine Gestalt ist die eines Jünglings, 
sein Lächeln das eines Kindes, sein Blick der eines 
Mannes. In seiner Konversation findet sich dieselbe 
Mischung, manchmal glaube ich, daß meine Gedanken 
die seinen überflügeln, dann wieder ist es umgekehrt. 
Ich will daher meine Schlüsse nicht übereilen, sondern 
lieber das Resümee eines jeden unserer Gespräche 
wiedergeben. So wird sich ein Beweis an den anderen 

338 



Zu Bd. III, S. 338/339. 




ysf 



Moritz Graf Dietrichstein (1775— 1864). 
Gouverneur des Herzogs v. Reichstadt. 

Aus dem roten Album der Verfasserin 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



reihen, auf deren Basis ich dann mein Verdikt fällen 
kann. 

Vor zwei Tagen Heß er sich den Marschall Marmont 
vorstellen und sprach ihn folgendermaßen an: „Ich bin 
entzückt, Herr Marschall, die Bekanntschaft eines der 
ältesten Begleiter meines Vaters machen zu können." 
Das Gespräch währte lange, der Herzog versäumte zwei 
Walzer und er, wie auch der Marschall schienen mehr- 
mals gerührt zu sein. In der Öffentlichkeit sprach man 
viel darüber, namentlich schrieben die französischen 
Zeitungen allerhand übertriebenes Zeug, wahr ist nur, 
daß Marmont sehr viel erzählte und der Herzog aufmerk- 
sam zuhörte und daß beide aneinander Gefallen fanden. 

Von diesem Tage an besucht der alte Krieger den 
Herzog mit Erlaubnis der maßgebenden Stellen zwei- 
mal in der Woche, um dem Sohne Napoleons von den 
Kriegen seines Vaters zu erzählen. Er spricht von dessen 
Fehlern, wie von dessen Ruhmestaten und antwortet 
auf die sehr intelligenten Fragen (so wörtlich der Mar- 
schall) seines Schülers. Graf Dietrichstein^) ist immer 
anwesend. Was muß wohl der Mann von St. Helena 
empfinden, wenn sein Blick sich vom Himmel auf die 
Erde niedersenkt und er den geliebten Sohn mit dem 
ältesten Zeugen seines Ruhmes seine glorreichen Siege 
studieren sieht? 

Der Marschall sprach mit mir voll Rührung über 
seinen neuen Beruf, sein Blick schien den Gedanken 

i) Graf Moriz Dietrichstein-Proskau-LesUe {177$ — 1864), Adjutant 
des FML. v. Mack, als Militär unbedeutend, zeitweilig beurlaubt, 
trat erst wieder nach dem Wiener Kongreß hervor. Er war von 
18 15 — 32 Erzieher des Herzogs von Reichstadt, 182 1 — 26 Hof- 
theaterdirektor, dann bis 1848 Präfekt der Hofbibliothek und Di- 
rektor des Münz- und Antikenkabinetts, machte sich als Mäzen der 
Künste und Wissenschaften einen Namen (Freund Beethovens). 

339 



vollenden zu wollen, der besagte, er hoffe so auf Ver- 
söhnung mit dem großen Schatten, den er im Unglücke 
verlassen hatte. Reichstadt äußerte sich über Marmont 
einem Freunde gegenüber: „Ich muß bei ihm aller- 
dings über manches den Schleier der Vergessenheit 
werfen, aber dies ist eben meine Bestimmung. Was wäre 
ich, wenn ich nicht vergessen könnte ?" 

6. Februar: Vor zwei oder drei Tagen saß ich nach 
dem Tanze an einem Tische, der nicht weit von dem 
entfernt war, woran der Hof speiste. Ich wollte Herrn 
de La Rue, der mir beständig den Hof machte, dazu er- 
muntern, auf die Gesundheit Napoleons II. zu trinken. 
Er schlug es ab, worauf ich und noch eine andere Dame 
ihn dazu im Scherze zu zwingen suchten. Als ich auf- 
blickte, ruhten die Augen des Herzogs von Reichstadt 
auf mir. Er hob sein Champagnerglas, ohne daß es je- 
mand bemerkte, und trank mir mit einem reizenden 
Lächeln zu. Ahnte er den Inhalt meines Gespräches 
mit de La Rue und wollte er mir dafür danken ? 

7. Februar: Ich fand heute Gelegenheit, ihm mein 
Vergnügen über seine gestrige Aufmerksamkeit auszu- 
drücken. Er errötete und sprach während der Soiree 
mehrmals mit mir über ernste Dinge. Unter anderem 
fragte er mich, ob ich nicht auch glaube, daß ein Leben 
nur solange wertvoll sei, als es gut sei. „Genügt es nicht," 
fügte er hinzu, „im Angedenken und der Bewunderung 
der Menschen zu leben ?" Wir debattierten über die 
Größe, er behauptete, alles, was groß sei, müsse auch 
gut sein. Ich wollte gerade dieses nicht ganz richtige 
Maxim widerlegen, als sein Gouverneur herbeigeeilt 
kam, um sich, ganz aufgeregt, an der Konversation zu 
beteiligen. Wir verwirrten aber den guten Grafen durch 
allen möglichen Unsinn derart, daß das Gespräch bald 

340 



abbrach. So hörte denn meine heutige Unterhaltung 
mit dem Herzog auf. 

12. Februar: Langes Gespräch während eines Kontre- 
tanzes, bei dem er neben mir stand. Er rühmte HenrilV. 
ungemein, er wußte ganze Stellen der Henriade aus- 
wendig und trug mir den Gesang des Gabriel vor. Dann 
sagte er mir, daß ein junger Mann glücklich sein müsse, 
wenn er seinen Ruhm einer Frau, die ihn vollkommen 
verstünde, zu Füßen legen könnte. Obgleich er dies ab- 
sichtlich mir erzählte, so verließ ich doch meine mir 
selbst auferlegte Rolle einer Erzieherin keinen Augen- 
blick und bekämpfte seinen Glauben an solche Liebe: 

„Dieses Gefühl kann wohl einen gewöhnlichen Men- 
schen erhöhen, es muß aber für einen großen Mann 
immer nur ein Ruhepunkt bleiben. Blicken Sie in 
die Weltgeschichte, Hoheit^), kennen Sie irgendeinen 
großen Mann, der ein Sklave der Liebe gewesen wäre ?" 

„Ja, dies ist richtig, mit Ausnahme von Henri IV," 

„Henri IV. war wohl ein berühmter Herrscher, aber 
die Seiten seiner Geschichte, die er mit Liebesszenen 
ausfüllte, sind ein Flecken seiner Persönlichkeit." 

„Ja, aber dann war eben Henri IV. kein großer Mann. 
Als Prinz auf die Welt gekommen, war ihm der Weg 
zum Ruhme bereits vorgewiesen und er kam ja auch 
ans Ziel. Vielleicht wäre er auch ohnedies dahin ge- 
langt, aber ein Mann kann nur dann seine wahre Seelen- 
größe entfalten, wenn er sich einen Weg bahnt, der 
ihm durch seine Geburt nicht vorbezeichnet wurde." 

Er sprach noch allerhand darüber, ich weiß nicht, wa- 
rum ich seine Worte ein wenig appretiert fand, er sprach 
doch so natürlich, und als ich sein Einrücken zum Regi- 
mente erwähnte, war seine Freude sichtlich unverfälscht, 
i) Gfin. Lulu sagte „Sir", nie „Altesse". 



„Ich fürchte nur," setzte ich bei, „daß die polnischen 
Angelegenheiten beendet sein werden, bevor Sie Wien 
verlassen !" 

„O," rief er lebhaft aus, „ich wäre untröstlich, wenn 
ich gegen diese armen Polen ins Feld ziehen müßte. 
Ihnen in den Rücken fallen!" Seine Augen füllten sich 
mit Tränen und in diesem Augenblicke glichen sie denen 
seines Vaters. 

„Hoheit, Österreich wird sich gewiß nicht einmischen, 
außer wenn sich diese polnischen Provinzen empören." 

„Zweifellos, und in diesem Falle wäre es eine andere 
Sache, ich müßte dann dorthin gehen, wohin mich der 
Kaiser schickt, aber — es wäre mir dennoch sehr schmerz- 
haft, auf diese Weise meinen ersten Feldzug zu machen.' 
Dies sagte er im Brusttone der Überzeugung, dann kam 
er wieder auf die Liebe zu sprechen: „Sie meinen also, 
daß man sich unwiderruflich zwischen Liebe und Ruhm 
entscheiden müsse?" Und mit einer Pose: „Nun also, 
auf welches von beiden werde ich verzichten müssen ?" 

„Natürlich auf die Liebe, Hoheit." 

Er sprach dann noch über die Engländer und lobte 
ihre Großmannssucht, von ihrer Politik aber sagte er, 
sie sei hinterlistig, egoistisch und wenig großmütig. 
Während ich ihm antwortete, hatte er eine Ablenkung 
und fragte plötzlich: „Wissen Sie vielleicht, wer die 
hübsche Frau war, die uns betrachtete ?" 

„Das war Baronin Stürmer.^^ 

„Die Frau des Herrn Stürmer^), der . . ." 

„Gewiß, Hoheit." Seine Brauen verfinsterten sich. 

Die Musik entführte mich darauf zum Tanze, ich 
ließ ihn aber nicht aus den Augen. Er sprach mich im 
Laufe des Abends nochmals an: 
i) Baron Stürmer war der kaiserl. Kommissär auf St. Helena. 



„Sie beobachten mich ja!" sagte er mit sichtlicher 
Freude. 

„Ach, Hoheit, Sie werden mich wohl für einen Spion 
halten ?" 

„Welche Idee, und wenn auch, wenn Sie mir nach- 
spähen, ist es mir ganz recht." 

„Nein, Hoheit, es ist allerdings richtig, daß ich Sie 
beobachte, sogar sehr strenge, aber ich mache nieman- 
dem eine Bemerkung darüber, als Ihnen." 

„Sie sind strenge, um so besser." Dann sprach er von 
Lorbeeren. 

„Wenn ich solche hätte, wie gerne würde ich sie 
zu Ihren Füßen legen." 

Ich konnte mir nicht enthalten zu bemerken : „Ach, wie 
wäre ich glücklich, Hoheit ganz damit bedeckt zu sehen." 

Er schwieg und als ich ihn ansah, merkte ich, daß er 
träume. 

Ich berichte dies nur zu meiner eigenen Befriedigung, 
ich spreche mit niemandem darüber, weil es für meinen 
Helden wirklich nicht rühmlich wäre, solche Phrasen 
einer so alten Frau zu sagen. Übrigens erzählte mir 
Moriz Esterhazyi), sein großer Freund, daß der Herzog, 
als er von mir und Nandine Kärolyi^), mit der er sich 
auch viel beschäftigt, sprach, versichert habe, ihm liege 
viel mehr an meiner Eroberung als an der der Gräfin, 
die doch eine junge, elegante Frau war. 

i) Graf Moriz Esterhdzy (1807 — 1890), k. u. k. Kämmerer und 
Geh. Rat, war bis 1855 Gesandter am päpstlichen Hofe. Er ver- 
mählte sich 1854 mit Polyxena Prinzessin Lobkowitz, geb. 1830. 
2) Gräfin Ferdinande (Nandine) Kaunitz (1805 — 62), eine gefeierte 
Schönheit, heiratete 1822 den Grafen Ludwig Kärolyi, von dem sie 
1846 geschieden wurde. Sie ist die Großmutter väterlicher Seite der 
Gräfin Nandine Berchtold, Gemahlin des heutigen Ministers des 
Äußern Grafen Berchtold. 

343 



„Ich bin überzeugt," bemerkte der Herzog von mir, 
„daß sie mich nur nach meinem wirklichen Werte 
schätzt, sie ist nicht eine von denen, die sich durch das, 
was den anderen gefällt, blenden lassen." 

14. Februar. Gestern sprach er mit mir viel offen- 
herziger, als bisher und ich konnte auch an ihm nicht 
mehr den pretentiösen Anstrich bemerken, der mir 
früher aufgefallen war. Er fragte mich über meine 
offene Meinung httxtihyionz Esterhdzy'^) und Franzis 
Liechtenstein^). Den ersteren liebt er besonders und 
möchte ihn zum Adjutanten haben. Er wollte von 
beiden wissen, ob ich sie für diskret halte. „Diskretion", 
bemerkte er, „ist für mich die conditio sine qua non 
bei einem Manne. Ich weiß, daß Sie davon sehr viel 
besitzen, ich bewerbe mich auch um Ihre Gunst, wie 
um die eines verdienstvollen Mannes und möchte Sie 
als meinen Freund haben." Zu Moriz Esterhazy äußerte 
er sich über mich: „Sie würde mir das Barometer meines 
Wertes sein." 

Ich hingegen halte ihn für viel verliebter in Nandine, 
als er es selbst denkt. Gestern konnte ich an ihm weniger 
von Bonaparte entdecken, hingegen ein gewisses Etwas, 
das heißblütige und begeisterte Menschen ihm auf 
immer gewinnen könnte. Ich vermute, daß er daran 
arbeitet, sein Gemüt zu verhärten, daß ihm aber die 
Natur eine viel edlere und empfindsamere Seele ein- 
gehaucht hat als seinem Vater. 

16. Februar: Ich konnte ihn gestern nur unter dem 
Kreuzfeuer der Beobachter sprechen. Es ist wirklich 
unerträglich, bis zu welchem Grade der ihm freundliche 

i) Prinz Franz Liechtenstein, geb. 25. 2. 1802, gest. 31. 3. 1887, 
k. k. FMLt., heiratete zu Wien 3. 6. 1841 Gräfin Julie Potocka 
geb. 18 18. Über Esterhdzy s. Bd. Jll. 362. 

344 



und feindliche Parteigeist, die Neugierde und die 
Klatschsucht ihre Augen und Ohren nach ihm ver- 
drehen. Da ich nicht mehr tanze, so ist mir die Mög- 
lichkeit genommen, während des Walzers mit ihm un- 
gestört zu sprechen. Wenn er mich anspricht, so kommt 
es nur selten vor, daß nicht sofort eine Menge Augen 
und Ohren sich auf uns richten. 

Die Unruhen in Italien lenkten heute die ganze Auf- 
merksamkeit auf den Krieg, die männliche Jugend 
strahlte vor Freude und Hoffnung, ins Feld ziehen zu 
dürfen. Nur für ihn allein gibt es keine Hoffnung; 
wenn Europa im Feuer steht, ist der Sohn Napoleons 
zur Untätigkeit verurteilt. Niemals wird er gegen Frank- 
reich kämpfen, dies hat er dem Kaiser erklärt und dieser 
hat seinem edelmütigen Entschluß Beifall gezollt. Man 
wird ihn auch nicht nach Italien schicken, wo alle Re- 
volutionäre seinen Namen an ihre Fahnen geschrieben 
haben. Der Norden wird bald bezwungen sein, was 
bleibt also diesem Herzen, das sich unter dem Schicksal 
ungeduldig bäumt, noch übrig? Kein Verhängnis 
gleicht dem seinen; zu gleicher Zeit auf die Throne 
von Frankreich, Polen, Belgien und Italien berufen, 
kann er kaum hoffen, die Epauletten eines Oberst zu 
bekommen. Jedoch, er versteht seinen Stern, wenig- 
stens vermute ich es, er weiß, daß dieses kalte Jahr- 
hundert, das nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht 
ist, ihn zum Warten verurteilt hat. Was hätte er auch 
an der Spitze eines Jakobinerhaufens, dieser Brandstifter 
Europas, die selbst in ihrem Lande keinen Anhang mehr 
besitzen, zu hoffen ? Sie würden sich seines Namens nur 
dazu bedienen, um ihre Pläne zu verwirklichen und so- 
dann aus ihm wenn möglich eine noch häßlichere Puppe 
zu machen als es Louis Philipp ist. Das Beispiel KarlEdu- 

345 



ardsy des Prätendenten, ist ein Fingerzeig, wohin 
diese romantischen Unternehmungen der Franzosen 
führen. Die Eifersucht der aristokratischen Partei- 
männer vernichtete die unglücklichen Chouans ebenso, 
wie die Prahlereien der Republikaner Napoleon II. 
zerschmettern würden. Um einen Thron einzunehmen, 
müßte der Herzog von der Mehrheit der Franzosen 
berufen sein und, wie Bonaparte, die Ordnung her- 
stellen, während er seine Macht opfern müßte. Europa 
hätte dann nur mehr zu sanktionieren, was keine Usur- 
pation mehr wäre. Wenn er sich hingegen nur als ein 
weiteres Element der Unruhr erwiese, so würde sein 
Schicksal sein, in der allgemeinen Verwirrung ohne 
Ruhm unterzugehen. Er darf die Ereignisse nicht her- 
beiführen, er muß sich vielmehr dazu vorbereiten und 
sie im richtigen Momente erfassen. Sein erster Schritt 
müßte sein, sich im Dienste Österreichs Lorbeeren zu 
erringen und die Rolle eines Prinz Eugen hätte ihm dazu 
vor allem als Vorbild zu dienen. Und welche Hinder- 
nisse hätte er selbst dann noch zu besiegen ? Würde 
sein Genie dazu ausreichen und sein Stern ihm bei- 
stehen ? Seit seiner Wiege allein, steht er auch vor 
seiner Bestimmung noch hilflos da. Niemand würde 
ihm als Führer dienen, sein junges Herz, das immer 
nur an die Atmosphäre des Mißtrauens gewöhnt wurde, 
ist dazu verurteilt, jede innere Wallung zurückzu- 
drängen. Weder in der Sphäre, die ihn umgibt, noch 
in der, die ihn vielleicht berufen wird, kann er einen 
sicheren Freund finden. Ja, wenn er einen solchen hätte, 
der über ihn wachte, einen hellen Kopf, aber wo ihn 
finden ? Das Land, das er bewohnt, ist geistig be- 
schränkt und erstarrt, Moriz Esierhdzy, dessen warmes 
Herz ihm rückhaltlos ergeben ist, dessen durchdringen - 

346 



der Verstand ihn verstehen könnte, verläßt ihn eben^), 
um in Neapel eine Karriere einzuschlagen, die ihn vom 
Herzog wohl auf immer entfernt. Armer Kaiserssohn! 
Hat dich denn das Schicksal dazu verdammt, keinen 
anderen Freund zu haben als dich selbst ? Hat dir die 
Natur doch genug Seelenstärke verliehen, um dich in 
der Verlassenheit mit Tatkraft zu stählen ? Wird dein 
Herz nicht schon unter diesem ersten Unglück brechen ? 

Der gestrige Ball endigte mit einer fast bacchan- 
tischen Ausgelassenheit. Der letzte Walzer ähnelte einer 
Raserei, der Herzog tanzte ihn mit Nandine und ich 
denke, sie wird darüber zufrieden gewesen sein. Ich 
sprach mit ihm nach Schluß des Tanzes. Er war noch 
ganz außer Atem, seine Haare lagen ungeordnet um 
seine Stirne, was ihm eine ungewöhnliche Art von Schön- 
heit gab. 

„Nun," meinte er, „Sie halten mich wohl heute für 
närrisch ?" 

„Nein, Hoheit, nur für sehr jung, wir haben eben 
zwei Alter." 

„Eins hinter uns und das andere ?" 

„Eins ist genau dasjenige, das wir haben, das andere 
das eines fertigen Mannes." 

„Ich werde trachten, ernst zu werden." 

„Aber Sie werden doch in die Welt gehen ?" 

„Ja, ein wenig, aber die Albernheit der Salons lang- 
weilt mich, ich liebe ebensosehr ein gutes Buch^)." 

„Hoheit scheinen schon heute abend ernst werden 
zu wollen." 

i) Von Metternich aus Argwohn entfernt, (s. Tschudi S. 244). 
2) Der Herzog liebte auch die Musik, unter anderem, wie die 
Verfasserin schreibt, die Oper „II pirata" von Bellini. Er zitierte 
sie ihr eines Tages, indem er ihr sagte, die Verfasserin werde ihm 
sein ,jquel angelo Celeste di virtu de consiglier". 

347 



,,Sie halten mich für falsch, aber ich schwöre Ihnen, 
ich bin an die Einsamkeit gewöhnt, so daß ich sie nicht 
fürchte. Ich bin ja immer allein, meine Situation ist 
so eigentümlich, wie, wie . . ." 

„Vielleicht", half ich zögernd, „wie ein Adler in 
einer Hühnersteige ?" 

„Sagen Sie lieber, wie ein eingesperrtes Küchlein 
an dem Hühnerhof, alles bewegt sich frei um mich und 
ich rühre nur die Flügel in meinem Gefängnisse." 

„Hoheit, ich kann für den Vergleich mit dem Küch- 
lein nicht sein." 

,,Nun gut, sind Sie mehr für den Hahn, der den Tages- 
anbruch erwartet?" 

Dieses Wort ist sehr bezeichnend. Er war ernst ge- 
worden: „Eigentlich gehen meine Wünsche für den 
Augenblick nicht weiter als nach Brunn (wo er zum 
Brigadier ernannt worden war) und dann für die Zu- 
kunft, österreichischer General zu werden; ich habe 
keine anderen, dies ist meine Bestimmung und meine 
Karriere." 

„Zweifellos," erwiderte ich ernst, „und meine Hoff- 
nung ist es, Hoheit, daß Ihnen einst die Geschicke der 
ganzen Armee anvertraut werden mögen." 

Wir verließen uns als sehr gute Freunde, indem wir 
uns für nächsten Freitag bei der Herzogin v. Lucca 
ein Rendezvous gegeben hatten. Er käme am liebsten 
zu uns, aber er würde sich dort kaum wohl fühlen und 
wir könnten auch nicht offen miteinander reden. 

23. Februar: Ich sah ihn seit Ende des Faschings nur 
einmal, und zwar bei der Herzogin v. Lucca. Er unter- 
hielt sich mit mir und war liebenswürdig, aber sein Ge- 
spräch hatte keine weitere Bedeutung für meine Beob- 
achtung. Er versprach mir sein Porträt, das er eben 

348 



lithographieren läßt, zu schenken. Seither haben ihn 
die parmesanischen Angelegenheiten ausschließlich be- 
schäftigt und er erschien in der Gesellschaft nicht mehr. 
Die vorübergehende Gefangensetzung Maria Luisens 
brachte ihn in Verzweiflung; seine abhängige Stellung 
mochte auch viel dazu beigetragen haben. Die Festig- 
keit, die seine Mutter damals bewies, hat ihn unge- 
mein gefreut, er wiederholte oftmals : „Man sieht, daß 
sie eine Enkelin Maria Theresias ist." 

Um mich für die Leerheit der letzten Woche zu ent- 
schädigen, möchte ich hier eine Anekdote fixieren, di 
mir der Marschall Marmont^) gestern erzählte: sie wird 
zur Charakteristik des Herzogs von Reichstadt vielleicht 
mehr beitragen, als das bisher von mir erwähnte. 

Im Jahre 1813 befand sich Napoleon in Deutschland, 
ich glaube am Ufer eines kleinen Flusses, dessen Namen 
ich nicht mehr weiß, im Biwak. Er hatte sich Marmont 
kommen lassen und, wie es öfters geschah, verstrich die 
Nacht mit der Erörterung der verschiedensten Mate- 
rien, darunter auch moralischer Fragen. Napoleon be- 
gann über einen Mann von Ehre und einen gewissen- 
haften Manne zu debattieren. 

„Der Mann von Ehre", sagte er, „handelt nach den 
allgemeinen Regeln, der andere läßt sich von einem in- 
dividuellen Gefühle tragen, so z. B. ist mein Schwieger- 
vater ein gewissenhafter Mann, aber kein Mann von 
Ehre, denn er hat mich getäuscht. Man kann in die 
Gelegenheit kommen, zwischen beiden wählen zu 

i) Auguste Viesse de Marmont (1774 — 1852) seit 1809 Herzog von 
Ragusa, unterwarf sich 1815 vor der Abdankung Napoleons dem 
neuen Könige Ludwig XVIII. Seine Untreue beweg Napoleon 
schließlich zur Abdiktion. Während der Julirevolution 1830 über- 
trug ihm Karl X. den Befehl über die i. Militärdivision (Paris), 
doch zog Marmont sich zurück, ohne den Aufstand niederzuschlagen. 

349 



müssen. Nehmen wir gleich an, Marmont" — diese 
denkwürdigen Worte prägten sich dem Zuhörer ein Jahr 
später auf immer ein — „nehmen wir an, Sie würden 
in einer verwickelten Situation dazu berufen werden, 
auf meine Unkosten Frankreich zu retten. Tun Sie es, 
so sind Sie ein gewissenhafter, aber kein ehrlicher Mann, 
denn Sie würden mich dann verraten haben." 

Diese außergewöhnliche Ahnung schien dem Mar- 
schall seither fast übernatürlich, er sprach mir jetzt 
noch mit dem größten Erstaunen davon. Aber folgendes, 
das sich vor zwei Tagen ereignete, hat doch das Maß 
seiner Verwunderung vollgemacht. Nach Vollendung 
der Lehrstunden über die Feldzüge Napoleons, die, 
Marmont, wie erwähnt, dem Herzog von Reichstadt 
vortrug, brachte dieser plötzlich dieselbe Frage über 
Ehre und Gewissen aufs Tapet. Marmont war geradezu 
konsterniert, so auffallend schien ihm diese Wieder- 
holung; er glaubte den Geist des Vaters aus dem Munde 
des Sohnes sprechen zu hören. Als er sich von seiner 
Verwirrung etwas erholt hatte, fragte der Herzog von 
Ragusa seinen Schüler, was er denn unter einem Manne 
von Ehre verstünde. Reichstadt gab eine etwas ver- 
schwommene Erklärung ab, da ihm die richtigen Worte 
fehlten, dennoch war ihr Sinn der, daß ein Mann von 
Ehre nach bestimmten, unabänderlichen Prinzipien, 
die von jeder anderen Überlegung unabhängig seien, 
handle. Nun erzählte der Marschall die Anekdote seines 
Vaters, wobei er aber wohlweislich verschwieg, was auf 
seine eigene Person Bezug hatte. Als er geendet hatte, 
fragte er den Herzog: „Und Sie, Hoheit, wen würden 
Sie vorziehen, den ehrenhaften oder den gewissen- 
haften Mann?" „Ich würde es vorziehen, mich des ge- 
wissenhaften Mannes zu bedienen." — „Dies war aber 

35° 



nicht die Meinung Ihres Vaters." — Ja, für ihn war er 
eben ein Werkzeug." Diese Antwort in einem Alter 
von zwanzig Jahren ist denkwürdig. Nach einer Weile 
setzte er schmunzelnd hinzu: „In Frankreich gibt es 
gewissenhafte Männer, ich kenne einen, aber dieser 
ist auch ein Mann von Ehre." Welches Feingefühl lag 
nicht für den Marschall in diesen Worten. Als er mir 
davon erzählte, flössen Tränen über seine Wangen. 

2^. Februar: Marmont sieht in dieser merkwürdigen 
Anekdote sicherlich etwas Übernatürliches, Unerklär- 
liches, wie dies seiner Ansicht nach im Leben Napo- 
leons öfters vorgekommen sein soll. Ich hingegen will 
jede romantische Ausschmückung beiseite lassen, so- 
bald mein Tagebuch vom Herzog von Reichstadt 
spricht, da ich dann mit der Treue eines Geschichts- 
schreibers alles zusammensuche, was zur Beleuchtung 
meines Helden dienen kann. Auch diesmal begnügte 
ich mich nicht mit der bloßen Verwunderung über 
dieses merkwürdige Ereignis, sondern suchte es zu er- 
gründen. 

Hier das Resultat meiner Nachforschungen. Mar- 
mont erzählte dem Fürsten Dietrichstein eines Tages 
sein Gespräch mit Napoleon, dieser teilte es seinem 
Bruder und letzterer endlich dem Herzog von Reich- 
stadt mit, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, 
dem Marschall in seiner Weise seine Meinung zu sagen. 
Allerdings verdirbt diese ganz natürliche Aufklärung 
das Wunderbare an der Geschichte, doch bleibt noch 
immer für den Prinzen eine Gewandtheit der Beob- 
achtung, eine Richtigkeit des Urteiles und ein geistiges 
Anpassungsvermögen übrig, die in Anbetracht des 
jungen Alters Erstaunen erregen müssen. Es wäre 
seltsam, wenn sein Talent gerade die Politik wäre und 



wenn im Gegensatze zu dem einzigen Falle der Welt- 
geschichte, der von zwei berühmten Männern, die 
Vater und Sohn waren, nämlich Philipp und Alexander, 
handelt, hier der Held der Vater, der gewandte Politiker 
aber der Sohn gewesen wäre. 

7. März: Gestern hatte ich endlich ein langes und 
rückhaltloses Gespräch mit dem Herzog, wir wurden 
nämlich nicht beobachtet und meine einzige Nachbarin 
war stocktaub. Er sprach heute viel offener wie sonst, 
zum ersten Male entdeckte ich an ihm eine Nuance 
von Melancholie. 

„Das Leben liegt schwer auf mir", äußerte er sich. 

Ich drückte mein Erstaunen über seine Mutlosigkeit 
aus. „Es ist nicht Verzagtheit," berichtigte er, „sondern 
Überdruß." Alles, was er noch hinzufügte, zeugte von 
kalter Philosophie und Mißtrauen gegen seine Um- 
gebung. Er fragte mich dann, warum er mich nicht bei 
der Hochzeit des Königs von Ungarn^) gesehen habe. 
„Hoheit, ich stand ja in der Menge, Sie unter den 
Fürstlichkeiten." — „Ja, unter den Fürstlichkeiten, 
wo ich mich gedemütigt fühle." 

J^. Afril: Ich sehe meinen kleinen „Aiglon" nur 
wenig, die Gelegenheiten sind so selten. Er war wohl 
manchmal bei uns und ich sah ihn hie und da in den 
Salons; wir sind immer die besten Freunde. Er sagt 
mir die reizendsten Dinge und, wenn ich mich durch 
die Koketterie eines zwanzigjährigen Mannes lächer- 
lich machen wollte, hätte ich jetzt die beste Gelegen- 
heit dazu, denn er macht mir sehr den Hof und scheint 
in Nandine nur halb verliebt zu sein. Es gefällt ihm 

i) Gemeint Ist die Hochzeit des Kronprinzen Ferdinand, der 
damals noch den Titel „Jüngerer König von Ungarn" führte, mit 
Maria Anna Karolinc von Sardinien am 27. Februar 1831. 



Zu Bd. in, S. 359/353. 




L'Aiglon. 



Nach einem Stiche der Verfasserin (1832) oder von K. Agricola (?j 
im Besitze der Baronin Leo Blittersdorff, Ottensheim. 



offenbar, in den Mußestunden, die ihm die Dame 
seines Herzens übrig läßt, meine Eroberung zu be- 
treiben. Mir handelt es sich aber nicht darum, ja ich 
verhehlte ihm gegenüber nicht einmal eine gewisse 
Langeweile, sogar Ungeduld, die mir die tausend Nich- 
tigkeiten verursachten, die sein Alter verführerisch 
machen und die er sich für Nandine aufheben sollte. 
Ich gestehe, daß er mich nur unterhält, wenn er ernst 
ist, wenn er nicht mehr seinen Jahren gleicht. Die 
Natur hat ihm in der Tat geistige Fähigkeiten gegeben, 
die das Mittelmaß weit überragen. Marmont war dar- 
über, ebenso wie ich, erstaunt, er hat bei seinem Schüler 
unendlich viel Feinheit des Verstandes und Richtigkeit 
der Anschauung gefunden. 

Dazu hatte ich erst neulich während eines Ge- 
spräches, das sich um den Marschall drehte, Gelegen- 
heit. Letzterer hatte bei Rasumoffsky einen Teil 
seiner Memoiren vorgelesen, worin er einen wahren, 
ungeschminkten Bericht über die Juliereignisse, deren 
unglücklicher Zeuge er gewesen, gab. Anderen Morgens 
erzählte ich davon dem Herzog von Reichstadt, dessen 
lebhafte Fragen uns zu verschiedenen Betrachtungen 
über den Charakter und das Schicksal Marmonts führten. 

„Wenn das Schicksal", sagte ich, „die Aufgabe hat, 
das Unrecht der Menschen schon im irdischen Leben 
zu sühnen, so war es nie strenger, als gegen Marschall 
Marmont. Die Lektüre seiner Memoiren entrollt ein 
schreckliches Bild von dem, was das menschliche Herz 
an Reue, Schmerz und Verzweiflung zu erdulden hat. 
Alles dies hat der arme Mann während mehr denn 
14 Tagen erfahren müssen." 

„Das Schicksal war ungerecht", erwiderte der 
Kaisersohn. 

23 M. L. III 353 



„Wie, so etwas sagen Sie ?" 

„Sehen Sie, wenn ich den Marschall beurteile, be- 
ginne ich damit, von meiner eigenen Situation ganz 
abzusehen. Im Jahre 14 hat er ebenso seine Pflicht er- 
füllt, wie im Jahre 30, Es gibt eben Gelegenheiten, 
wo das Vaterland alle möglichen Opfer verlangt." 

Als ich zu zv/eifeln schien, nahm er einen Stuhl und 
setzte sich neben mich: „Ich muß Ihnen das erklären." 
Darauf malte er vor meinen Augen ein Bild der Pflich- 
ten eines Truppenführers und sagte : „Bei Verteidigung 
der Landesinteressen ist es für einen solchen Mann 
direkt sträflich, einen Gebrauch von seiner Macht zu 
machen, der dem allgemeinen Glück widerstrebt." 
Der Herzog verwies auf die Beispiele eines Max Picco- 
lomini und eines Wallenstein und schloß seine Erörte- 
rung mit den Worten: „Wenn ich damals der Marschall 
Marmont gewesen wäre, ich würde ebenso gehandelt 
haben." 

Da ich ihn verwundert anblickte, fragte er mich: 
„Und Sie?" 

„Ich würde vielleicht nicht richtig gehandelt haben, 
Hoheit, aber ich hätte meinen früheren Herrn im Un- 
glücke nicht verlassen." 

' „Es ist nicht meine Sache," erwiderte er mit einem 
reizenden Lächeln, „Sie zu verurteilen, aber", setzte 
er fort, indem er mit dem Crachat seines Stefansordens 
spielte, „ich kann Ihnen auch nicht recht geben." 

18. Afril: Noch ein Gespräch mit dem Herzog in 
Gegenwart des Marschalls Marmont. Der Prinz hatte 
seinem Lehrer sein Porträt geschenkt, das den Kaiser- 
sohn darstellte, wie er die Büste seines Vaters betrach- 
tete. Dieses Bild sollte den alten General an die Lehr- 
stunden, die er dem Sohne seines Kaisers gegeben, und 

354 



an die Aufmerksamkeit erinnern, mit der dieser seinen 
Vorträgen gelauscht hatte. Die folgenden vier Verse aus 
Phaedra, die der Herzog darunter geschrieben, hatten 
dem Marschall diese feinsinnige Absicht zu erklären: 

„Arrive pres de moi par un zele sincere, 
Tu me contais l'histoire de mon pere; 
Tu sais, combien mon äme attentive ä ta voix 
S'echauffait au recit de ses nobles exploits." 

Nachdem Marmont dieses Geschenk durch den Grafen 
Dietrichstein erhalten hatte, kam er vorgestern, um dem 
Herzog mit Beteuerungen seiner Ergebenheit zu danken. 
Er bat dann um die Erlaubnis, ihm einen für seine Lage 
nützlichen Rat geben zu dürfen. Der Herzog erlaubte es. 

„Hoheit sind in einer schwierigen Stellung," sagte 
der Marschall, „ganz sich selbst überlassen, müssen Sie 
sich gegen manche Einflüsterungen wehren. Mißtrauen 
Sie den Intriganten, Frankreich hat daran Überfluß. 
Die Gärung der momentanen Aufregung, die Unbe- 
ständigkeit der Dinge läßt sie noch mehr in die Halme 
schießen. Es gibt keine Mittel, die sie nicht anwenden 
würden, um Hoheit in eine falsche Bahn zu drängen, 
die Ihre Ruhe und Ehre bloßstellten. Sie würden mit- 
gezogen werden und sich nicht mehr zu helfen wissen." 

Der Herzog hörte aufmerksam bis zum Schlüsse zu, 
dann erwiderte er: „Ich danke Ihnen, Herr Marschall, 
für Ihren Rat und Ihr Vertrauen, aber Sie predigen 
einem Bekehrten. Ich verstehe meine Stellung voll- 
kommen. Sie nennen diese schv^erig, aber sie ist es nur 
für einen schwachen Charakter und kann es nicht für 
einen sein, der, getreu seinem Prinzipe, sich einen Weg 
vorgezeichnet hat, von dem ihn nichts abbringen wird. 
Ich muß gestehen, daß ich manchmal Augenblicke 
habe, wo ich traurig, erregt und über die Untätigkeit 

a3* 355 



ärgerlich bin, zu der ich verurteilt wurde, während 
mein Herz sich darnach sehnt, in die Fußstapfen des 
Ruhmes meines Vaters zu treten. Diese Augenblicke 
sind bitter, ich gebe es zu, aber Sie müssen schon 
meinem Alter, meinem schäumenden Blute etwas zu- 
gute halten. Doch, da mein Betragen mit meinen inner- 
lichen Schmerzen und Wünschen nichts gemein hat, 
so wird es auch nie dadurch beeinflußt werden. Herr 
Marschall, der Sohn Napoleons ist zu groß, um ein 
Spielzeug von Personen zu werden; ich werde nie ein 
Werkzeug sein. Dies geht sogar so weit, daß ich, wenn 
die Mächte mich an die Spitze stellen wollten, damit 
ich ihren Interessen aufhelfe, mich einfach verweigern 
würde. Höchstens", setzte er mit einem blitzartigen 
Blick, den er manchmal hat, hinzu — „würde man 
mich in der Reserve finden." 

Diese Art, zu erklären, daß er nie ein Element der 
Unordnung sein wolle, daß er niemals gegen Frankreich 
marschieren, noch es regieren wolle, außer, wenn er 
von der Nation und Europa berufen würde, ist ein 
Glaubensbekenntnis, dessen Weisheit ihm in allen Par- 
teien Anhänger sichern muß. Ob es nun gerade zu 
diesem Zwecke gemacht wurde oder wirklich aufrichtig 
gemeint war, ist einerlei, jedenfalls zeigt es von einer 
bemerkenswerten Kapazität in seinem Alter. 

Der edle Kampf der Polen gegen die russische Über- 
macht beschäftigt gerade intensiv die Einbildungskraft 
des Herzogs. Gewiß sieht er in diesen Ereignissen eine 
neue Chance seiner Unabhängigkeit. Vielleicht steigt 
sogar in seinen Phantasien ein nordischer Thron empor, 
den er einnehmen möchte. 

Und in der Tat — wenn die Tapferkeit der Polen 
ihnen ihr Vaterland erringen hilft, wenn Rußland seine 

356 



ungerechte Beute, von der es noch dazu unausgesetzt 
bedroht wird, fahren läßt, wenn der Neid und das 
Mißtrauen der habgierigen Mächte die Wahl eines 
einheimischen Königs verhindern, wenn endlich die 
Furcht der inneren Parteien die Erhebung eines Polen 
auf den Thron unmöglich macht und man der pol- 
nischen Nation einen fremden Prinzen erlaubt, ist 
dann nicht Napoleon, trotz allem Unrecht, das er den 
Polen zugefügt, noch immer ihr Idol ? Und wird nicht 
der Name seines Sohnes der erste sein, den sie begeistert 
verlangen werden ? Ich weiß nicht, ob der Herzog dies 
wünscht und ob er nicht dem schönen Himmel Frank- 
reichs nur mit Bedauern den Rücken drehen würde, 
doch bin ich davon wohl überzeugt, daß Ruhm und 
Glück ihm in Polen zuteil werden können, während 
ihn in Frankreich vielleicht keines von beiden, jeden- 
falls aber nicht das letztere begrüßen werden. 

Neulich sagt er zu Moriz Esterhäzy: „Ich träume 
oft wachend die seltsamsten Dinge. Ganze Bilder ent- 
rollen sich mir mit außerordentlicher Treue. Manchmal 
sehe ich mich an der Spitze dieser tapferen Polen, ein 
anderes Mal bin ich dazu berufen, den nordischen Bären 
zu demütigen. Ich schlage die Russen, ich erringe die 
schönsten Siege und komme zurück, die erbeuteten 
Fahnen dem Kaiser Franz zu Füßen zu legen. Denn 
ich muß doch die Kosten meiner Erziehung herein- 
bringen ! Dann sehe ich mich vdeder allein auf einem ge- 
wissen Felsen, nahe des Grabes, ich stütze mich darauf 
und blicke auf die Wogen, die über alles hinweggehen, 
die alles fortspülen, auch meine Wünsche und Träume." 

26. Juli: Ich lese gerade in den „Commentaires de 
Cesar" aus der Bibliothek de la Malmaison. Napoleon 
las sie auch, im 4. Bande des Werkes liegt ein Blatt, 

357 



auf welches er eigenhändig mehrere Bemerkungen 
schrieb. Ferner habe ich noch vor mir die „Caprices 
de la fortune" von Richer'^), worin er das Leben der- 
jenigen beschreibt, die das Glück mit seinen Gaben 
überhäufte und die dann seine Kehrseite erfahren 
mußten, in alten Zeiten, wie auch heute noch. 

Dieses Buch hatte der Gefangene von St. Helena 
oft in Händen, er suchte darin die großen Wahrheiten, 
die ihm das Unglück enthüllte, er schöpfte daraus 
schmerzliche und anhaltende Betrachtungen. Seine 
Augen ruhten auf diesen Blättern mit jenem tiefen 
Blick, der die Zukunft durchdrang und nun in der Ver- 
gangenheit untertauchen mußte. Und dieser Genius, 
der einst das Weltall umspannte, er hatte in diesem 
Buche seinen Meister gefunden. 

O Schicksal! Das Blättchen, das ich zwischen den 
Fingern halte, birgt Haare von Napoleon 2), es ist alles, 
was von dem größten Menschen übrig blieb, sie be- 

i) Adricn Richer (1720 — 1798), berühmter franz. Historiker; eines 
seiner Werke war: ,, Caprices de la fortune, ou les vies de ceux 
que la fortune a combles de ses faveurs et de ceux qui ont essuye 
ses plus terribles revers", Paris 1786 — 89, 4 Bde. in 12° (s. Nou- 
velle biogr. gener., 42. Bd., Sp. 251 f.) 

2) Das Papier, mit den Haaren Napoleons I. als Inhalt, Uegt heute 
noch in dem Tagebuch der Verfasserin. Ob es dem Herzog von 
Reichstadt nicht übergeben werden konnte oder ob dieser es seiner 
„Freundin" vielleicht vom letzten Krankenlager aus zurückgeben 
ließ, kann nicht mehr enträtselt werden. Das Papier besteht aus 
einem mehrfach zusammengefalteten, mit dem Siegel de Las Cases' 
versehenen Briefbogen, an dessen innerer Seite an einem schwarzen 
Faden ein schmales Büschel schwarzer Haare befestigt ist. Darunter 
steht: „A. S. A. R. le duc de Reichstadt, sur la demande qui lui 
en a ete faite; par Le Cte. de las Cases. Passy pres Paris 7 juin 183 1." 
Von der Hand der Verfasserin sind über den Haaren folgende 
Worte geschrieben: „Les chcveux de Napoleon." — Graf Emanuel 
de Las Cases, gestorben zu Passy 1842, war der bekannte Historio- 
graph des Kaisers Napoleon. 



deckten einst den Schädel, dem die Geschicke der Welt 
entsprangen, sie wurden von seinem Todesschweiße be- 
netzt. Sie trugen eine Kaiserkrone und wurden endlich 
vor dem Grabe bewahrt, das ihren Träger nun in der 
Verbannung umschließt. Welch große Gedanken rufen 
diese schwarzen und so weit von körperlicher Hinfällig- 
keit entfernten Haare hervor! Und schon sind sie so 
ferne vom Leben! Tränen benetzten meine Wangen, 
als ich sie betrachtete. Solch Größe, solche Vergäng- 
lichkeit — ein Halbgott, der im Staube liegt! 

Diese Reliquien gehören nicht mir, ich erhielt sie 
nur, um sie dem Sohne desjenigen zu übergeben, dessen 
einstige Größe nunmehr in diesem armseligen Papier ge- 
borgen ist. Wenn dieser Sohn nur einen Funken Familien- 
sinn besitzt, er wird sich, so nahe einer Emananation seines 
Vaters, vor Ungeduld verzehren . Ich kann den Augenblick 
gar nicht erwarten, da ich dem Herzog dieses Angebinde 
überliefern werde, ich weiß, er besitzt noch keine Haare 
seines Vaters. Aber ich habe jetzt so wenig Gelegenheit, 
ihn zu sehen und ich muß ins Ausland^) verreisen. 

i6. August: Während meiner Abwesenheit von Wien 
war der Herzog bei uns zu Besuch. Jedenfalls fühlte 
er sich enttäuscht, seinen „Freund" nicht anzutreffen, 
sei es auch nur, um über seine Liebe zu sprechen. Bei 
unserer letzten Zusammenkunft, als meine Schwester 
Konstantine in Baden weilte, vertraute er mir seine Nei- 
gung zu Nandine Kärolyi an, eine Neigung, in welcher 
er übrigens nur geringe Fortschritte gemacht hat. 

„Sie ist in Wien die Frau," sagte er, „die mir für 
eine Liaison am meisten paßt, erstens finde ich sie 
reizend und ihre Augen verdrehen mir den Kopf, dann 
unterhält mich ihr Verstand, ohne daß er mich durch- 
i) Nach München, s. Bd. IV. S. 14. 

359 



dringt. Sie wird immer nur das glauben, was ich ihr 
erzähle und sich nie über etwas erkundigen, was außer 
unseren Beziehungen liegt oder sich in meine Angelegen- 
heiten mischen, mit einem Wort, sie kann mich nie- 
mals beherrschen und ich würde glücklich sein, sie 
lieben zu dürfen," Dann meinte er lächelnd: „Eine 
Frau, wie Sie, würde mich bald erraten und unter- 
jochen, ich möchte Sie daher lieber als Freund haben ^)." 
Ich antwortete ihm, daß ich auch nur solche Ge- 
fühle für ihn hätte, daß er aber auf mich für das Leben 
zählen könne mit der ganzen Energie meines Charakters, 
die ich in diesem meinem Gefühle grenzenloser Er- 
gebenheit für ihn entgegenbrächte. So verließen wir 
uns mit dem Versprechen, uns noch oft sehen zu wollen. 
Mein Unglücksstern mischte sich, wie immer, hinein. 
(Ich sah ihn nie mehr lebend.) Der Herzog suchte mich 
in Wien auf, als ich in Baden war, er kam dann wieder- 
holt nach Baden, ohne mich zu Hause anzutreffen. 
Und nun verlasse ich Osterreich auf längere Zeit; wenn 
ich zurückkehre, wird ihn sein Schicksal vielleicht weit 
von mir, vielleicht auf immer entführt haben. Ich be- 
dauere es für mich selbst, denn ich bin ihm innig zu- 
getan, ich bedauere es aber vielleicht noch mehr für 
ihn, denn ein offenherziger, uneigennütziger Freund 
ist ein seltener Schatz für einen Prinzen. 

i) Viele der Züge, welche die Verfasserin über Reichstadt uns er- 
zählt, finden analoge Beurteilungen in Cl. Tschudis „Napoleons 
Sohn" 191 3 (deutsch bei Ph. Reclam jun., Leipzig), so S. 206, 214, 
225, 228, 244 u. a. — Über Gräfin Kdrolyi sagt sie S. 244 : „Die Grä- 
fin war eine vollendete Schönheit und liebte den Herzog, aber sie 
war oberflächlich und leichtsinnig. — Nach dem Tode des Herzogs 
entstand ein Streit zwischen der Gräfin Nandine Kdrolyi und Gräfin 
Almdsy, die beide bei Hof als die Dame betrachtet zu werden wünsch- 
ten, die Gegenstand der Liebe des Herzogs v. R. gewesen." 



360 



XL. ZERWÜRFNIS MIT 

KONSTANTINE. RIBEAUPIERRE, HANS 

WEISSENWOLFF 

Ich muß nun noch einige Ereignisse nachtragen, die 
sich 1831 ereigneten und zum Teil großen Einfluß 
auf die Gestaltung meines ferneren Lebens hatten. 

Seit der Rückkehr Konstantinens in das Haus ihres 
Gatten konnte ich bei ihr nicht mehr die geringste Spur 
jener Freundschaft für mich bemerken, die der Traum 
unserer Jugend gewesen. Einige frostige Aufmerksam- 
keiten, ein gleichgültiges Zusammenleben ohne gegen- 
seitiges Zutrauen, eine gleichmäßige Laune, da jeder 
Widerspruch fehlte, — so waren die Beziehungen, wie 
sie sich seit 6 Monaten zwischen uns festgesetzt hatten. 
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, jedenfalls hatte 
ich nie auf Besseres gehofft; ich war daher zufrieden 
und dankte Gott im stillen dafür. 

Es war der 23. März, als ein unbedeutender Anlaß 
dieses Gleichgewicht stören sollte. Ich war an diesem 
Tage nervös, niemand hatte es jedoch gemerkt, da ich 
mich in einer derartigen Stimmung in Stillschweigen 
zu hüllen pflege. Wäre mein Charakter sanfter und 
meine Kaltblütigkeit weniger leicht zu erschüttern, ich 
hätte es für meine Pflicht gehalten, mich öfter in sol- 
cher Stimmung den unausstehlichen, launischen An- 
fällen meiner Schwester auszusetzen; aber ich kannte 
ja die Heftigkeit des Temperamentes und die unge- 

361 



heure Anstrengung, die ich aufwenden mußte, um es 
in Momenten im Zaune zu halten, wenn mir das Blut 
plötzlich zu Kopfe, dann zum Herzen stieg und ich 
mich vor Zorn erbleichen fühlte. 

Als Konstantine am Abend nach Hause kam, bat sie 
mich, ich möchte ihr einige Personen nennen, die sie 
zu einem gewissen Diner einladen könnte. Ich nannte 
Moriz Esterhdzy'^), den ich sehr schätzte, sie wies je- 
doch diesen Vorschlag in jenem unartigen Tone zurück, 
der ihr manchmal eigen war. Da ich von ihr schon mehr- 
mals ein ungünstiges Urteil über Moriz zu hören be- 
kommen hatte, sagte ich ungeduldig: „Wenn er das 
Unglück hat, dir zu mißfallen, so liegt seine einzige 
Schuld darin, daß er zu meinen Freunden gehört." 
Das war von mir gar nicht recht. Es folgten denn auch 
sofort allerlei Vorwürfe und Zurechtweisungen. Ein 
Dämon gab mir nun folgende Antwort ein: „Seit zehn 
Jahren höre ich immer wieder von dir derartige Dinge, 
ich bin nachgerade schon daran gewöhnt." Eine Flut 
von Schmähungen ging nun über mich nieder, ich sei 
es, die seit 20 Jahren ihr zum Unglücke gereiche, ich 
sei Schuld an allem Ungemach, das über sie gekommen. 
(Ich!!!). Diese schreckliche Undankbarkeit riß mich 
zu unüberlegten Antworten hin, unter anderem, es sei 
mein einziger Wunsch, ihr Haus zu verlassen. „Nun," 
versetzte sie zornig, „du kannst ja fortgehen und zu 
Isabella ziehen." Diesen Worten folgte ein Zornaus- 
bruch von einer ähnlichen Heftigkeit, wie im Vorjahre; 
er öffnete mir, da er mich in diese traurige Zeit zurück- 

i) Siehe S. 343 dieses Bandes. — Der talentvolle junge Diplomat 
hatte sich damals an Rcichstadt enge angeschlossen und dessen Ver- 
liebtheit in Gräfin Kärolyi gefördert, bis ihn Metternich nach Nea- 
pel sandte. 

362 



versetzte, die Augen über die Unzeitmäßigkeit alles 
dessen, was ich ihr gesagt hatte. In meinem Zimmer 
weinte ich dann bittere Zähren und eine große mora- 
lische und nervöse Aufregung ließ mich nur wenig 
Schlaf finden. Kaum hatte ich mich vom Lager erhoben, 
als ich Konstantine einen demütigen Entschuldigungs- 
brief schrieb, worin ich aber erklärte, ich würde Isabella 
nach Kärnten folgen. Die Antwort meiner Schwester 
war sanft und ohne den geringsten Vorwurf, die Würfel 
waren jedoch gefallen, ich sollte das Haus verlassen, 
das ich vor 15 Jahren so voll Vertrauen betreten, in 
dem ich so schöne und so traurige Tage verlebt hatte. 
Der Anker, an den ich mich fast seit meiner Jugend 
klammerte, brach und ich sah an meinem Lebensabend 
mein Schifflein führer- und hoffnungslos den Wellen 
der hohen See preisgegeben. Dieses Bild ließ mich in 
der Nacht viele Tränen vergießen, ich muß aber auch 
gestehen, daß der demütigende Gedanke, arm zu sein, 
viel dazu beitrug. Ich murrte nicht gegen Gott, aber 
ich verstand ihn nicht mehr. Warum hatte er mir einen 
Charakter gegeben, der in geradem Gegensatze zu 
meinem Schicksal stand? Wozu diesen ungestümen 
Drang nach Unabhängigkeit, diese Sucht, zu analysieren, 
diese Willensstärke, diesen Ehrgeiz, sich nützlich machen 
zu wollen, diese Leidenschaft für ernste Beschäftigung, 
die aus mir vielleicht einen brauchbaren Mann hätte 
machen können — und mich als Weib erschaffen ? Wozu 
mir ein Herz geben, das nach den überspanntesten Ge- 
fühlen lechzte — und es dazu verurteilen, den Tod des 
Erfrierens zu sterben ? Warum mir als Ersatz für die 
Freuden der Liebe eine Freundschaft schenken — um 
sie wie eine Erscheinung an meinem Lebensabend, wo 
ich ihrer Stütze bedurft hätte, verschwinden zu lassen ? 

363 



Wozu mir Talente geben, denen ich eine unabhängige, 
anständige Existenz hätte verdanken können — und 
mich in ein Milieu versetzen, das mich nötigte, um 
mein Brot zu betteln, da es mir unter Strafe der allge- 
meinen Verachtung verbot, meinen Unterhalt mir 
selbst zu erwerben ? Warum dieses mir eingeimpfte 
Gefühl grenzenloser Aufopferung für meine Freunde, 
— und andererseite mich nur deren Undankbarkeit ver- 
kosten zu lassen ? Eine bittere Überlegung war das Re- 
sultat aller dieser Fragen. Nein, in dieser Welt hatte 
die Tugend nicht auf ihren Lohn zu hoffen; an der 
vollen Tafel des Lebens sitzend, steht der „uneigen- 
nützige Mensch" eines Tages hungrig auf. Er hat alle 
seine Leidenschaften, seine Vergnügungen geopfert und 
nur ein sittlich nicht erhebendes und verderbliches 
Beispiel hinterlassen, denn er starb verkannt von den 
einen und zum Einfaltspinsel gestempelt von den an- 
deren. Wohin sich vor einer solch trostlosen Wahrheit 
retten, wenn nicht zum Glauben an die Unsterblich- 
keit? 

Nach einigen Wochen schien das Verhältnis zwischen 
Konstantine und mir wieder seine frühere Gestalt an- 
genommen zu haben, aber meine einmal geöffneten 
Augen konnten sich nicht mehr schließen. Mein Ent- 
schluß blieb fest, ich wollte mich, wenn auch nicht 
auf einmal, entfernen, die Zeit sollte mir helfen, diesen 
so verworrenen Knoten zu lösen, ohne dabei jemandem 
wehe zu tun! 

Am 26. März traf Ribeaupierre^), den ich seit 1 2 Jahren 
nicht mehr gesehen hatte, in Wien ein und blieb drei 
Monate hier. Ich fand ihn wenig verändert, gut und 
zärtlich, wie ehemals. Der Klang seiner Stimme rührte 
i) S. Bd. III. S. 28. 

364 



I 



Zu Bd. III, 3.304,365. 




Alexander Graf Ribeaupierre (1783 — 1865). 



Aus dem roten Album der Verfasserin 
im Besitze des Dr. A. Figdor, Wien. 



mich tief, ich schloß den Freund mit einem unbe- 
schreiblichen Glücksgefühl in meine Arme. Einige 
Stunden später war der Zauber schon gebrochen. 
Eine Welt von nichtigen Dingen türmte sich zwischen 
ihm und mir auf, — wie ehemals ! Ich konnte ihm nicht 
einmal ein paar Worte über mein Leben während der 
letzten 12 Jahre sagen und er empfand wohl ebenso- 
wenig ein Bedürfnis darnach, mich etwa zu fragen: 
„Arme Lulu, was hast du mit deinem Glück angefangen ?* ' 
Er war mir nur mehr eine nette Bekanntschaft und ich 
galt ihm auch nicht mehr. Und doch, — wie hätte ich 
ihn lieben, welch zarte Freundschaft hätte mich an 
ihn für das Leben fesseln können? 

Am 7. Juni nahm er in meinem Zimmer von mir 
Abschied. Wie waren allein, wir sprachen so vertraut 
miteinander, wie kein einziges Mal während seines 
Wiener Aufenthaltes, wir verglichen unsere Trennung 
damals in Petersburg und heute. Ganz unwillkürlich 
verriet ich, wie gut ich ihm vor elf Jahren gewesen; 
die lange Zeit entschuldigte mein Geständnis. Er 
schwor mir, nichts davon gewußt zu haben. Ich weiß 
nicht, welch ein Vergnügen ich darin fand, ihm von 
den vergangenen Zeiten und von der Herrschaft zu 
sprechen, die er damals über mein Herz gehabt, er 
hörte so aufmerksam zu, da unterbrach uns — wie es 
bei mir immer der Fall ist — jemand, es war zu Ende, 
aber die Unterredung hatte mir wohlgetan. Ich bereute 
sie nicht, sie ließ mir den Augenblick leichter über- 
stehen, als ich ihn in den Wagen steigen sah und er 
mich mit großer Zärtlichkeit in die Arme schloß. 

Hans Weißenwolf f^) war damals auch einige Wochen 
in Wien. Er liebte mich immer noch und ich fand ihn 
i) 8. Bd. I. 352. 

365 



in unseren langen Tete-ä-tetes unverändert wie ehe- 
mals. Seit 15 Jahren verheiratet, hatte er ein Leben 
verbracht, das einen anderen, weniger gutmütigen 
Mann unglücklich gemacht hätte. Seine herzensgute, 
aber reiz- und geistlose Frau liebte ihn mit Hingebung 
und er fühlte sich dabei wohl, wie man eben im Winter 
in der Nähe eines guten Ofens auf die Sonne vergießt. 
Der „Ofen" ist für die arme Sofie gerade nicht schmei- 
chelhaft (obwohl sie ihm glich), aber andererseits bin 
ich ja auch keine Sonne; es handelt sich hier eben nur 
um Prosa und Poesie! Obwohl die Gatten beinahe das 
ganze Jahr hindurch beisammen waren, führten sie 
doch eine ganz getrennte Existenz. Er verbrachte die 
Vormittage und Abende in seinem Zimmer oder auf 
einsamen Promenaden und nur die Mahlzeiten und 
einige Stunden, die sie mit Lektüre oder Musik aus- 
füllten (sie sang sehr schön), waren die einzigen Augen- 
blicke im Tage, wo sie sich sahen. Auf diese Weise 
wurde jeder Anlaß zum Streite vermieden. „Sie sind 
also ziemlich glücklich, mein lieber Hans ?" fragte ich 
ihn, als er mir zum ersten Male sein Leben erzählte. — 
„Ich bin nicht zu beklagen." — „Nun, mit mir würden 
Sie kaum in diesem tiefen Frieden gelebt haben!" — 
Seine Antwort war ein Tränenstrom, der einige Mi- 
nuten dauerte. Ich verzichtete an diesem Tage auf 
weitere Fragen. 

Keine Kinder zu haben, war für ihn der größte 
Schmerz. Er erzählte mir von dem Tode eines Sohnes, 
den er im Alter von zehn Monaten verlor. Sein Bericht, 
wie seine Heirat zustande kam, erstaunte mich, obwohl 
ich mir hatte vorstellen können, daß er seine Frau nicht 
liebte. In Mainz, wo er zwei Jahre in Garnison gestan- 
den, faßte er den Entschluß, sich zu verheiraten. Einige 

366 



Liebesabenteuer hatten ihn mürbe gemacht, er wollte 
seinem Junggesellenleben ein Ende setzen und schrieb 
darüber seinem Freund Pepi Pergen, der Hals über Kopf 
die Sache in Ordnung brachte, indem er mit der Fa- 
milie seiner Nichte Komtesse Brenner'^), die an Hans 
Gefallen gefunden hatte 2), sprach. Als er 18 16 nach 
Wien zurückkehrte, sah er sich gefangen und fand seine 
Braut so unschön, daß er ganz verzweifelt war. Er 
konnte jedoch nicht mehr zurück. „Am Tage," sagte 
er, „da ich mit ihr vor dem Altar stand, da ich ihre eis- 
kalte Hand in der meinen fühlte, glaubte ich den leib- 
haftigen Tod ergriffen zu haben, Grabeskälte durch- 
drang meinen Körper und als meine Schwester Fanny ^) 
mir mit offenen Armen entgegentrat, warf ich mich 
unter Tränen an ihren Busen; ich glaubte vor Schmerz 
zu sterben." Armer Hans! Und niemals ließ er seiner 
Frau diesen schrecklichen Augenblick auch nur im ge- 
ringsten entgelten! Sie war wirklich die glücklichste 
Gattin, er machte ihr nie einen Kummer! Freilich, 
als ich ihn fragte, ob er ihr immer treu geblieben, ge- 
stand er mir seine einzige Verirrung ein, die seine Frau 
aber nie erfuhr, die jedoch Folgen hatte. Es war noch 
nicht lange her und sein Herz hatte dabei nichts zu 
tun gehabt. Ich trug ihm an, dieses Kind, eine Tochter, 
aufzviziehen ; er verwarf meinen Vorschlag nicht, wollte 
aber erst später darauf zurückkommen. 

Je mehr ich Hans sah, um so mehr erwachte seine alte 
Zärtlichkeit für mich. Was half es mir, wenn ich ihm 

i) s. Bd. I. 352. 

2) Es war dies damals, als er mich verlassen mußte und seine 
Koketterien für Sofie mir so großen Kummer verursachten. (Notiz 
d. Verf.) 

3) Franziska Fürstin Kaunitz Weißenwolff (1773 — 1859) s. Bd. I. 
358 (St. T.). 



sagte, daß dieser Aufenthalt in Wien ihm eine Freundin 
gegeben, er behauptete, dazu sei es noch zu früh und 
seine Ruhe müßte darunter leiden. Worüber ich mich 
aber wundern mußte, war, daß sein Herz die Illusion 
und Empfindsamkeit der Jugend beibehalten hatte. 
Das Leben vermochte es nicht zu verändern; er besaß 
noch immer die gleiche Begeisterung für alles, was 
schön, edel, ehrlich und rührend selbstverständlich 
war. Wie alt fühlte ich mich an seiner Seite, ich ver- 
hehlte es ihm auch nicht, wie welk mich das Leben 
gemacht, wie es in mir das heilige Feuer des Vertrau- 
ens, daß in meiner Seele, wie in der seinigen früher 
gebrannt, verlöscht habe. Er machte mir darüber Vor- 
würfe: „Sie gewinnen dadurch nichts, Sie sehen zu 
klar, liebe Lulu, das macht Sie kalt !" — Er hatte wohl 
recht, aber — als ich im Labyrinthe meiner schönen 
Illusionen herumirrte und die glänzenden Phantome 
zu haschen suchte, deren Schatten mir unter der Hand 
zerfloß, als mein Durst nach Liebe und Glück bei dieser 
vergeblichen Verfolgung immer ärger vmrde und ich 
wie Tantalus das Nichts und die Leere mit durstigen 
Zügen trank, — war ich damals glücklicher? 

Im Mai wurde meine arme Schwester Josefine das 
Opfer der Falschheit des Fizekönigs. Der Kaiser hatte 
Contarini eine Stelle in Venedig, wo dieser ein hübsches 
Haus besaß, das er seit Jahren für seine künftige Gattin 
herrichtete, versprochen. Die Angelegenheit stand vor- 
trefflich, es handelte sich nur noch um die Zustimmung 
des Vizekönigs, dem der Kaiser geschrieben hatte. 
Diese Zusage hatte der Erzherzog Josefine zu geben 
versprochen. Es traf aber gerade das Gegenteil ein. Da 
der Vizekönig dem Charakter und den Fähigkeiten 
Contarinis nichts anhaben konnte, stützte er sich auf 

368 



dessen angebliche gänzliche Unerfahrenheit in der Ver- 
waltungsbranche, in welcher er eine Stellung finden 
sollte und riet dem Kaiser ab, ihn zu ernennen. So sind 
die Prinzen! Josefine war in Verzweiflung, doch Kon- 
stantine versprach, den Schlag abzuwenden. Da Kolo- 
zvrat^) und selbst der Kaiser eine gute Meinung von 
Contarini hatten und sich für diesen doch im Laufe 
der Jahre irgendeine Stellung finden mußte, so erbot 
sich Konstantine, einstweilen soviel zuzuschießen, als 
die Bezüge Contarinis ausmachen würden. So konnten 
denn die armen Leute, welche schon vier oder fünf Jahre 
warteten, endlich am 28. Januar 1832 in Venedig hei- 
raten. Konstantine bewies in dieser Angelegenheit 
wieder ihre ehemalige Freigebigkeit und ihr altes gutes 
Herz. 

i) FranzAnton GraiKolowrat (1778 — 1826), Staats- und Kabinetts- 
minister; 1835 wurde er von Kaiser Ferdinand I. in die geheime 
Staatskonferenz berufen und war der eigentliche Leiter der Re- 
gierung. Er war unvermählt. 



24 M L. III 



369 



XLI. FRANZI LIECHTENSTEIN 

Dieses treuen Freundes, der zur Zeit, als der Wahn- 
sinn Konstantinens 1828 ausbrach, mein einziger 
Trost war, der mich durch seine Anteilnahme und An- 
hänglichkeit nicht minder aufrichtete, als er mir durch 
seine Vollkommenheit wehe tat, habe ich noch kaum 
gedacht. Und doch hatte er fünf bis sechs Jahre fast 
immer mit uns verbracht, zuerst in Neapel, später in 
Teplitz und dann in Wien, wo er zuletzt in Garnison 
stand. Ich erinnere mich seiner Konfidenzen — er lag 
jahrelang in den Fesseln der Fürstin Therese Esterhäzy^) 
— und seine poetische, edelmütige Art, die Liebe zu 
fühlen und zu verstehen, kontrastierte besonders gegen- 
über der bizarren Koketterie und den antiromantischen 
Manieren de La Ferronnays, so daß dieser mir nur mehr 
wie ein liebenswürdiger Roue erscheinen mußte. 

Am 31. Januar 1827 finde ich in meinem Tagebuch 
einen höchst sonderbaren Bericht Franzis Liechten- 
stein mit aller Ausführlichkeit verzeichnet, den ich 
nicht für wahr gehalten hätte, wenn ihn mir nicht 
Franzi selbst erzählt haben würde. Einen aufrichti- 
geren Gewährsmann, wie ihn, hätte ich nicht finden 
können, und der Zustand, in dem er sich damals be- 
fand, konnte nicht Verstellung sein. Der Tatbestand 
war folgender : Als er sich eines Abends bei der Fürstin 
Therese Esterhdzy befand, die er seit einigen Jahren 
i) s. Bd. IL 94 u. 235. 

370 



leidenschaftlich liebte und die ihm seine Gefühle bis 
auf die Treue redlich zurückgab, bekam sie einen hef- 
tigen Nervenanfall. Er wollte um Beistand rufen, aber 
sie hielt ihn zurück, indem sie ausrief, sie würde augen- 
blicklich sterben, wenn jemand einträte. Sie schien in 
der Tat in den letzten Todeszuckungen zu liegen. 
Franzi, der sich nicht zu helfen wußte, dachte plötz- 
lich an den Magnetismus und machte dieselben Bewe- 
gungen nach, welche er den Arzt hatte machen sehen, 
der einige Male die Krankheit auf diese Weise geheilt 
hatte. Zuerst schrie sie auf und schien noch mehr zu 
leiden; er wollte schon den Glockenzug ergreifen, der 
neben ihrer Chaiselongue hing, als sie ihm die Hand 
nahm, diese auf die Höhlung ihres Magens legte und 
ihn jene wirksamen Bewegungen machen ließ, wie sie 
der Somnambulismus vorschrieb. Sofort schien sie sich 
zu beruhigen, ihre Augen schlössen sich und sie sagte 
ihm mit ganz natürlicher Stimme : „Es ist merkwürdig, 
ich sehe Ihr Blut durch Ihre Adern rinnen." In dieser 
Art ging es weiter, sie verfiel in magnetischen Schlaf, 
sie sprach über ihre eigene Krankheit, über die Heil- 
mittel derselben, sie erkannte ganz deutlich die Ur- 
sachen ihres Übels und beschrieb sie sehr genau. Ihre 
Gedanken wurden immer lichter, sie behauptete, ihren 
vor wenigen Monaten verstorbenen Bruder zu sehen, 
und der Ausdruck des Gesichtes bekundete den leb- 
haften Wunsch, den Toten wieder zu erblicken. Zu- 
erst unterschied sie ihn nicht recht, endlich aber rief 
sie aus: „Da ist er! Sehen sie ihn nicht?" Sie ergriff 
seine Hand, ihre Worte waren die eines körperlosen 
Wesens. Sie ließ sich über ganz metaphysische und rein 
religiöse Fragen aus und schien durch ein überirdisches 
Licht über alle Zweifel ihres Verstandes erleuchtet zu 



24* 



371 



sein. Endlich ließ diese Ekstase wieder nach und sie 
fing plötzlich das Gespräch bei dem Punkte an, wo 
es vor ihrem Nervenanfall stehen geblieben war. Wie 
groß war jedoch ihr Erstaunen, als sie Franzi mit 
stockendem Atem und wie in Bewunderung und 
Schauer versunken, vor ihr, gleichsam wie in Anbetung 
vor einem höheren Wesen, auf der Erde liegen sah. 
Sie frug ihn nach der Ursache seines sonderbaren Be- 
nehmens und erfuhr jetzt erst die Einzelheiten ihres 
magnetischen Schlafes. Er hatte von ^/gii Uhr abends 
bis 7 Uhr früh gedauert. Seit diesem Tage bediente sie 
sich in ihrer langen und gefährlichen Krankheit öfters 
der magnetischen Hilfe ihres Freundes. Der Arzt wurde 
in das Vertrauen gezogen und Therese diktierte ihm 
von einer Ecke des Zimmers, während er in der anderen 
stand, Rezepte und korrigierte ihn, ohne auch nur einen 
Blick auf das Papier zu werfen, seine orthographischen 
Fehler, da sie nur in französischer Sprache redete. 
Der Doktor empfahl dem jungen Magnetiseur, den 
Zustand der Transe nicht zu weit zu treiben und mit 
ihr nicht über Dinge zu sprechen, die sie allzusehr exal- 
tieren könnten, denn ein solcher Zustand, sagte er, 
könnte Gefahr bringen. Vielleicht ging diese Ermah- 
nung auch von ihr aus und der Aeskulap war nur der 
Vermittler ihres Wunsches. Mit einem Worte, Franzi 
stellte eines Tages, sei es aus Neugierde oder aus ver- 
zeihlicher Eifersucht, eine Frage, die sie zuerst nicht 
beantworten wollte. Als sie von ihm jedoch gezwungen 
worden war, sagte sie die Wahrheit, die jedenfalls in 
dem Geständnisse einer Untreue gegen ihren Ge- 
liebten bestand, konnte sich aber bei ihrem Erwachen 
an nichts mehr erinnern. Ein anderes Mal sprach er ihr 
von Moral und Religion und suchte durch seine Fragen 

372 



die Seele dieser Frau, welche er trotz ihrer Schwächen 
anbetete, zu sich hinaufzuziehen. Sie ging auf seine 
Fragen ein und geriet wieder in einen ähnlichen Zu- 
stand der Exaltation, wie damals, als sie ihren Bruder 
zu sehen geglaubt. Franzi fragte sie nun, warum sie, 
wenn ihr somnambuler Zustand gewichen, nicht diese 
reinen und erhabenen Grundsätze als Führer für ihr 
tägliches Leben beibehalten könne. „Es ist sonderbar," 
erwiderte Therese, „ich sehe in mir zwei ganz ver- 
schiedene Personen; die eine ist erleuchtet, aufgeklärt, 
die andere elend und dunkel; ich vermöchte mich nicht 
mit dieser so tief unter mir stehenden und im Strome 
der Leidenschaften untertauchenden Kreatur zu ver- 
ständigen." Nun beschwor sie der Geliebte, irgendein 
Mittel zu finden, um ihr irdisches Leben mit jenen 
Grundsätzen der Frömmigkeit und Vernunft zu ver- 
schönen, die sie in ihren Visionen entflammten. Sie 
sann lange nach und schien mit einer Person, die sie 
nicht verstehen wollte, zu sprechen, sie wiederholte 
immer die gleichen Worte mit dem flehenden Aus- 
drucke eines Wesens, das eine andere Person überzeugen 
will und schien endlich gesiegt zu haben. Ihre Züge 
erleuchtete ein Ausdruck reinsten Glückes und sie 
wiederholte jene erhabenen Worte, die sie so oft ge- 
sprochen. Als sie erwachte, redete sie noch in denselben 
Ausdrücken; da sie aber nicht deren Ursache ahnte, 
fragte sie ganz erstaunt: „Was bedeutet denn das?" 
— „O nichts," erwiderte Franzi, der sein Geheimnis 
nicht verraten wollte, „Sie sind eben noch nicht recht 
bei sich, die Letargie hat Sie noch nicht ganz verlassen 
und Sie vermögen noch nicht auszudrücken, was 
sie sagen wollen." Sie stellte keine weiteren Fragen, 
aber von diesem Tage an wurde sie sehr devot. Dies 

373. 



alles erfuhr ich an jenem Abende von Franzi und es 
war wirklich ganz außergewöhnlich, besonders, wenn 
man die Reputation der Fürstin Therese kannte, welche 
eine galante Dame war und in ihrer großen Unbestän- 
digkeit jeder ihrer Neigungen ohne Widerstand nach- 
gab. — Lange darnach erzählte mir ein anderer Ge- 
liebter der Fürstin, ein Engländer, daß er sie gefragt 
habe, wie sie es habe riskieren können, sich von Franzi 
magnetisieren zu lassen. Da habe sie ihm unter Lachen 
geantwortet: „O, ich wußte immer ganz gut, was 
ich sprach." Die Frage bleibt also offen, ob Therese 
ein Ungeheuer an Verschlagenheit und Spitzbüberei 
gewesen oder ob der Magnetismus keine Chimäre war. 
Ich verstehe nichts davon! 

Diese Frau, die von jeher den Becher des Vergnügens 
bis zur Neige verkostete, begegnete in Franzi dem größ- 
ten Schatze, den ihr das Leben bieten konnte. Sie 
nahm ihn in Besitz, obwohl sie auf die vergänglichen 
Freuden, die ihr zum Bedürfnis geworden, nicht ver- 
zichtete. Zu ihm nahm sie ihre Zuflucht, wenn sie von 
Gewissensbissen gepeinigt wurde; er war das Asyl, wo 
sie Reue und eines Tages die Kraft finden würde, den 
Lockungen des Lasters zu widerstehen. Die verführe- 
rische Fessel, welche ihr ganzes Glück auf dieser Welt 
ausmachte, war zugleich diejenige, welche sie mit der 
Ewigkeit verknüpfte. Ihr Geliebter war es, dem sie die 
Tugend und die himmlische Seligkeit einmal verdanken 
würde! 

Und er! Sein Schicksal lag ganz in den Händen der 
Frau, die ihn betrog, seine schöne Seele jedoch nicht 
beflecken konnte. Diese große Leidenschaft ließ ihn 
sein übriges Leben schal erscheinen, er fühlte sich in 
seiner Familie beobachtet und beengt. Ein einziges 

374 



Ziel schwebte ihm vor Augen, das ihm zur Vokation 
wurde, nämlich seine geliebte Therese zur Tugend zu 
bekehren. Die Mystik, womit sie ihn umgab, ent- 
flammte ihn immer mehr, obwohl ich nicht daran 
zweifeln konnte, daß sie mit seinem Vertrauen ein 
leichtfertiges Spiel trieb. Hätte Franzi Liechtenstein 
den erfolgreichen Liebhaber vor den Augen der Welt 
gespielt, man hätte ihn nicht kritisiert. Die böse Welt 
beschützt ja immer diejenigen, welche ihre Art an- 
nehmen; im übrigen konnte ja ein Gatte, wie der 
Fürst Esterhäzy, einem Liebhaber keinen Schrecken 
einjagen. Alles hätte nach den gesellschaftlichen Grund- 
sätzen gütlich geschieden werden können. Da aber 
Franzi von seinen Kreisen nicht verstanden werden 
konnte, da sein Vorgehen denen, welchen die Tugend 
eine Chimäre war, fanatisch und töricht erschien, ver- 
urteilte er sich selbst zur Lächerlichkeit und zum 
Mitleid. 



375 



VERZEICHNIS DER ILLUSTRATIONEN 

Im dritten Band: 

74. Gräfin Lulu Thürheim, 1822. Selbstporträt. Vor dem Titel. 

75. Das Rasumoffskysche Hetmanspalais in Baturin Vor S. 9 

76. Nächtliche Beschäftigung in meinem Schlafzim- 
mer in Baturin Vor S. 15 

77. Unser Salon in Petersburg (1820) Vor S. 29 

78. Die Hochzeit Galitzin-Wiajsemsky (1820) . . . Vor S. 33 

79. Die Schaukeln auf der Newa (1820) Vor S. 37 

80. Die „Berge" auf der Newa (1820) Vor S. 39 

81. Unser Pavillon in Zarskoje Sselo (1820) . . . Vor S. 47 

82. Doris Christophora Fürstin Lieven Vor S. 63 

83. Die selige Zenaide A. Fürstin Wolkonsky . . . Vor S. 79 

84. Antonio Canova Vor S. 95 

85. Kardinal Ercole Consalvi Vor S. loi 

86. F.M. Lt. Franz Frhr. V. Koller Vor S. 115 

87. Mein Schlafzimmer in der Casa Caramanica, 

Neapel Vor S. 119 

88. Nibbys Vorlesung auf dem Palatin (1822) . . . Vor S. 129 

89. Lord Karl Kinnaird of Hassap Vor S. 139 

90. Franz Liechtenstein vmd Mr. Gordon, von Flö- 
hen verfolgt Vor S. 145 

91. La casa Pelicana bei Castellamare Vor S. 149 

92. Giovanbattista Principe Caraccioli Vor S. 153 

93. Ferdinand IV. König beider Sizilien Vor S. 157 

94. Georg Fürst Butera di Radali Vor S. 163 

95. Peter D. Graf Buturlin Vor S. 165 

96. Elisabeth Herzogin v. Devonshire Vor S. 179 

97. Mein Atelier im Palais Sciarra in Rom (1824) Vor S. 183 

98. Unser Aufstieg nach Fiesole (1824) Vor S. 189 

99. Lord Ferdinand St. John Vor S. 193 



loo. La Pascolata in Recoaro (August 1824) .... Vor S. 195 

loi. Mein Zimmer in Florenz (1825) Vor S. 209 

102. Augnst Peter Graf de La Ferronnays .... Vor S. 251 

103. Alexander Fürst Ypsilanti auf dem Totenbette Vor S. 289 

104. Captain James Gordon Vor S. 299 

105. Graf Paul Esterhazy Vor S. 307 

106. Peter Baron Meyendorff Vor S. 309 

107. Moritz Graf Dietrichstein Vor S. 339 

108. L'Aiglon Vor S. 353 

109. Alexander Graf Ribeaupierre Vor S. 365 



377 



INHALTSVERZEICHNIS 

Vorwort des Herausgebers VII 

5. REISEN 

XXV. 1819/20. Die Reise nach Rußland (nach Briefen). 
Die schlechten mährischen Straßen. Bei Ferdinand Chotek. In 
Krzeszowice, alte Erinnerungen. Kiew und seine Katakomben. 
Bei Jablonowski. Die Seeschlacht im Teiche von Krzeszowice. 
Baturin und mein Zimmer. Fürst Kotschubey. Die Sehens- 
würdigkeiten von Baturin. Eine Fahrt durch die Ukraine. 
Bauerntanz. Meine Beschäftigung in Baturin. Die Messe in 
Krolewetz. Unsere Odyssee bis Moskau. Ein Hofball in Wien. 
Vom Brande Moskaus. Unsere Bekanntschaften dortselbst. Die 
mangelhafte Toilette der Lady Stuart. Unser Empfang in 
Petersburg und unsere Bekanntschaften. Unsere V/ohnung. 
Kaiser Alexander bei uns. Bälle. Eine Eroberung. Die „Berge" 
auf der Newa und der Karneval. Geschichte eines Hasen. 
Todesfälle. Die Unterhaltungen in Wien. Die Liebesgeschichte 
der MimI Gaisruck. Glücklicher Verlauf unserer geschäftlichen 
Angelegenheiten. Mein 32. Geburtstag. Stimmungsbild. Die 
beiden Schwestern Metternich. Brand des kaiserUchen Palastes 
in Zärskoje Selo. In Königgrätz. Finanzielle Situation meines 
Bruders. Mein Amt als Vizegattin Rasumoffskys. In Karlsbad. 
Die Ereignisse bis zum Herbst 1822 i 

XXVI. 1822. Die Reise nach Italien und der Kongreß zu 
Verona. Abreise. Aigen bei Salzburg. Statthalter Graf Chotek 
in Innsbruck. Die Tiroler und Andreas Hofer. Kaiser Alexander 
und Kaiser Franz. Das Kaiserschießen. Der Kongreß, Cape 
d'Istria. Leitende Persönlichkeiten. Die Fürstin Lieven. 
Unser Verkehr. Das Lied vom braven Manne. Warum Capo 
d'Istria nicht nach Verona kam. De La Ferronnays und Kaiser 
Alexander. Chateaubriand, Prinz Oskar von Schweden. Die 
Leutseligkeit Kaisers Alexander. Das Arenafest. Courmache- 
relen. De La Ferronnays und Lady Acton. Die extravagante 
Fürstin Wolkonski. Gräfin Marescalchi und ein heiteres Ballett. 
Griechen in Ancona. Die Feigheit der neapolitanischen Sol- 
daten. Die Königin von England und Bergami 54 

378 



XXVII. i822. Rom. Unser Quartier. Die Ateliers der 
modernen Maler. Die Peterskirche und die Engländer. Der Ma- 
ler Camuccini. Thorwaldsen. Der Herzog von Torlonia und 
sein Palais. Canovas Statuen. Der Maler Guerin. Audienz 
beim Papst. Kardinal Consalvi. Das mangelhafte Spitalswesen 
in Rom. Die schrecklichen Opern der Fürstin Wolkonski. Die 
Familien Esterhäzy-Roisin und Apponyi. Unsere englischen 
Bekannten in Rom. Zwei französische Politiker. Abreise nach 
Neapel. Die Briganten und ihr Unwesen 85 

XXVIII. 1823. Neapel und die Osterwoche in Rom. An- 
kunft, neue und alte Bekanntschaften. Die Actons. Das 
Theater von San Carlo. General Baron Koller und die Neapoli- 
tanerin. Meine Beschäftigung. Milady Acton. Der Kronprinz 
von Neapel. Die einfältige Gesellschaft. Karneval in Neapel. 
Unsere Abreise nach Rom. Guter Rat an den Papst. Unser Aben- 
teuer mit Graf St. Criq. Entdeckung von Statuen durch zwei 
Deutsche. Unsere archäologischen Lehrstunden bei Nibby. Ein 
schöner Abend in Tivoli. Charakter des italienischen Volkes. 
In Bracciano beim Herzog von Torlonia. Unsere Kontroverse 
über den Adel. Wallmoden in Rom. Ausflüge nach Ostia, Fras- 
cati und Albano. Die merkwürdige Kindererziehung des 
Grafen Esterhazy. Die Schlüssellochaussicht in der Malteser- 
priorei. Neue englische Bekanntschaften. Lord Kinnaird . . 113 

XXIX. 1823. Unser zweiter Aufenthalt in Neapel. Dolce 
far niente in Neapel. Ein Festtag am Strande. Das Kamaldu- 
lenserkloster. Besichtigung eines englischen Schiffes. Krank- 
heit Konstantinens. Meine Schwester Josefine Hofdame. 
Leben und Verkehr in Castellamare. Aufführung von Komö- 
dien. Charakteristik der Familie Esterhazy-Roisin. Der König 
in Neapel. Feier meines Namenstages. Wir sehen den König. 
Franz Liechtenstein. Elegie auf Pompei. Rasumoffsky und der 
König, dessen Verhältnis mit der Königin. Ausflug nach Ischia. 
Paul Esterhäzys Huldigung. Unser Besuch beim König in Ca- 
serta. Die Herzogin von Floridia, Butera. Der König unser 
Führer, seine Seidenfabrik. Geschichte des Fürsten Butera. 
Butera liebt mich, verfehlte Rendez-vous. Paul Esterhäzys 
Abschied von mir. (Beilage: Stammtafel Acton) 140 

XXX. 1823/24. Die Engländer in Rom. Der Papst. Chri- 
stiane Lichnowsky. Konstantine und Mr. Gordon. Sie adoptiert 
Georgine Acton. Graf Buturlin, Wallmoden. Theater zu Ehren 
der Gräfin Apponyi. Geschichte des Grafen Kossakowski, die 
englische Gesellschaft, ihre Theaterwut. Die Vorstellungen 
der Lady Normanby. Der Tod des Kardinals Consalvi. Papst 
Leo XII. Der Karneval in Rom. Der Tod des Grafen Peter 

379 



Rasumoffsky und seine Schwägerin. Tod der Gräfin Chotek. 
Die junge Miß Bathurst ertrinkt im Tiber. Tod der Königin 
von Etrurien und der Herzogin von Devonshire. Charakteristik 
der letzteren. Abreise der Engländer. Die h. Woche in Rom. 
Moderne Künstler. Die Herzogin von Lieven und Lord 
Kinnaird. Graf Kossakowskis Liebe zu mir. Unsere Abreise 
nach Florenz. Mein Glaubensbekenntnis über die Ehe. . . 164 

XXXL 1824/25. Die Erlebnisse bis zur Ankunft in Paris. 
St. John und Bombelles. Die arme Judit Marcotin. Das 
Porträt der Mme. Lebrun-Vigee. Ausflug nach Fiesole. Die 
Buturlin. Die Liebesaffäre der Komtesse Marie Woronzoff mit 
Ribeaupierre. Tod der Judit Marcotin. Die Leichenfeier beim 
Tode des Großherzogs von Toskana. Unser Ausflug nach Val- 
lombroso und St. John. Georgine Acton eingetroffen. Über 
Mailand nach dem Bade Recoaro. Mein Ausflug nach Venedig 
und Admiral Paulucci. Erkrankung der beiden Rasumoffsky. 
Lady Stanley. Konstantine wird bei Graf Milerio wieder krank, 
Rückkehr nach Mailand. Die Familie Lords Bolingbroke. Die 
Vizekönigin der Lombardei und ihr Hof. Abreise nach Florenz. 
Tod des Lords BoUngbroke. Lord St. John und ich. Die Gesell- 
schaft in Florenz. Gräfin Leon Rasumoffsky. Die tragische Ge- 
schichte der Lady Bolingbroke. Frühling in Florenz. Der 
Marchese Lucchesini. Abreise nach Florenz, von dort nach 
Genf. Capo d' Istria und seine Freunde, Coppey und Ferney. 
Rousseaus Andenken. Balzac und seine Romane. Der Uhren- 
verkäufer Boths und sein Schmuggel nach Frankreich. Hymne 
auf Capo d'Istria. Abreise nach Frankreich 187 

XXXn. 1825/26. Der Aufenthalt in Paris und England. Ein- 
zug Karls X. Ein Diner bei Rothschild. Verabredete Landpartie 
nach Montmorency. Besuch bei englischen Lords. Bruchstücke 
aus dem Pariser Journal über Maria Stuart. Ihre Porträts . 226 

XXXHL 1826. Rückkehr nach Österreich. Vergleich zwi- 
schen Frankreich und Deutschland. Rasumoffsky und Straß- 
burg. Die Rheinufer. Unser Wagenunfall auf der Straße nach 
Koblenz. Eine Erinnerung in Heidelberg. Münchens Architek- 
tur und sein König Ludwig L Leopold Zandt als unser P"ührer . 233 

6. PRÜFUNGEN 

XXXIV. 1826/27. ^^^ Vaterland und seine Sorgen. In 
Baden, Wien und Schwertberg. Das eheliche Verhältnis meines 
Bruders, seine pekuniäre Lage. Bei Starhemberg in Eferding. 
Augenerkrankung Rasumoffskys. Die finanziellen Kalamitäten 
bei Graf Goeß und Rasumoffsky. Josefine gesteht ihre Liebe 
zu Graf Contarini, ihre Projekte. Abreise nach Karlsbad. . 240 

380 



XXXV. 1827- Graf August de La Ferronnays. Mein Wieder- 
sehen mit dem Grafen. Die mißliche Situation Rasumoffskys. 
De La Ferronnays wendet sich Nany Esterhäzy zu, seine Ab- 
reise. Seine Freundschaft mit Kaiser Nikolaus gelegentlich dessen 
Thronbesteigung. Großfürst Konstantin und der Kaiser. Feig- 
heit des Großfürsten. Ferronnays Anekdoten über König Gustav 
IV. von Schweden. Ferronnays vertritt die Stelle eines Ehegatten 
mit dessen Einwilligung, späteres Wiedersehen mit der diesem 
Verhältnisse entsprungenen Tochter. Ferronnays Glück bei 
Frauen und sein Verhältnis mit Lady Acton 249 

XXXVL 1827/28. Tpsilanti, seine Gefangenschaft und sein 
Tod. Besuch bei Ypsilanti in Theresienstadt. Rückkehr nach 
Teplitz und unsere Bemühungen, Ypsilanti zu befreien. Nach- 
richt, daß Kaiser Nikolaus Ypsilanti die Freiheit schenke. Wie 
die Brüder Ypsilanti diese Nachricht aufnahmen. Charakter 
Alexanders Ypsilanti. Sein Besuch bei uns in TepUtz, Ver- 
längerung seines Urlaubes. Konstantine und Ypsilanti. Unsere 
Abreise nach Wien. Therese Chotek und Ypsilanti, eine phanta- 
stische Liaison Theresens. Ypsilanti krank in Wien. Unsere Be- 
kehrungsversuche. Seine letzte Krankheit und sein Tod. Sein 
Leichenbegängnis 270 

XXXVIL 1828 — 30. Die erste Geistesstörung der Fürstin 
Rasumoffsky. Kontroverse zwischen Konstantine und mir 
wegen Ypsilanti. Seine Briefe an meine Schwester. Rasumoffsky 
beschließt, Katholik zu werden. Konstantine übersieht die 
finanzielle Lage ihres Gatten, Rasumoffsky zeigt seki Testament. 
Konstantine und Gordon, sie und Ypsilanti. Charakteristik 
Ypsilantis, ich schreibe eine Verteidigungsschrift über ihn. 
Konstantine verliert den Verstand und wird in die Anstalt Dr. 
Görgens gebracht. Ihre Abreise zu Choteks nach Neuhof. Ihr 
Aufenthalt in Wien und ihr nunmehriger Charakter. Mein 
Leben während dieser Leidenszeit. Die Esterhäzy- Roisin. Die 
beiden Diplomaten Viel-Castel und Meyendorff. Das neue 
griechische Geld. Lord St. John bei mir, sein Leichtsinn, er 
bittet mich um Geld. Unser täghches Leben in Hietzing. Kon- 
stine genesen, ihr ungerechtes Benehmen gegen mich. In 
Schwertberg, die Ehe meines Bruders. Erinnerungen, die sich 
mir an das Schloßtheater in Schwertberg knüpfen 290 

XXXVIII. 1830, Der Salon Metternich. Franzosen in der 
Wiener Gesellschaft. Napoleon I. Bei der Herzogin von Sagan 
mit Metternich. Metternich und sein Auditorium, sein Charak- 
ter. Eine heitere Episode mit dem Polizeiminister Sedlnitzky. 
Meine Begegnung mit dem französischen Dichter Riaux. Der 
Prozeß Polignac. Charakteristik einiger Franzosen in den 

381 



Wiener Salons. Marschall Marmont und seine Erzählungen 
über Napoleon I. Das „Memorial du prisonnier de St. Helene". 
Die Hochzeit Stefans Kärolyi 321 

XXXIX. 1830/31. Der Herzog von Reichstadt. Meine Be- 
gegnungen mit ihm. Der Herzog und Marmont. Der Toast 
auf Napoleon H. Langes Gespräch mit dem Herzog. Seine An- 
sichten über seine Stellung zu Frankreich. Seine Liebe zu 
seiner Mutter. Eine Anekdote über Napoleon L Des Herzogs 
Urteil über Marmont. Er schenkt Marmont sein Porträt. Die 
Audienz Marmonts. Des Herzogs Ansicht über die polnische 
Revolution. Meine Gedanken bei der Lektüre der „Commen- 
taires de Cesar". Der Herzog und Nandine Karolyi. Er nennt 
mich seinen „Freund" 336 

XL. 1831. Zerwürfnis mit Konstantine. Ribeaupierre. Hans 
Weißenzvolff. Eine Auseinandersetzung mit meiner Schwester, 
ich beschließe, ihr Haus zu verlassen. Versöhnung. Wieder- 
sehen mit Ribeaupierre. Hans Weißenwolff und seine Ehe. Jose- 
finens Sorgen, die Falschheit des Vizekönigs der Lombardei . 361 

XLL 1827. Franzi Liechtenstein. Seine Freundschaft zu 
uns. Magnetische Kurversuche an seiner Geliebten Fürstin 
Therese Esterhazy. Sein Verhältnis zu ihr 370 

Verzeichnis der Illustrationen 376 



382 



Gedruckt für Georg Müller Verlag in München In Old Face- 
Schriften von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. Buch- 
ausstattung von Paul Renner. Gebunden von der Leipziger Buch- 
binderei A.-G. vorm. G. Fritzsche in Leipzig. Einhundertfünfzig 
Exemplare wurden auf holländisches Bütten abgezogen und in 
Ganzleder gebunden. 



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